Diskussionsbeitrag des ehemaligen KSB/ML Hamburg: Der Anbetung der Spontaneität die Einheit von Studieren, Propagieren, Organisieren entgegensetzen!, März 1972 – Materialien zur Analyse von Opposition

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 6.9.2015


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Die hier dokumentierte Broschüre des ehemaligen KSB/ML Hamburg der KPD/ML-ZK (Roter Morgen) widmet sich den Auseinandersetzungen zwischen dieser Gruppe und der KPD/ML-ZK (Roter Morgen), zu der hier auch ergänzende Hinweise aufgenommen wurden.

Auszug aus der Datenbank „Materialien zur Analyse von Opposition“ (MAO)

August 1971:
Nach eigenem Bericht spaltet sich ca. im August der KSB/ML Hamburg der KPD/ML-ZK. Von der parteitreuen Landesleitung (LL) Wasserkante bzw. Hamburg heißt es dazu:"
ZU DEN THESEN DER EHEMALIGEN KSB/ML-LEITUNG
ALLGEMEIN ZU DEN THESEN:

1. Welche Methode wurde benutzt, um die eigene Position zu formulieren?

Es werden fast nur Zitate aneinandergereiht. Die Zitate wurden aus dem Zusammenhang gerissen. Zitate wurden als Zitate nicht einmal kenntlich gemacht. Einzelne Zitate, die ihre Bedeutung als Argumente nur im Zusammenhang mit den Gegenargumenten haben, wurden als allgemeingültige Sätze und Prinzipien herausgestellt. Zitate wurden aneinandergereiht, anstatt mit Hilfe der marxistisch-leninistischen Methode die Situation der Partei zu untersuchen. Das ist reiner Dogmatismus.

2. Welche Methode wurde benutzt, um die Partei zu kritisieren?

Korrekt wäre es, die Entwicklung der Partei darzustellen und dann anhand der Widersprüche beim Aufbau der Partei das Positive und das Negative hervorzuheben. Aber die in den Thesen angewandte Methode ist die metaphysische. Es wird keine Analyse vorgenommen. Es wird einseitig nur das Schlechte gesehen. Diese Methode, nur das Schlechte einseitig zusammenzufassen, ist nur geeignet, den Genossen die Zuversicht zu nehmen.

Rotes Buch, S. 258:
'Einseitigkeit heißt die Dinge in Gedanken verabsolutieren, eine Frage metaphysisch betrachten. Bezüglich unserer Arbeit bedeutet das eine
Einseitigkeit, wenn man alles bejaht oder alles verneint… alles bejahen heißt nur das Gute wahrnehmen und das Schlechte übersehen, nur Lob zulassen, nicht aber Kritik. Wenn man sagt, daß an unserer Arbeit alles gut ist, so entspricht das nicht den Tatsachen. Es stimmt nicht, daß alles gut ist. Es gibt noch Mängel und Fehler. Aber es stimmt auch nicht, daß alles schlecht ist, denn das entspricht ebenfalls nicht den Tatsachen. Man muß die Dinge analysieren. Alles verneinen heißt, daß man ohne eine Analyse vorzunehmen, alles, was man gemacht hat, für verfehlt hält, als ob es an der großen Sache des Sozialistischen Aufbaus, an dem großen Kampf hunderter von Millionen Menschen nichts Gutes gäbe und alles ein einziges Chaos wäre. Viele von jenen, die eine solche Auffassung vertreten, unterscheiden sich zwar von den Leuten, die dem sozialistischen System feindlich gesinnt sind; aber diese Auffassung ist vollkommen falsch, sehr schädlich, sie ist nur geeignet, den Menschen die Zuversicht zu nehmen. Bei der Beurteilung unserer Arbeit, alles zu bejahen oder alles zu verneinen, ist gleichermaßen falsch.'

Das gilt auch für den Aufbau der Partei.

3. Die in den Thesen vorgebrachte Kritik ist keine innerparteiliche Kritik mehr, sie wird bereits von außen vorgebracht. Das zeigt sich daran, daß die Solidarität als Basis der Kritik verlassen ist. Anstatt zu helfen, beginnen sie die Partei schlecht zu machen.

'Die innerparteiliche Kritik ist eine Waffe zur Festigung der Parteiorganisation und zur Verstärkung der Kampffähigkeit der Partei.' (Rotes Buch, S. 312)

Wer ist denn für den Zustand der Partei verantwortlich, wenn nicht diejenigen, die in verantwortlicher Funktion gestanden haben? In dem Augenblick, wo sie zur Verantwortung gezogen werden, tun sie so, als hätten sie mit der ganzen Sache nichts zu tun gehabt. Anstatt eine Kritik, wäre eine Selbstkritik fällig gewesen, das wäre die solidarische Form gewesen. Dies gilt besonders für W*L.

Erst haben sie die Partei in die 'Scheiße' (um den Ausdruck von W.L. zu gebrauchen) geritten und dann schreien sie 'Ih, Ihr Mistschweine'!

4. Eine solidarische Kritik bleibt auch nicht bei der Kritik stehen, sie weist den Weg und gibt Schritte an, wie die Fehler berichtigt werden. Diese Thesen tun das nicht. Immer dieselbe Haltung: den RM kritisieren, aber nicht bereit sein, an ihm mitzuarbeiten, um ihn zu verbessern, wie P*M.

Die subjektivistische Kritik über alle Grenzen überspitzen, aber nichts zur Verbesserung beitragen. Das ist nichts anderes als parteischädigend.

5. Die Position, die in diesen Thesen zum Ausdruck kommt, ist nicht neu. Es ist haarscharf die Position, die die MLHO in Kiel vor über einem halben Jahr einnahm. Die MLHO hatte im vorigen Dezember ein Grundsatzpapier herausgegeben, dessen Titel mit dem ersten Satz der zweiten These identisch ist:

'Das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur entstehen aufgrund tiefer wissenschaftlicher Einsicht'.

Das Fazit dieses Grundsatzpapiers lautet: 'Wir schlagen daher die Auflösung der 'ML'HO vor und statt ihrer die Bildung von Studien- (langfristig) Propagandazirkel unter der Leitung eines noch zu wählenden Zentralzirkels, der als wesentliche Aufgabe die Anleitung der übrigen Zirkel beim Studium des ML übernimmt.'

Die ehemalige KSB/ML-Leitung hat zwar die Position der MLHO übernommen, aber sie war zu feige, deren Konsequenz auf die Partei anzuwenden, nämlich die Auflösung der Organisation.

NUN ZU DEN THESEN SELBST:
Beginnen wir mit der 2. These und kommen nachher auf die 1. zurück.

ZUR 2. THESE:
'Das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur entstehen aufgrund tiefer wissenschaftlicher Einsicht'.

In dieser These wird suggeriert, daß, wenn es im ML ums Bewußtsein geht, es ums moderne sozialistische Bewußtsein geht. Es wird überhaupt nicht daran gedacht, daß es dem Marxismus-Leninismus auch um das Klassenbewußtsein geht. Ist das proletarische Klassenbewußtsein nun ein sozialistisches Bewußtsein oder nicht? Darauf kann nur mit Ja geantwortet werden. Wenn das proletarische Klassenbewußtsein ein sozialistisches Bewußtsein ist, dann ist der Satz aber falsch, daß das moderne sozialistische Bewußtsein NUR entstehen kann durch tiefe wissenschaftliche Einsicht. Das Klassenbewußtsein der Arbeiter bildet sich nämlich durch die bewußte Auswertung der sinnlichen Erfahrung, die sie im Leben in ihrer Klasse gemacht haben. Dieses Bewußtsein ist dann selber nur auf der Höhe einer relativen Erkenntnis. Es muß durch die Schulung, durch die Tätigkeit in der Partei und durch die Beteiligung an den Klassenkämpfen auf das höchstmögliche Maß relativer Erkenntnis gehoben werden. Dies ist der Weg der Arbeiter zum sozialistischen Bewußtsein. Der Arbeiter hat im allgemeinen zuerst sein Klassenbewußtsein; und dann wird es durch wissenschaftliche Kenntnisse konzentriert bzw. präzisiert.

Wer ist es hingegen, der über die wissenschaftliche Einsicht zum sozialistischen Bewußtsein kommt? Das sind die bürgerlichen und die kleinbürgerlichen Intellektuellen. Sie können im allgemeinen nur durch wissenschaftliche Einsicht zu dem Bewußtsein gelangen, daß die Interessen des Proletariats die objektiven Interessen der Menschheit sind. Für sie ist die wissenschaftliche Einsicht im allgemeinen erforderlich, um Klassenverrat zu begehen. Aber reicht die wissenschaftliche Einsicht aus? Nein!

'Viele Menschen, die 'die Bücher' des Marxismus-Leninismus gelesen hatten, wurden zu Verrätern an der Revolution; aber die Arbeiter, die Analphabeten sind, können oft sehr gut den Marxismus-Leninismus handhaben.' (Mao Tse-tung gegen die 'Buchgläubigkeit')

'Was für ein Wissen ist das Buchwissen der Studenten? Selbst wenn dieses Wissen der Wahrheit entspricht, sind das doch Theorien, die von ihren Vorfahren bei der Verallgemeinerung deren Erfahrungen im Kampf um die Produktion und im Klassenkampf aufgestellt wurden, und das ist kein durch die eigene Erfahrung durch die Studierenden selbst erworbenes Wissen. Es ist durchaus nötig, daß sich die Studenten jenes Wissen aneignen, sie müssen aber im Auge behalten, daß es für sie noch im gewissen Sinn ein einseitiges Wissen ist - es ist wohl von anderen bestätigt worden, aber noch nicht von ihnen selbst. Das Wichtigste ist, daß man das im Leben, in der praktischen Tätigkeit anzuwenden versteht. Deshalb rate ich jenen, die nur über Buchwissen verfügen, mit der Praxis aber noch nicht in Berührung gekommen sind oder die nur geringe praktische Erfahrung besitzen, sich über ihre eigenen Mängel klarzuwerden und etwas bescheidener aufzutreten.' (Mao Tse-tung, Bd. III, Seite 40)

Wenn man sagt, daß gegenwärtig nur durch wissenschaftliche Einsicht das sozialistische Bewußtsein gebildet werden kann, so sagt man in eins damit, daß das Proletariat nicht fähig ist, ein Klassenbewußtsein auszubilden. Der Satz drückt nichts anderes aus, als daß nur die bürgerliche und kleinbürgerliche Intelligenz zum sozialistischen Bewußtsein kommen kann. Also muß die Intelligenz die Führung haben, das steckt hinter dem Satz. In der zweiten These kommt einzig und allein der Zweck zum Ausdruck, die Herrschaft der bürgerlichen Intelligenz innerhalb der Arbeiterbewegung zu sichern.

ZUR 1. THESE

'…die Arbeiterklasse kann nur aus eigener Kraft ein trade-unionistisches Bewußtsein entwickeln'.

Indem dieser Satz nicht das Verhältnis ausdrückt zwischen dem Klassenbewußtsein der Arbeiter und der Unfähigkeit der Arbeiterklasse im allgemeinen über das trade-unionistische Bewußtsein hinauszukommen, wird der Eindruck suggeriert, Lenin sei der Auffassung gewesen, die Arbeiterklasse könne aus eigener Kraft kein Klassenbewußtsein hervorbringen. Solchen Unsinn hat Lenin natürlich niemals gemeint. Der Satz, daß die Arbeiterklasse aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewußtsein hervorbringen kann, bedeutet lediglich, daß die Arbeiter, wenn sie mit dem Bewußtsein ihrer Klasseninteressen gerüstet sind, doch nicht über die Erfahrungen aus den gesamten bisherigen Kämpfen ihrer Klasse verfügen, daß sie aus dem Grunde ohne längerfristige Perspektive, ohne Strategie kämpfen, ohne einheitliches Konzept und daß sie deshalb bei ihren Kämpfen nur beim Allernächsten stehenbleiben müssen; also beim Tradeunionismus oder aber auch beim Terrorismus.

In den ersten beiden Thesen versuchen die Verfasser den Eindruck zu schaffen, daß auf Seiten der Arbeiterklasse ein Nichts an sozialistischem Bewußtsein ist. Und das demzufolge - wie es in der 3. These klipp und klar zum Ausdruck kommt - das sozialistische Bewußtsein den Arbeitern von der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Intelligenz gebracht werden muß. Sie unterscheiden nicht zwischen Klassenbewußtsein und wissenschaftlichem Sozialismus, sie wählen extra das Wort 'modernes sozialistisches Bewußtsein', um diesen Unterschied zu vertuschen und tun dann so, ALS MÜSSTE NICHT NUR DER WISSENSCHAFTLICHE SOZIALISMUS IN DIE ARBEITERKLASSE HINEINGETRAGEN WERDEN, SONDERN AUCH NOCH DAS KLASSENBEWUSSTSEIN bzw. daß das Klassenbewußtsein erst beginnt, nachdem der wissenschaftliche Sozialismus in die Arbeiterklasse hineingetragen worden ist.

ZUR 3. THESE

'Der Träger der Wissenschaft im Kapitalismus aber ist nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche bzw. kleinbürgerliche Intelligenz…'

Wer ist Träger der Wissenschaft im Kapitalismus? Diese Frage teilt sich in zwei Fragen. Die erste: Wer ist Träger der bürgerlichen Wissenschaft im Kapitalismus? Das ist die Universität und das sind die mit der kapitalistischen Industrie verbundenen Forschungsstätten, also bürgerliche Institutionen, auch wenn es mal einzelne gibt, die was erfinden. Die zweite Frage lautet: Wer ist Träger des wissenschaftlichen Sozialismus im Kapitalismus? TRÄGER DES WISSENSCHAFTLICHEN SOZIALISMUS IM KAPITALISMUS IST DIE PARTEI! Diesen Grundbestandteil der Lehre von der Partei haben die Schreiber dieser These überhaupt nicht erfaßt.

'Unsere Partei ist der bewußte Träger des unbewußten Prozesses' (Lenin, Bd. 7, S. 272)

Wenn auch historisch gesehen die Herausarbeitung des wissenschaftlichen Sozialismus die Sache einiger weniger kommunistischer Intellektueller war, so ist doch der Träger des wissenschaftlichen Sozialismus einzig und allein die Partei. Die Partei ersetzt die Genies. Wer heute den Marxismus-Leninismus weiterentwickeln wollte in Zirkeln einiger weniger kommunistischer Intellektueller und sich davon einen durchschlagenden Erfolg verspricht, der betreibt nichts anderes, als auf Genies wie Marx zu warten oder hält sich selbst dafür.

Der wissenschaftlichen Sozialismus ohne Partei ist soviel wie die Partei ohne wissenschaftlichen Sozialismus. DEN WISSENSCHAFTLICHEN SOZIALISMUS AUF UNSERE VERHÄLTNISSE ANWENDEN, HEISST DIE MARXISTISCH-LENINISTISCHE PARTEI AUFBAUEN.

ZUR 4. THESE
'Also wird die Theorie des Sozialismus ganz unabhängig von der Entwicklung der spontanen Arbeiterbewegung ausgearbeitet…'

Wird die Theorie des Sozialismus ganz unabhängig von der Entwicklung der spontanen Arbeiterbewegung ausgearbeitet (in der Plattform der Partei steht RELATIV unabhängig)? Zunächst darf man es sich nicht so vorstellen, als führen der wissenschaftliche Sozialismus und die spontane Arbeiterbewegung wie zwei Schienen seit 150 Jahren nebeneinander her. Schon früh erreichte die spontane Arbeiterbewegung die Phase organisierter Kämpfe. Mit dem Kommunistischen Manifest 1848 war die Verbindung zwischen wissenschaftlichem Sozialismus und der spontanen Arbeiterbewegung hergestellt. Die Verbindung war in der historischen Entwicklung mal enger, mal weniger eng. Aber eine reine spontane ArbeiterBEWEGUNG hat es seit den Frühzeiten des Kapitalismus gar nicht gegeben. Es hat höchstens spontane Erhebungen, Streiks und Aufstände gegeben.

Stalin hat den Satz innerhalb einer bestimmten Auseinandersetzung gebraucht. Unsere schülerhaften Dogmatiker aber nehmen ihn heraus und verallgemeinern ihn. Welchen Sinn hat er bei Stalin? Wieder muß die Methode: 'Eins teilt sich in zwei' angewandt werden. Analysieren heißt die Widersprüche herausarbeiten.

A) Inwiefern ist die Theorie des Sozialismus unabhängig von der Arbeiterbewegung?
B) Inwiefern ist die Theorie des Sozialismus abhängig von der SPONTANEITÄT der Arbeiterbewegung?

Auf die erste dieser beiden Fragen kann man nur antworten: sie ist abhängig; und zwar in folgendem Sinne: Die Theorie des Sozialismus ist nicht nur die Analyse der Entwicklungsgesetze des Kapitals, sondern auch die Zusammenfassung der systematisierten und verallgemeinerten Erfahrungen aus der Arbeiterbewegung selber. Und die Theorie entwickelte sich mit der Arbeiterbewegung. 1848 waren noch nicht die theoretischen Einsichten möglich von 1871, 1871 noch nicht die von 1917, 1917 noch nicht die der chinesischen Kulturrevolution.

Aber noch in einer anderen Weise war die Theorie abhängig von der Arbeiterbewegung. Insofern nämlich, als Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tse-tung 'persönlich an der Praxis des Klassenkampfes' (Mao Tse-tung, Bd. I, S. 352) teilnahmen.

'Marx hat sich praktisch an der revolutionären Bewegung beteiligt und außerdem die Theorie der Revolution geschaffen. Ausgehend von der Ware, dem einfachsten Element des Kapitalismus, hat er die ökonomische Struktur der kapitalistischen Gesellschaft gründlich erforscht. Millionen von Menschen haben tagtäglich so ein Ding wie die Ware gesehen und benutzt, aber sich keine Gedanken darüber gemacht. Erst Marx hat dieses Ding wissenschaftlich erforscht, hat eine gewaltige Forschungsarbeit geleistet, um die reale Entwicklung der Ware zu verfolgen, und hat aus dem, was allgemein existiert, eine wahrhaft wissenschaftliche Theorie erarbeitet. Er hat die Natur, die Geschichte, die proletarische Revolution erforscht, er hat den dialektischen Materialismus, den historischen Materialismus und die Theorie der proletarischen Revolution geschaffen. Auf diese Weise wurde Marx zum vollkommensten Intellektuellen, aus dem die höchste Weisheit der Menschheit sprach; er unterschied sich grundlegend von den Menschen, die nur Buchwissen besitzen. MITTEN IM PRAKTISCHEN KAMPF UNTERNAHM MARX SORGFÄLTIG FORSCHUNGEN UND STUDIEN, GELANGTE ZU EINER REIHE VON VERALLGEMEINERUNGEN UND ÜBERPRÜFTE WIEDERUM IM PRAKTISCHEN KAMPF SEINE SCHLUSSFOLGERUNGEN. EBEN DAS IST ES, WAS WIR THEORETISCHE ARBEIT NENNEN. In unserer Arbeit brauchen wir viele Genossen, die es lernen, so zu arbeiten. Bei uns gibt es jetzt zahlreiche Genossen, die fähig sind, zu lernen, eine solche theoretische Forschungsarbeit zu leisten, in ihrer Mehrheit sind das intelligente und fähige Menschen, die wir schätzen sollen. Aber sie müssen den richtigen Kurs einhalten und dürfen die in der Vergangenheit gemachten Fehler nicht wiederholen. Sie müssen den Dogmatismus verwerfen und dürfen nicht in fertigen Buchformeln steckenbleiben.' (Mao Tse-tung, Bd. III, S. 41 Hervorhebungen durch die LL)

Die Theorie des Sozialismus ist also von der Arbeiterbewegung abhängig. Wer das leugnet, verstößt gegen die materialistische Erkenntnistheorie. Welchen Sinn kann dann aber das Zitat aus dem Brief aus Kutais von Stalin haben? Das Zitat wird nur dann sinnvoll, wenn man es so versteht wie in der Frage B):
'Inwiefern ist die Theorie des Sozialismus abhängig von der SPONTANEITÄT der Arbeiterbewegung?'

Das ist das Thema, das Stalin in dem Brief behandelt. Die Spontaneisten hatten die Ansicht vertreten, daß die Theorie des Sozialismus auf den Barrikaden geboren wird, also unmittelbares Produkt der Massenkämpfe ist. Gegenüber dieser irrigen Auffassung vertraten die Bolschewiken den korrekten Standpunkt, daß der wissenschaftliche Sozialismus ein Produkt von Intellektuellen war, daß er deshalb in die Arbeiterklasse hineingetragen werden müsse. Die Arbeiterklasse ist spontan nicht in der Lage, auf der Höhe der verallgemeinerten Erfahrungen aus den gesamten vorherigen Kämpfen zu handeln. Dazu ist nur die Partei imstande. Das war der Kern der Auseinandersetzungen mit den Spontaneisten. Nicht die Klasse führt die Partei, sondern die Partei ist der Führer ihrer Klasse. Umgekehrt gibt es Nachtrabpolitik.

LENIN UND STALIN ZIEHEN AUS DEM SATZ, DASS DER WISSENSCHAFTLICHE SOZIALISMUS UNABHÄNGIG VON DER SONTANEITÄT DER ARBEITERKLASSE ENTWICKELT WIRD, DIE KONSEQUENZ, DASS DIE PARTEI DIE FÜHRUNG GEGENÜBER DER KLASSE HABEN MÜSSE, IN DEN THESEN DER HEEMALIGEN KSB/ML-LEITUNG ABER WIRD AUS DEM SATZ EINE GANZ ANDERE KONSEQUENZ GEZOGEN, NÄMLICH DIE, DASS ES JETZT DIE AUFGABE EINIGER WENIGER INTELLEKTUELLER IST, DIE THEORIE DES WISSENSCHAFTLICHEN SOZIALISMUS HERAUSZUARBEITEN.

Stalin hat im Anschluß an diese Stelle aus dem Brief aus Kutais einen Schluß gezogen, der aber wird in den Thesen nicht mitzitiert, um eben nicht den Schluß Stalins, sondern den eigenen ziehen zu können.

'Die Schlußfolgerung (der praktische Schluß) hieraus ist die: Wir müssen das Proletariat bis zum Bewußtsein der wahren Klasseninteressen, bis zur Erkenntnis des sozialistischen Ideals heben, nicht aber dieses Ideal gegen Kleinigkeiten eintauschen oder es der spontanen Bewegung anpassen.' (Stalin, Bd. I, S. 51)

Stalin zieht also ganz eindeutig auch nicht die Konsequenz, die in These 6 formuliert wird, so als ginge sie logisch aus dem Vorhergesagten hervor, nämlich: Erste Voraussetzung der Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung ist, sich das Wesen der marxistisch-leninistischen Theorie vollständig anzueignen. Stalin schreibt nicht, wird müssen also erstmal eine Zeitlang Theorie machen, sondern er schreibt, wir müssen das Proletariat zum Bewußtsein der wahren Klasseninteressen erziehen.

Unvollständiges Zitieren, Verfälschungen der Klassiker, das ist der durchgängige Stil dieser Thesen. Andere Beispiel dafür kommen noch.

WER DIE LINIE EINSCHLÄGT, DEN WISSENSCHAFTLICHEN SOZIALISMUS IM KREISE WENIGER INTELLEKTUELLER SICH ERST ANZUEIGNEN, BEVOR DIE VERBINDUNG ZUR ARBEITERKLASSE AUFGENOMMEN WIRD, DER FORDERT DIE AUFLÖSUNG DER PARTEI. Die Partei ist die Verbindung von wissenschaftlichem Sozialismus und Arbeiterbewegung (siehe Plattform).

Die Schreiber dieser Thesen denken entweder nicht konsequent genug, um dies zu erkennen oder sie haben nicht den Mut, dies einzugestehen.

Nun noch zu dem Wörtchen 'trotz' in dem Zitat von Stalin. Was soll das heißen, daß die Theorie des Sozialismus trotz der spontanen Arbeiterbewegung ausgearbeitet wird? Das hat einzig und allein den Sinn, daß die Entwicklung der Theorie des Sozialismus nicht von der jeweiligen Spontaneität der Kämpfe abhängt. Die Spontaneität der Arbeiterbewegung kann zurückgehen wie in der Phase der Konterrevolution nach 1905 in Rußland, dennoch hat sich die Theorie des Sozialismus weiterentwickelt. Lenin hat in jener Zeit gerade wichtige grundlegende theoretische Arbeiten verfaßt.

Noch einmal in aller Deutlichkeit: Warum muß der wissenschaftliche Sozialismus in die Arbeiterklasse getragen werden? Nicht deshalb, weil die Arbeiterklasse bar jeden sozialistischen Bewußtseins ist. In der Arbeiterklasse ist ein mehr oder weniger ausgeprägtes Klassenbewußtsein vorhanden. Das Klassenbewußtsein ist ein abstraktes sozialistisches Bewußtsein. In ihm sind nur die Erfahrungen aus der jeweiligen eigenen Lebenspraxis der einzelnen Individuen enthalten. Das Wesen der Ausbeutung ist nicht wissenschaftlich, sondern nur auf der Basis sinnlicher Erkenntnis erfaßt. Und zudem sind nicht die verallgemeinerten Erfahrungen aus den bisherigen Kämpfen des internationalen Proletariats vorhanden.

Unsere Aufgabe, die Aufgabe der KPD/ML ist es, aus dem abstrakten Klassenbewußtsein ein konkretes zu machen, aus der sinnlichen Erkenntnis der Ausbeutung eine rationale zu machen und den spontanen Kampfwillen zu rüsten mit den allgemeinen Erfahrungen der bisherigen Kämpfe.

ZUR ANMERKUNG (noch zur 4. These)
'Es ist eine mechanistische Auffassung des Verhältnisses von Materie und Bewußtsein - zu behaupten, man müsse an der spontanen Arbeiterbewegung teilnehmen, um die revolutionäre Theorie auszuarbeiten.'

Hier wird ein ganz schwerer Anschlag gegen die materialistische Erkenntnistheorie unternommen. Die materialistische Auffassung von Materie und Bewußtsein wird mechanistisch genannt.

Klar ist, daß man nicht Arbeiter sein muß, um die revolutionäre Theorie auszuarbeiten oder weiterzuentwickeln. Klar ist auch, daß man nicht unbedingt auf den Barrikaden mitkämpfen muß, um die revolutionäre Theorie auszuarbeiten oder weiterzuentwickeln. Aber wer glaubt, daß bürgerliche und kleinbürgerliche Intellektuelle allein durch Bücherlesen ohne eigene sinnliche Erfahrung, ohne eigene persönliche Teilnahme an der die Wirklichkeit verändernden Praxis, die revolutionäre Theorie ausarbeiten bzw. weiterentwickeln können, wendet sich gegen alle historischen Erfahrungen und verstößt gegen die materialistische Erkenntnistheorie.

'Willst du Kenntnisse erwerben, mußt du an der die Wirklichkeit verändernden Praxis teilnehmen. Willst du den Geschmack einer Birne kennenlernen, mußt du sie verändern, d.h. sie in deinem Mund zerkauen. Willst du Struktur und Eigenschaften des Atoms kennenlernen, mußt du physikalische und chemische Versuche durchführen, um den Zustand des Atoms zu verändern. Willst du die Theorie und die Methoden der Revolution kennenlernen, mußt du an der Revolution teilnehmen. ALLE ECHTEN KENNTNISSE STAMMEN AUS DER UNMITTELBAREN ERFAHRUNG. Der Mensch kann jedoch nicht alles unmittelbar erfahren, und tatsächlich ist der größte Teil unserer Kenntnisse das Produkt mittelbarer Erfahrung. Nämlich die in der Vergangenheit oder in fremden Ländern erworbenen Kenntnisse. Für unsere Vorfahren und für die Ausländer waren es Produkte unmittelbarer Erfahrung, und wenn diese Kenntnisse zur Zeit ihrer Erwerbung als unmittelbare Erfahrung jener Bedingung entsprachen, die Lenin 'wissenschaftliche Abstraktion' nannte, und die objektiv existierenden Dinge wissenschaftlich widerspiegelten, dann sind sie zuverlässig, sonst nicht. Darum setzen sich die Kenntnisse eines Menschen aus zwei Bestandteilen zusammen, aus direkter Erfahrung und aus mittelbarer Erfahrung. Außerdem bleibt das, was für mittelbare Erfahrung, für andere unmittelbare Erfahrung. Nimmt man also die Kenntnisse in ihrer Gesamtheit, gibt es keine, die von der unmittelbaren Erfahrung losgelöst sein könnten. Der Ursprung aller Kenntnisse sind die Empfindungen, die die physischen Sinnesorgane des Menschen von der objektiven Außenwelt empfangen; wer die Empfindungen verneint, die unmittelbare Erfahrung leugnet und die persönliche Teilnahme an der die Wirklichkeit verändernden Praxis ablehnt, ist kein Materialist. Darum eben sind die 'Alleswisser' so lächerlich. Es gibt ein altes chinesisches Sprichwort 'Wie kann man ein Tigerjunges fangen, wenn man nicht in die Höhle des Tigers geht?' Dieses Sprichwort drückt eine Wahrheit aus, die gleichermaßen für die menschliche Praxis wie für die Erkenntnistheorie gilt. Eine von der Praxis losgelöste Erkenntnis kann es nicht geben.' (Mao Tse-tung, Bd. I, S. 353 Hervorhebung von der LL)

Es gibt nur eine Linie, die beim Aufbau der Partei korrekt ist:
'Es gibt also zwei Arten unvollständiger Kenntnisse: Kenntnisse. die in fertiger Form aus Büchern erworben werden und Kenntnisse, die vorwiegend das Ergebnis sinnlicher Wahrnehmung oder Teilkenntnisse sind. Die einen wie die anderen leiden an Einseitigkeit. Nur ihre Vereinigung kann gute, verhältnismäßig vollständige Kenntnisse ergeben.' (Mao Tse-tung, Bd. III, S. 42)

'Wer über Buchwissen verfügt, soll sich in praktischer Hinsicht entwickeln; erst dann wird er vermeiden können, im Buchwissen steckenzubleiben und Fehler dogmatischer Art zu begehen. Wer dagegen über Erfahrungen in der praktischen Arbeit verfügt, muß die Theorie studieren und gewissenhaft Bücher lesen; erst dann wird es möglich sein, daß seine Erfahrungen einen systematischen, synthetischen Charakter annehmen und auf das Niveau der Theorie gehoben werden. Erst dann wird er seine Teilerfahrungen nicht fälschlicherweise für allgemeingültige Wahrheiten halten und keine Fehler empiristischer Art begehen. Dogmatismus und Empirismus sind beide ein Subjektivismus, der von entgegengesetzten Polen herrührt.' (Mao Tse-tung, Bd. III, S. 43)

Wir müssen beim Aufbau der Partei Dogmatismus und Empirismus von Anfang an im Keim bekämpfen. Wir müssen Buchwissen mit praktischen Erfahrungen verbinden.

'Heute liegt die Frage nicht mehr darin, ob wir diese Werke (der Klassiker des Marxismus-Leninismus) studieren oder nicht, sondern darin, ob wir sie wirklich beherrschen und das Gelernte anwenden können oder nicht. Um sie wirklich zu beherrschen und anzuwenden, müssen wir das Studium mit der Praxis verbinden. Nur in Verbindung mit der Praxis sind wir imstande, die Werke des Vorsitzenden Mao zu begreifen, sie im Kopf zu behalten und in der Praxis anzuwenden. Ohne diese Verbindung können wir die Werke Vorsitzenden Maos nicht begreifen, nicht im Kopf behalten und auch nicht anwenden. Wir müssen das Studium mit der Praxis verbinden, immer wieder Erziehung vornehmen und Propaganda machen, immer wieder studieren und das Erlernte in der Praxis anwenden. Es wird keine Wiederholung geben, wenn wir das Studium mit der Praxis, der Ideologie und der Arbeit verbinden.' (Lin Biao, PR Nr. 42/1966 (vgl. S9.**.1966, d.Vf.))

Zusammenfassend: DAS PARTEIPRINZIP IST EIN BESTIMMTES KONZEPT - UND ZWAR DAS KONZEPT, WELCHES ALLEIN OBJEKTIVITÄT GARANTIERT -, REVOLUTIONÄRE THEORIE ZU MACHEN. Die Partei verbindet die Aneignung des Marxismus-Leninismus mit der Anwendung des Marxismus-Leninismus, sie verbindet Buchwissen mit den Erfahrungen in der praktischen Arbeit, sie verbindet das Studium der Klassiker mit den Untersuchungen über die konkreten gegenwärtigen Verhältnisse, sie verbindet die Ergebnisse aus den Ermittlungsgesprächen mit den Untersuchungen über die gegenwärtigen Entwicklungen der Gesetzmäßigkeiten des Kapitals anhand bürgerlicher Statistiken und bürgerlicher Veröffentlichungen. Sie verbindet den wissenschaftlichen Sozialismus mit der Arbeiterbewegung, sie verbindet die Theorie mit der Praxis. Der Aufbau der Partei besteht von Anfang an darin, diese Verbindungen herzustellen. Diese Verbindungen herzustellen, ist erforderlich, um Objektivität herzustellen; d.h. um zu organisieren, daß die Partei der bewußte Träger des unbewußten Prozesses wird.

Daß die Theorie die Hauptseite in der gegenwärtigen Phase ist, bedeutet in keinem Falle, daß nun nur Theorie gemacht wird, daß die Verbindungen auseinandergerissen werden:

'Klavier spielen lernen. Beim Klavierspielen müssen sich alle 10 Finger bewegen; es geht nicht, daß sich dabei einige bewegen und andere nicht. Wenn jedoch alle 10 Finger gleichzeitig auf die Taste drücken, kommt auch keine Melodie heraus. Um gute Musik hervorzubringen, muß die Bewegung der Finger rhythmisch koordiniert sein. Ein Parteikomitee muß die zentralen Aufgaben anpacken und festhalten, jedoch, mit diesen im Mittelpunkt, gleichzeitig die Arbeit auf anderen entfalten. Wir haben uns jetzt um viele Arbeitsbereiche zu kümmern; wir müssen in allen Gegenden, Truppenteilen und Sparten nach dem rechten sehen, dürfen nicht lediglich einem Teil der Fragen Aufmerksamkeit schenken, andere aber aus den Augen verlieren. Überall, wo eine Frage auftaucht, müssen wir diese Taste anschlagen; das ist eine Methode, die wir unbedingt zu meistern haben.' (Mao Tse-tung, Rotes Buch, S. 130)

Der Aufbau der Partei bedeutet, die Verbindungen herstellen und entwickeln. Daß eine Seite die Hauptseite ist, bedeutet nur, daß in der Herstellung der Verbindungen, zum Beispiel von Theorie und Praxis, besonderes Gewicht auf die eine Seite, also die Theorie in unserem Falle liegt.

WAS FÜR DIE THESEN DER EHEMALIGEN KSB/ML-LEITUNG KENNZEICHNEND IST, IST DER TOTALE MANGEL AN DIALEKTIK. UM DIE HAUPTSEITE THEORIE ZU VERWIRKLICHEN, WIRD DIE THEORIE VON DER PRAXIS GELÖST.

Nun zu dem 2. Teil der Anmerkung zur 4. These.
'Diese Auffassung läuft - konsequent zuende gedacht - darauf hinaus, man müsse an der Bourgeoisie teilnehmen, um die Widersprüche innerhalb der Bourgeoisie zu analysieren.'

Eine völlig falsche Folgerung! Warum müssen wir heute an der Arbeiterbewegung teilnehmen und nicht an der Bourgeoisie? Auf keinen Fall, um den Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital herauszukriegen, das ist bereits herausgearbeitet worden. Zuallererst darum, weil die Anschauung, das eigene Erleben, das durch lesen Erworbene festigt. Weil in den Lebensbedingungen der Arbeiter - siehe Kommunistisches Manifest - die Existenzbedingungen des Kapitalismus allesamt negiert sind, und die Arbeiter daher die Erfahrung machen können, daß die Abschaffung des Kapitals im Interesse der Mehrheit der Menschen liegt. Wir brauchen nicht am Leben der Bourgeoisie teilzunehmen, weil wir da nicht sinnlich die Notwendigkeit der Abschaffung des kapitalistischen Systems erfahren.

Aber entscheidend ist der Gesichtspunkt der Strategie. Auch wenn wir in der gegenwärtigen Phase des Aufbaus der Partei noch keine Massenkämpfe führen und unser Hauptaugenmerk auf der Propaganda liegt, so beginnen wir doch von Anfang an, unter strategischen Gesichtspunkten zu denken und zu arbeiten. Hauptseite Theorie, Gewinnung der Avantgarde des Proletariats, sind strategische Richtlinien. Gemäß unseren Möglichkeiten, die wir realistisch einschätzen müssen, greifen wir in unserer Propaganda schon heute in die Kämpfe der Arbeiter ein, um die revolutionäre Bewegung zu beschleunigen, um das Bewußtsein der Notwendigkeit der Revolution in der Arbeiterklasse zu verbreiten.

'Die politische Strategie befaßt sich, ebenso wie die Taktik auch mit der Arbeiterbewegung. Aber die Arbeiterbewegung besteht aus zwei Elementen: dem objektiven oder spontanen Element und dem subjektiven oder bewußten Element. Das objektive, spontane Element bildet diejenige Gruppe von Prozessen, die unabhängig vom bewußten und regulierenden Willen des Proletariats vor sich gehen. Die ökonomische Entwicklung des Landes, die Entwicklung des Kapitalismus, der Zerfall der alten Staatsmacht, die spontanen Bewegungen des Proletariats und der Klassen, die es umgeben, die Zusammenstöße der Klassen und anderes - das alles sind Erscheinungen, deren Entwicklungen nicht vom Willen des Proletariats abhängen, das bildet die objektive Seite der Bewegung. Die Strategie hat mit diesen Prozessen nichts zu tun, denn sie kann sie weder aufheben noch ändern. Sie kann nur mit ihnen rechnen und von ihnen ausgehen. Dies ist ein Gebiet, das durch die Theorie und das Programm des Marxismus erforscht wird.

Aber die Bewegung hat noch eine subjektive, bewußte Seite. Die subjektive Seite der Bewegung bildet die Widerspiegelung der spontanen Prozesse der Bewegung in den Köpfen der Arbeiter, bildet die bewußte und planmäßige Bewegung des Proletariats auf ein bestimmtes Ziel hin. Diese Seite der Bewegung ist eigentlich gerade dadurch von Interesse, daß sie, zum Unterschied von der objektiven Seite der Bewegung vollständig der lenkenden Einwirkung der Strategie und Taktik unterliegt. Ist die Strategie nicht imstande, irgendetwas im Verlauf der objektiven Prozesse der Bewegung zu ändern, so ist umgekehrt hier, auf der subjektiven, bewußten Seite der Bewegung der Anwendungsbereich der Strategie breit und mannigfaltig, denn die Strategie kann die Bewegung beschleunigen oder verzögern, kann sie auf den kürzesten Weg leiten oder auf einen schwierigeren und schmerzhaften Weg ablenken, je nach der Vollkommenheit und den Mängeln der Strategie selbst.' (Stalin, Bd. V, S. 141)

DAS ERFORDERNIS BEIM AUFBAU DER PARTEI, SOFORT VON ANFANG AN STRATEGISCH ZU DENKEN, MACHT ES NOTWENDIG, 'DIE WIDERSPIEGELUNG DER SPONTANEN BEWEGUNG IN DEN KÖPFEN DER ARBEITER' DURCH ERMITTLUNGSGESPRÄCHE IN DER ARBEITERKLASSE SELBST ZU ERFASSEN.

'Der Marxismus kann sich nur im Kampf entwickeln'. Das trifft nicht nur auf die Vergangenheit und auf die Gegenwart zu, es wird auch in der Zukunft unbedingt Gültigkeit behalten.' (Mao Tse-tung)

DER AUFBAU DER PARTEI VERBINDET UNMITTELBAR DIE SCHAFFUNG DER KONKRETEN REVOLUTIONÄREN PERSPEKTIVE MIT DEM EINGREIFEN IN DIE KLASSENKÄMPFE, JE NACH DEM STAND DER OBJEKTIVEN MÖGLICHKEITEN BEIM AUFBAU DER PARTEI. Dagegen ist in den 20 Thesen der ehemaligen KSB/ML-Leitung das Konzept vertreten, sich vom Klassenkampf zurückzuziehen und in den Studierstuben die Theorie auszubrüten.

'Das Kriegführen durch den Krieg selbst erlernen - das ist unsere Hauptmethode'. (Rotes Buch, S. 365)

Und dann: Wie sollen wir eine korrekte leninistische Propaganda entwickeln, wenn wir nur die Klassiker gelesen haben, nicht aber durch Ermittlungsgespräche das Bewußtsein der Arbeiter kennen? Die kommunistische Propaganda leistet es gerade, ausgehend vom jeweiligen Bewußtseinsstand des Proletariats die großen allgemeinen Interessen der Klasse zu erklären.

Die unmittelbare Aufnahme des Kontakts zur Arbeiterklasse ist eine Grundbedingung für die korrekte Aneignung des Marxismus-Leninismus und die Verbindung der revolutionären Theorie mit der Praxis. Daher ist die Gewinnung der Avantgarde des Proletariats die Hauptaufgabe in der gegenwärtigen Phase des Parteiaufbaus.

DIE ANWENDUNG DES WISSENSCHAFTLICHEN SOZIALISMUS AUF UNSERE KONKRETEN VERHÄLTNISSE GESCHIEHT MITTELS DES PARTEIAUFBAUS. Wir sind keine utopischen Sozialisten, die glauben, wenn sie die richtige Theorie nur haben, dann kommt alles andere von selbst. Wir sind auch keine Spontaneisten, die glauben, wenn man die richtige Theorie in die Massen trägt, dann wird sie die Massen ergreifen und die Revolution herbeiführen. Wir gehen an den Klassenkampf auch nicht heran wie ein Architekt ans Hausbauen: Erst einen schönen vollständigen Plan und anschließend die Ausführung. Wir wissen, daß der Plan sich erst konkretisiert im Verlaufe des Kampfes. Deshalb müssen wir die Lernfähigkeit der Partei von Anfang an organisieren, d.h. den demokratischen Zentralismus aufbauen. DER DEMOKRATISCHE ZENTRALISMUS IST NICHT EIN SCHEMATISCHES GERÜST DER ÜBER- UND UNTERORDNUNG, SONDERN DAS ENTSCHEIDENDE ERKENNTNISPRINZIP, DEN KLASSENKAMPF ZU FÜHREN.

PARTEIAUFBAU HEISST: VON ANFANG AN DEN KURS ENTWICKELN UND DIE MACHT ORGANISIEREN, DIESEN KURS ZU VERWIRKLICHEN. DAS IST EINE UNTRENNBARE EINHEIT. Deshalb ist der organisatorische Aufbau der Partei eine notwendige Bedingung für den ideologischen Aufbau der Partei, wie auch umgekehrt. Selbstverständlich hat der ideologische Aufbau den Vorrang. Unsere Theoretiker machen es aber wieder schön undialektisch (siehe These 11). Um den ideologischen Aufbau zu betonen, vergessen sie ganz und gar den organisatorischen Aufbau.

Um die Unredlichkeit dieser Thesenbastler zu zeigen, sollen jetzt die Zusammenhänge ganz zitiert werden, aus denen jeweils Abschnitte herausgerissen wurden, um einseitig die Theorie von der Praxis zu lösen, und sie mit dieser Methode der Praxis überzuordnen, was dem Marxismus-Leninismus direkt zuwider läuft.

Die Erkenntnistheorie des dialektischen Materialismus stellt die Praxis an die erste Stelle; sie ist der Meinung, daß die menschliche Erkenntnis keineswegs von der Praxis losgelöst werden kann und lehnt alle Theorien, die die Bedeutung der Praxis verneinen und die Erkenntnis von der Praxis lösen als falsch ab. Lenin sagte: 'Die Praxis ist höher als die (theoretische) Erkenntnis), denn sie hat nicht nur die Würde des Allgemeinen, sondern auch der unmittelbaren Wirklichkeit.'

Das erste aus dem Zusammenhang gerissene und in seinem Sinn entstellte Zitat ist das in These 6. Es beginnt: 'Die marxistisch-leninistische Theorie…'. Der gesamte Zusammenhang heißt:
'Die marxistisch-leninistische Theorie meistern bedeutet durchaus nicht, alle ihre Formeln und Schlußfolgerungen auswendig zu lernen und sich an jeden Buchstaben dieser Formeln und Schlußfolgerungen zu klammern. Um die marxistisch-leninistische Theorie zu meistern, muß man vor allem lernen, zwischen ihren Buchstaben und ihrem Wesen zu unterscheiden.

Die marxistisch-leninistische Theorie meistern bedeutet, sich das Wesen dieser Theorie anzueignen und zu lernen, diese Theorie bei der Entscheidung der praktischen Fragen der revolutionären Bewegung unter den verschiedenen Bedingungen des Klassenkampfes des Proletariats anzuwenden.

Die marxistisch-leninistische Theorie meistern heißt verstehen, diese Theorie durch die neuen Erfahrungen der revolutionären Bewegung zu bereichern; sie durch neue Leitsätze und Schlußfolgerungen zu bereichern heißt verstehen, sie zu entwickeln und weiterzuführen, und nicht davor zurückzuschrecken, ausgehend vom Wesen der Theorie einzelne ihrer Leitsätze und Schlußfolgerungen, die bereits veraltet sind, durch neue, der historischen Situation entsprechende Leitsätze und Schlußfolgerungen zu ersetzen.

Die marxistisch-leninistische Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.' (Stalin, Bd. 15, Geschichte der KPdSU(B), S. 442)

Die Verfasser der Thesen haben also nur die Stellen herausgegriffen, die ihrer irrigen Vorstellung zupaß kommen, daß die Meisterung des Marxismus-Leninismus in der Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus und nicht besonders in seiner Anwendung besteht.

Das zweite Zitat, das in seinem Sinn durch das Herausreißen aus dem Zusammenhang direkt in sein Gegenteil verkehrt wurde, ist das aus These 8. Es beginnt: 'Diese theoretische Arbeit…' Es ist nötig, einen längeren Abschnitt zu zitieren, um diese ganze intellektuelle Unredlichkeit aufzudecken. Das Zitat in seinem ganzen Zusammenhang heißt:
'Die sozialistische Intelligenz kann nur dann auf eine fruchtbringende Arbeit rechnen, wenn sie mit den Illusionen Schluß macht und darangeht, ihre Stütze in der wirklichen, nicht aber in einer erwünschten Entwicklung Rußlands, in den wirklichen, nicht aber in den möglichen sozialökonomischen Verhältnissen zu suchen. Ihre THEORETISCHE Arbeit wird dabei in der konkreten Untersuchung aller Formen des wirtschaftlichen Antagonismus in Rußland, in der Untersuchung ihres Zusammenhangs und ihrer folgerichtigen Entwicklung bestehen müssen; sie muß diesen Antagonismus überall bloßlegen, wo er durch die politische Geschichte, durch die Besonderheiten der Rechtsverhältnisse und durch eingewurzelte theoretische Vorurteile verhüllt wird. Sie muß ein in sich geschlossenes Bild unserer Wirklichkeit als eines bestimmten Systems von Produktionsverhältnissen geben, die Notwendigkeit der Exploitation und Expropriation der Werktätigen unter diesem System zeigen, sie muß den Ausweg aus diesen Zuständen zeigen, auf den die wirtschaftliche Entwicklung hinweist.

Auf der detaillierten und eingehenden Untersuchung der russischen Geschichte und Gegenwart fußend, muß diese Theorie auf die Fragen Antwort geben, die das Proletariat stellt, und wenn sie den wissenschaftlichen Anforderungen genügt, so wird jeder erwachende Protest im Proletariat den Gedanken unvermeidlich in die Bahn des Sozialdemokratismus leiten. Je weiter die Ausarbeitung dieser Theorie fortschreitet, um so schneller wird der Sozialdemokratismus an Boden gewinnen, da auch die schlausten Hüter der heutigen Ordnung nicht imstande sind, das Erwachen der proletarischen Ideen zu verhindern, und zwar deshalb nicht, weil diese Ordnung selbst notwendigerweise und unvermeidlich eine stets zunehmende Expropriation der Produzenten, ein immer stärkeres Anwachsen des Proletariats und seiner Reservearmee mit sich bringt - und dies parallel mit dem Wachsen des gesellschaftlichen Reichtums, mit dem gewaltigen Wachstum der Produktivkräfte und der Vergesellschaftung der Arbeit durch den Kapitalismus. Wieviel auch noch zur Ausarbeitung dieser Theorie zu tun übrigbleibt - ein Unterpfand dafür, daß die Sozialisten diese Arbeit vollenden werden, ist die Verbreitung des Materialismus in ihren Reihen, der einzig wissenschaftlichen Methode, der Methode, die erfordert, daß jedes Programm den tatsächlichen Prozeß formuliert; und ein Unterpfand dafür ist auch der Erfolg der Sozialdemokratie, die diese Ideen akzeptiert, ein Erfolg, der unsere Liberalen und Demokraten so aus dem Häuschen gebracht hat, daß ihre literarisch-publizistischen Zeitschriften, wie ein Marxist bemerkt hat - aufgehört haben langweilig zu sein.

Mit dieser Betonung der Notwendigkeit, Wichtigkeit und gewaltigen Bedeutung der theoretischen Arbeit der Sozialdemokratie will ich keineswegs sagen, diese Arbeit müsse an die erste Stelle, vor die PRAKTISCHE gestellt werden (Anmerkung Lenins: Im Gegenteil. An erster Stelle steht unbedingt stets die praktische Propaganda- und Agitationsarbeit, und zwar erstens, weil die theoretische Arbeit nur auf Fragen antwortet, die von der zweiten erhoben werden. Zweitens aber werden die Sozialdemokraten nur zu oft durch Umstände, die nicht von ihnen abhängen dazu gezwungen, sich allein auf die theoretische Arbeit zu beschränken, als daß sie nicht jeden Augenblick zu schätzen wüßten, der die Möglichkeit zur praktischen Arbeit bietet.) noch weniger will ich sagen, daß die zweite bis zum Abschluß der ersten aufgeschoben werden soll. So könnten nur Verehrer der 'subjektiven Methode in der Soziologie' oder Adepten des utopischen Sozialismus schlußfolgern. Wenn man freilich die Aufgabe der Sozialisten darin sieht, 'andere' (als die tatsächlichen) 'Entwicklungswege' des Landes zu suchen, dann wird die praktische Arbeit natürlich erst dann möglich sein, wenn geniale Philosophen diese 'anderen Wege' gefunden und gewiesen haben; umgekehrt, sind einmal diese Wege gefunden und gewiesen, dann hört die theoretische Arbeit auf und die Arbeit derer beginnt, die das 'Vaterland' auf dem 'neuentdeckten' 'anderen Weg' führen sollen. Ganz anders ist es, wenn man die Aufgabe der Sozialisten darin sieht, die ideologischen Führer des Proletariats in seinem wirklichen Kampf gegen die tatsächlichen, die echten Feinde zu sein, die ein Hindernis auf dem wirklichen Weg der gegebenen sozialökonomischen Entwicklung sind. Unter dieser Bedingung verschmelzen theoretische und praktische Arbeit zu einer einzigen Arbeit, die der Veteran der deutschen Sozialdemokratie, Liebknecht, so treffend mit den Worten gekennzeichnet hat:

Studieren, Propagieren, Organisieren.

Ohne die ebenerwähnte theoretische Arbeit kann man kein ideologischer Führer sein, wie man es auch nicht sein kann, ohne diese Arbeit den Erfordernissen der Sache anzupassen, ohne die Resultate dieser Theorie unter den Arbeitern zu propagieren und ihnen zu helfen, sich zu organisieren.

Diese Aufgabenstellung bewahrt die Sozialdemokratie vor den Mängeln, an denen sozialistische Gruppen so oft leiden - vor Dogmatismus und Sektierertum.

Wo die Übereinstimmung mit dem wirklichen Prozeß der sozialökonomischen Entwicklung zum obersten und einzigen Kriterium einer Doktrin gemacht wird, da kann es keinen Dogmatismus geben; wenn die Aufgabe darin besteht, die Organisierung des Proletariats zu fördern, wenn folglich die Rolle der Intelligenz darin besteht, besondere, intellektuelle Führer überflüssig zu machen, kann es kein Sektierertum geben.'

Wenn man die Stelle bei Lenin in ihrer Gesamtheit zitiert, kommt genau das Gegenteil heraus, was die Fälscher des ML mit ihren Thesen zusammengeflickt haben.

NOCH ZUR THESE 6:

Da heißt es am Schluß: 'Davon, den Marxismus-Leninismus zu meistern, kann natürlich nicht die Rede sein, solange man sich ihn nicht angeeignet hat. Das umfangreiche Studium des Marxismus-Leninismus ist daher das Haupterfordernis der Revolution'.

An diesen Sätzen wird der ganze Unterschied zwischen der Stellung der Partei und den Meinungen der KSB/ML-Fraktionisten deutlich. Zu dem ersten Satz ist nur ganz bündig zu sagen, daß man den Gebrauch des Hammers erst bei der Anwendung lernt und nicht vorher. Daher kann man auch den Marxismus-Leninismus nicht meistern, ohne ihn in der Anwendung zu meistern. Der ML ist kein totes Buchwissen, er ist vor allem eine Methode. Methoden aber lernt man bei der Anwendung.

Und zu dem 2. Satz: NICHT DAS STUDIUM DES ML IST GEGENWÄRTIG DAS HAUPTERFORDERNIS DER REVOLUTION, WIE DIE FRAKTIONISTEN SCHREIBEN, SONDERN DER AUFBAU DER PARTEI. Ein Bestandteil davon, fraglich ein wichtiger, ist das Studium des Marxismus-Leninismus.

ZUR THESE 7:
'Wo nicht Marxismus-Leninismus ist, ist bürgerliche Ideologie'. Hier haben wir nun den ganzen bodenlosen, undialektischen Schwachsinn. So lange, und so viel gelesen - Nächte durch haben unsere Theoretiker über ihren Büchern gebrütet und alles vergessen, gar nichts begriffen. Wovon geht denn die materialistische Dialektik aus? Wie geht denn das ABC? Die materialistische Dialektik geht davon aus, daß alle Dinge Widersprüche darstellen, daß alles Einzelne sich in zwei teilt. Also jeder Kader, also die Partei. Jeder Kader ist ein Widerspruch zwischen ML und bürgerlicher Ideologie, die Partei ist der Widerspruch zwischen ML und bürgerlicher Ideologie. Deshalb der bekannte Kampf zweier Linien. Wie kommen aber unsere Supertheoretiker zu ihrem undialektischen Schematismus? Ganz einfach, wie es in der der weiteren Ausführung in These 7 zum Vorschein kommt, um in die Arbeiterklasse nur den REINEN Marxismus-Leninismus hineinzutragen. Sie wollen also den reinen marxistisch-leninistischen Geist destillieren und ihn dann den Massen verabreichen. Als sei das der Weg, den ML von der bürgerlichen Ideologie reinzubekommen! Der einzige Weg dazu ist über die Praxis. Dadurch, daß wir die revolutionäre Theorie mit der revolutionären Praxis verbinden und immer enger verbinden, treiben wir die bürgerliche Ideologie im Kampf zweier Linien raus.

'Praxis, Erkenntnis, wieder Praxis und wieder Erkenntnis - diese zyklische Form wiederholt sich endlos. Und der Inhalt von Praxis und Erkenntnis wird bei jedem einzelnen Zyklus auf eine höhere Stufe gehoben. Das ist die ganze Erkenntnistheorie des dialektischen Materialismus, das ist die dialektisch-materialistische Theorie der Einheit von Wissen und Handeln'. (Mao Tse-tung, 'Über die Praxis')

Vorsitzender Mao hat uns gelehrt: 'Zu einer richtigen Erkenntnis gelangt man oft erst nach einer vielfachen Wiederholung der Übergänge von der Materie zum Geist und vom Geist zur Materie, d.h. von der Praxis zur Erkenntnis und von der Erkenntnis zur Praxis'. ('Woher kommt das richtige Denken der Menschen', Mao Tse-tung)

'Nur nach wiederholter Praxis kann man von Unerfahrenheit zur Erfahrenheit, von Unwissenheit zur Erkenntnis und von der unvollständigen Erkenntnis zur relativ vollständigen Erkenntnis fortschreiten'. (Peking Rundschau Nr. 16/71 (vgl. S16**.1971, d.Vf.) S.6)

Der Weg unserer Propaganda ist hauptsächlich nicht der von der bürgerlichen Ideologie zum Marxismus-Leninismus, sondern vom einem abstrakten Marxismus-Leninismus zum konkreten Marxismus-Leninismus. Zuerst schreiben wir nur einzelne Sätze von den Klassikern oder aus der PR ab und schlagen sie den Arbeitern um die Ohren. Mit der Zeit lernen wir, diese Sätze mit dem Bewußtsein der Arbeiter und unseren Verhältnissen zu vermitteln. Das ist bei uns so. das war in China nicht anders. 'Die 20 Jahre des Bestehens der Kommunistischen Partei Chinas sind 20 Jahre einer immer engeren Verbindung der allgemeingültigen Wahrheit des Marxismus-Leninismus mit der konkreten Praxis der chinesischen Revolution', schrieb Mao Tse-tung 20 Jahre nach Gründung der KP Chinas. (Bd. II, S. 15, Mao Tse-tung)

Dieser Entwicklungsprozeß läßt sich nicht durch das beste Studium umgehen. Er läßt sich nur durch das mit der Praxis verbundene Studium vorantreiben. Die Partei hat sich mit ihrer Gründung in die internationale Front des ML, an deren Spitze die VR China steht, eingereiht. Dann begann der Aufbau der Partei, d.h. den wissenschaftlichen Sozialismus mit der Arbeiterbewegung zu verbinden, den ML auf die konkreten Verhältnisse anzuwenden.

In dieser Entwicklung treten beim Übergang von der Materie zum Bewußtsein und vom Bewußtsein zur Materie selbstverständlich Widersprüche auf. Gerade in der Zeit solcher Widersprüche darf man nicht in Disziplinlosigkeit, nicht in Katastrophenstimmung, nicht in Miesmacherei oder Kapitulantentum verfallen. der Aufbau der Partei wird durch die Störversuche einiger Fraktionisten nicht behindert werden.

Die Partei wird die Versuche der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Intelligenz, in den Reihen der Arbeiterklasse ihre Herrschaft zu errichten, vereiteln. Sie wird beim Aufbau der Partei streng an der Linie festhalten:
'Die Arbeiterklasse muß bei allem die Führung innehaben'. (Mao Tse-tung)

Wenn sich in der Verwirklichung dieser Linie bürgerliche Intellektuelle qualifizieren, so wird die Partei sie begrüßen.

Die Partei wird aber die Fälscher des Marxismus-Leninismus, die sich bei ihr eingeschlichen haben, schonungslos bloßstellen.

Die Partei wird alle jene, die sich das Mäntelchen des Marxismus-Leninismus umgehängt haben, um die theoretischen Grundlagen des Marxismus-Leninismus in Idealismus und Metaphysik zu verwandeln, entlarven.

Die Partei wird allen Angriffen auf ihre Existenz, allen Versuchen, ihre Auflösung zu betreiben, entschlossen entgegentreten.

In dieser Stellungnahme wird auf die subjektivistischen Anschuldigungen in den Thesen 12 bis 20 nicht eingegangen. In der Beurteilung dieser Thesen bestand unter den Genossen von Anfang an weitgehende Einmütigkeit. 'Das ist genau so eine Kritik, wie wir sie bis jetzt immer von den Feinden der Partei gehört haben' war das allgemeine Urteil. Diese Kritik zu widerlegen, war nicht die Aufgabe. Die Partei wird voranschreiten und Schritt für Schritt ihre Mängel beheben und ihre Fehler korrigieren.

Worauf es in dieser Stellungnahme aber ankommt, das ist, die undialektische, idealistische Position herauszuarbeiten, von der aus der Angriff gegen die Partei betrieben wurde.

Die verleumderische Kritik an der Partei in den Thesen 12 bis 20 ist nur die Folge der in den ersten 11 Thesen bezogenen ideologischen Position. Allen Genossen Klarheit über diese Position zu verschaffen, ist ein Beitrag zum ideologischen Aufbau der Partei."

Nachgedruckt wird das Papier der Landesleitung u.a. vermutlich in Dortmund (vgl. Jan. 1972).

Innerhalb der KPD/ML-ZK Hamburg verfaßt die Parteiopposition (PO) das folgende Papier, das laut ML Dortmund, "ein Ergebnis des ideologischen Kampfes gegen die Hauptvertreter der bürgerlichen Politik innerhalb der KPD/ML" ist. Auch beim Text halten wir uns an die ML Dortmund:"
DER WIDERSPRUCH ZWISCHEN DEN ANSICHTEN VON LENIN UND STALIN UND DENEN DER
LANDESLEITUNG

'Das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur entstehen aufgrund tiefer wissenschaftlicher Einsicht… Das sozialistische Bewußtsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen hineingetragenes, nicht etwas aus ihm naturwüchsig entstandenes. Dementsprechend sagt auch das alte Hainfelder Programm ganz richtig, daß es zu den Aufgaben der Sozialdemokratie gehöre, das Proletariat mit dem Bewußtsein seiner Lage und seiner Aufgaben zu erfüllen. Dies wäre nicht notwendig, wenn dieses Bewußtsein von selbst aus dem Klassenkampf entspränge.' Soweit zitiert Lenin Kautsky zustimmend, um dann fortzufahren: 'Kann von einer selbständigen, von den Arbeitermassen im Verlauf ihrer Bewegung selbst ausgearbeiteten Ideologie keine Rede sein, so kann die Frage nur so stehen: bürgerliche oder sozialistische Ideologie. Man redet von der Spontaneität. Aber die spontane Entwicklung der Arbeiterbewegung führt eben zur Unterordnung unter die bürgerliche Ideologie, sie verläuft eben nach dem Programm des 'Credo', denn spontane Arbeiterbewegung ist Trade-Unionismus, ist Nurgewerkschaftlerei. Trade-Unionismus bedeutet aber eben ideologische Versklavung der Arbeiter durch die Bourgeoisie. Darum besteht unsere Aufgabe, die Aufgabe der Sozialdemokraten, im Kampf gegen Spontaneität, sie besteht darin, die Arbeiterbewegung von dem spontanen Streben des Trade-Unionismus, sich unter die Fittiche der Bourgeoisie zu begeben, abzubringen und sie unter die Fittiche der revolutionären Sozialdemokratie zu bringen.' (Lenin, Was tun)

'Man braucht gar nicht davon zu reden, daß die bürgerliche Ideologie, d.h. das trade-unionistische Bewußtsein, wenn es sich um die Verbreitung der Ideen handelt, sich viel leichter verbreitet und die spontane Arbeiterbewegung viel leichter erfaßt als die sozialistische Ideologie.' (Stalin, Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei, Bd.1 S.83f) Lenin geht davon aus, daß die Arbeiterbewegung aus sich heraus nicht zu sozialistischem Bewußtsein kommen kann. 'Wir haben gesagt, daß die Arbeiter ein sozialistisches Bewußtsein gar nicht haben konnten. Dies konnte ihnen nur von außen gebracht werden. Die Geschichte aller Länder zeugt davon, daß die Arbeiterklasse ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewußtsein hervorzubringen vermag.' (Lenin, Was tun)

Lenin und Stalin sagen also, daß die Arbeiterklasse aus sich heraus nur ein trade-unionistisches Bewußtsein haben kann. Dies trade-unionistische Bewußtsein ist die 'Überzeugung, von der Notwendigkeit, sich in Verbänden zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetz abzutrotzen uam.' (Lenin, Was tun) Ein solches Bewußtsein bleibt noch völlig im Rahmen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und weist nicht über sie hinaus. Es ist das Bewußtsein der Notwendigkeit, die ökonomische Lage der Arbeiterklasse im Rahmen des Kapitalismus zu verbessern. In ihm ist das Bewußtsein von einem Interessengegensatz zwischen Kapital und Arbeit enthalten, aber noch nicht die 'Erkenntnis der unversöhnlichen Gegensätzlichkeit ihrer (der Arbeiter) Interessen zu dem gesamten gegenwärtigen politischen und sozialen System.' (Lenin, Was tun) Weil das trade-unionistische Bewußtsein noch im Rahmen der bürgerlichen Herrschaft bleibt, nennen Lenin und Stalin es bürgerliches Bewußtsein. Die Arbeiterklasse ringt also aus eigener Kraft nur trade-unionistisches Bewußtsein hervor. Das sozialistische Bewußtsein muß deshalb von außen in die Arbeiterklasse hineingetragen werden. Das ist die Meinung von Lenin und Stalin.

Was aber meint die LL (Landesleitung Wasserkante der KPD/ML-ZK, d.Vf.) zu diesen Fragen?
'Ist das proletarische Klassenbewußtsein nun ein sozialistisches Bewußtsein oder nicht? Darauf kann nur mit Ja geantwortet werden' (S.4) 'In der Arbeiterklasse ist ein mehr oder weniger ausgeprägtes Klassenbewußtsein vorhanden. Das Klassenbewußtsein ist ein abstraktes sozialistisches Bewußtsein.' (S.8) Hier behauptet die LL, daß in der Arbeiterklasse bereits sozialistisches Bewußtsein ist, daß die Arbeiterklasse aus sich heraus sozialistisches Bewußtsein hervorbringt. Der Widerspruch zu Lenin und Stalin ist offensichtlich. Lenin und Stalin sagen, indem sie Kautsky zustimmend zitieren: Das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur entstehen aufgrund tiefer wissenschaftlicher Einsicht. Die LL kritisiert die Meinung, daß das sozialistische Bewußtsein nur durch tiefe wissenschaftliche Einsicht entstehen kann. Lenin und Stalin sagen, trade-unionistisches Bewußtsein ist bürgerliches Bewußtsein. Die LL sagt, daß das trade-unionistische Bewußtsein Klassenbewußtsein sei, also abstraktes sozialistisches Bewußtsein. Lenin und Stalin sagen: 'Wir müssen das Proletariat bis zum Bewußtsein der wahren Klasseninteressen heben' (Stalin, Brief aus Kutais, Bd.1 S.51). Die LL sagt, daß die Arbeiter bereits 'mit dem Bewußtsein ihrer Klasseninteressen ausgerüstet sind.' (S.5)

An dieser Stelle könnte man schon aufhören und feststellen, daß, wer solcher Art Lenin und Stalin revidiert, auch den Beweis dafür antreten muß, daß sich die kapitalistischen Produktionsverhältnisse so grundlegend geändert haben, daß Lenin und Stalin für heute in diesen Fragen nicht mehr anzuwenden sind. Das wäre umso nötiger, als es sich bei diesen Fragen nicht um irgendwelche handelt, sondern um die GRUNDFRAGEN UNSERER BEWEGUNG. Denn es geht letztlich darum, ob wir noch eine Partei leninschen Typs brauchen oder nicht.

Die russischen Ökonomisten, mit denen sich Lenin in 'Was tun?' auseinandersetzt, haben auch gesagt, daß die Arbeiterklasse im Kampf für ihre Tagesinteressen aus sich heraus sozialistisches Bewußtsein entwickelt. Konsequent haben sie weiter gedacht und gesagt, daß man folglich auch keine Partei braucht, die das sozialistische Bewußtsein in die Arbeiterklasse hineinträgt, denn das entwickelt die Arbeiterklasse ja selbständig. Also wozu noch eine Partei oder gar eine Kaderpartei? Was wir brauchen ist nur eine Organisation, die die Arbeiterklasse in ihrem Kampf unterstützt: Streikkassen unterhält, Kämpfe organisiert - kurz Hilfsfunktionen übernimmt. Und da hatten die Ökonomisten von damals ganz recht, denn wenn die Arbeiterklasse selbständig zum sozialistischen Bewußtsein kommt, dann ist die Partei als Trägerin des wissenschaftlichen Sozialismus als Vorhut überflüssig. Und gerade weil es mit diesen Fragen um die Substanz der Partei geht, kann hier nicht bei der Feststellung der unbegründeten Revision von Lenin und Stalin stehengeblieben werden, sondern das Verhältnis von spontaner Arbeiterbewegung und Sozialismus muß ausführlich dargestellt werden:

DIE ROLLE DES WISSENSCHAFTLICHEN SOZIALISMUS BEI DER ENTWICKLUNG DES SOZIALISTISCHEN BEWUSSTSEINS

Die LL (Landesleitung Wasserkante) schreibt auf Seite 4 'Das Klassenbewußtsein der Arbeiter bildet sich nämlich durch die bewußte Auswertung der sinnlichen Erfahrungen, die sie im Leben ihrer Klasse gemacht haben.'

Erst an dieser Stelle spielt für sie der wissenschaftliche Sozialismus oder besser 'wissenschaftliche Kenntnisse' eine Rolle.

'Der Arbeiter hat im Allgemeinen zuerst sein Klassenbewußtsein und dann wird es durch wissenschaftliche Kenntnisse konkretisiert beziehungsweise präzisiert.' (S.4)

Die Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus ist hiernach also nicht erforderlich um das Wesen der Ausbeutung und das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft zu erkennen.

Genau das ist der Kern der Auseinandersetzung! WAS IST DIE ROLLE DER THEORIE DES SOZIALISMUS?
Ist die Rolle der Theorie des Sozialismus nur bestimmt durch die Aufgabe, das vorhandene Bewußtsein in der Arbeiterklasse ein bißchen zu konkretisieren und zu präzisieren oder braucht man den wissenschaftlichen Sozialismus gerade dazu, das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft zu erkennen, dazu das Klassenbewußtsein, sozialistisches Bewußtsein zu entwickeln? besteht der wissenschaftliche Sozialismus nur aus der 'wissenschaftlichen Erkenntnis'?

'Aber man muß beachten, daß die sinnliche Erkenntnis nur die Erscheinungen, den einzelnen Sinnen äußeren Beziehungen der Dinge widerspiegelt und manchmal sogar ein falsches wiedergibt, das dem Wesen der Dinge völlig entgegengesetzt ist.

Vorsitzender Mao sagte: 'Die sinnliche Wahrnehmung löst nur das Problem der äußeren Erscheinung; das Problem des inneren Wesens wird erst durch die Theorie gelöst.'
Schlußfolgerungen, die allein aufgrund sinnlicher Erfahrungen bezogen werden, geben unvermeidlich den Anlaß zu Subjektivismus, Einseitigkeit und Oberflächlichkeit.' (Peking Rundschau Nr. 25: Anleitung zur Erkenntnis der Welt) (vgl. **.*.19**, d.Vf.)

'Das moderne wissenschaftliche Bewußtsein kann nur entstehen aufgrund tiefer wissenschaftlicher Einsicht.' Warum ist das so? Warum kann nur der wissenschaftliche Sozialismus das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft erklären? Warum kann die Arbeiterklasse nicht aus sich heraus auf der Basis der sinnlichen Erkenntnis zum sozialistischen Bewußtsein gelangen? Warum entwickelt die Arbeiterklasse allein aus eigener Kraft nur ein trade-unionistisches Bewußtsein?

Der Marxismus lehrt, daß das Bewußtsein der Menschen durch ihr gesellschaftliches Sein bestimmt wird. Das Bewußtsein der Arbeiterklasse hat seinen Grund auch im gesellschaftlichen Sein der Arbeiterklasse. DIE OBJEKTIVE GESELLSCHAFTLICHE LAGE DER ARBEITERKLASSE MUSS UNTERSUCHT WERDE, will man entscheiden, welches Bewußtsein die Arbeiterklasse heute aus sich heraus entwickelt.

Marx hat die kapitalistischen Produktionsverhältnisse untersucht und dabei komplizierte Zusammenhänge aufgedeckt. Er hat die Ausbeutung erkannt und analysiert. Das konnte er nur weil er festgestellt hatte, daß alle Waren einen Gebrauchs- und Tauschwert haben, weil er festgestellt hatte, daß das auch für die Ware Arbeitskraft gilt, daß die Ware Arbeitskraft mehr Wert erzeugt, als sie gebraucht um sich zu erhalten. Er stellte also fest, daß nicht Arbeit bezahlt wird, die der Arbeiter leistet, sondern der Wert der Ware Arbeitskraft. Hieraus konnte das Wesen der Ausbeutung analysiert werden, weil Marx die Abstraktion des Werts entwickelt und angewandt hat.

Auch wir können das Wesen der Ausbeutung nur begreifen, wenn wir die Wertabstraktion begriffen haben und anwenden!

Wenn man die kapitalistische Gesellschaft aber an der Oberfläche ansieht, ohne sie wissenschaftlich zu studieren, dann sieht dies Problem ganz anders aus. Da stellt sich die kapitalistische Gesellschaft für die Arbeiterklasse so dar:
Die einen haben viel Geld, die anderen wenig, die einen müssen schwer arbeiten, die anderen gar nicht oder nur wenig. Die einen haben viel zu sagen, die anderen wenig oder garnichts. Aus der Einsicht in diese 'Ungerechtigkeit' kommt die Arbeiterklasse dann schon dahin, gegen diese Verhältnisse zu kämpfen, auch organisiert zu kämpfen, aber immer nur für eine Verbesserung der materiellen Lage, der Vermögensverteilung, ohne zu erkennen, daß die 'Ungerechtigkeit' ihren Grund in den Produktionsverhältnissen selbst haben und daß sie deshalb abgeschafft werden müssen. Eine solche Einsicht, die der Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaft entspricht, ist gewerkschaftliches, trade-unionistisches Bewußtsein.

Das ist ein Beispiel dafür, daß die Erscheinungsform von den Produktionsverhältnissen genau das dahinterliegende Wesen verschleiern und das Wesen selbst nur durch den wissenschaftlichen Sozialismus aufgedeckt werden kann. das ist kein Einzelfall, sondern im Kapitalismus trifft das für alle gesellschaftlichen Verhältnisse zu, daß sie anders erscheinen als sie in Wirklichkeit sind.
Marx hat dies FETISCHZUSAMMENHÄNGE genannt. Dieser 'falsche Schein' der gesellschaftlichen Verhältnisse gehört zur Wirklichkeit, zum gesellschaftlichen Sein, wie die Ausbeutung selbst.

Oder wie kommt es sonst (um andere Beispiele zu nennen), daß es so aussieht, als ob der Arbeitslohn - Lohn für geleistete Arbeit ist und nicht der Preis der Ware Arbeitskraft, als ob nicht NUR der Arbeiter Werte schafft, sondern auch das Kapital, die Maschinen usw., als ob das Geld in Form von Zinsen mehr Geld hervorbringt - Werte schafft, als ob der Wert einer Ware nicht durch die gesellschaftliche Arbeit, sondern durch die Marktverhältnisse geschaffen würde (Angebot und Nachfrage).
Der 'falsche Schein' ist selbst Moment der Wirklichkeit. Solange es kapitalistische Verhältnisse gibt, wird das Wesen dieser Gesellschaft durch diesen Fetisch - den falschen Schein verdeckt. Solange es den Kapitalismus gibt, ist deshalb 'wissenschaftliche Einsicht' erforderlich, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu durchschauen. Nur wissenschaftlicher Sozialismus kann diesen Fetisch durchstoßen und zum Wesen der Verhältnisse vordringen. Da der falsche Schein von den kapitalistischen Produktionsverhältnissen selbst produziert wird, kann er nur durch die Beseitigung dieser Verhältnisse aufgehoben werden.

Dieser falsche Schein ist der Grund dafür, daß die Arbeiterklasse, solange sie als Arbeiterklasse der selbständigen wissenschaftlichen Betätigung entzogen ist, nicht aus sich heraus sozialistisches Bewußtsein entwickelt, denn Klassenbewußtsein, sozialistisches Bewußtsein hat diese Fetischzusammenhänge durchbrochen und ist vom falschen Schein zum Wesen vorgedrungen.

Deshalb spricht Marx in den 'Grundrissen' vom Klassenbewußtsein des Proletariats als eines 'enormen Bewußtseins'. Deshalb sagt Lenin mit Kautsky: 'das moderne sozialistische Bewußtsein kann nur entstehen aufgrund tiefer wissenschaftlicher Einsicht.' (modern im Unterschied zum vor-marxschen Sozialismus, der gerade dadurch gekennzeichnet war, daß er nicht wissenschaftlich war, sondern sich nur moralisch gegen Ungerechtigkeit aufgelehnt hat.)

'Man sagt oft: die Arbeiterklasse fühlt sich spontan zum Sozialismus hingezogen. Das ist vollkommen richtig in dem Sinne, daß die sozialistische Theorie tiefer und richtiger als jede andere die Ursachen des Elends der Arbeiterklasse aufzeigt; darum wird sie von den Arbeiter auch so leicht erfaßt, falls diese Theorie nur selber nicht vor der Spontaneität die Segel streicht, falls sie sich die Spontaneität unterordnet… Gewöhnlich versteht sich das von selbst… Die Arbeiterklasse fühlt sich spontan zum Sozialismus hingezogen, aber die am meisten verbreitete (und in den mannigfaltigen Formen immer wieder auftretende) bürgerliche Ideologie drängt sich trotzdem spontan am meisten auf.' (Lenin, Was tun?')

Dieses 'spontan zum Sozialismus hingezogen'-Sein bedeutet also, daß der Sozialismus einmal in die Arbeiterklasse hineingetragen werden muß, daß er dort tief und schnell begriffen wird, weil die materielle Lage der Arbeiterklasse erklärt und die einzig positive Lösung aufgezeigt wird. Dieses Hinneigen zum Sozialismus wird in Zeiten der verschärften Widersprüche im Kapitalismus noch verstärkt. Denn die Widersprüche des Kapitalismus drängen zur Auflösung, ebenso wie die Arbeiterklasse selbst immer stärker nach einem Ausweg sucht. Entscheidend ist nur, daß die Arbeiterklasse selbst aus sich heraus ohne wissenschaftlichen Sozialismus diesen Ausweg nicht finden kann. Deshalb bedeutet das spontane Hingezogensein zum Sozialismus nicht, daß der wissenschaftliche Sozialismus nicht in die Arbeiterklasse hineingetragen werden muß, das Gegenteil ist richtig.

Das verstärkte Suchen der Arbeiterklasse verlangt auch einen Höheren Grad an Bewußtheit der Partei. 'Je stärker der spontane Aufschwung der Massen ist, desto schneller, unvergleichlich schneller wächst das Bedürfnis nach einer Masse von Bewußtheit sowohl in der theoretischen als auch in der politischen und organisatorischen Arbeit der Sozialdemokratie.' (Lenin, 'Was tun?")

Die Haupttendenz in der heutigen Welt ist Revolution. Heute, wo der Kapitalismus in sein höchstes Stadium, den Imperialismus eingetreten ist und wo er sich in einer allgemeinen Krise befindet, haben sich die Widersprüche des Kapitalismus enorm verschärft. Die Ausbeutung der Arbeiterklasse hat sich weiter verstärkt - die Lage der Arbeiterklasse hat sich weiter verschlechtert. das ist die Grundlage für den starken Aufschwung der Massenkämpfe in den letzten Jahren und auch in der BRD wächst die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse.

Die Haupttendenz in der heutigen Welt ist Revolution - dieser Satz bedeutet, überall in der ganzen Welt suchen die Arbeiterklasse und die breiten Volksmassen nach einem Ausweg aus ihrem Elend. DIE AUFGABE DER KOMMUNISTEN IST ES, IHNEN EINEN AUSWEG ZU ZEIGEN UND SIE IN IHREM KAMPF ZU FÜHREN. Der Aufschwung der spontanen Kämpfe erfordert eine Masse an Bewußtheit bei den Kommunisten. Sie müssen auf die Frage, die die Revolution in Westdeutschland stellt, eine Antwort finden; ohne diese Antwort kann eine Partei nicht Avantgardepartei sein.

Wir alle haben es sicherlich schon erlebt, daß die Kollegen im Betrieb uns Fragen stellten, auf die wir keine oder nur oberflächlich-allgemeine Antworten zu geben wußten. Wenn uns die Kollegen z.B. nach der Krise fragten, deren Eintritt die Partei seit eineinhalb Jahren vorhergesagt hatte, was antworten wir dann? Im Grunde wissen wir alle bis jetzt nur, daß Krisen im Kapitalismus unvermeidlich sind, mehr nicht - nichts über den Verlauf und die Ursachen, die Tiefe und Verbreitung, den Zeitpunkt und die Dauer der nächsten Krise. Und mit diesem spärlichen Wissen ausgerüstet erzählen wir: 'Die Krise kommt!' Es hat schon genug Beispiele gegeben, wo uns die Kollegen wegen solcher 'Märchen' ausgelacht haben. Solche Fehler haben ihren Grund nicht in der fehlenden Schulung bei uns allen, sondern sind Ausdruck der theoretischen und damit auch praktischen Schwäche der Partei. Die Partei hat die Entwicklung des Kapitalismus in Deutschland und die Lage der einzelnen Klassen nicht untersucht - der Mangel liegt also in erster Linie in der theoretischen Schwäche der Partei. Wenn die Massen für ihre Interessen kämpfen, reicht es nicht, wenn wir uns ihnen anschließen, an ihrer Seite kämpfen, nein, von uns verlangt der Kampf der Massen mehr, nämlich eine Masse von Bewußtsein.

Die Tatsache, daß das Proletariat nicht aus sich selbst heraus zu sozialistischer Bewußtheit kommt, ist nur die eine Seite, die andere ist, daß diese sozialistische Bewußtheit eine absolute Notwendigkeit ist. Denn die SOZIALISTISCHE REVOLUTION KANN NUR EIN BEWUSSTER AKT SEIN, ebenso wie der Aufbau des Sozialismus. Das Proletariat kann nicht instinktiv zum Sozialismus kommen und instinktiv den Sozialismus praktizieren. Sozialismus zeichnet sich gerade dadurch aus, daß die Menschen erstmals zu Herren ihrer eigenen Geschichte werden, also die Entwicklungsgesetze der Geschichte kennen, und sie bewußt anzuwenden verstehen.

Durch diese beiden Überlegungen zeigt sich die ungeheure Bedeutung der revolutionären Theorie. Als Träger des wissenschaftlichen Sozialismus und Vorhut des Proletariats ist das das Wesen, was die Partei ausmacht. Denn: 'Die Kommunisten… haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.' (Karl Marx, Friedrich Engels: Das Manifest der kommunistischen Partei)

An dieser Stelle zeigt sich, daß die Landesleitung (Wasserkante) ihre Revision von Lenin und Stalin nicht nur nicht gerechtfertigt hat, sondern diese nicht zu rechtfertigen ist. Das Verhältnis von Spontaneität und Bewußtheit hat sich seit Lenin und Stalin nicht verändert, und kann sich auch nicht verändern, solange es den Kapitalismus gibt. Was sich verändern kann und sich auch verändert hat, ist das spontane Hingezogensein des Proletariats zum Sozialismus. Die falsche antileninistische Auffassung der Landesleitung in der Frage von Spontaneität und Bewußtheit aber noch weitergehende Konsequenzen."
Quellen: Parteiopposition: Der Widerspruch zwischen den Ansichten von Lenin und Stalin und denen der Landesleitung, in: ML Dortmund: Schulungsmaterial Parteiaufbau 2, Dortmund o.J. (1972), S. 2ff; Ehemaliger KSB/ML Hamburg: Diskussionsbeitrag des ehemaligen KSB/ML Hamburg: Die Anbetung der Spontaneität die Einheit von Studieren, Propagieren, Organisieren entgegensetzen, Hamburg März 1972;KPD/ML-LL Hamburg: Zu den Thesen der ehemaligen KSB/ML-Leitung, o.O. (Hamburg) o.J. (1971);N.N.: ohne Titel (erster Text: Resolution der LL Niedersachsen an den außerordentlichen Parteitag der KPD/Marxisten-Leninisten), o.O. o.J.

Februar 1972:
Der unabhängige Landesverband Wasserkante der KPD/ML gibt sein 'Parteiaufbau' Nr. 2 (vgl. Jan. 1972, März 1972) heraus mit dem Leitartikel "Dem Geschrei über die Liquidatoren die Analyse des Liquidatorentums entgegensetzen", wobei auch berichtet wird aus dem KSB/ML Hamburg.
Q: Parteiaufbau Nr. 2, Hamburg Feb. 1972, S. 14ff

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März 1972:
Es erscheint der "Diskussionsbeitrag des ehemaligen KSB/ML Hamburg: Der Anbetung der Spontaneität die Einheit von Studieren, Propagieren, Organisieren entgegensetzen!".

Im Vorwort wird u.a. erklärt, unter Verweis auf die Spaltung des KSB/ML Hamburg im Sommer 1971, von dem man also nur einen Teil repräsentiere:"
Wir, die Genossen des ehemaligen KSB/ML Hamburg haben als eine der ersten Gruppierungen mit der Anbetung der Spontaneität schlußzumachen versucht und haben dabei eine Reihe von Erkenntnissen gewonnen sowie eine Reihe von schweren Fehlern gemacht. Wir sind verpflichtet, das eine wie das andere offen vor die Genossen zu bringen, damit sie uns kritisieren können, und damit unsere Erfahrungen ihnen vielleicht Zeit und Fehler ersparen."

Aufgenommen habe der KSB/ML den ideologischen Kampf "gegen gewisse rechte Gegner der KPD/ML (SALZ HH)", deren Fehler aber die KPD/ML selbst ebenfalls gemacht habe, was kritisiert wurde. "Schließlich gipfelte diese Kritik in den Thesen der KSB/ML-Leitung, die darlegten, daß die KPD/ML nicht nur über kein Programm verfügte, sondern auch nichts tat, um dieses herauszuarbeiten." Die Landesleitung Hamburg der KPD/ML antwortete darauf mit dem Papier "Totales Scheitern der KSB/ML-Leitung beim Versuch, mit Idealismus die Partei zu liquidieren", was als Liquidierung der Grundlagen der bolschewistischen Partei empfunden wurde und dadurch die eigene Selbstgerechtigkeit gesteigert habe. "Die Partei brach mit uns, bevor wir mit ihr brechen konnten."

Enthalten sind die Abschnitte:
- "Die aktive Rolle der Ideen in der Geschichte";
- "Die Grenzen des spontanen Bewusstseins der Arbeiterklasse";
- "Gibt es in der BRD eine marxistisch-leninistische Partei?" zu KPD/ML-ZB und ZK und KPD/AO; sowie
- "Unsere Konsequenzen", die theoretische Arbeit;
- "Der Weg zur Einheit der Revolutionäre in der marxistisch-leninistischen Partei Deutschlands" mittels Programmerarbeitung durch den ideologischen Kampf über zwei- oder mehrseitige Kontakte.
Q: Diskussionsbeitrag des ehemaligen KSB/ML Hamburg: Die Anbetung der Spontaneität die Einheit von Studieren, Propagieren, Organisieren entgegensetzen!, Hamburg März 1972

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Letzte Änderung: 07.09.2015