Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB):
9. ordentlicher Bundeskongress 1972

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 29.10.2016


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Es wurde auf diesem Kongreß einerseits ein Aktionsprogramm beschlossen, mit Forderungen nach Mitbestimmung und Überführung der Grundstoffindustrie in Gemeineigentum, andererseits wurde aber auch betont, dass der DGB gegen die radikale Linke Position beziehen solle.

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

20.04.1972:
Die IGBE (vgl. 1.5.1972) berichtet vom Ergebnis der heute endenden Betriebsratswahlen (BRW):"
REKORDERGEBNIS

Georg Radick (45), seit 1953 Mitglied des Betriebsrates und seit 1961 Betriebsratsvorsitzender des Kaliwerk Hattorf, als Gemeinschafts- und Persönlichkeitswahl durchgeführt wurde, erhielt er 93, 78 Prozent aller Stimmen. Georg Radick ist Mitglied des IGBE-Geschäftstellenvorstandes und vertritt den Bezirk Hessen/Rheinland Pfalz beim DGB-Bundeskongreß."
Quelle: Einheit Nr. 9, Bochum 1.5.1972, S. 3

Juni 1972:
Die DKP Hannover gibt vermutlich im Juni die Nr. 4 ihres 'Chemiearbeiter' - DKP-Informationen für Arbeiter und Angestellte (vgl. Sept. 1972) heraus, in der sie sich mit dem DGB-Kongreß (vgl. 25.6.1972) befaßt.
Q: Der Chemiearbeiter Nr. 4, Hannover 1972

25.06.1972:
In Berlin beginnt der 9. ordentliche Bundeskongreß des DGB, der bis zum 1.7.1972 dauert.

Beraten werden soll das vom Bundesvorstand eingebrachte neue Aktionsprogramm, von dem wir kurz die Zwischenüberschriften zitieren:
- Kürzere Arbeitszeit und längerer Urlaub,
- Höhere Löhne und Gehälter,
- Gerechtere Vermögensverteilung,
- Verbesserung der Steuer- und Finanzpolitik,
- Gesicherte Arbeitsplätze,
- Arbeit ohne Gefahr,
- größere soziale Sicherheit,
- bessere Alterssicherung,
- Fortentwicklung des Arbeits- und Dienstrechts,
- mehr Mitbestimmung,
- Gleiche Bildungschancen und bessere Berufsausbildung,
- Besseres soziales Miet- und Bodenrecht,
- Umweltschutz.

Laut DKP Hagen wird auch die Überführung der Grundstoffindustrie in Gemeineigentum gefordert.

Die KPD/ML-ZB berichtet bei Hoesch Phoenix Dortmund (IGM-Bereich in NRW - vgl. 9.8.1972):"
Wenige Tage nach der Verabschiedung der arbeiterfeindlichen Gesetze im Bundestag, am 25. Juni, verabschiedet der 9. DGB-Kongreß den Antrag 69, worin es heißt:
'Der Bundeskongreß erwartet von der Bundesregierung die Strafverfolgung Grundgesetzwidriger Aktionen, einschließlich des Verbots der sie tragenden Organisationen.'"
Die DKP habe dagegen nichts einzuwenden gehabt (vgl. 7.7.1972).

Laut der 'Werk und Wir' der Hoesch Hüttenwerke AG Dortmund sind aus Dortmund folgende Delegierte anwesend: Heinz Menne, Schriftführer im Betriebsrat Hoesch Union, Werner Dieterich, 1. Bevollmächtigter der IGM, Bernhard Tuchman, Sekretär in der IGM-Verwaltungsstelle, Günter Bludau, stellvertretender Betriebsrats-Vorsitzender der Bergbau AG (BAG der RAG - IGBE-Bereich) und Willi Adler, Betriebsrats-Vorsitzender der Firma Gustav Schade (IGM*Bereich).

Verbreitet wird u.a. die "Gewerkschaftspolitische Konzeption für die gemeinwirtschaftlichen Unternehmen" (vgl. 24.5.1972).

Für den der DKP nahestehenden 'Mittelstandskurier' (vgl. 14.8.1972) berichtet Robert Nonnenmacher u.a. über die Reaktionen des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH):"
ZDH UND DGB: VERHANDELN!
ABBRUCH DER GESPRÄCHE SCHADET DEM HANDWERK

Etliche Beschlüsse des 9. DGB-Bundeskongreses werden in unserem Zentralorgan 'Deutsches Handwerksblatt' und in Anlehnung daran in einem Teil der Handwerkspresse als Alarmzeichen und ernstliche Gefährdung der ohnehin nicht gerade flüssigen Spitzengespräche zwischen ZDH und DGB gewertet. Vor allem ist es die gewerkschaftliche Forderung für die paritätische Mitbestimmung der Arbeitnehmer bei den Handwerkskammern, die einigen Spitzenvertretern unserer Handwerksorganisation ins Auge sticht. Die Forderung ist nicht neu und bisher kein Anlaß gewesen, Gespräche unserer Organisationsführung mit dem DGB abzulehnen. Bekannt ist auch die eindeutige Ablehnung der paritätischen Mitbestimmung durch den demnächst aus seinem Amt scheidenden ZDH-Präsidenten Joseph WILD. Allenfall könnte die in der 'HZ - Deutsches Wirtschaftsblatt' festgestellte Übereinstimmung in dieser Frage zwischen Joseph Wild und seinem Nachfolger, Paul SCHNITKER, als eine bemerkenswerte Andeutung auf den zu erwartenden handwerkspolitischen Kurs des neuen ZDH-Präsidenten betrachtet werden.

Bedauerlicherweise sind die in unserem Zentralorgan gegen die paritätische mitbestimmung gerichteten Darlegungen nicht als überzeugende Gegenargumente anzusehen. Offenbar soll der Gewerkschaft das Ziel, die Gesellschaft sozialer und demokratischer zu gestalten, als ein Vergehen angelastet werden. Wie sollen denn unsere, auch vom Zentralverband immer wieder gestellten Forderungen nach Gerechtigkeit für das Handwerk verstanden werden. Sind sie nicht sprechende Beweise dafür, wie vieles in unserer gegenwätigen Gesellschaft im argen ligt und unbedingt geändert werden muß? Das Handwerk mit seinen Organisationen und Institutionen wird sich solchen notwendigen Änderungen nicht entziehen können. Wer glaubt oder glauben machen will, an dem der zeitgemäßen Entwicklung hinderlichen Althergebrachten festhalten zu können, der spricht sich selbst sein Urteil und steht zwangsläufig auf seiten derer, die um ihrer Vorrechte willen auch dem Handwerk jegliche Gerechtigkeit vorenthalten und verweigern.

Mit Entrüstung ist seitens des ZDH die Bemerkung des stellvertretenden DGB-Vorsitzenden, Maria WEBER (CDU), zurückgewiesen worden, die Handwerkskammern seien Unternehmerkammern. Wo ist der Grund, sich zu entrüsten? Hier soll keine Lanze für den DGB gebrochen werden, aber ohne Wahrheit gibt es keine Klarheit. Manchen Kollegen und vor allem gewissen Spitzenvertretern unserer Organisation scheint der Gedanke, daß auch ein Vertreter der Arbeitnehmer im Wechsel den Vorsitz der Organe der Handwerkskammern einnehmen könnte, eine Ungeheuerlichkeit zu sein. Warum eigentlich? Die Handwerkskammern gelten als Körperschaften desöffentlichen Rechts. In der Praxis - daran gibt es nichts zu deuteln - werden sie aber als reine Interessenwahrnehmer der selbständigen Handwerker betrachtet. Die Mitwirkung der Arbeitnehmervertreter ist auf einen sehr engen Komplex beschränkt. Glaubt man beim ZDH tatsächlich, diesen Zustand als bewährte Kooperation zwischen Miestern und Gesellen hinstellen zu müssen und im Widerspruch zum Zuge der dringlichen Änderungen unserer Gesellschaft stabilisieren zu können?

Die Aufnahme der Spitzengespräche zwischen ZDH und DGB gab Anlaß zu der Hoffnung, daß sich das Verhältnis Handwerk - DGB sachlich gestalten und auf wichtigen Gebieten zu Gemeinsamkeiten führen würde. Gemeinsamkeit setzt aber auch die Achtung berechtiger Ansprüche voraus, und als solch ein Anspruch muß die Mitbestimmung der Arbeitnehmer und ihrer Gewerkschaften anerkannt werden. Es darf nicht so weit kommen, daß diese Frage als Vorwand benutzt wird, um eine unüberbrückbare Kluft zwischen der Vertretung des selbständigen Handwerks und der Vertretung der Arbeitnehmer aufzureißen. Der lachende Dritte dabei wäre unsere Großkonkurrenz, den Schaden trügen die selbständigen Handwerker davon."

Im 'Mittelstandskurier heißt es auch:"
WO SOLL DAS HINFÜHREN?
DGB-AKTIONSPROGRAMM UND DER MITTELSTAND

Mit Interesse verfolge ich, wie Sie durch gewisse Publikationen einem Zusammengehen von Handwerk - oder Mittelstand und Arbeitnehmern in Ihrer Zeitschrift Raum geben. Ich gebe zu, daß mir manche Vorstellungen in dieser Richtung richtig erscheinen und sogar sympathisch sind. Die meisten von uns Handwerkern, das ist nicht zu leugnen, sind auf die Arbeitnehmer angewiesen, um existieren zu können. Andererseits gibt es aber auch Gründe genug zu befürchten, daß zumindest den Gewerkschaften wenig daran liegt, ob der kleine Handwerker und Selbständige sich eine auskömmliche Existenz sichern kann. Betrachten Sie zum Beispiel das 'Aktionsprogramm 1972', das von dem 9.DGB-Bundeskongreß, der vor einigen Wochen in Westberlin tagte, beschlossen wurde. In diesem Programm werden u.a. gefordert: Kürzere Arbeitszeit und längerer Urlaub; höhere Löhne und Gehälter; gerechtere Vermögensverteilung; Verbesserung der Steuer- und Finanzpolitik (womit wohl die Begünstigung der Arbeitnehmer gemeint ist); bessere Alterssicherung; mehr Mitbstimmung.

Wollen Sie sich einmal vor Augen halten, wo das hinführen soll, wenn es dem DGB gelingt, diese Forderungen durchzusetzen. Für -zigtausende Handwerker und Mittelständler wäre das das Ende der selbständigen Existenz. Die Arbeitnehmer sollen selbstverständlich erhalten, was ihnen zusteht. Aber wird im DGB auch bedacht, daß die Arbeitszeit vieler Selbständiger heute immer noch bis zehn und mehr Stunden täglich beträgt, daß zahlreiche Handwerker und andere Mittelständler überhaupt nicht daran denken können, auch nur einige Tage Urlaub zu nehmen? Genügt es nicht schon, daß wir von den Steuern und Abgaben erdrückt werden und uns der Konkurrenz der Großen kaum noch zu erwehren wissen?

Sie meinen, die Selbständigen und die Arbeitnehmer müßten gegen die Großen zusammenhalten. Ich bin nicht dagegen. Aber das, was der DGB jetzt verlangt, ist wohl zuallerletzt dazu angetan, dieses Zusammengehen zu fördern. Das Ende vom Lied wird ein noch stärkeres Mittelstandssterben sein, die Großen werden noch - wie Sie es ausdrücken - mehr Macht konzentrieren können. Im übrigen ist doch auch nicht daran zu zweifeln, daß, wenn der DGB seine Forderungen verwirklichen würde, was ja für die Arbeitgeber eine Mehrbelastung bedeutet, daß die Großen nicht zögern werden, diese Lasten auf die Preise und damit auf die Arbeitnehmer abzuwälzen. Die Folgen davon für die Kaufkraft unserer D-Mark sind ja sattsam bekannt.

Ich weiß nicht, ob meine Zuschrift in Ihr Konzept paßt und Aussicht hat, in Ihrer Zeitschrift veröffentlicht zu werden. Sollten Sie sich aber doch dazu entschließen, dann bitte ich Sie aus bestimmten persönlichen Gründen, von einer Namensnennung abzusehen.

ANMERKUNG DER REDAKTION:

Zu unserem Konzept gehört grundsätzlich der Respekt vor sachlich geäußerten Meinungen, auch wenn sie nicht von uns geteilt werden können. Es besteht also kein Grund, die Zuschrift unseres Lesers, eines Handwerksmeisters aus Dortmund, dem Leserkreis des MITTELSTANDSKURIER vorzuenthalten. Wir glauben im Gegenteil, daß gerade durch eine offene Diskussion der von unserem Leser angesprochenen Fragen manche Mißverständnisse geklärt werden können. Da es sich in diesem Fall um vorwiegend von dem DGB-Bundeskongreß aufgeworfene Probleme handelt, haben wir zunächst einen aktiven Gewerkschafter gebeten, auf die Zuchrift unseres Lesers von seiner Sicht aus einzugehen. Wir würden uns freuen, durch die Veröffentlichung beider Standpunkte eine Diskussion angeregt zu haben, die über das scheinbare Gegeneinander zum Miteinander führt."

Der Beitrag des 'aktiven Gewerkschafters' lautet:"
SOZIALER FRTSCHRITT IST LEBENSNOTWENDIG

Von Peter Baumöller, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied im Landesbezirksvorstand der Deutschen Journalisten-Union (DJU, d.Vf.) in der IG Druck und Papier (DruPa, d.Vf.)

Manchmal ist es ganz nützlich, sich die hypothetische Frage vorzulegen: Was wäre wenn? Zum Beispiel: Was wäre, wenn Arbeiter, Angestellte und ihre Gewerkschaften in den - sagen wir mal - letzten zehn Jahren darauf verzichtet hätten, alljährlich Lohn- und Gehaltsaufbesserungen zu fordern und durchzusetzen, Arbeitszeitverkürzungen bis zur 40-Stunden-Woche zu erreichen, Urlaubsgeld zu fordern etc., kurzum, an den steigenden Gewinnen in der Wirtschaft beteiligt zu werden? Die Folgen lassen sich leicht ausmalen. Nicht nur für den Lebensstandard der werktätigen Familien, der ständig gesunken wäre, sondern auch für die gesamte Volkswirtschaft - und nicht zuletzt für den Mittelstand. Die Rchnung ist fast so einfach wie das Einmaleins.

Lohn- und Gehaltsverzicht bedeutet Konsumverzicht. Denn Millionen Arbeiter und Angestellte brauchen ihr Einkommen unmittelbar zum Auskommen, d.h. zur Deckung der primitivsten Lebensexistenz. Bedenkt man dabei, daß rund 80 Prozent unserer Bevölkerung in lohnabhängiger Arbeit steht, dann sind die Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft absehbar. Der Mittelstand wäre als nächster davon betroffen, weil er im Bereich des Konsums und der Dienstleistung unmittelbar von der Kaufkraft der breiten Schichten abhängig ist: Der Schuster wie der Bäcker, der Friseur und Installateur, der Kaufmann an der Ecke und und und. Sie alle leben mit der Kaufkraft von Millionen, die in der Großindustrie ihr Geld verdienen, leider längst nicht soviel, wie sie kraft ihrer Leistung verdienten. Diese Binsenwahrheit wurde immer dann augenfällig, wenn in irgendeiner Region in bundesdeutschen Landen Zechen oder Betriebe stillgelegt wurden. Im Kampf um die Erhaltung der Arbeitsplätze hat sich der Mittelstand nicht selten mit den Arbeitern und Angestellten solidarisiert.

Ein zweiter Gesichtspunkt: Es ist gewiß einleuchtend - und am konkreten Beispiel auch nachweisbar -, daß Lohn- und Gehaltsverzichte ebenso wie der Verzicht auf sozialen Fortschritt in anderen Bereichen eine weitere Gewinnsteigerung besonders in Großunternehmen bedeuten würden. Kein Großaktionär könnte verzehren, was er hier einspart. Höhere Gewinne bedeuten also noch höhere Investitionen, in der Praxis Konkurrenzausschaltung. Aber je reicher die Reichen werden, umso stärker wird ihr wirtschaftlicher Druck auf die Kleinen, also auch auf den Mittelstand. Vernünftig geschlußfolgert ergibt sich daraus eine Interessenidentität von Arbeiterschaft und Mittelstand. Ihre politische Praktizierung - das muß eingeräumt werden - erweist sich oft als nicht leicht, weil man sich noch zu wenig Mühe macht, die Wege dafür zu ebnen.

Ich will die Schwierigkeiten nicht verkleinern. Sie beginnen damit - und das hört man auch aus dem oben abgedruckten Leserbrief heraus -, daß der Mittelstand nicht nur am Umsatz interessiert, insofern also durchaus für zahlungskräftige Arbeiter und Angestellte ist, er beschäftigt auch selbst Arbeitnehmer und wird bei jeder Lohnrunde und bei jedem sozialen Fortschritt zur Kasse gebeten. Anders als beim Großunternehmen fallen beim mittleren oder kleinen Betrieb der Lohnanteil sowie die sozialen Ausgaben erheblich ins Gewicht. Hier entsteht eine Interessenkollision, die nur politisch gelöst werden kann. Um auch die in den Kleinbetrieben Beschäftigten am Wachstum der Wirtschaft mitzubeteiligen, müßte zunehmend eine starke Umverteilung der Lasten stattfinden. Eine höhere Besteuerung der Großunternehmen und eine Entlastung des Mittelstandes wäre ein Teil der Lösung. Die Gewerkschaften treten seit jeher dafür ein.

Die Großunternehmen und Banken indes denken nur an sich. Hier das jüngste Beispiel dafür: Das Vorstandsmitglied der Deutschen Bank (DB, d.Vf.), Franz-Heinrich Ulrich, empfahl den Großunternehmen, durch Sonderabschreibungen einen Teil ihrer riesigen Gewinne zu verschleiern. Im 'Handelsblatt' (HB - vgl. S11*.1972, d.Vf.) trat Ulrich dafür ein, die steuerlich zulässigen Abschreibungen durch sogenannte nichtausschüttungsfähige Substanzerhaltungsrücklagen zu ergänzen. Ein 'Aktien-Report' der Dresdener Bank machte klar, daß in den nächsten zwölf Monaten mit einem Gewinnanstieg von 15 Prozent gerechnet wird. Am meisten profitieren selbstverständlich die Großunternehmen davon. 48 Prozent Gewinn für die SEL-Aktionäre, zu der die Standard-Elektrik-Lorenz-AG (IGM-Bereich, d.Vf.) in Stuttgart gehört, ist nur ein Beispiel von vielen. Keine Frage: 'In der Wirtschaft wird wieder mehr verdient', wie es die 'Süddeutsche Zeitung' (SZ, d.VF.) am 7.August 1972 brav registrierte. Es wäre gewiß unverantwortlich, wenn der DGB diese Tatsache nicht für seine sozialpolitischen Forderungen im Interesse der Arbeitnehmer nutzte. Im 'Berliner Aktionsprogramm' hat sich das niedergeschlagen.

Festzuhalten dabei wäre noch: Die Forderung nach mehr Mitbestimmung kostet keinen Pfennig, sie bricht nur mit unhaltbaren Privilegien. Bessere Alterssicherung wird vom Staat gefordert, die sicher möglich wäre, wenn man auf die Milliardenausgaben für die unsinnige Rüstung verzichten würde. In Berlin wurde das besonders vom Vorsitzenden der IG Metall Eugen Loderer angesprochen. Verbesserung der Steuer- und Finanzpolitik zielt nicht nur auf mehr Gerechtigkeit für die Arbeitnehmer, sondern auch für den Mittelstand. Ständige Rationalisierung macht Arbeitszeitverkürzungen nicht nur möglich, sondern zur Arbeitsplatzsicherung auch notwendig. Höhere Löhne und Gehälter tragen zum Wachstum der Wirtschaft bei. Mit diesem Programm wird nicht 'den Großen in die Hand gespielt', sondern die Existenz von Millionen gesichert. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn Gewerkschafter und Mittelstandsorganisationen darüber in sachlicher Weise miteinander diskutierten."

Die KPD (vgl. 5.7.1972) berichtet:"
DGB-BUNDESKONGRESS: GEWERKSCHAFTSFÜHRUNG, GEHILFE DER SPD-REGIERUNG

'Wir DGB-Gewerkschaften repräsentieren ein politisches Potential von 7 Millionen Arbeitnehmern', stellte DGB-Vorsitzender Vetter großsprecherisch auf dem 9.Bundeskongreß fest, der vom 26. bis 30.Juni in Westberlin tagte. Von Verbundenheit mit den Massen der Gewerkschaftsmitglieder war freilich in den Referaten und Beiträgen der DGB-Spitzenfunktionäre nichts zu spüren. Der Kongreß war eine Huldigung an die imperialistische Politik der SPD/FDP-Regierung.

Beschlüsse über Ausbau der Vermögensbildung, Beteiligung der Arbeiter und Angestellten am Produktionsvermögen, über die Ausweitung der Mitbestimmungsorgane auf alle Industrien waren lediglich Bestandteil des reformistischen Rituals, das auf Kongressen dieser Art abgehandelt wird. Wichtig war dieser Kongreß nur als Dokumentation der Tatsache, daß die Rolle der Gewerkschaftsspitzen als Vollzugsorgane der SPD in den letzten Wochen und Monaten eine neue Stufe erreicht hat. Das hat vor allem die bedingungslose Unterstützung der imperialistischen Mobilisierung für die Ostverträge im April bewiesen. Gewerkschaftliche Resolutionen und Warnstreiks, schließlich sogar ein 'kämpferischer' 1. Mai wurden von den Spitzenfunktionären der DGB-Gewerkschaften inszeniert, um das Schauspiel einer 'Verteidigung der Arbeiterregierung Brandt gegen die Reaktion' aufzuführen.

Der Dank für die arbeiterfeindlichen Taten war den Gewerkschaftsführern in Willy Brandts Rede auf dem Kongreß denn auch gewiß. Gewiß war auch die anerkennende Grußbotschaft von erstmals auf einem DGB-Kongreß vertretenen Funktionären sowjetischer Gewerkschaften. Gewerkschaftsführer Pimenow dankt im Auftrag der neuen Bourgeoisie der Sowjetunion (SU, d.Vf.) für den Beitrag, den die DGB-Führer zur 'Ratifizierung der Moskauer Verträge und zur Unterstützung der Politik der SPD-Regierung geleistet zu haben.'

SPD-Kanzler Brandt fand lobende Worte für die Lohnpolitik der Gewerkschaftsführer während der letzten Tarifkämpfe: 'Hohes Maß an Verantwortungsbewußtsein' und 'Berücksichtigung gesamtwirtschaftlicher Notwendigkeiten' - so wurde die kampflose Zustimmung zur kapitalistischen Lohnraubpolitik von ihm genannt.

Zustimmendes Gehör fand Brandt bei den Gewerkschaftsführern auch für die verstärkte 'Wachsamkeit' gegenüber allen Feinden der Demokratie.' Wem diese Wachsamkeit gilt, das machte die Resolution zum 'politischen Radikalismus' deutlich: der DGB-Kongreß forderte die 'unnachsichtige Verfolgung linksextremistischer Aktivitäten', denen 'erhebliche Bedeutung zukomme'. Kein Zufall, daß dieser Resolutionsantrag von anwesenden Spitzenfunktionären der IG Metall eingebracht wurde: in keiner anderen Gewerkschaft hat die revolutionäre gewerkschaftsoppositionelle Bewegung bisher solchen Einfluß gewonnen!

Die, die den Abbau der innergewerkschaftlichen Demokratie rücksichtslos vorantreiben, kommen um einen Umstand nicht mehr herum: Wo Unterdrückung herrscht, dort gibt es Widerstand. Der Aufbau der revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO, d.Vf.) ist mit dem 1. Mai, mit gewerkschaftlichen Maikomitees, mit den Betriebsrats- und Jugendvertreterwahlen (BRW bzw. JVW, d.Vf.), mit der 1.nationalen Konferenz oppositioneller Gewerkschafter (vgl. 21.5.1972, d.Vf.), - jetzt gerade mit den betrieblichen und gewerkschaftlichen Vietnam-Ausschüssen (VA des NVK, d.Vf.) - wesentliche Schritte vorangekommen. Die Möglichkeit, diese oppositionelle Bewegung im Keim zu ersticken, ist längst vertan."

Dieser Artikel wird auch nachgedruckt in:
- NRW in Dortmund im IGM-Bereich durch die Zelle Hoesch Westfalenhütte der KPD (vgl. 13.7.1972).

Berichtet wird auch durch die RKJ der GIM (vgl. Aug. 1972) sowie in:
- Baden-Württemberg vom BKA Freiburg (vgl. 19.7.1972), was wiederum der KB Bremen nachdruckt (vgl. 1.9.1972) sowie von der RJ/ML bei Daimler Sindelfingen (vgl. 31.7.1972).
- Bayern durch die SBG Regensburg beim AEG Sachsenwerk (vgl. 27.7.1972), im Metallbereich (vgl. 17.7.1972) und im Druckbereich (vgl. Juli 1972).
- Berlin durch die KPD/ML-ZB im Siemens-Schaltwerk (vgl. 13.7.1972).
- Hamburg durch den KB im Metallbereich (vgl. 15.5.1972, Juli 1972).
- Niedersachsen in Hannover durch die DKP im Chemiebereich (vgl. Juni 1972).
- Schleswig-Holstein durch den KB / Gruppe Eutin (vgl. Juli 1972).
Q: Metallkampf Nr. 11, Eutin Juli 1972;S. 16f; Arbeitersache Nr. 22, Regensburg Juli 1972, S. 3;Der Chemiearbeiter Nr. 4, Hannover 1972;Der Metallarbeiter Nr. 3 und 4, Hamburg Mai 1972 bzw. Juli 1972, S. 9f bzw. 10ff;Klassenkampf Nr. 24, Freiburg 13.9.1972, S. 1 und 3ff;Kommunistische Arbeiterpresse Hoesch Westfalenhütte Nr. 15, Dortmund 13.7.1972, S. 3;Rote Fahne Nr. 50, Dortmund 5.7.1972, S. 4;Mittelstandskurier H.4, Köln Juli/Aug. 1972, S. 10f;Werk und Wir Nr. 8, Dortmund Aug. 1972, S. 215;Roter Sachsenwerker Nr. 8, Regensburg Juli 1972, S. 6;Roter Stern Nr. 6, Sindelfingen o. J. (1972), S. 3f;Roter Widerdruck Nr. 7, Regensburg Juli 1972, S. 3;Das Rote Schwungrad Kein Stillhalten bis 1973!, Dortmund o.J. (Aug. 1972), S. 4;Der rote Schaltwerker Nr. 24, Berlin 13.7.1972, S. 1;Die Rote Westfalenwalze/Das Rote Schwungrad Aufruf: Demonstration gegen das KPD-Verbot, Dortmund o.J. (Aug. 1972), S. 1;Druck und Papier Nr. 11, Stuttgart 29.5.1972;Wahrheit Nr. 7/8, Bremen Aug./Sept. 1972, S. 7;Was Tun Nr. 7/8, Mannheim 1972, S. 8

Der Chemiearbeiter Nr. 4, Hannover 1972; DGB: Gewerkschaftspolitische Konzeption für die gemeinwirtschaftlichen Unternehmen, o.O. 1972; Hasper Gold, Hagen 2.8.1972, S. 2; Was Tun Nr. 7/8, Mannheim 1972, S. 8 und 11
Regensburg_AEG_Sachsenwerk098

Regensburg_Druck061

Regensburg_SBG318

Sindelfingen_Daimler053

Sindelfingen_Daimler054

Freiburg_KBW675

Freiburg_KBW679

Freiburg_KBW680

Freiburg_KBW681

Wahrheit_1972_07_13

Wahrheit_1972_07_14

GIM_Was_tun_1972_07_08

GIM_Was_tun_1972_07_11

Metallarbeiter_Hamburg128

Metallarbeiter_Hamburg129

Metallarbeiter_Hamburg139

Metallarbeiter_Hamburg140

Metallarbeiter_Hamburg141

Berlin_GRM135

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26.06.1972:
In der Nr. 13 der 'druck und papier' (vgl. 12.6.1972, 10.7.1972) äußert sich der erste Vorsitzende der DruPa, Leonhard Mahlein, zum gerade stattfindenden DGB-Bundeskongreß (vgl. 25.6.1972)
"Ja zur Einheitsgewerkschaft

Wir alle wissen aber aus eigener Erfahrung, daß es immer wieder Kräfte verschiedener Richtungen gibt, die Gegner der Einheitsgewerkschaften waren und sind. Diese Kräfte knabbern schon seit langem an der Einheit der Gewerkschaften. Da sind die 'Ultralinken' oder 'Neuen Linken', wie sich diese kleinbürgerlichen Intellektuellen nennen, die mit ihren abenteuerlichen, linkssektiererischen Aktivitäten auf die Zersplitterung der Gewerkschaftsbewegung und die Zerstörung der Einheitsgewerkschaft setzen. Doch den Gewerkschaften droht eine Gefahr nicht in erster Linie von 'ultralinks'."

Mahlein spricht sich gegen Unvereinbarkeitsbeschlüsse aus:"
Bist du ein guter Gewerkschafter? Vertrittst du konsequent die Interessen der Mitglieder? Bist du bereit nach der Satzung und den Beschlüßen deiner Gewerkschaft zu handeln? Ein anderer Maßstab darf im Interesse der Einheit und Geschlossenheit unserer Gewerkschaftsbewegung nicht gelten. Das sollte auch Geltung haben für Mitglieder, die sich gegenwärtig noch zur DKP bekennen, solange sie sich im Rahmen der Satzungen, der Beschlüße und der Zielsetzung der deutschen Gewerkschaften im Sinne des DGB-Grundsatzprogrammes bewegen. Denn ich halte es einfach als Gewerkschafter für unwürdig, wenn wir die primitive Gleichstellung von rechts und links, von Faschismus und Kommunismus nach Herrn Springers Motto mitmachen."
Q: druck und papier Nr. 13, Stuttgart 26.6.1972

26.06.1972:
Vom heute beginnenden und bis zum 30. Juni 1972 dauernden 8. FDGB-Kongress berichtet, u.a. im Vergleich zum 9. DGB-Kongress der 'BRD' (vgl. 25.6.1972), in Schleswig-Holstein der KB / Gruppe Eutin (vgl. Juli 1972).
Q: Metallkampf Nr. 11, Eutin Juli 1972, S. 19f

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07.07.1972:
Laut KPD/ML-ZB bei Hoesch Phoenix Dortmund (IGM-Bereich in NRW - vgl. 9.8.1972) fordert die DKP in ihrer heutigen 'UZ', daß die Entschließung des DGB-Bundeskongresses (vgl. 25.6.1972) zum Verbot Grundgesetzwidriger Aktionen und der sie tragenden Organisationen sich gegen Maoisten und Anarchisten richten müsse.
Q: Das Rote Schwungrad Kein Stillhalten bis 1973!, Dortmund o.J. (Aug. 1972), S. 4

07.08.1972:
Im der DKP nahestehende 'Mittelstandskurier' (vgl. 14.8.1972) berichtet Peter Baumöller im Zusammenhang mit dem DGB-Bundeskongreß (vgl. 25.6.1972) über die SZ:"
Keine Frage: 'In der Wirtschaft wird wieder mehr verdient', wie es die 'Süddeutsche Zeitung' am 7. August 1972 brav registrierte."
Q: Mittelstandskurier H.4, Köln Juli/Aug. 1972, S. 11

Letzte Änderung: 29.10.2016