Produktion Ruhrkampf: "Literaturpolitische Korrespondenz"

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Dietmar Kesten, Gelsenkirchen, 14.6.2017


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Die "Literaturpolitische Korrespondenz" erschien erstmals im Juni 1973, nachdem es im Frühjahr 1973 zu Auseinandersetzungen mit dem "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt", einer bundesrepublikanischen Schriftstellervereinigung, die auf die "Dortmunder Gruppe 61" (Dortmund) zurückgeht und die sich vor allem der Industriegesellschaft und ihren Problemen widmete, gekommen war.

Eine grundsätzliche Kritik an der Gruppe 61, die sich an der "Freiheitlich- demokratischen Grundordnung" der BRD orientierte, führte zur Konstituierung einer Opposition, die schließlich den "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" bildete, der eine Literatur für die Arbeiterklasse schaffen wollte. Zu den Mitbegründern gehörten u. a. Günter Wallraff, Max von der Grün und Erika Runge.

Nachdem der "Werkkreis" eine Broschüre herausgegeben hatte, in der u. a. von einer "linkssektiererischen Einheitsfront von der Produktion Ruhrkampf bis zur KPD" die Rede war, schien es der "Produktion Ruhrkampf" nach einjähriger Zusammenarbeit mit dem Werkkreis nicht mehr möglich, diese fortzusetzen.

Die Verfasser der Broschüre, so hieß es, versuchten, "mit den Mitteln des politischen Rufmords fortschrittliche Arbeiterschriftsteller mundtot zu machen und kaltzustellen". Auf dieser Grundlage könne keine fruchtbare Diskussion gedeihen: denn das "politische Klima der antidemokratischen Hetzjagd gegen Kommunisten … mit den Mitteln der gezielten Lüge … mit den Mitteln der demagogischen Stimmungsmache zielt auf Verbote und Ausschlüsse hin" (Literaturpolitische Korrespondenz, 1/1973).

Als Folge der Auseinandersetzung erschien dann im Juni 1973 die Nr. 1 der "Literaturpolitischen Korrespondenz", die in ihrer ersten Ausgabe die Auseinandersetzung mit dem "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" führte. "Die Notwendigkeit ergab sich, abgesehen von einer direkten Antwort auf die jüngsten Angriffe von Teilen des Werkkreis-Sprecherrates, durch das wachsende Interesse an den Fragen der Arbeiterliteratur" (ebd.). Da der "Werkkreis" die Exklusivität der Arbeiterliteratur für sich in Anspruch nehme, sei es notwendig, ein "öffentlich zugängliches Organ" herauszugeben, das sich von den "revolutionären Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung" leiten lasse. Damit würde auch die Auseinandersetzung zwischen den "reformistischen und revolutionären Strömungen" geführt (ebd.).

Die "Korrespondenz" stellte sich zudem die Aufgabe, die "Auseinandersetzungen und Tendenzen um eine Literatur der Arteiterklasse in der Bundesrepublik widerzuspiegeln". Daher seien auch ihre Beiträge "erklärtermaßen parteiisch und sollen die Propagierung einer antireformistischen, antirevisionistischen Front auf kulturellem Gebiet unterstützen".

Da kam es natürlich nicht von ungefähr, dass die "Korrespondenz" sich nicht an den "intellektuellen Kleinbürgern" ausrichten, sondern sich auf die "Belange fortschrittlicher Werktätiger und bewusster Arbeiter" konzentrieren wollte. Zudem wollte man sich an "historischen Vorbildern" orientieren (vgl. Literaturpolitische Korrespondenz, 2/1973).

Neben einer gewissen Themenvielfalt in den vorliegenden Ausgaben, die sich von dem "Werkkreis" abgrenzen wollten und für sich in Anspruch nahmen, "parteiische" Literatur zu veröffentlichen, die sich bewusst in die Ecke der "Propagierung einer antireformistischen, antirevisionistischen Front auf kulturellem Gebiet" stellte, war die Debatte um den Ausschluss Gerd Sowkas, der später Mitglied der "Vereinigung Sozialistischer Kulturschaffender" werden sollte, ein wichtiges Thema (vgl. Literaturpolitische Korrespondenz, Sonderdruck, Juni 1975).

In der "Kämpfenden Kunst" Nr. 10/11 vom November 1975 veröffentlichte der VSK den Artikel: "Gerd Sowka und die Unvereinbarkeitsbeschlüsse der Werkkreis-Führung": "Die hier veröffentlichen Auszüge aus Dokumenten über den Ausschluss des VSK-Genossen Gerd Sowka aus dem Werkkreis belegen, dass uns von der Werkkreis-Führung in der Tat die Klassenbarriere trennt und der Kampf gegen sie als ein Stück Klassenkampf geführt werden muss … Nur so unterstützen wir wirksam auch die fortschrittlichen, gegenüber ihrer Führung oppositionellen Kollegen in den Werkstätten, die sich die Machenschaften der revisionistischen Literatur-Bonzen nicht gefallen lassen."

Die "Literaturpolitischen Korrespondenz" erschien von 1973 bis 1976. Uns lagen leider nur vier Ausgaben vor. Wir bitten um Ergänzungen.

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

Juni 1973:
In Köln erscheint die Nr. 1 der "Literaturpolitischen Korrespondenz". Herausgegeben wird sie von der "Produktion Ruhrkampf" im Verlag Gaehme-Henke.

Die "Korrespondenz" erscheint als Folge der Auseinandersetzung mit dem "Werkkreis der Literatur der Arbeitswelt", nachdem man der "Produktion Ruhrkampf" eine "linkssektiererische Einheitsfront" bis hin zur KPD vorgeworfen hatte. "Produktion Ruhrkampf" zieht sich daraufhin nach einer einjährigen Zusammenarbeit mit dem "Werkkreis" zurück und will fortan "eine offene und sachliche politische Auseinandersetzung führen und verficht die These: "Für eine kämpferische realistische Arbeiterliteratur".

In der Nr. 1 heißt es einleitend vom Verlag: "Thema der LITERATURPOLITISCHEN KORRESPONDENZ Nr.1 ist die Auseinandersetzung mit 'Argumente - Dokumente über angehende Fragen im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt', erschienen als Sonderinfo des Werkkreises. Damit starten wir als PRODUKTION RUHRKAMPF und Verlag Gaehme-Henke eine Publikation, deren Aufgabe darin besteht, Auseinandersetzungen und Tendenzen um eine Literatur der Arbeiterklasse in der Bundesrepublik widerzuspiegeln. Die Notwendigkeit ergab sich abgesehen von einer direkten Antwort auf die jüngsten Angriffe von Teilen des Werkkreis-Sprecherrates durch das wachsende Interesse an den Fragen der Arbeiterliteratur. Bisher fehlte ein öffentlich zugängliches Organ, da der Werkkreis um seinen Infodienst den Schein der Exklusivität gelegt hat.

Darüber hinaus bleiben viele Fragen offen, die im Bezug und ausgehend von der revolutionären Tradition der deutschen Arbeiterliteratur an die literarischen und organisatorischen Versuche des Werkkreises herangetragen wurden.

Der Aufschwung der spontanen Kämpfe der Arbeiter und die Zuspitzung der Klassenwidersprüche fördern eine Profilierung in der Arbeiterbewegung zwischen reformistischen und revolutionären Strömungen. Diese wach senden Bewegungen traten in letzter Zeit auch in ihren Umsetzungen in sekundäre Bereiche, wie in die der Literatur, mehr und mehr in Erscheinung. Aktuellster Beleg ist 'Argumente - Dokumente', die wir als eine Fortsetzung der antidemokratischen Ausschlusspolitik in reformistischen Organisationen erkennen. Dagegen stehen die Beiträge dieses Heftes. Sein spontaner Charakter bedingt die verschiedenen Mängel in der redaktionellen Arbeit. So überschneiden sich manche Beiträge und werden Werkkreisfremde nicht ausreichend in die Thematik eingeführt. Trotzdem meinen wir mit diesem Heft Materialien zu veröffentlichen, die besser als ein distanzierter Kommentar die aktuellen Probleme in der westdeutschen Arbeiterliteratur durchschaubar machen. Viele Dokumente werden als Antwort auf die fälschlichen Behauptungen der Autoren von 'Argumente- Dokumente' veröffentlicht und sind nur mit Kenntnis dieses Heftes voll verständlich. Die Herausgabe der LITERATURPOLITISCHEN KORRESPONDENZ wird fortgesetzt mit einer systematischeren Analyse der in diesem Heft belegten Auseinandersetzung zur Fragen der Arbeiterliteratur ihren Produktions- und Reproduktionsbedingungen …"

Artikel der Ausgabe sind:
- "Verlag Gaehme-Henke: Zu diesem Heft"
- "Gerd Sowka: Meine Entgegnung auf Argumente - Dokumente"
- "Peter Neuneier: Frisch gelogen ist halb gewonnen und neue Formen des Realismus"
- "Heinrich Pachl: "Stellungnahme und Richtigstellung - Zur Broschüre 'Argumente - Dokumente"
- "Dokumente: Briefwechsel zwischen Wolfgang Röhrer und Produktion Ruhrkampf. Ein Beispiel praktizierter Werkkreis- Demokratie. Briefe vom Romanlektorat"
- "Arnfried Astel: Eine kurze Bemerkung zum 'Saarbrücker Interview'"
- "Helmut Lethen: Zwei Fragen an den Werkkreis"
- "Friedrich Rothe: Die Hauptargumente der Zeitschrift 'Kunst und Gesellschaft' zu dem Werkkreis 'Literatur der Arbeitswelt'"

Geworben wird für die Schrift von Peter Neuneier: "Akkord ist Mord" und die Schrift "Schlagt zurück! Westdeutsche Arbeiterschriftsteller über Rationalisierung".
Quelle: Produktion Ruhrkampf: Literaturpolitische Korrespondenz, Jg. 1, Nr. 1, Köln, Juni 1973.

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Oktober 1973:
Es erscheint die Nr. 2 der "Literaturpolitischen Korrespondenz". Einleitend heißt es u. a.: "Die Literaturpolitische Korrespondenz stellt sich die Aufgabe, Auseinandersetzungen und Tendenzen um eine Literatur der Arteiterklasse in der Bundesrepublik widerzuspiegeln. Unsere Beiträge sind erklärtermaßen parteiisch und sollen die Propagierung einer antireformistischen, antirevisionistischen Front auf kulturellem Gebiet unterstützen.

Die 'Literaturpolitische Korrespondenz' soll nicht auf die Erwartungen der Bündnisschichten des Proletariats (der intellektuellen Kleinbürger) ausgerichtet werden, sondern - wie auch schon in der Organisation der 'Produktion Ruhrkampf' begonnen - auf die kulturellen Belange fortschrittlicher Werktätiger und bewusster Arbeiter.

Wir werden deshalb in ständiger Rubrik, orientiert an historischen Vorbildern, Arbeiterkritiken veröffentlichen. Gisela Sowka und Heinz Vieth haben mit der Kritik an Karin Strucks Buch Klassenliebe den Anfang gemacht.

Das Interview mit Max von der Grün, die Geschichte von Fritz Kahler, die Stellungnahme zur Kritik der Literaturzeitschrift Alternative an Akkord ist Mord stehen in aktuellem Bezug.

Der Bericht über die WK-Delegiertentagung in Nürnberg im Juni 1973 konkretisiert die Auseinandersetzung mit dem kulturpolitischen Weg des WK anhand dreier Delegiertenbeschlüsse.

Wir fordern dazu auf, den Titel 'Literaturpolitische Korrespondenz' durch engagierte Teilnahme zu verwirklichen".

Artikel der Ausgabe sind:
- "Interview mit Max von der Grün. Schriftsteller und Solidarität mit streikenden Metallern"
- "Fritz Kahler: Tage nach dem Streik"
- "Von der Arbeiterkorrespondentenbewegung lernen"
- "Werkkreis-Delegiertentagung in Nürnberg"
- "WK-Literatur in Medienkonzernen: Stricke für die Kapitalisten - oder Leimruten für die Arbeiterliteratur?"
- "Der konsequent reformistische Weg: Öffnung nach rechts- Verbote nach links"
- "Arbeiterkritik: Karin Struck: Klassenliebe. Belletristik für die arbeitende Bevölkerung?"
- "Literaturpolitische Nachrichten"
- "Josef Büscher: Betriebskassierung / Klassenkampf" " (Gedichte)
- "Rolf Henke/Heinrich Pachl: Zu Alternative 90: Probleme einer parteilichen Kritik"
- "Leserbriefe"
Q: Produktion Ruhrkampf: Literaturpolitische Korrespondenz, Jg. 1, Nr. 2, Köln, Oktober 1973.

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März 1974:
Es erscheint die Nr. 3 der "Literaturpolitischen Korrespondenz".
Artikel der Ausgabe sind:
- "Rüdiger Safranski: Thesen zu Wallraff"
- "Tita Henke-Gaehme/Rolf Henke: Schwierigkeiten beim Befahren der Linkskurve. Ein Interview mit Günter Wallraff"
- "Literaturpolitische Nachrichten"
- "Die Parteilichkeit des Arbeiterschriftstellers"
- "Gerd Sowka: Zu der Entwicklung des Stückes: 'Im Mittelpunkt steht der Mensch'"
- "Peter Neuneier: Die vierzehnte besonders unerwünschte Reportage"
- Rezensionen
- "Peter Neuneier: Man sagt, der Hahn sei zugedreht" (Gedicht)

Geworben wird für "Arbeiterbühne und Film. Zentralorgan des Arbeiter-Theater-Bundes Deutschland". Vorankündigung: Gerd Sowka: "Im Mittelpunkt steht der Mensch", Lesestück, Reihe: Kampf in den Betrieben 3", und Friedrich E. Kahler: "Bin ich denn Onassis?"
Q: Produktion Ruhrkampf: Literaturpolitische Korrespondenz, Jg. 2, Nr. 2, Köln, März 1974.

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Juni 1975:
Es erscheint ein "Sonderdruck" der "Literaturpolitischen Korrespondenz" zum Ausschluss von Gerd Sowka aus dem Dortmunder "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" mit der Schlagzeile: "Rausschmiss - Ranschmiss".

Die Begründung: "weil er mit einer Initiative und einem Verlag (hier: Produktion Ruhrkampf und Verlag Gaehme-Henke, d. Verf.) zusammenarbeitet, die sich als Gegenorganisation zum Werkkreis versteht". Der Werkkreis nennt als weitere Begründung, dass u. a. Sowkas Verhalten beim "Internationalen Arbeiterkünstlertreffen" am 5.5. in Braunschweig eine Verhaltensweise an den Tag gelegt habe, die der Werkkreis nicht billigen konnte. Der Werkkreis wurde u. a. vom RF-Freundeskreis in Braunschweig als "revisionistisch" beschimpft. Sowka habe weiterhin das "Manifest der Initiative Sozialistischer Kulturschaffender" unterzeichnet. Er könne Mitglied bleiben, wenn er "seine Unterschrift … zurückzieht und sich von der "Produktion Ruhrkampf" trennt. Sowka lehnte dies ab.
Q: Produktion Ruhrkampf: Literaturpolitische Korrespondenz, Jg. 3, Sonderdruck, Köln, Juni 1975.

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Letzte Änderung: 14.06.2017