Marxisten-Leninisten (ML) Dortmund:
Schulungsmaterial Parteiaufbau 2 (1972)

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 21.9.2017


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Die hier vorgestellten Broschüre stellt eine der ersten Veröffentlichungen der aus der KPD/ML-ZK hervorgegangenen ML Dortmund dar.

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

April 1972:
Die Marxisten-Leninisten (ML) Dortmund geben spätestens im April ihr 'Schulungsmaterial Parteiaufbau' Nr. 2 (vgl. März 1972) mit 8 Seiten DIN A 4 unter Verantwortung von Reinhart Wagner zum Thema "Spontaneität und Bewußtheit" heraus. Enthalten sind drei Papiere, darunter eines der Parteiopposition Hamburg der KPD/ML-ZK (vgl. Aug. 1971) sowie zwei vermutlich von den ML Dortmund selbst verfaßte.

Im Vorwort heißt es:"
'Man sagt oft: Die Arbeiterklasse fühlt sich SPONTAN zum Sozialismus hingezogen. Das ist vollkommen richtig in dem Sinne, daß die sozialistische Theorie tiefer und richtiger als jede andere die Ursachen des Elends der Arbeiterklasse aufzeigt; darum wird sie von den Arbeitern auch so leicht erfaßt, FALLS diese Theorie nur selber vor der Theorie nicht die Segel streicht, FALLS sie sich die Spontaneität unterordnet. Gewöhnlich versteht sich das von selbst, aber das 'RABOTSCHEJE DELO' vergißt und entstellt gerade diese selbstverständliche Tatsache. Die Arbeiterklasse fühlt sich spontan zum Sozialismus hingezogen, aber die weitest verbreitete (und in den mannigfaltigen Formen ständig wiedererstehende) bürgerliche Ideologie drängt sich trotzdem spontan dem Arbeiter am meisten auf.' (W.I. Lenin, Was Tun, Ag. W. S.177)

Wenn wir die bolschewistische Partei nicht als organisatorischen Wurmfortsatz des spontanen Kampfs der Arbeiterklasse, sondern deren bewußten Vortrupp aufbauen wollen, müssen wir uns Klarheit in der Frage verschaffen, warum die 'in den mannigfaltigsten Formen ständig wieder auferstehende bürgerliche Ideologie' den spontanen Kampf der Arbeiterklasse charakterisiert. Die Spontaneisten und Ökonomisten erklären diese Vorherrschaft der bürgerlichen ideologie aus der Rolle der bürgerlichen Presse, des Fernsehens, der bürgerlichen Agenten in der Arbeiterklasse usw. Sie nennen damit äußere Bedingungen, aber nicht das Wesen; sie stellen damit die materialistische Dialektik auf den Kopf: Sie behaupten, das bürgerliche Bewußtsein der Arbeiterklasse sei das Ergebnis der äußere Einflüsse auf die Arbeiterklasse und nicht das Ergebnis ihrer inneren Widersprüche. Diese grundsätzliche Revision der ml Erkenntnistheorie, daß äußere Einflüsse nur vermittels innerer Ursachen wirken, macht deutlich, wieweit sich die modernen Ökonomisten und Spontaneisten von den grundlegenden Erkenntnissen und Prinzipien des Marxismus-Leninismus entfernt haben.

Die innere Ursache für die 'in den mannigfaltigsten Formen ständig wieder auferstehende bürgerliche Ideologie' liegt begründet in dem Widerspruch zwischen Wesen und Erscheinung der bürgerlichen Gesellschaft. Im Bewußtsein der Arbeiterklasse tritt wie im Bewußtsein aller anderen Klassen dieser Widerspruch als Verkehrung von Wesen und Erscheinung der bürgerlichen gesellschaft auf. 'Oder wie kommt es sonst… daß es so aussieht, als ob der Arbeitslohn Lohn für die geleistete Arbeit ist und nicht der Preis der Ware Arbeitskraft, als ob nicht nur der Arbeiter Werte schafft, sondern auch das Kapital, die Maschinen usw….' Marx nennt diesen 'falschen Schein' der das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft verdeckt, FETISCH. Die kapitalistische Gesellschaft produziert selbst diesen Fetisch. Solange es den Kapitalismus gibt, ist deshalb WISSENSCHAFTLICHE EINSICHT notwendig, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu durchschauen und revolutionär verändern können. Das bedeutet, daß die Arbeiterklasse aufgrund ihrer bloßen Klassenlage immer nur den bürgerlichen Versuch entwickeln kann, den Widerspruch zur Bourgeoisie zu lösen: Sie entwickelt eine trade-unionistische Politik mit dem Ziel der verbesserung der Lage der Arbeiterklasse. Ihr Klassenbewußtsein ist das Bewußtsein über die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller Arbeiter gegen die Bourgeoisie dazu. Das sozialistische Bewußtsein, das sich die revolutionäre Überwindung des Widerspruchs zwischen Bourgeoisie und Proletariat zum Ziel macht, entspringt nicht den spontanen Erfahrungen des Kampfes der Arbeiterklasse, sondern tiefer wissenschaftlicher Einsicht.

Die Spontaneisten und Ökonomisten greifen diese fundamentale Erkenntnis des Marxismus-Leninismus aufs Heftigste an. Um ihr Programm der Anbetung der Spontaneität und Herabminderung der Rolle der Bewußtheit zu rechtfertigen, versuchen sie diese klaren Unterscheidungen zu verwischen, indem sie das spontane Klassenbewußtsein zur Keimform des sozialistischen Bewußtseins erklären. Das spontane Klassenbewußtsein ist aber nicht die Keimform, sondern der Nährboden für das sozialistische Bewußtsein. Die kommunistische Partei ist nicht eine bloße Organisation von Arbeitern, sondern eine Organisation, die das historische Gesamtinteresse aller Arbeiter vertritt.

Im folgenden drucken wir drei Papiere ab, die versuchen, den Widerspruch Spontaneität und Bewußtheit inhaltlich zu füllen: Das 1. Papier 'Der Widerspruch zwischen den Ansichten von Lenin und Stalin und denen der LL' wurde von der Hamburger Parteiopposition im Kampf gegen die bürgerlichen Auffassungen der Landesleitung der KPD/ML Hamburg verfaßt. Es ist ein Ergebnis des ideologischen Kampfes gegen die Hauptvertreter der bürgerlichen Politik innerhalb der KPD/ML-ZK. Das 2. Papier versucht das 'Verhältnis von Spontaneität und Bewußtheit' näher zu bestimmen. Es weist besonders hinsichtlich einer klaren und überzeugenden Argumentation erhebliche Mängel auf. Wir drucken es trotzdem ab, weil die inhaltlichen Ausführungen entscheidender sind als ihre miserable Vermittlung. Das 3. Papier 'Zur Klärung der Frage nach den Grenzen des Bewußtseins der Arbeiterklasse' faßt die grundlegenden Aussagen von Karl Marx über den Fetisch-Charakter im Kapital Bd.1 zusammen."

Im zweiten Papier heißt es:"
DAS VERHÄLTNIS VON SPONTANEITÄT UND BEWUSSTHEIT

Will man das Bewußtsein der Arbeiterklasse, welches sich spontan entwickelt, so muß man das gesellschaftliche Sein der Arbeiter untersuchen. Das gesellschaftliche Sein wird bestimmt durch die Rolle der Arbeiter in der gesellschaftlichen Produktion.

'Als Klassen bezeichnet man große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden nach ihrem Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem (größtenteils in Gesetzen fixierten und formulierten) Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nach ihrer Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und folglich nach der Art der Erzeugung und des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, über den sie verfügen. Klassen sind Gruppen von Menschen, von denen die einen sich die Arbeit einer anderen aneignen kann, in Folge der Verschiedenheit ihres Platzes in einem bestimmten System der gesellschaftlichen Wirtschaft.' (Lenin, Die große Initiative, AGW III, S. 255)

Im Kapitalismus nimmt die Produktionstätigkeit die gesellschaftliche Form der Produktion und Reproduktion des Kapitalverhältnisses an. Die Frage nun, ob die Arbeiterklasse sozialistisches Bewußtsein spontan entwickeln kann, hängt davon ab, ob es ihr möglich ist, das grundlegende Produktionsverhältnis der bürgerlichen Gesellschaft, das Kapitalverhältnis spontan zu durchschauen, oder ob für dieses Durchschauen des Wesens der kapitalistischen Gesellschaft, des Wesens der Ausbeutung, des Wesens der Klassenverhältnisse die besondere wirtschaftliche Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus notwendig ist. Die Frage reduziert sich also darauf, ist es möglich, daß das Proletariat nur auf der Grundlage einer sinnlichen Erkenntnis das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft durchschaut, oder bedarf es dazu einer BESONDEREN WISSENSCHAFTLICHEN EINSICHT, die das Proletariat als Klasse, solange es die arbeitende Klasse bleibt, nicht aus eigener Kraft haben kann aufgrund seiner elenden Klassenlage? Mußten nicht umfangreiche Studien und Forschungen angestellt werden, eine besondere wissenschaftliche Methode angewendet werden und zwar von Männern, die auf der Höhe der Wissenschaft ihrer Zeit die bürgerliche Wissenschaft durch den wissenschaftlichen Sozialismus qualitativ überwanden, eben Marx und Engels, um die einzig wirkliche rationale Erkenntnis des Kapitalismus in seiner Totalität herauszuarbeiten? Und müssen deshalb die Ergebnisse dieser Untersuchungen, die Schlußfolgerungen seit dieser Herausarbeitung des Wesens des wissenschaftlichen Sozialismus, konkretisiert auf die Bedingungen der Revolution im eigenen Land, von außen hineingetragen werden von der dann notwendigen 'bewußten' Vorhut? Diese Frage kann nur durch die Untersuchung des Kapitalverhältnisses als dem Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital selbst beantwortet werden.

Marx hat eine solche Untersuchung, vor allem im 'Kapital' durchgeführt, dabei festgestellt, daß die kapitalistische" hier wurde in unserem Exemplar der Schrift leider eine ganze Seite nicht gedruckt. Fortgefahren wird****:"
scheinen, so heißt das, daß das Proletariat sich nicht aus eigner Kraft als das geschichtliche Subjekt begreifen kann, welchem die historische Aufgabe zukommt, durch den Sturz des Kapitalismus die Klassenverhältnisse aufzuheben.

Was das Proletariat dagegen spontan entwickelt, ist das Bewußtsein, organisiert den Kampf gegen die Kapitalisten für die Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen aufzunehmen. Ziel dieser Kämpfe bleibt aber immer die Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen (höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen), mag ihnen auch spontaner politischer Charakter verliehen werden durch die unmittelbare Konfrontation mit dem kapitalistischen Staatsapparat (Polizei, Werkschutz) der von den Kapitalisten zu Hilfe gerufen wird, um streikende Arbeiter wieder auf die Arbeitsplätze zu zwingen. Die Ziele dieser Kämpfe bewegen sich also notwendig immer innerhalb der Verhältnisse von Lohnarbeit und Kapital. Nur der mit sozialistischem Bewußtsein geführte Kampf hat die Abschaffung dieses Verhältnisses zum Ziel.

'Der Trade-Unionismus schließt keineswegs, wie man manchmal glaubt, jede 'Politik' aus, die Trade-Unionisten haben stets eine gewisse (aber nicht sozialdemokratische) politische Agitation und einen gewissen politischen Kampf geführt.' (Lenin, Was tun Anm. 1) Die Arbeiterklasse muß deshalb von außen mit dem bewußtsein dieser ihrer Aufgaben erfüllt werden. Hier liegt die Notwendigkeit der Partei begründet. Der falsche Schein an der Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaft ist ein notwendiges Moment der Kapitalverhältnisse selbst. Er kann deshalb auch nur mit diesen aufgehoben werden, d.h. durch die Beseitigung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, (im Sozialismus unter der Diktatur des Proletariats überhaupt). Deshalb ist die kommunistische Partei als bewußte Vorhut notwendig."

Im dritten Papier heißt es:"
ZUR KLÄRUNG DER FRAGE NACH DEN ALLGEMEINEN GRENZEN DES BEWUSSTSEINS DER ARBEITERKLASSE KAPITAL, BD 1 TEIL 1-3

Beginn mit dem sinnlich Konkreten und zugleich abstrakt Allgemeinen: der Ware (sinnlich konkret, weil einzelnes Ding; abstrakt allgemein, weil allgemeinste Form des bürgerlichen Reichtums) Gebrauchswert: Gegenstand zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse (Lebensmittel, Produktionsmittel). In jedem Gebrauchswert steckt eine bestimmte zweckmäßige produktive Arbeit, die sich qualitativ unterscheidet von der in anderen Gebrauchswerten enthaltenen konkret-nützlichen Arbeit. In der Mannigfaltigkeit der sie produzierenden nützlichen Arbeit erscheint ein vielgliedriges System der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Nur qualitativ verschiedene Gebrauchswerte und Produkte selbständiger voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waren gegenüber.

Als Bildnerin von Gebrauchswerten ist die Arbeit ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel von Mensch und Natur zu vermitteln. In der zu betrachtenden Gesellschaftsformation jedoch sind die Gebrauchswerte stoffliche Träger des Tauschwertes: Der Tauschwert erscheint zunächst nur als das quantitative Verhältnis, in dem sich 2 Waren gegenseitig austauschen. 2 Dinge sind nur quantitativ vergleichbar, wenn sie reduzierbar sind auf etwas ihnen qualitativ gemeinsames. Tauschwert ist also ein Mehr oder Minder von etwas Drittem. Dieses Etwas kann nichts mit den körperlichen Eigenschaften der Ware zu tun haben, denn die sind es gerade, die die Waren qualitativ voneinander unterscheiden, und im realen Austauschprozeß wird gerade von den Gebrauchswerten abstrahiert.

Um dem Gemeinsamen auf die Spur zu kommen, muß man also auch von den Gebrauchseigenschaften, den körperlichen Eigenschaften der Ware abstrahieren (eine Abstraktion, die die Wirklichkeit selbst vollzieht.) Sieht man also von den körperlichen Eigenschaften der Ware ab, so bleibt nur noch, daß sie Arbeitsprodukte sind, aber Arbeitsprodukte, die sich nicht mehr von andern unterscheiden. Abstrahiert der Austauschprozeß von den Gebrauchswerten, so abstrahiert er auch von der konkreten Nützlichkeit der sie produzierenden Arbeit. Die Arbeit ist reduziert auf gleiche menschliche Arbeit - abstrakt menschliche Arbeit. Die gesamte Arbeitskraft der Gesellschaft gilt hier nur noch als eine Arbeitskraft, obgleich sie aus zahllosen individuellen Arbeitskräften besteht. Jede dieser individuellen Arbeitskräfte verausgabt einen Teil der menschlichen Arbeitskraft.

Die den waren gemeinsame Substanz ist also, daß sie Verausgabung gleicher menschlicher gesellschaftlicher Arbeit ist. Diese gesellschaftliche Substanz der Waren ist ihr WERT. Das Austauschverhältnis zweier Waren wird also bestimmt durch das Quantum der in ihnen enthaltenen gemeinsamen gesellschaftlichen Substanz - abstrakte Arbeit, deren Maß die Zeit ist. Als Werte sind Waren daher qualitativ gleiches und quantitativ versschiedenes. Es zeigt sich, daß die Arbeit, soweit sie wertschaffend ist, nicht mehr dieselben Merkmale besitzt, die ihr als Erzeugerin von Gebrauchswerten zukommt. Diese ZWIESCHLÄCHTIGE NATUR der in den Waren enthaltenen Arbeit ist zuerst von Marx erkannt worden. Sie ist der Springpunkt der politischen Ökonomie.

Warum?
Marx hat zuerst das Austauschverhältnis zweier Waren betrachtet und hat darin gesehen, daß sich Dinge nur als arbeitsteilige Produkte voneinander unabhängiger Privatarbeiten als Waren gegenübertreten. Im Austausch werden diese unabhängigen Privatarbeiten aufeinander bezogen. Sie werden als gleiche behandelt. Marx schließt daraus, daß sie als austauschbare gleiches sein müssen. Er entdeckt ihr gleiches in der Tatsache, daß sie Produkte abstrakter gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit sind. Die Privatarbeiten sind also schon in der Produktion aufeinander bezogen und können sich deshalb im Austausch aufeinander beziehen. Der Wert - abstrakte gesellschaftliche Arbeit - ist also das gesellschaftliche Band, was die Privatarbeiten miteinander verbindet und sie so Glieder einer gesellschaftlichen Arbeit sind.

Dies hat Marx erkannt, indem er die Methode der Abstraktion anwandte (Reduktion auf das Wesentliche). Aber er hat nicht von der Wirklichkeit abstrahiert, sondern eine Abstraktion vollzogen, die die Wirklichkeit selbst vollzieht. Durch diese Abstraktion hat Marx das gesellschaftliche Verhältnis Wert aufgedeckt. Das Band, welches die Glieder dieser Gesellschaft verbindet, und welches auf dem Markt (im Warenaustausch) in ERSCHEINUNG tritt.

Er hat damit den grundlegenden Widerspruch dieser Gesellschaft entdeckt. Gesellschaftliche Produktion in der FORM der voneinander unabhängigen privatproduktion. Im realen geschichtlichen prozeß hat sich die Form, in der dieser Widerspruch auf dem Markt im Austausch in Erscheinung tritt, verändert - vom einfachen Warenaustausch bis hin zum Geld. Es gilt nun, diese Entwicklung als notwendige zu begreifen (Warum dieser Inhalt jene Formen annimmt), d.h. das Entwicklungsgesetz herauszufinden (das Entwicklungsgesetz dieses Widerspruchs, d.h. dieser Gesellschaft). Das ist die Funktion des 3. Teils des 1. Kapitels. Es ist damit zugleich die Probe auf die Wirklichkeit. Kann Marx mithilfe der vollzogenen Abstraktion die Entwicklung der Wertform vom einfachen Austauschverhältnis zweier Waren bis hin zur Geldform begreifen? War die Abstraktion also richtig, spiegelt sie die Wirklichkeit tief und richtig wieder? (Lenin sagt, im Kapital finde ständig die Überprüfung durch die Praxis statt) Für unsere Aufgabe ist es nicht notwendig, die Entwicklung der Wertform und ihre Notwendigkeit zu begreifen, also das eigentliche Thema des 3. Teils zu behandeln. Es genügt, die durch die Wertform bedingte Verkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Bewußtsein ihrer Produzenten darzustellen.

DIE WERTFORM ODER DER TAUSCHWERT

Als Gebrauchswerte ist an den Waren nichts Rätselhaftes, ihren Wert jedoch kann man ihnen nicht ansehen. Er ist nicht gegenständlicher Natur, sondern gesellschaftliches Verhältnis. Es ist also klar, daß er nur im gesellschaftlichen Verhältnis ZWEIER Waren ERSCHEINEN kann. Das Wertverhältnis zweier Waren ist der einfachste Wertausdruck. Seine Analyse bietet die eigentliche Schwierigkeit.

DIE BEIDEN POLE DES WERTAUSDRUCKS: RELATIVE WERTFORM UND ÄQUIVALENTFORM

Im Wertverhältnis zweier Waren ist immer ein, die ihren Wert ausdrückt und eine andere, die den Wert der einen ausdrückt. Zwanzig Ellen Leinwand gleich ein Rock - der Wert der Leinwand wird ausgedrückt - der Rock drückt den Wert der Leinwand aus. Die Ware, die ihren Wert ausdrückt, befindet sich in relativer Wertform, diejenige, die als Äquivalent dient, in Äquivalentform. Die Leinwand spiegelt ihren Wert im Rock. Sie ist aktiv. Der Rock passiv. relative Wertform und Äuivalentform sind zwei Pole eines Wertausdrucks, bedingen sich wechselseitig, können ihren Platz tauschen und schließen sich zugleich wechselseitig ein.

RELATIVE WERTFORM

Die beiden Waren sind qualitativ gleichgesetzt. In diesem Verhältnis spielen sie eine unterschiedliche Rolle. Die Leinwand drückt ihren Wert aus, während der Rock in diesem Verhältnis nur als Existenzform von Wert gilt. Die Leinwand drückt in diesem verhältnis ihren Wert aus, aber Rock ist WERT. Außerhalb dieses Wertverhältnisses drückt Rock ebensowenig Wert aus wie die Leinwand. Aber innerhalb ist er das Material, in dem der Wert der Leinwand erscheint, ist also bloßer Wertkörper, Erscheinungsform des Wertes der Leinwand. Rock ist Wertform für Leinwand. Von der Leinwand ausgesehen: ihre gesellschaftliche Eigenschaft, Wert zu haben, erscheint im Rock-Körper. Sie drückt damit aus, daß ihr Wert etwas von IHREM Gebrauchswert verschiedenes ist, das sie als Wert dasselbe ist wie Rock. Sie drückt aus, daß ihr Wert aussieht wie Rock. Sie drückt damit aus, daß ihre Werteigenschaft etwas von ihrer Naturalform durchaus unterschiedenes ist. Von der relativen Wertform aus ist der Wert als gesellschaftliches Verhältnis entschlüsselbar.

ÄQUIVALENTFORM

Die Äquivalentware ist im Wertverhältnis bloße Wertgestalt bloße Gestalt der Leinwand, Rock, wie er geht und steht, verkörpert Wert. Aus dieser Tatsache folgen drei Eigentümlichkeiten der Äquivalentform:
1. Der Gebrauchswert der Ware wird zur Erscheinungsform des Werts einer anderen. Die Naturalform wird zur Wertform. Keine Ware kann sich auf sich selbst als Äquivalent beziehen, sie muß sich also auf eine andere Ware beziehen und so deren Naturalhaut zu ihrer Wertgestalt machen. Innerhalb dieses Verhältnisses tritt der Wert als Naturding in Existenz. Das gesellschaftliche Verhältnis erscheint als Naturding.

2. Konkrete Arbeit wird zur Erscheinungsform abstrakt menschlicher Arbeit. Die abstrakt menschliche Arbeit, die den Wert der Leinwand schafft, erscheint in der konkreten Arbeit, die den Rock produziert hat.

3. Privatarbeit wird zur Erscheinungsform gesellschaftlicher Arbeit. Der Rock als Wertkörper ist das Produkt gesellschaftlich abstrakter Arbeit, sie wird aber in der Form der konkreten Schneiderarbeit verausgabt.

Auf dieser Stufe der Entwicklung des Warenaustausches befinden sich noch alle waren, mal in der relativen Wertform, mal in der Äquivalentform. Sich in Äquivalentform zu befinden ist noch nicht die spezifische Aufgabe einer einzigen Ware - des Geldes. Für den Menschen erscheinen daher alle Waren von Natur aus Wert zu BESITZEN (als einer Natureigenschaft unter vielen, nicht wie beim geld als ausschließliche Eigenschaft, also Wert zu SEIN).

DER WARENFETISCH IST ALSO: DIE GESELLSCHAFTLICHEN VERHÄLTNISSE ERSCHEINEN DEM MENSCHEN ALS EIN VERHÄLTNIS VON DINGEN. Heftet sich die Äquivalentform jedoch an eine einzige Ware (Gold als Geld), so scheint diese Ware Wert an sich zu sein, während die anderen waren sich jetzt ausschließlich in relativer Wertform befinden, durch ihre Beziehung auf Geld Wert zu haben scheinen. Geldfetisch: Das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen erscheint als Natureigenschaft eines Dinges, des geldes. DER FETISCH ENTSPRINGT ALSO AUS DER EIGENTÜMLICHKEIT DER WERTFORM. In seiner Entwicklung vom Warenfetisch zum Geldfetisch verschärft er sich. SEINE WIRKUNG FÜR DEN MENSCHEN IST, DASS SEINE GESELLSCHAFTLICHE BEZIEHUNG ALS NATÜRLICHE, SACHLICHE EIGENSCHAFT EINES DINGES ERSCHEINT. Die gesellschaftlichen Gesetze erscheinen selbst als Sachgesetze, die Gesellschaft als natürliche. Die gesellschaftlichen Verhältnisse erscheinen daher als ewige, unaufhebbare, höchstens zum jeweiligen Vorteil ausnutzbare.

Das gilt auch für die kapitalistische Gesellschaft, in der sich Produktion und Austausch nach dem Geldgesetz regulieren. Das spontane Bewußtsein der Menschen im Kapitalismus mag diese Gesellschaft je nach Klassenlage gut oder ungerecht finden, weist jedoch nicht über die Grenzen dieser Gesellschaft hinaus. Es kann also allenfalls bestrebt sein, die scheinbaren Sachgesetzlichkeiten der Wirtschaft für sich auszunutzen, nicht aber diese Gesetze als gesellschaftliche und damit grundsätzlich aufhebbare erkennen. Für die Arbeiterklasse bedeutet diese Grenze des spontanen Bewußtseins trade-unionistisches Bewußtseins.

DIE NOTWENDIGKEIT DES WISSENSCHAFTLICHEN SOZIALISMUS FÜR DIE ARBEITERKLASSE UND DIE GRENZEN DES SPONTANEN BEWUSSTSEINS

Die Frage nach dem Bewußtsein der Arbeiterklasse ist eine doppelte.
a) Welchen Bewußtseins bedarf die Arbeiterklasse, um durch die Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates ihre Diktatur zu errichten?
b) Welches Bewußtsein entwickelt die Arbeiterklasse spontan aus sich heraus, und an welche Grenzen stößt das spontane Bewußtsein der Arbeiterklasse?

Bei der 1. Frage geht es darum, daß die Arbeiterklasse die kapitalistische Gesellschaft als geschichtliche, vergängliche erkennt und weiß, daß sie als Klasse berufen ist, ihr den Todesstoß zu versetzen. Sie bedarf also des sozialistischen Bewußtseins, um ihre historische Mission zu begreifen. So wie sie das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft erkannt haben muß, so muß sie auch, um den Sozialismus aufzubauen, die gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten (kennen, d.Vf.) und sie bewußt anwenden; denn es gilt, die kapitalistischen Produktionsverhältnisse in sozialistische zu verwandeln und ständig das Bewußtsein der breiten Massen zu revolutionieren. Die sozialistische Bewußtheit ist Voraussetzung für den endgültigen Sieg der Arbeiterklasse.

Fragen wir nach dem bewußtsein der Arbeiterklasse, so müssen wir ihr Sein untersuchen. Das war natürlich hier unmöglich, was hier geleistet werden kann ist, die Bestimmung der allgemeinen Grenzen des spontanen Bewußtseins der in der kapitalistischen Produktionsweise befangenen Menschen. Diese Bestimmung genügt aber für den Nachweis, daß das spontane Bewußtsein der Arbeiterklasse noch in den Grenzen der bürgerlichen Produktionsweise bleibt und nicht über sie hinausweist."
Quelle: ML Dortmund: Schulungsmaterial Parteiaufbau 2, Dortmund o.J. (1972)

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Letzte Änderung: 21.09.2017