Augsburg:
Die Erschießung von Thomas Weisbecker am 2.3.1972

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 8.7.2012

Von Thomas Weisbecker ist in dieser lückenhaften Darstellung bisher nur wenig zu erfahren, er wird festgenommen, wogegen es in Hamburg Protest gibt (vgl. 16.7.1971), und ermöglicht dann später offenbar Georg von Rauch die Flucht (vgl. 4.12.1971).

Die Vorgänge bei Weisbeckers Erschießung in Augsburg blieben umstritten, während die Justiz von Notwehr ausgeht (vgl. 6.9.1972), bezeichnet die radikale Linke den Vorfall als Mord und protestiert, wobei die MLer, wie etwa in Kiel, den Vorfall auch zum Anlass nehmen, um Kritik an der Roten Armee Fraktion (RAF) zu üben, obwohl Weisbecker mutmaßlich weit eher den Vorläufern der Bewegung Zweiter Juni zuzurechnen war.

Auszug aus der Datenbank „Materialien zur Analyse von Opposition“ (MAO)

16.07.1971:
Laut Proletarische Front – Gruppe Hamburg (PFGH – vgl. 26.7.1971) versammeln sich heute 200 Menschen in der Universität und planen gegen die Erschießung von Petra Schelm am Vortag (vgl. 15.7.1971, 20.7.1971) zu demonstrieren, was aber durch die anwesende Polizei verhindert wird. Daraufhin sei in der Wiso ein improvisiertes Teach-In zu Petra Schelm, Georg von Rauch und Thomas Weisbecker durchgeführt worden.
Quelle: PF-GH: Der Kampf geht weiter!, Hamburg o. J. (1971)

04.12.1971:
In Berlin wird Georg von Rauch von Staatskräften erschossen (vgl. 19.3.1972). In der 'BZ' des Axel-Springer-Verlags heißt es von Wolfgang Schöne, H.-J. Nicolai, Peter Finken, Peter Auer: "
DAS WAR GEORG V. RAUCH

Georg von Rauch war am 6. Februar 1970 nach einem Überfall auf einen Quick-Journalisten zusammen mit zwei Komplicen festgenommen, nach kurzer Haft jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Weil er seinen gerichtlichen Auflagen nicht nachkam, wurde er im Oktober 1970 erneut verhaftet.

Während des Prozesses gegen ihn wegen versuchten Raubes, Freiheitsberaubung und versuchter Nötigung am 8. Juli dieses Jahres gelang es ihm, durch einen Trick zu entkommen. An Stelle seines auf Gerichtsbeschluß zu entlassenen Mitangeklagten Thomas Weisbecker hatte sich von Rauch aus dem Gerichtssaal entfernt. Als die Verwechslung bemerkt wurde, war er verschwunden."
Q: BZ Nr. 283, Berlin 6.12.1971, S. 4

02.03.1972:
In Augsburg wird Thomas Weisbecker, mutmaßliches Mitglied der Bewegung Zweiter Juni, heute, laut KPD/ML-ZB, "auf offener Straße von Polizisten erschossen" (vgl. 3.3.1972) bzw. "von einem Beamten des Landeskriminalamtes (LKA, d.Vf.) Bayern kaltblütig und gezielt erschossen".

Manfred Funke (vgl. Nov. 1977) berichtet vom linken Terrorismus in der 'BRD' (vgl. Ludwigshafen 21.2.1972, Hamburg 2.3.1972) aus Augsburg: "
Thomas WEISBECKER bei Polizeiaktion getötet, seine Begleiterin Carmen ROLL wird festgenommen."

Berichtet wird auch durch die KPD (vgl. 10.3.1972, 14.6.1972), die KPD/ML-ZK (vgl. 27.3.1972, 19.5.1973) und in:
- Bayern in München durch KHB/ML und RSF (vgl. März 1972);
- Berlin durch den 'Klassenkampf' bei SEL (vgl. März 1972), eine Aktionseinheit (vgl. 1.7.1972) und durch die KPD/ML-ZB (vgl. 28.6.1972);
- Bremen durch den Kommunistischen Bund Bremen (KBB – vgl. 1.3.1972);
- Niedersachsen durch den Sozialistischen Bund Braunschweig (vgl. Juni 1972) und die Kommunistische Schülerfront (KSF) Göttingen (vgl. 28.4.1972);
- NRW in Dortmund durch die Rote Hilfe (RH) der KPD/ML (vgl. 16.11.1973) und im IGM-Bereich bei der Hoesch Westfalenhütte durch die KPD (vgl. 8.3.1972) sowie in Herne durch die ASS (vgl. Mai 1972, Nov. 1972).
- Schleswig-Holstein in Eutin durch den KB (vgl. 3.4.1972).
Q: Metallkampf Nr. 8, Eutin Apr. 1972, S. 13ff; Funke, Manfred: Terrorismus, Bonn 1977, S. 335;Kommunistische Arbeiterpresse Hoesch Westfalenhütte Nr. 11, Dortmund 8.3.1972, S. 4;KPD/ML-ZB, KJVD, OGML, PEF, KSG, SGdKB, SGK: Aufruf zur Demonstration Kampf dem Bonner Notstandskurs, Berlin o.J. (Juni 1972), S. 1;KPD/ML-ZB: Extrablatt der Kommunistischen Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten, Berlin 28.6.1972, S. 1;RH Dortmund: Aufruf der Roten Hilfe Dortmund an alle Freunde, Kollegen und Genossen in Westdeutschland: Verteidigt die revolutionäre Organisations- und Meinungsfreiheit, Dortmund 16.11.1973, S. 1;Kommunistischer Nachrichtendienst Nr. 22, Bochum 16.3.1972;Rote Fahne Nr. 6, Bochum 20.3.1972, S. 2;Rote Fahne Nr. 38 und 47, Dortmund 10.3.1972 bzw. 14.6.1972, S. 1 bzw. S.1;Rote Hilfe Nachrichten & Mitteilungen Nr. 4, Berlin 13.3.1972, S. 1ff;Roter Morgen Nr. 19, Dortmund 19.5.1973, S. *;Rote Universitätszeitung Nr. 1, Braunschweig Juni 1972, S. 1ff;Klassenkampf - Ausgabe SEL Nr. 23, Berlin März 1972, S. 5;Kommunistische Schüler- und Studentenzeitung Nr. 4, München März 1972, S. 14f;Schulkampf Nr. 2, Göttingen 1.5.<1972>, S. 7;Wahrheit Nr. 2, Bremen März 1972, S. 3;Herner Schülerpresse, Herne Mai 1972 bzw. Nov. 1972, S. 7 und 9 bzw. S.8

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02.03.1972:
Manfred Funke (vgl. Nov. 1977) berichtet vom linken Terrorismus in der 'BRD' (vgl. Augsburg 2.3.1972, Berlin 24.3.1972) aus Hamburg: "
Manfred GRASHOF und Wolfgang GRUNDMANN nach Schußwechsel mit Polizei festgenommen; Kriminalhauptkommissar Eckhardt erliegt am 22.3.1972 den Schußverletzungen."

Die KPD (vgl. 10.3.1972) berichtet von der RAF-Jagd: "
ZU DEN NEUEN POLIZEIAKTIONEN:

Das Innenministerium ist offensichtlich der Auffassung, noch einige spektakuläre Aktionen durchführen zu müssen, ehe die Bevölkerung der BRD ihre Zentralisierungs- und Militarisierungspläne schluckt. Die Erschießung Thomas Weisbeckers in Augsburg (vgl. 2.3.1972, d.Vf.) und die Durchsuchungsaktion in Hamburg einen Tag später, weisen Züge einer sorgfältigen Inszenierung auf.

GENSCHERS GUN-MEN IN AKTION

Wie bei der Ermordung Georg von Rauchs (vgl. Berlin - 4.12.1971, d.Vf.) wird von der Polizei behauptet, ihr Beamter habe erst geschossen, als Thomas Weisbecker die Pistole auf ihn gerichtet hatte. Wäre es der Polizei wirklich darauf angekommen, eine Verhaftung vorzunehmen, es hätten sich hundert Mittel gefunden, Thomas W. ohne Anwendung der Waffe zu überwältigen. Was aber geschah? Man holte sich einen Gun-man, einen Spezialisten im Schnellschießen, und gab ein Opfer zum Abknallen preis.

DAS MOTIV FÜR DIESES VORGEHEN IST EINDEUTIG: DER ÖFFENTLICHKEIT SOLL UNTER BEWEIS GESTELLT WERDEN, DASS DIE INVESTITIONEN UND TRAININGSPROGRAMME DER REGIERUNG IHRE FRÜCHTE TRAGEN.

120 000 Polizisten atmen auf - so kommentieren die Tintenkulis des Springerkonzerns die Nachricht von der Verletzung M. Grashofs. Damit haben sie die politische Funktion der Jagd auf das Phantom Baader Meinhof noch einmal kurz und prägnant umschrieben. Die Ängste der Menschen, die das imperialistische System täglich neu erzeugt, werden genutzt, um die Polizeiapparate für ihre zukünftige Hauptaufgabe, den Kampf gegen die revolutionäre Arbeiterklasse vorzubereiten. Wer kann heute noch den polizeilich mitgeteilten Details Glauben schenken, was die Verletzung des Staatsschutzbeamten in Hamburg, was die Art der verwandten Geschosse anbelangt? Seit den Verdunklungsaktionen nach der Ermordung Georg von Rauchs haben wir von nachträglichen Sachverhaltskonstruktionen im texanischen Stil auszugehen. Die SPD/FDP-Regierung setzt skrupellos das Leben von Menschen einschließlich ihrer eigenen Polizeibeamten aufs Spiel, um die Perfektionierung ihrer Unterdrückungsapparate durchzusetzen. Denn künftig werden selbst Menschen, die in keinem noch so weiten Kontakt mit Ulrike Meinhof oder Andreas Baader stehen oder standen mit dem Gebrauch der Schußwaffe gegen sich rechnen müssen.

Die Dramaturgie des Innenministeriums verlangt auf der einen Seite den Gun-man, auf der anderen Seite den schießwütigen Verbrecher. Die spezial-ausgebildeten Beamten der Sicherungsgruppe und der Landeskriminalämter (LKA, d.Vf.) sind 'trigger happy', wie es im US-Jargon heißt - abzugsgeil.

Es kommt darauf an, jeder Offensive des Staatsapparates mit einem gemeinsamen Protest aller zu begegnen, die in den Aktionen der Konterrevolution die Stoßrichtung erkennen: Angriff auf die Arbeiterklasse. Die Revisionisten der DKP/SEW haben sich selbst außerhalb dieses Protestes gestellt. Denn sie verbinden die Beschimpfung der Opfer mit der Propagierung aller schädlichen Illusionen über die Natur des kapitalistischen Staatsapparates. Üben wir Solidarität mit allen, die als Gegner des kapitalistischen Staatsapparates ihr Leben und ihre Freiheit verlieren!

Kämpfen wir aber entschlossen gegen die Überreste des Intellektuellen-Anarchismus und Putschismus, der den Interessen des Staatsapparates dient!"

Berichtet wird auch durch die ASS Herne (vgl. Mai 1972) sowie durch den KB / Gruppe Eutin (vgl. 3.4.1972).
Q: Funke, Manfred: Terrorismus, Bonn 1977, S. 335; Rote Fahne Nr. 38, Dortmund 10.3.1972, S. 1;Herner Schülerpresse, Herne Mai 1972, S. 7;Metallkampf Nr. 8, Eutin Apr. 1972, S. 13f

03.03.1972:
Laut KPD/ML-ZB führt ihre Ortsgruppe Augsburg "ein Gespräch mit den Anwälten und den Eltern" des am 2. März von der Polizei erschossenen Thomas Weisbecker (RAF-Mitglied) durch: "
Unter Initiative der KPD/ML kam ein Aktionsbündnis mit der Gruppe Roter Morgen (KPD/ML-ZK, d.Vf.) und verschiedenen sozialistischen und demokratischen Organisationen zustande, die gemeinsam die Demonstration (vgl. 7.3.1972, d.Vf.) veranstalteten. Auch Vertreter der DKP und der SDAJ waren eingeladen worden. Sie erschienen nur auf der letzten Besprechung und verschwanden nach kurzer Zeit wieder."

An anderer Stelle berichtet die KPD/ML-ZB, es findet "eine Besprechung zwischen Genossen der Roten Hilfe (RH, d.Vf.), die aus Berlin und München angereist waren, mit den Anwälten der Eltern von Weisbecker und einem Vertreter der Partei statt. Die KPD/ML wurde gebeten, die Organisierung von Aktionen gegen die Faschisierung des Bonner Staates und gegen die Militarisierung der Polizei, gezeigt am Fall Weisbecker, in die Hand zunehmen"
Die KPD/ML-ZB richtet ein Bündnisangebot an die KPD/ML-ZK, die Augsburger Junge Presse (AJP), die Jungsozialisten (Jusos der SPD), an den AStA der PH und an verschiedene Gewerkschaftsgruppen. Vertreten ist auch eine 'linkssektiererische Studentengruppe' aus München, bei der es sich höchstwahrscheinlich um die AK-Fraktion der Roten Zellen handelt.
Q: Kommunistischer Nachrichtendienst Nr. 22, Bochum 16.3.1972; Rote Fahne Nr. 6, Bochum 20.3.1972, S. 2

03.03.1972:
An der Berliner Demonstration gegen die Erschießung von Thomas Weisbecker in Augsburg (vgl. 2.3.1972) bzw. den staatlichen Terror beteiligen sich, laut KPD/ML-ZK, 5 000. Laut KPD/ML-ZB rief neben ihr selbst auch die Rote Hilfe (RH) Westberlin auf. Diese meldet 5 000 Teilnehmer.
Q: Roter Morgen Nr. 7, Hamburg 27.3.1972; Kommunistischer Nachrichtendienst Nr. 20, Bochum 11.3.1972;Rote Hilfe Nr. 2, München März 1972, S. 2

06.03.1972:
Die Rote Hilfe (RH) München gibt vermutlich Anfang dieser Woche die Nr. 2 ihrer 'Rote Hilfe' (vgl. Juli 1972) heraus unter der Schlagzeile "Mord an Thomas Weißbecker" in Augsburg (vgl. 2.3.1972). Dazu erscheint auch eine "Erklärung der Roten Hilfe". Dazu und zur Erschießung von Georg von Rauch (vgl. 4.12.1971) erscheint der Artikel "Die Methode des legalen Mordes" und in "Unser Facit" wird von einem Plan zur Ermordung der beiden ausgegangen. Aufgerufen wird zur Demonstration am 8.3.1972 in München und berichtet von der in Berlin am 3.3.1972. Bekundet wird: "Wir werden Tommy nicht vergessen!".
Q: Rote Hilfe Nr. 2, München März 1972

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07.03.1972:
Laut KPD/ML-ZB findet in Augsburg eine Demonstration "gegen Polizeiterror" statt. Anlaß war der "Polizeimord an dem Anarchisten Thomas Weisbecker" (vgl. 2.3.1972, 3.3.1972). An der Demonstration nahmen auch die KPD/ML-ZK bzw., laut KPD/ML-ZB, die "Gruppe Roter Morgen und andere sozialistische und demokratische Organisationen" teil: "
Ca. 400 Arbeiter, Werktätige, Studenten und Schüler demonstrieren unter den Parolen: Keine Solidarität mit Baader-Meinhof - Aber gegen Militarisierung der Polizei, Werkschutz, Grenzschutz, Bundeswehr! Bundeswehr ist kapitalistisches Bürgerkriegsheer! Weg mit dem KPD-Verbot!. Die KPD/ML organisierte von Anfang an diese Demonstration. … So begleitete die Demonstration ein Großaufgebot an Polizei, Spitzeln, politischen Greifern. Sie hatten die Anweisung, bei Notwehr sofort zu schießen. … Eine Gruppe von 30 jungen Faschisten unter dem Namen 'Junge Rechte Sozialisten' versuchte den Demonstrationszug zu provozieren. … Die Demonstranten ließen sich nicht provozieren. Auf der abschließenden Kundgebung sprach vor rund 600 Menschen ein Vertreter der KPD/ML."

An anderer Stelle berichtet die KPD/ML-ZB, in der Innenstadt von Augsburg sammeln sich ca. 400 Menschen, "darunter etwa 100 Genossen aus München von verschiedenen Organisationen", u.a. dem AStA der LMU.
"Die Demonstranten waren Arbeiter, Werktätige und Studenten der KPD/ML und des Roten Morgen, hauptsächlich aber anpolitisierte Schüler und Lehrlinge, die von der AjP (Augsburger Junge Presse, d.Vf.) mobilisiert worden waren." Während der Demonstration kommt es zu einigen Rangeleien mit der DU (Demokratische Union) und der DKP. Die KPD/ML-ZB verteilt während der Demonstration ein Extrablatt des 'Roten MAN-Arbeiter'. Der Rede eines Vertreters der KPD/ML-ZB auf der Kundgebung hören ca. 600 Menschen zu. Erwähnt werden in diesem Zusammenhang auch der DGB KV und der BSE OV.

Laut und unterstützt von den ABG München demonstrieren über 1 000 gegen die Ermordung von Thomas Weisbecker und den zunehmenden Polizeiterror. Die der RSF der ABG nahestehende Aktionseinheit antiimperialistischer Schüler München meldet dagegen nur ca. 500 Demonstranten.

Laut KPD/ML-ZK beteiligen sich mehrere hundert Personen an der Demonstration gegen den staatlichen Terror.

In Augsburg wurde, laut KPD, vermutlich zur heutigen Demonstration ein Flugblatt anläßlich der Erschiessung Thomas Weisbeckers an den Schulen verteilt, für das Markus Hughiur verantwortlich zeichnet. Dafür bekommt er später einen Prozeß (vgl. 20.12.1972).
Q: Roter Morgen Nr. 7, Hamburg 27.3.1972; Roter Aufmucker Nr. 12, München März 1972;Münchner Schüler Zeitung Nr. 8, München März 1972;Rote Fahne Nr. 6, Bochum 20.3.1972, S. 2;Rote Fahne Nr. 74/75, Dortmund 20.12.1972;Kommunistischer Nachrichtendienst Nr. 22, Bochum 16.3.1972

08.03.1972:
In München findet heute eine Demonstration gegen die 'Ermordung' von Thomas Weisbecker statt. Die ABG berichten davon so: "
Lediglich ein trauriges Häuflein …, angeführt von der Gruppe 'Roter Morgen' irrte am 8.3. durch die Straßen." Die KPD/ML-ZK habe nämlich die Losung "Nie wieder Faschismus" als bündnissprengend erklärt und die ABG ausgeschlossen, woraufhin diese gestern in Augsburg demonstrierten. Laut KPD/ML-ZK demonstrieren mehrere hundert Personen gegen den staatlichen Terror.
Q: Roter Morgen Nr. 7, Hamburg 27.3.1972, S. 2; Roter Aufmucker Nr. 12, München März 1972;Rote Hilfe Nr. 2, München März 1972, S. 1

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08.03.1972:
In Kiel-Gaarden findet anläßlich der Terroristen-Fahndung eine Demonstration mit Kundgebung auf dem Vinetaplatz gegen den Polizeiterror und die Erschießung von Thomas Weisbecker statt, an der sich auch die RG Kiel/ML beteiligt. Aufgerufen wird u.a. mit einem Flugblatt vor HDW, weswegen es später zum Prozeß kommt (vgl. 31.3.1973).
Q: Roter Morgen Nr. 12, Hamburg 31.3.1973; RGK/ML: Zentrale Kommunistische Blätter Nr. 2, Kiel 17.4.1972, S. 14ff

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09.03.1972:
Die ASS Herne (vgl. Mai 1972) berichtet, dass heute mehrere Anwälte die Erschießung Thomas Weisbeckers (vgl. 2.3.1972) als Exekution bezeichnen.
Q: Herner Schülerpresse, Herne Mai 1972, S. 9

13.03.1972:
Die Berliner Betriebsgruppe NCR der KPD/ML-ZB wendet sich in der Nr. 8 ihres 'NCR Arbeiters' (vgl. 3.3.1972, 20.3.1972) u.a. an die Teilnehmer der Demonstration gegen die Ermordung Thomas Weisbeckers am 3.3.1972. Die Aufzählung staatlicher Unterdrückungsmaßnahmen endet mit den Parolen: "Nicht das Einzelkämpfertum führt zum Sieg! Die wahren Helden sind die Massen! Nieder mit dem Kapitalismus! Für ein sozialistisches Westberlin!".
Q: Der NCR Arbeiter Nr. 8, Berlin 13.3.1972, S. 7f

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05.06.1972:
Die KPD (vgl. 14.6.1972) berichtet vermutlich aus dieser Woche: "
DER STAAT ZAHLT DIE BEERDIGUNG

Daß die Schußwaffe von der Polizei bei der Verfolgung von Straftätern nur im Notfall eingesetzt werden soll, zählt zu den Grundsätzen der Strafverfolgung in bürgerlichen Demokratien. Damit im Zusammenhang steht das Prinzip, daß das Ziel der Verfolgung immer nur die Ergreifung, nicht aber die Erschießung des Verfolgten sein soll; und weiterhin, daß Unbeteiligte nicht zu Schaden kommen sollen.

Die SPD/FDP-Regierung von Niedersachsen hat nun einen Gesetzentwurf vorgelegt, der diese Grundsätze über Bord wirft: die Polizisten in Niedersachsen sollen künftig in 'Extremsituationen' auch dann ohne vorherige Warnung schießen können, wenn dabei Geiseln, Passanten oder andere Unbeteiligte gefährdet sind. Für spätere Schadensforderungen will die Landesregierung aufkommen.

Damit wird zum Gesetz erhoben, was bereits bei dem Feuergefecht mit dem Münchner Bankräuber Rammelmayr (vgl. 4.8.1971, d.Vf.) praktiziert und vom bayrischen Innenministerium und Polizei für rechtens erklärt wurde. In München war die Bankangestellte Ingrid Reppel unter den Kugeln der Polizei tot zusammengebrochen, weil ihr Leben für weniger wichtig gehalten wurde als die erfolgreiche Inszenierung der fernsehübertragenen Erschießung von Rammelmayr.

Gesetzmäßig wird jetzt in Hannover, was zu rechtfertigen Staat und Polizei in den Fällen von Georg von Rauch (vgl. Berlin - 4.12.1971, d.Vf.) und Thomas Weisbecker (vgl. Augsburg - 2.3.1972, d.Vf.) nicht gelang: nach der Erschießung festzustellen, daß das Opfer noch nicht einmal eine Waffe mit sich führt.

Von solchen Erklärungsschwierigkeiten sollen Innenministerien und Polizeibehörden in Zukunft verschont werden. Eine Bestimmung des Bereichs der 'Extremsituation' existiert nicht, ihrer Auslegung sind keinerlei Grenzen gesetzt.

Was in Niedersachsen verabschiedet wird, wird seine bundesweite Ausdehnung in allernächster Zukunft erfahren. Die Befugnisse der Polizei zum manövermäßigen Auftreten werden von der Monopolbourgeoisie Schritt für Schritt ausgeweitet. Der Zweck solcher Aktionen ist eindeutig: Gewöhnung der Massen an den Polizeiterror, Einschüchterung jedes Einzelnen. Mit dem Gesetz von Hannover hat die Polizei den Freibrief auf Mord."
Q: Rote Fahne Nr. 47, Dortmund 14.6.1972, S. 1

06.09.1972:
Die Rote Hilfe Westberlin gibt ihre 'Rote Hilfe Nachrichten & Mitteilungen' Nr. 13 (vgl. 7.8.1972, Okt. 1972) heraus. Aus München bzw. Augsburg wird berichtet über die Einstellung des Ermittlungsverfahrens zum Tod von Thomas Weisbecker.
Q: Rote Hilfe Nachrichten & Mitteilungen Nr. 13, Berlin 6.9.1972, S. 2

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