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Dortmund
Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG)

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 28.2.2005


Materiallage

Vom Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) Dortmund, heute Geschwister-Scholl-Gesamtschule (GSG) Dortmund lagen uns einige schulische Dokumente, die allerdings nur einen kurzen Zeitraum, den Streik gegen die Versetzung des Lehrers Wintermeyer berühren, ansonsten wurden hier örtliche und bundesweite Materialien ausgewertet.


Die Organisationen

Zunächst tritt lediglich eine Klasse aktiv auf, die von der SMV unterstützt wird, spätestens ab Ende 1972 tritt auch der KOV der KPD auf.


Wichtige Themen und Ereignisse

Fast diese gesamte Darstellung kreist um den Schülerstreik gegen die Versetzung Wintermeyers, gegen die sich zuerst die Klasse OIIm3 per Brief ausspricht (vgl. 11.1.1972), wobei sie sich im zweiten Brief auch über den Schulleiter beschwert (vgl. 14.1.1972).

Die Schülermitverwaltung (SMV) solidarisiert sich, veröffentlicht die Angelegenheit (vgl. 19.1.1972). Schon am nächsten Tag erfolgt der Beschluss zum Streik für Jörg Wintermeyer (vgl. 20.1.1972). Durch diesen Streik wird immerhin erstmals Aufmerksamkeit für das Anliegen der Schülerschaft erreicht. Die WAZ scheint Auseinandersetzungen zwischen Feudalherrschern und Leibeigenen zu beschreiben:

"Nach nahezu pausenlosen Sitzungen entschlossen sich Schulpflegschaft und Vertreter der Lehrer, den Schülervertretern am Dienstag, 25.Januar eine 'Audienz' zu gewähren. Die Schüler sollen an diesem Tag ihr Anliegen 'ganz konkret und detailliert' vortragen." (vgl. Westdeutsche Allgemeine Zeitung-Lokalteil Dortmund, 22.1.1972)

Unklar bleibt, woher die streikenden Schüler das Megaphon hatten, welches sich als wichtige Waffe bei der Organisierung des Streiks erwies. Da es Megaphone kaum kommerziell auszuleihen gab, ist zu vermuten, dass es von einem der Allgemeinen Studentenauschüsse (Asten) der Dortmunder Hochschulen oder von politischen Organisationen beschafft wurde. Von welchen bleibt unklar, der später am GSG auftretende KOV scheint es nicht gewesen zu sein, da er in seinen bundesweiten Schriften nicht von diesem Streik berichtet, was er sicher getan hätte, wenn er daran beteiligt gewesen wäre. Zumindest die Flugblätter scheinen der Bezirks-SMV Dortmund gedruckt worden zu sein, was landesweit als Anlass der Repression dient (vgl. 9.9.1972).

In der folgenden Woche mobilisiert der Klassenpflegschaftsvorsitzende des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Dortmund die Eltern (vgl. 26.1.1972), es folgt ein weiterer Brief zur Versöhnung einerseits und Drohung bei anhaltenden Aktionen andererseits (vgl. 4.2.197).

Aus der folgenden Zeit erfahren wir wenig vom geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG), spätestens Ende 1972 scheinen Anhänger des Kommunistischen Oberschülerverbands (KOV) der KPD aktiv, sammeln nicht allzu viele Unterschriften für Hannes Heer (vgl. 5.12.1972). Wie an wohl fast allen Dortmunder Gymnasien und Oberschulen wird vom KOV ein Vietnamflugblatt verteilt (vgl. 13.1.1973).

Dem Namen der Schule entsprechend ist die SMV bei der Gedenkfeier für die Weiße Rose beteiligt, auch wenn sie hierbei vermutlich das allgemeinpolitische Mandat ausübt und damit ihre Befugnisse ganz fürchterlich ungesetzlich überschreitet (vgl. 19.2.1972).

Auch in der Solidaritätsbewegung der Dortmunder Schülerinnen und Schüler für das besetzte Jugendzentrum Erich-Dobhardt-Haus macht sich das Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) einen Namen, selbst wenn der Direktor scheinbar kritisch argumentiert (vgl. 19.11.1973). Eventuell aufgrund dieser einsichtigen Belehrungen wird der KOV auch am Geschwister-Scholl-Gymnasium offiziell aktiv (vgl. Dez. 1973), rühmt sich nicht unbedeutender Anteile bei den Schülervertretungswahlen (vgl. Jan. 1974). Die publizistische Reichweite der KOV-Zelle GSG scheint trotz bolschewistisch bekundeter Bereitschaft zur zukünftigen Steigerung im Frühjahr 1974 noch eher mittelprächtig (vgl. Mai 1974). Zumindest aber trägt der Schülerrat die Solidaritätskampagne des KOV für den Warendorfer KOVler Elmar Beier scheinbar mit 8vgl. 13.5.1974).

Später eventuell einmal mehr dazu.


Auszug aus der Datenbank „Materialien zur Analyse von Opposition“ (MAO)

11.01.1972:  Laut eigenen Angaben (vgl. 14.1.1972) schreibt am Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) Dortmund die Klasse OIIm3 heute einen Brief an das Schulkollegium Münster sowie vermutlich einen oder zwei Tage später an den Kultusminister (KuMi) von NRW Girgensohn, mit dem Inhalt, zu erfahren, warum der Lehrer Wintermeyer entlassen wurde.
=GSG-OIIm3:Wintermeyer soll gegangen werden,Dortmund 14.1.1972*

14.01.1972:  Laut eigenen Angaben in einem heute verteilten Flugblatt schreibt am Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) Dortmund die Klasse OIIm3 heute erneut einen Brief an das Schulkollegium Münster:"
Sehr geehrte Damen und Herren!

In Ergänzung zu unserem Brief vom 11.1. teilen wir ihnen folgendes mit:

Auf unsere Anfrage nach den Gründen für die Versetzung des Wintermeyer bei OStDir. Niekamp, dem Schulleiter, verweigerte uns dieser jegliche Auskunft. Er betonte lediglich, daß die Versetzung des Assessors unwiderruflich sei. Hieraus schlossen wir, daß z.Z. an der Schule kursierende Gerüchte durchaus Glauben zu schenken ist. Sollte deshalb der Fall des Herrn Wintermeyer nicht neu untersucht werden, so behalten wir uns vor, diese Gerüchte zu publizieren. Wir sind davon überzeugt, daß diese Gerüchte auf Wahrheit beruhen. Wir sind weiterhin davon überzeugt, daß durch eine Publikation nicht die Stellung des H. Wintermeyer, sondern die des OStDir. Niekamp gefährdet sein wird. Wir erwarten ihre Nachricht bis Mittwoch, den 19.1."

In dem Flugblatt heißt es dazu weiter:"
WIR FORDERN, DAß HERR WINTERMEYER AN DER SCHULE BLEIBT!

WIR FORDERN EINE VOLLVERSAMMLUNG, UM ÜBER WEITERFÜHRENDE MASSNAHMEN ZU BERATEN!

SOLCHE VORFÄLLE GEHEN EUCH ALLE AN!

SOLIDARISIERT EUCH MIT UNS! - Die OIIm3."
=GSG-OIIm3:Wintermeyer soll gegangen werden,Dortmund 14.1.1972*

19.01.1972:  Vermutlich erscheint heute am Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) Dortmund ein 'SMV-INFO' in dem es heißt:"
DIE SMV SOLIDARISIERT SICH MIT DER OIIm3

Am Dienstag wurde auf einer Versammlung der Klassensprecher beschlossen, sich mit der OIIm3 zu solidarisieren, und am Donnerstag eine Vollversammlung abzuhalten, weil sich in den Angelegenheiten mit Franke und Wintermeyer gezeigt hat, daß der Direktor auf der einen Seite fortschrittliche und bei den Schülern beliebte Lehrer abschiebt, auf der anderen Seite Lehrer, die Schüler schikanieren, deckt, obwohl er wissen mußte, daß er sich damit ins Unrecht setzt. Solidarisieren wir uns mit der Klasse.

Also bis zum Donnerstag nach der 6.Stunde.

VOLLVERSAMMLUNG.

Im Arendt-Rumper-Haus, Bauerstraße 1 (Nähe Flughafenstraße).

Um zu beraten, was getan werden muß.

Der Schülerrat."
=SMV-GSG:Info: Die SMV solidarisiert sich mit der O IIm3,o.O. (Dortmund) o.J. (1972)

20.01.1972:  Laut morgiger 'WAZ' wollen in Dortmund-Brackel morgen "Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in den Streik gegen ihren Direktor treten. Sie protestieren damit gegen eine Versetzung des in Schülerkreisen beliebten Studienassessors Jörg Wintermeyer.

Zwischen Wintermeyer und dem Schulleiter, Oberstudiendirektor Walter Nienkamp, sollen Differenzen bestehen, deren Existenz der Schulleiter abstreitet, Wintermeyer jedoch bestätigt.

Dem Schulleiter werfen Schüler 'seltsame Methoden' im Umgang mit ihnen vor. Ein am Donnerstag verteiltes Flugblatt beschreibt dies so:

'Es kam vor, daß unser sehr geehrter Herr Direktor einen Schüler der Oberstufe vor der Klasse so fertig gemacht hat, daß dieser, nervlich am Ende, zu Heulen anfing.'

Am Donnerstag beschlossen rund 150 Schüler im Arent-Rupe-Haus für heute einen Streik. Sie wollen die Gründe für die Versetzung von Jörg Wintermeyer erfahren. Als Endziel wünschen sie sich die Ablösung von Oberstudiendirektor Nienkamp. Sie hoffen die gesamte Ober- und Mittelstufe der Schule für ihre Sache zu gewinnen. Der Unterstufe ist die Teilnahme 'freigestellt'. Das 40köpfige Streikkomitee der Schüler will heute die Eingänge des Gymnasiums besetzen und mit den Schülern diskutieren.

Der Streik soll solange durchgehalten werden, bis der Direktor oder Vertreter einer ihm übergeordneten Behörde mit den Schülern Gespräche aufnehmen. Die Schülermitverwaltung hat sich mit der Klasse O II m 3, von der die Aktion ausging, solidarisch erklärt."

Das oben zitierte Flugblatt lag uns als anonymer Brennmatrizenabzug von einer Seite DIN A 4 vor, in dem es heißt:"
DIE SELTSAMEN METHODEN DES OBERSTUDIENDIREKTOR NIEKAMP

Wie man Schüler zu kritikfähigen Menschen erzieht:

Wenn Konflikte auftreten, zitiert er Schüler einzeln ins Direktorzimmer.

Dort ersetzt er seine gespielte Höflichkeit durch einen barschen Ton, in dem Moment, da jemand wagt ihm nicht zuzustimmen.

Nach diesen 'Unterredungen' kommt dieser dann natürlich völlig verstört aus dem Büro. Es kam vor, daß unser sehr geehrter Herr Direktor einen Schüler der Oberstufe vor der Klasse so fertig gemacht hat, daß dieser, nervlich am Ende, zu heulen anfing.

Aussagen, die er auf diese Weise herausgeholt hat, werden dann wieder gegen die Schüler verwandt. Selbst Eltern versteht er so zu beeinflussen, daß sie erst zu spät merken, wie sehr er sie für seine Zwecke mißbraucht hat.

Das Bild rundet sich ab, betrachtet man das Intrigenspiel innerhalb unseres Lehrerkollegiums. Lehrer, die den Schülern zu wohl gesonnen sind oder neue Unterrichtsmethoden einführen wollen, weiß er zum Resignieren oder zum Gehen zu bringen.

Allerdings nimmt er Lehrer, deren Erziehungsstil seinen Methoden entspricht, unter seine Fittiche.

Die Hintergründe all dieser Vorgänge bleiben natürlich im Dunkeln, da sowohl Schüler als auch Lehrer um ihre Existenz fürchten, also ihren Mund nicht aufmachen.

DESHALB KÖNNEN WIR AUCH UNSERE NAMEN NICHT NENNEN.

WIR MEINEN, DASS WIR ALLE ETWAS GEGEN DIESE VERHÄLTNISSE TUN MÜSSEN."

Laut dem morgigen Flugblatt 'STREIK', findet an diesem Tag eine Schülervollversammlung statt. Einstimmig wird dort beschlossen, daß "heute mit dem folgenden Ziel gestreikt wird:

TOTALE INFORMATION ÜBER SÄMTLICHE UNDURCHSICHTIGE VORKOMMNISSE AN UNSERER SCHULE".

Von heute liegt uns auch ein Schreiben der Schülerschaft des GSG vor:"
DIE SCHÜLERSCHAFT DES GSG INFORMIERT

Sehr geehrte Eltern der Schüler (innen) des GSG!

In der letzten Zeit haben sich die Vorkommnisse an unserer Schule gehäuft, die den Schulfrieden gestört haben und auf dem Rücken ihres Kinder ausgetragen werden.

Nachdem eine Schülerin einige Äußerungen eines Lehrers in ihren Notizen aufgenommen hatte, nahm dieser Lehrer ihr diese Notiz fort aus der Befürchtung, daß sie gegen ihn aussagen könnten.

Damit setzte er sich in Unrecht! Eine Beschwerde der Schülerin wies der Direktor zurück, deckte den Lehrer in jeder Weise und forderte obendrein von der Schülerin sich zu entschuldigen.

Die Mutter der Schülerin verlangte daraufhin eine klärende Unterredung, wurde jedoch vom Direktor derart an die Wand geredet, daß die Mutter hinterher äußerte: 'Ich sage hier kein Wort mehr, da mir alles im Mund verdreht wird.'

Dieser Satz ist bezeichnend für die Verhörmethoden im Direktorenzimmer.

Ein weiterer Fall zeigt, wie Direktor Niekamp einen Lehrer deckte, der von einer Oberstufenklasse wegen unpädagogischen Verhaltens bestreikt wurde, bis eine Beschwerde an eine höhere Stelle ging.

Dieses Verhalten gipfelte in Äußerungen wie:

'Wenn du nicht augenblicklich den Mund hältst, schlage ich dir die Fresse ein!'

Einziger Erfolg dieses Streikes war, daß dieser Lehrer jetzt in den unteren Klassen 'unterrichtet'.

An anderen Begebenheiten läßt sich aufweisen, wie der Direktor mit seinen Untergebenen verfährt. Einen Lehrer, der ihm nicht paßte, vertreibt er mit folgenden Methoden und Praktiken von der Schule, ohne daß von Eltern- oder Schülerseite Beschwerden kamen, nein vielmehr standen seine Schüler geschlossen hinter ihm, was sie in vielen Verhören immer wieder bestätigten!

Nach Untersuchung der Lehrmethoden dieses Lehrers - Unterrichtsbesuch, Nachkorrigieren der Klassenarbeiten ('die unfair waren') (Aussagen eines Studiendirektors) wurden die Aussagen der Beisitzer massiv gegen ihn verwandt, ohne daß sie über Bedeutungen ihrer Aussage informiert worden waren.

Außerdem wurden ihre Aussagen verfälscht dargestellt.

Des weiteren ignorierte Herr Oberstudiendirektor Niekamp unter Zeugen gemachte Aussage, und ging hinter dem Rücken dieses Lehrers gegen ihn vor.

Die Verhaltensweise des Oberstudiendirektors Niekamp war nicht bloß unfair. Seine Schikanierungen und Diffamierungen, die er weder menschlich noch juristisch rechtfertigen kann, hatte zur Folge, daß der mittlerweile gesundheitlich am Ende und seine Laufbahn und damit seine Lebensgrundlage als Beamter im höchsten Maße gefährdet ist.

Wir sind deshalb der Ansicht, daß das Ziel der Schulerziehung die Schüler zu kritikfähigen Menschen zu erziehen, in der Atmosphäre, die an unserer Schule herrscht, nicht erreicht werden kann, da jegliche Kritik autoritär unterbunden und die schulische Laufbahn vieler Schüler ständig gefährdet wird.

Die Schülerschaft des GSG.

P. S. Aus den oben genannten Gründen hat sich heute auf einer Schülervollversammlung folgendes ergeben:

Alle anwesenden Schüler beschließen einstimmig ab Feitag zu streiken, mit dem Ziel der völligen Aufklärung der Sachlage und allen Konsequenzen, die sich für Direktor und Lehrer ergeben.

Unterstützen sie ihre Kinder bei ihren berechtigten Forderungen!"
=Die Schülerschaft des GSG informiert,Dortmund 20.1.1972;
N.N.:Streik,o.O. (Dortmund) o.J. (1972);
Westdeutsche Allgemeine Zeitung-Lokalteil Dortmund,****** 21.1.1972;
N.N.:Die seltsamen Methoden des Oberstudiendirektor Niekamp,o.O. (Dortmund) o.J. (20.1.1972)


21.01.1972:  Die 'WAZ' berichtet vom Geschwister Scholl Gymnasium (GSG) Dortmund:"
SCHÜLER ERRINGEN TEILERFOLG. STREIK VORERST ABGEBLASEN

GYMNASIASTEN SOLLEN ANLIEGEN DIENSTAG 'GANZ KONKRET' VORTRAGEN

BRACKEL. Einen Teilerfolg errangen am Freitag Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums mit ihrem Streik: Nach nahezu pausenlosen Sitzungen entschlossen sich Schulpflegschaft und Vertreter der Lehrer, den Schülervertretern am Dienstag, 25.Januar eine 'Audienz' zu gewähren. Die Schüler sollen an diesem Tag ihr Anliegen 'ganz konkret und detailliert' vortragen.

Vom Ergebnis dieser Untersuchung soll es abhängen, ob der Streik am Mittwoch kommender Woche weitergeht. Ziel der Schüler ist, daß Studienassessor Jörg Wintermeyer weiter seinen Dienst am Gymnasium versehen soll. Nahezu alle Schüler der Mittel- und Oberstufe waren dem Aufruf zum Boykott des Unterrichts am Freitag gefolgt. Auch aus der Unterstufe schlossen sich einige Schüler dem Ausstand an. Versuche, den Unterricht dennoch beginnen zu lassen, scheiterten. Um zwölf Uhr mittags verkündete der Schulleiter, Oberstudiendirektor Walter Niekamp, durch das Megaphon der vor dem Haupteingang versammelten Schülermenge: 'Der Unterricht ist für heute beendet. Morgen früh beginnt er wieder um 8 Uhr.'

Alle streikenden Klassen werden als 'fehlend' geführt. In einigen Fällen sollen, nach Aussagen einiger Schüler, Tadel verteilt worden sein.

DIREKTOR NAHM MEGAPHON

Die in den Ausstand getretenen Schüler halten es für ihr gutes Recht, zu streiken, obwohl Schulleitung, Pflegschaft und das Schulkollegium in Münster das entschieden bestreiten.

Vom Streikkomitee wurde am Freitag Listen ausgelegt, in die sich Streikwillige eintrugen. Über das Megaphon verkündete ein Sprecher: 'Tragt euch ein! Ich sorge dafür, daß die Listen keinem Lehrer in die Hände fallen.' Das Megaphon spielte während des ganzen Vormittags eine wichtige Rolle:

Die 'Stimme des Komitees' konnte sich mit seiner Hilfe einer großen Anzahl von Schülern gleichzeitig verständlich machen. Das gleiche Megaphon benutzte der Schulleiter, als er den Unterrichtsbetrieb für beendet erklärte.

Offensichtlich nicht allein mit ihren Befürchtungen steht eine Schülerin, die Bedenken hatte, den Streik fortzusetzen. Nicht, weil sie ihn als Mittel mißbilligt, sondern weil sie fürchten muß, zu 'fliegen'. Ihr erklärte ein Mitschüler. 'Zwanzig können die ja schmeißen, aber nicht die ganze Schülerschaft.'

Weniger tragisch nehmen Schüler der Unterstufe die Lage. Ein Mädchen meinte: 'So einen Tag wie heute müßte es öfter geben.'

'KEIN RECHT ZUM AUSSTAND'

Hart ist dagegen die Haltung des Schulpflegschaftsvorsitzenden Walter Schiffmann. Er billigt die Aktion nicht und nennt sie eine 'undemokratische Vergewaltigung' der Lernwilligen. Seiner Ansicht nach hätten die Schüler besser daran getan, sich mit ihrem Anliegen an die Elternvertreter zu wenden.

Der stellvertretende Vorsitzende der Schulpflegschaft, Landgerichtsdirektor Robert Lange, erklärte in den Sitzungen am Vormittag, der Streik sei illegal, denn Beamte und Schüler hätten kein Recht dazu. Es könnten im Verlauf des Ausstandes durchaus strafwürdige Tatbestände entstehen.

Das Kollegium des Geschwister-Scholl-Gymnasiums nahm am Freitag zum Schülerausstand wie folgt Stellung:

- 'Schüler haben in NRW kein Streikrecht, darauf wurden auch die Schüler am Geschwister-Scholl-Gymnasium hingewiesen.

- Die Vorwürfe der Schüler gegen den Direktor dieser Schule, 'er mache Schüler nervlich fertig', sind nicht haltbar.

- Der Direktor ist gesetzlich verpflichtet, bei der Versetzung eines Beamten die Schweigepflicht zu beachten. Auch im Falle des Studienassessors Wintermeyer darf der Schulleiter daher weder den Schülern noch der Öffentlichkeit irgendeine Auskunft geben.

- Die von den Schülern geforderten Gespräche werden geführt, wobei auch die vorgesetzte Behörde eingeschaltet ist.

- Den Klassen wurde gesagt, daß der Unterricht am Samstag, 23.Januar, wieder planmäßig stattfindet.'"

Zu einem Bild von Jörg Wintermeyer heißt es in der 'WAZ':"
EIN STREIK-ANLASS: Studienassessor Jörg Wintermeyer, der seinen Dienst am 31. Januar am Geschwister-Scholl-Gymnasium quittiert und an das Ruhrgymnasium nach Witten versetzt worden sein soll. Die Schüler glauben, daß Differenzen mit dem Schulleiter der Grund für die Versetzung sind und fordern, daß Wintermeyer in Brackel bleibt."

Heute erscheint das folgende Flugblatt:"
STREIK

Auf der Schülervollversammlung am 20.1.1972 wurde ohne jegliche Gegenstimme beschlossen, daß ab heute mit folgendem Ziel gestreikt wird:

TOTALE INFORMATION ÜBER SÄMTLICHE UNDURCHSICHTIGE VORKOMMNISSE AN UNSERER SCHULE.

Wir fordern, daß der Herr Direktor seine Stellungnahme dazu abgibt. Warum führt uns der Herr Direktor bisher hinters Licht?

AUS ANGST?

DER UNTERRICHT DES HERRN WINTERMEYER HAT ALLGEMEINEN ANKLANG GEFUNDEN. TROTZDEM MUSS ER GEHEN!!

SO ETWAS KÖNNEN WIR UNS EINFACH NICHT MEHR BIETEN LASSEN!

DESWEGEN: DIE VOLLE WAHRHEIT OHNE RÜCKSICHT AUF KONSEQUENZEN!!"

Heute erscheint vermutlich auch das folgende Flugblatt am GSG:"
STREIK

Leue läßt Arbeiten schreiben, zu denen der Klasse jegliche Grundlage fehlt.

Leue biegt die Zensuren der Klassenarbeiten zurecht.

Leue diskriminiert die Schüler.

Leue diktiert den Unterrichtsstoff.

STREIK.

Deshalb müssen wir den Deutschunterricht BESTREIKEN.

Wir wollen einen neuen Deutschlehrer!!!
=N.N.:Streik,o.O. (Dortmund) o.J. (1972);
N.N.:Streik,o.O. (Dortmund) o.J. (1972);
Westdeutsche Allgemeine Zeitung-Lokalteil Dortmund, 22.1.1972


22.01.1972:  Am Dortmunder Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) erscheint vermutlich heute das folgende Flugblatt des Streikkomitee mit einer Seite DIN A4:"
STREIKEN WIR WEITER?

Wir haben gestern gestreikt, weil wir eine Klärung sämtlicher Vorkommnisse, insbesondere des Falls Wintermeyer, und alle daraus resultierende Konsequenzen forderten.

Hat die gestrige Besprechung des Streikkomitees mit den Lehrern und Elternvertretern Klärung geschaffen?

NEIN! Es wurde lediglich eine neue Besprechung am Dienstag anberaumt. Diese soll wiederum Klärung der Angelegenheiten schaffen. Sind damit unsere Streikgründe aus der Welt geschaffen?

NEIN! Wir kennen bis jetzt noch keine Hintergründe.

Wir wissen immer noch nichts.

Wir sehen nur, daß in dieser gespannten und mit Mißtrauen gefüllten Atmosphäre kein vernünftiges Lehren und Lernen möglich ist. Eine Verwirklichung des im Schulpflichtgesetz niedergelegten Zieles das geregelten und geordneten Schulbetrieb ist also nicht gewährleistet. Wenn deshalb der Direktor Nienkamp sagt, daß ein Schulstreik nicht erlaubt ist, weil der Schulbetrieb dadurch gestört wird, so antworten wir, gerade einen geordneten
Schulbetrieb wollen wir ja!

Wir glauben, daß der Schulstreik ein für dieses Ziel angemessene und legitime Mittel ist.

Deshalb laufen auch noch alle in diesem Streik getroffenen Disziplinarmaßnahmen dem öffentlichen Interesse zuwider und sind somit ungesetzlich. Diese Meinung vertreten auch einige Juristen, die wir gegebenenfalls bei einer Klärung der Rechtslage bemühen werden.

Wir fordern also die Zurücknahme aller Klassenbucheintragungen!

Wir bitten Euch die oben genannten Gründe zu überdenken und fragen euch:

STREIKEN WIR WEITER? - Das Streikkomitee!"
=GSG-Streikkomitee:Streiken wir weiter?,o.O. (Dortmund) o.J. (1972)

24.01.1972:  Am Dortmunder Geschwister-Scholl-Gymnasium (GSG) erscheint vermutlich zu Beginn dieser Woche vom Lehrerkollegium eine Stellungnahme von einer Seite DIN A4:"
STELLUNGNAHME

Das Kollegium des Geschwister-Scholl-Gymnasiums stellt zur momentanen Situation fest:

Wir wollen und werden keinen Schüler wegen der Teilnahme am Streik der letzten Tage bestrafen.

Wir sind der Meinung, daß überall da, wo es etwas zu prüfen und zu untersuchen gibt, geprüft und geklärt werden soll.

Die Lehrer sind selbstverständlich bereit und bemüht, aus Fehlern zu lernen. Erwarten sie aber bitte nicht, daß wir unsere pädagogische Arbeit in Zukunft ausschließlich nach den Wunschvorstellungen von kleinen Gruppen so oder so orientierter Schüler ausrichten können.

Wir sind bereit, unsere Einstellungen und Lehrmethoden immer wieder in Frage zu stellen. Das eigene Verantwortungsbewußtsein sollte uns dann helfen, neue Wege und Ziele unter Mitarbeit der Eltern und Schüler zu finden.

Mitarbeit bedeutet Gespräch, heißt fragen, heißt antworten.

Tun wir mehr in dieser Richtung als bisher, ohne die Gründe für ein Fehlverhalten jeweils nur beim anderen zu suchen!

Dann wird sich Unruhe als heilsam erweisen und braucht sicher nicht zu Agitation zu führen."
=GSG-Kollegium:Stellungnahme des Kollegiums,o.O. (Dortmund) o.J. (1972)

25.01.1972:  Von heute liegt uns ein zweiseitiger Brief des Demonstrationskomitees des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Dortmund (GSG - vgl. 21.1.1972, 26.1.1971) vor:"
"Liebe Eltern der Schüler (innen) des GSG!

Während der spontanen Demonstration unseres Unmuts wurde der Fall Wintermeyer unnötig hochgespielt. Die Motivationen der Unruhe sind jedoch weit umfangreicher. Wir wollen Vorfälle, die das verseuchte Klima an unserer Schule kennzeichnen, nach außen demonstrieren; denn es ist unmöglich, in solch einer Atmosphäre pädagogisch wertvolle Arbeit zu leisten.

Zur Erklärung seien hier drei bezeichnende Fälle angeführt:

1. Fall Franke;

Nachdem eine Schülerin einige Äußerungen Stdir. Frankes notiert hatte, beschlagnahmte er diese Notizen aus der Befürchtung, daß sie gegen ihn aussagen könnte. Damit setzte er sich ins Unrecht! Eine Beschwerde der Schülerin wies der Direktor zurück, deckte Herrn Franke in jeder Weise und forderte obendrein von der Schülerin, sich zu entschuldigen.

Die Mutter der Schülerin verlangte daraufhin eine klärende Unterredung, wurde jedoch vom Direktor derart an die Wand geredet, daß sie hinterher äußerte: 'Ich sage hier kein Wort mehr, da mir alles im Mund verdreht wird!'

Dieser Satz ist bezeichnend für die Verhörmethoden im Direktorzimmer.

2. Fall Leue:

Ein weiterer Fall zeigt, wie der Direktor Nienkamp einen Lehrer deckte, der von einer Oberstufenklasse wegen unpädagogischen Verhaltens bestreikt wurde, bis eine Beschwerde an eine höhere Stelle ging.

Dieses Verhalten gipfelte in Äußerungen wie:

'Wenn du nicht augenblicklich den Mund hältst, schlag ich dir die Fresse ein!'

Einziger Erfolg dieses Streiks war, daß Herr Leue jetzt in den unteren Klassen unterrichtet.

3. Fall Wintermeyer:

In diesem Fall wurde ein Studienassessor auf Forderung des OStDir. Niekamp nach einer knapp zweimonatigen Arbeitszeit an unserer Schule mit Wirkung vom 1.2.1972 versetzt.

Nach eigenen Angaben beugte er sich der Situation. Die Gründe sind bis heute unbekannt, da sowohl Nienkamp als auch Wintermeyer an die vom SK auferlegte Schweigepflicht gebunden sind. Der Direktor gab hierzu in der OII m3 lediglich bekannt, daß die Gründe für die Versetzung weder persönlicher noch fachlicher Art seien.

Er bestritt außerdem die Unqualifiziertheit Wintermeyer im Fall Deutsch, und die Überbeschäftigung in Geschichte sei nicht ausschlaggebend gewesen.

Das SK schloß politische Gründe aus:

FRAGE: Warum sonst sollte Wintermeyer versetzt werden?

Wir sind weiterhin an einer Aufklärung des Falles interessiert, weil nahezu alle Schüler Herrn Wintermeyer einen guten Unterricht bescheinigen und er bei ihnen beliebt ist.

Wir fordern darum vom SK:

1. Eine genaue Untersuchung sämtlicher Fälle

2. Tägliche Information über den Verlauf dieser Untersuchungen

3. Zum Schluß der Untersuchung ein detailliertes Protokoll, das veröffentlicht werden soll

4. Es sollen alle Konsequenzen aus den Untersuchungen gezogen werden. Wir hoffen auf ihre Unterstützung. Diese Dinge gehen jeden Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums an.

Hochachtungsvoll: Das Demonstrationskomitee."

Vermutlich ebenfalls heute erscheint auch ebenfalls vom Demonstrationskomitee das folgende Flugblatt:"
WIR BLEIBEN STANDHAFT

Am Samstag sicherten uns Vertreter des Schulkollegiums (SK) zu, daß keine Disziplinarmaßnahmen gegen spontan demonstrierende Schüler erfolgen, falls wir heute diese Demonstration niederlegen.

Das ist ein übler Erpressungsversuch, zumal schon gestern in einer Lehrerversammlung über solche Maßnahmen beraten wurde.

Gestern hat der Schülerrat im Einvernehmen mit dem Verbindungslehrer beschlossen, daß ab heute 8 Uhr eine Schülervollversammlung auf dem Schulhof stattfindet.

Auf dieser Versammlung soll beschlossen werden, wir wir weiter gegen die katastrophalen Zustände vorgehen.

Das Demonstrationskomitee."
=Demonstrationskomitee des GSG:Wir bleiben standhaft,o.O. (Dortmund) o.J. (1972);
Demonstrationskomitee des GSG:Brief an Eltern der Schüler (innen) des GSG, Dortmund 25.1.1972


26.01.1972:  Von diesem Tag liegt uns ein Brief des Klassenpflegschaftsvorsitzenden des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Dortmund (GSG - 21.1.1972) vor:"
An alle Eltern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums

Auf Grund der Schülerdemonstration am Geschwister-Scholl-Gymnasium findet am Freitag,, den 28.1.1972, um 19 Uhr, eine Klassenpflegschaftsversammlung in den jeweiligen Klassenräumen des Geschwister-Scholl-Gymnasium statt. Die Einweisung in die Räume erfolgt durch die Klassensprecher.

Es ist dringend erforderlich, daß sämtliche Eltern an der Versammlung teilnehmen, da möglicherweise nicht auszuschließen ist, daß die Ereignisse der letzten Tage in der fehlenden Bereitschaft vieler Eltern, am Schulleben mitzuwirken, ihre Ursachen haben.

Die gewählten Klassensprecher sind ebenfalls eingeladen.

Im Namen des Klassenpflegschaftsvorsitzenden - W. Schiffmann."
=Klassenpflegschaftsvorsitzender des Geschwister-Scholl-Gymnasiums:An alle Eltern des Geschwister-Scholl-Gymnasiums,Dortmund 26.1.1972

04.02.1972:  Von heute liegt uns aus Dortmund ein Brief des Vorsitzenden der Schulpflegschaft des Geschwister-Scholl-Gymnasiums (GSG) vor:"
An alle Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums und deren Eltern

Liebe Schülerinnen und Schüler!

Liebe Eltern!

Die Schulpflegschaft des GSG hat in ihrer Sitzung vom 4.2.1972 aus Anlaß der Schülerdemonstration vom 21. und 22.1.1972 folgendes beschlossen:

1. Schüler, Lehrer und Eltern sehen als Schulgemeinde ihre Aufgabe darin, auf vertrauensvolle und verantwortliche Zusammenarbeit ALLER hinzuwirken. Zu diesem Ziel werden die Schüler gebeten, von den ihnen gesetzlich zustehenden Möglichkeiten Gebrauch zu machen, das Schulleben mitzugestalten. Voraussetzung dafür ist die Bildung einer funktionsfähigen Schülermitverwaltung (SMV,d.Vf.). Lehrer und Eltern sind bereit, soweit wie möglich helfend und beratend mitzuwirken.

Die Schulpflegschaft begrüßt es, wenn Schüler, Lehrer und Eltern im Sinne dieser Zielsetzung MITEINANDER im Gespräch bleiben. Zusätzliche Möglichkeiten dafür bietet der in der Schulpflegschaftsversammlung vom 28.1.1972 beschlossene Gesprächskreis von Schülern, Lehrern und Eltern.

2. Die Lehrer sind jederzeit bereit, Anregungen, Vorschläge, wie auch Kritik entgegenzunehmen. Sie sind auch bereit, ihre Einstellungen und Lehrmethoden immer wieder in Frage zu stellen und neue Wege und Ziele im gemeinsamen Gespräch und in gemeinsamer Verantwortung aller anzustreben.

3. Den Eltern ist durch die Ereignisse vom 21. und 22.1.1972 klar geworden, daß sie mehr als bisher das Gespräch untereinander und das Gespräch mit Schülern und Lehrern suchen und pflegen müssen.

Alle Eltern sind aufgerufen, auf ihre Kinder im Sinne der Aufrechterhaltung eines geordneten Schulbetriebes einzuwirken. Lehrer und Eltern erwarten von den Schülern, daß deren legal gebildete Vertretungen einzelne und kleine Gruppen davon abhalten, die vertrauensvolle Zusammenarbeit innerhalb der Schule zu zerstören.

4. Die Schulpflegschaft stellt den Schülern noch einmal mit allem Nachdruck vor Augen, daß für den 21. und 22.1.1972 Bestrafungen nur abgewendet werden konnten, weil bei vielen Schülern Unkenntnis der Rechtslage angenommen wurde. Für die Zukunft kann das nicht mehr gelten.

Die Schulpflegschaft ist nicht bereit, sich bei erneuten illegalen Aktionen schützend vor die daran teilnehmenden Schüler zu stellen.

Gez. Schiffmann, Vorsitzender der Schulpflegschaft."
=Schulpflegschaft des Geschwister-Scholl-Gymnasiums:An alle Schülerinnen und Schüler des GSG und deren Eltern,Dortmund 4.2.1972

09.09.1972:  In Bonn beginnt eine zweitägige Landesversammlung der SMV der allgemeinbildenden Schulen NRW's (SMV/ABS).

In einer "Erklärung: Bezirks- und Landes-SMV unter der politischen Kontrolle der Kultusbürokratie" heißt es u.a. zu dieser Tagung:"...
- In Dortmund soll das Büro des SMV-Bezirks geschlossen werden, nachdem ein von der Kultusbürokratie zur politischen Kontrolle der Bezirksarbeit eingesetzter Beamter der zuständigen Schulaufsichtsbehörde in Abwesenheit der Bezirksschülersprecher das Büro durchsucht und 'politische Materialien' gefunden hat (bei diesem Material handelt es sich um Streik-Flugblätter des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Dortmund)."
SMV/ABS NRW-Mitglieder:Erklärung: Bezirks- und Landes-SMV unter der politischen Kontrolle der Kultusbürokratie,Bonn 9./10.9.1972

05.12.1972:  In Dortmund führt das Aktiv gegen den Abbau demokratischer Rechte am Leibniz-Gymnasium eine weitere Sitzung (vgl. 27.11.1972, 9.12.1972) mit vier Teilnehmern durch, worüber es u.a. heißt:"...
e. Am Geschwister-Scholl Gymnasium haben sich 30 - 50 Schüler mit Hannes Heer durch ihre Unterschrift solidarisiert.
=Aktiv gegen den Abbau demokratischer Rechte Leibniz-Gymnasium-X.:Protokoll der Sitzung vom 5.12.1972,o.O. (Dortmund) o.J. (1972)

13.01.1973:  Vermutlich die KOV-Sympathisantengruppe will heute vor dem Dortmunder Geschwister-Scholl-Gymnasium Flugblätter des Nationalen Vietnamkomitees (NVK) der KPD verteilen.
=N.N.:Protokoll der Sitzung vom 7.1.1973,Dortmund o.J. (Jan. 1973),S.2

19.02.1973:  Vermutlich zu Beginn dieser Woche erscheint das Flugblatt der VVN-BdA Dortmund:"
WEISSE ROSE KONTRA HAKENKREUZ

WIDERSTANDSKAMPF IM 3. REICH

DEMOKRATIEVERSTÄNDNIS UND WIDERSTANDSKAMPF HEUTE

Am 22. Februar 1973 jährt sich zum 30. Male der Tag, an dem im Münchener Zuchthaus Stadelheim die Geschwister Hans und Sophie Scholl sowie ihr Freund Christoph Probst von den Hitlerfaschisten ermordet wurden.

Was bedeutet ihr Widerstand für junge Demokraten heute?

Hierüber sprechen: Vertreter der Jugendverbände und ehemalige Widerstandskämpfer. Einführende Worte und Gesprächsleitung: Pfarrer Sanß.

Vor 30 Jahren Aufruf 'Weiße Rose'.

Am 22.Februar 1943 verurteilte der 'Teufel im Talar', Vorsitzender des sogenannten 'Volksgerichtshofes' (VGH,d.Vf.) Freisler, die Münchener Studenten Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst zum Tode. Noch am gleichen Tage wurden die drei im Zuchthaus Stadelheim enthauptet. Das Führerhauptquartier und die oberste Parteileitung ließen sich von den Vorkommnissen Bericht erstatten.

Einige Tage später war die 'Weiße Rose' in Europa und in der Welt zu einem Begriff geworden, zu einem Symbol des Widerstandes der jungen Generation Deutschlands gegen die Hitlerbarbarei. Leidenschaftlich hatten sie in ihren Schriften an das deutsche Volk appelliert, nicht blindlings seinen Verführern in das Verderben zu folgen. In ihrem Aufruf hieß es:

'Ein Verbrechertum kann keinen deutschen Sieg erringen. Trennt Euch von allem, was mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt; glaubt nicht der nationalsozialistischen Propaganda, die Euch den 'Bolschewistenschreck' in die Glieder gejagt hat! Beendet den faschistischen Krieg! Beseitigt den preußischen Militarismus! Jedes Volk, jeder Einzelne hat ein Recht auf die Güter dieser Welt!'

Friede, Demokratie und Völkerverständigung waren ihre Ziele. Die ermordeten Studenten ehren heißt:

Die Gegenwart an den Zielen der 'Weißen Rose' überprüfen. Der barbarische Faschismus wurde geschlagen, der Friede und die Demokratie sind jedoch nicht gesichert. Der Nazismus ist nicht ausgemerzt. Faschistisches und revanchistisches Gedankengut wird trotz der Ostverträge und des Friedensgebotes der Verfassung weiterhin verbreitet. Der Widerstand gegen das 3. Reich findet in den Schulgeschichtsbüchern kaum noch Erwähnung. Die Aufrüstung wird verstärkt!

In den neuen Bundeswehrhochschulen (BWHS,d.Vf.) werden die jungen Offiziere zu unbedingtem Gehorsam erzogen (1933 - 1945 52 Millionen Tote). Die finanzielle und materielle Hilfe der Bundesregierung an die USA für deren schmutzigen Krieg in Indochina, die militärische Hilfe an Portugal, an das faschistische Griechenland und Spanien, widersprechen dem humanen Wollen der 'Weißen Rose'.

Die Münchener Studenten kämpften für die Völkerverständigung. Die demokratischen Rechte werden immer mehr abgebaut! Der Kampf um die demokratischen Rechte wird bei der studierenden, der arbeitenden und lernenden Jugend immer schwerer.
Ein Teil der fortschrittlichen Lehrer wird durch Ministerpräsidentenbeschluß (BV,d.Vf.) von der Berufsausübung ausgeschlossen. Das verstößt gegen den Geist des Kampfes der Geschwister Scholl und ihrer Kampfgefährten. Wir rufen auf, wachsam und zum Handeln bereit zu sein."

Das Flugblatt wird unterstützt von:
- AStA Uni Dortmund,
- Christliche Arbeiterjugend (CAJ),
- CVJM Dortmund,
- Vietnam-Solidarität,
- Internationales Rombergpark-Komitee,
- Jungdemokraten (Judos der FDP),
- Jungsozialisten (Jusos der SPD) Husen-Kurl,
- MSB Spartakus der DKP,
- Naturfreundejugend (NFJD),
- ÖTV-Jugend Stadtverwaltung,
- Pax Christi,
- Reichsbund,
- SDAJ der DKP,
- Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken (SJD der SPD),
- SMV Geschwister Scholl-Gymnasium,
- VDK Brackel,
Sowie einer Reihe Dortmunder Einzelpersonen.
Aufgerufen wird zur Veranstaltung zur 'Weißen Rose' (vgl. 22.2.1973).
=VVN-BdA Dortmund:Weiße Rose kontra Hakenkreuz. Widerstandskampf im 3. Reich. Demokratieverständnis und Widerstandskampf heute,Dortmund o.J. (Feb. 1973)

19.11.1973:  Vermutlich zu Beginn dieser Woche erscheint vom KOV Dortmund der KPD das folgende Flugblatt von zwei Seiten DIN A4 unter Verantwortung von Bodo Stöcklein, 46 Dortmund, Dürenerstraße 43:"
WEG MIT DEM POLIZEITERROR - HER MIT DEM JUGENDZENTRUM!
...
Der Direktor des Geschwister-Scholl-Gymnasiums (GSG,d.Vf.) trampelte in der letzten Woche wild keifend auf den Zeitungen des Jugendzentrum-Aktivs an der Schule herum und stieß dabei üble Drohungen gegen einige Schüler aus".
=KOV Dortmund:Weg mit dem Polizeiterror - Her mit dem Jugendzentrum,Dortmund o.J. (1973)

Dezember 1973:  Am Geschwister Scholl Gymnasium in Dortmund gründet der KOV der KPD vermutlich im Dezember eine Zelle.
=Schulkampf Nr.1,Dortmund Jan. 1974

Januar 1974:  Der KOV der KPD berichtet:"
DER AUFBAU DES KOV IN NRW

... Als erfreuliches Zwischenergebnis können wir festhalten, daß es uns im letzten halben Jahr gelungen ist, zwei neue Stützpunkte in der Region zu schaffen, von denen aus wir den regionalen Aufbau des KOV weiter vorantreiben werden. Dies ist die Gründung einer Zelle am SCHLAUNGYMNASIUM IN MÜNSTER, einer Zelle am GESCHWISTER-SCHOLL-GYMNASIUM IN DORTMUND und eines SCHÜLERKOMITEES IN DORTMUND. ...
Dortmund (das man besser Hoesch-town nennen sollte) ist eine Stadt, die von Stahl und Bergbau geprägt ist, in der die Bevölkerung bereits an vielen Stellen im Widerspruch zur Monopolbourgeoisie steht, und wo es auch der Partei gelingt, sich weiter zu verankern. Vielen Schülern ist das organisierte Eingreifen der KPD und des KJV bereits im Bewußtsein. Die letzten Kämpfe um das Erich-Dobhardt-Haus z.B. haben bewiesen, daß die Kommunisten in der Lage sind, den Kämpfen der Jugendlichen die richtige Stoßrichtung zu geben.

Es war daher nur folgerichtig, daß wir den Aufbau einer Zelle am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Angriff nahmen, einer Schule, auf der trotz fiesester Diffamierungsversuche die Liste der fortschrittlichen Schüler bei der ersten Wahl 350 Stimmen erlangen konnte, wo die dortigen Schüler aufgeschlossen den Positionen der KPD und des KOV gegenüberstehen. Im Rahmen ihrer weiteren Stabilisierung wird es die Aufgabe der Zelle sein, die bestehenden schulspezifischen Widersprüche genauer zu analysieren und weiter aufzugreifen. Neben der Errichtung eines Schülerkomitees (...) dessen Aufbau bereits abgeschlossen ist, ist es unser nächstes Ziel in Dortmund, eine Ortsleitung zu errichten, die sich noch intensiver mit den vielfältigen Kontakten in Dortmund befassen und weitere Zellengründungen in Angriff nehmen kann."
=Schulkampf Nr.1,Dortmund Jan. 1974,S.8

Mai 1974:  Die Zelle Geschwister Scholl Gymnasium Dortmund des KOV der KPD beschließt vermutlich im Mai als Parteitagsaufgebot (vgl. 26.6.1974) den Aufbau von Klassenkollektiven in der Quarta und der U 1 und die Steigerung des 'Schulkampf' (SK) Verkaufs von 20 auf 60.
=Schulkampf Nr.5,Dortmund 11.6.1974

13.05.1974:  Die Ortsleitung (OL) Dortmund des KOV der KPD gibt vermutlich in dieser Woche das folgende - für uns teilweise aufgrund der Druckqualität kaum lesbare - Flugblatt mit zwei Seiten DIN A 4 unter Verantwortung von B. Stöcklein, Dortmund, Osterholzstr.70, zum 25. Jahrestag des GG (vgl. 23.5.1974) heraus:"
25 JAHRE GRUNDGESETZ - EIN GRUND ZUM FEIERN? ...
In Dortmund berichten immer mehr Schüler, daß die Direxe mit Hinweis auf eine 'Dienstanweisung' vom Schulkollegium Münster alle Solidaritätsformen und Aktionen untersagen. Erklären können sie das nicht. Aber an den meisten Schulen kann das die Schüler nicht aufhalten: dieser Unverschämtheit der sich allmächtig dünkenden Behörde kann man nur mit noch entschiedenerem Protest begegnen!

Und der Schülerrat am GSG (Geschwister Scholl Gymnasium,d.Vf.) hat die richtige Antwort erteilt: Die SMV wird für Elmar (in Warendorf,d.Vf.) eintreten - jetzt eben gegen das Schulkollegium!
=KOV-OL Dortmund:25 Jahre Grundgesetz - ein Grund zum Feiern?,Dortmund o.J.(Mai 1974)

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