Bremen:
Hausbesetzung 1973, Auf den Häfen

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Dietmar Kesten, Gelsenkirchen

Aus Bremen liegen eine Broschüre von Hausbesetzern (Auf den Häfen 30/32) vor sowie einige Daten aus der Zeitung „Wir wollen alles“. Zur Besetzung gibt es unterschiedliche Hinweise. Nach „Wir wollen alles“ wurden das Haus oder die Häuser entweder Ende Januar 1973 oder Anfang Februar 1973 besetzt. Möglicherweise gehört diese Besetzung mit zu den frühesten in Bremen. Die Besetzer erklärten das Haus zum „selbstorganisierten Jugendzentrum“. Wahrscheinlich wurde die Besetzung von der „Stadtteilgruppe Sternchen im Ostertorviertel“ initiiert.

Die Broschüre der Hausbesetzer, „Der Kampf geht weiter“, erschien vermutlich nach dem 9.3.1973. Wann geräumt wurde, ist mir nicht bekannt. Eine Zeitung, die die Besetzer herausgaben, hieß: „Zeitung des Hausbesetzerkollektivs An den Häfen 30/32.“

Die Besetzung erfolgte unter Beteiligung von Schülern, die sich damals gerade im Kampf gegen Disziplinierungen und Schulverweise befanden. In die Schülerstreiks griff auch die Schülergruppe des Hauses 'Auf den Häfen' ein.

Ein Grund für die Hausbesetzung war, laut “Zeitung des Kommunistischen Oberschülerbundes Bremen”, die “sich immer mehr verschärfende Wohnungsnot im Kapitalismus”. In dem besetzten Haus, Auf den Häfen 30-32, soll “auch noch ein Jugendzentrum eingerichtet werden”. Das entspräche auch “den Forderungen der Jugendlichen nach einem Haus, in dem sie ohne Beaufsichtigung und Kontrolle ihre Probleme diskutieren können”. Eine zentrale Forderung ist: “Schaffen wir ein selbstverwaltetes Jugendzentrum!”

Auszug aus der Datenbank „Materialien zur Analyse von Opposition“ (MAO)

05.01.1973:
Laut der Broschüre der Bremer Hausbesetzer „Der Kampf geht weiter“ fordern die Besetzer bis zum 5. Januar eine „verbindliche Zusage für die Durchführung aller notwendigen Reparaturen am Haus a d Häfen 105. Wir fordern volle Öffentlichkeit für unser Informationszentrum im Laden. Wir wollen innerhalb eines Monats in einem hellen, trockenen und warmen Haus leben.“
Quelle: Der Kampf geht weiter, Bremen o. J. (1973), S. 6

22.01.1973:
Die Zeitung „Wir wollen alles” berichtet aus Bremen von der Besetzung des Hauses „Auf den Häfen“, dass in der Woche vorher im Viertel Ostertor, an der Universität und in den Schulen agitiert worden sei. Eine Info-Veranstaltung mit Ton-Steine-Scherben (TSS) sei von über 800 Leuten besucht worden.
Q: Wir wollen alles, Nr. 3, Gaiganz, April 1973.

02.02.1973:
In Bremen-Ostertor werden, laut KOB, die Häuser Auf den Häfen 30/32 von ca. 300 Leuten besetzt, initiiert durch "die Sternchen-Stadtteilgruppe (bestehend aus Anarchisten, Antiautoritäten, Jusos usw.) die an der Besetzung im wesentlichen beteiligt war."

Die 'Wir wollen alles' (vgl. Apr. 1973) berichtet (vgl. 22.1.1973, 30.3.1973), dass es in Bremen nicht nur Obdachlose gäbe, sondern auch Jugendinitiativen in Huchting, Vahr, wo auch die Jusos der SPD aktiv sind, Blockdieck und Findorf. Im Ostertor, wo heute das Haus auf den Häfen von ca. 300 Schülern, Lehrlingen, Jungarbeitern und Studenten besetzt wird, arbeitet die Stadtteilgruppe Ostertor.
Quellen: Wir wollen alles Nr. 3, Gaiganz Apr. 1973; Schulkampf Nr. 3, Bremen 2.3.1973

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07.02.1973:
Der Kommunistische Arbeiterjugendbund (KAJB) Bremen gibt vermutlich Mitte dieser Woche seine 'Kämpfende Jugend' (vgl. 15.1.1973, 12.2.1973) als Extra "Schaffen wir ein selbstverwaltetes Jugendzentrum" zur Hausbesetzung Auf den Häfen 30/32 heraus. Aufgerufen wird zur Aktionseinheitssitzung am 15.2.1973 im Lehrlingshaus, "in der ein Ausschuß aus Vertretern aller teilnehmenden Organisationen gebildet werden soll, der das Haus verwaltet."
Quelle: Kämpfende Jugend Extra Schaffen wir ein selbstverwaltetes Jugendzentrum, Bremen o. J. (1973)

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12.02.1973:
Der Kommunistische Arbeiterjugendbund (KAJB) Bremen gibt vermutlich in dieser Woche seine 'Kämpfende Jugend' Nr. 2 (vgl. 7.2.1973, 6.3.1973) für Februar heraus mit dem Leitartikel "Jugendzentrum. Einigkeit macht stark!" zum besetzten Haus Auf den Häfen 30/32.
Q: Kämpfende Jugend Nr. 2, Bremen Feb. 1973, S. 1f

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19.02.1973:
Der KOB Bremen gibt vermutlich in dieser Woche das Flugblatt "Bauen wir gemeinsam unser Jugendzentrum auf!" heraus, das zur Mitarbeit im Plenum und den Arbeitsgruppen des besetzten Hauses Auf den Häfen 30/32 aufruft.
Q: KOB: Bauen wir gemeinsam unser Jugendzentrum auf!, Bremen o. J. (1973)

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28.02.1973:
Laut der Broschüre der Bremer Hausbesetzer „Der Kampf geht weiter“ flattert den Besetzern ein „Senatsbeschluss vom 28.2“ ins Haus. Danach wird die Räumung für „innerhalb der nächsten Tage“ angekündigt. „Der Senat beschloss das Haus a d Häfen 30/32 kurzfristig zu räumen. Man meint einen neuen Vorwand gefunden zu haben, unser selbstorganisiertes Jugendzentrum zu zerstören.“ Weiter heißt es, dass wir „das Haus nicht kampflos aufgeben werden“, man sei aber zu einer „öffentlichen Verhandlung an einem neutralen Ort“ bereit.
Q: Der Kampf geht weiter, Bremen, o. J. (1973), S. 12.

01.03.1973:
Laut der Broschüre der Bremer Hausbesetzer „Der Kampf geht weiter“ findet an diesem Tag „ein „Gespräch“ (vermutlich mit Vertretern des Senats, d. Verf.) statt. Vertreter des Liegenschaftsamtes hätten zudem den Besetzern „eine Räumungsaufforderung gebracht“. Danach „können wir jederzeit mit einem Polizeieinsatz rechnen“.
Q: Der Kampf geht weiter, Bremen, o. J. (1973), S. 12.

01.03.1973:
Laut der Broschüre der Bremer Hausbesetzer „Der Kampf geht weiter“ soll an diesem Tag „im Konsul-Hackfeld-Haus eine öffentliche Veranstaltung“ mit den Hausbesetzern stattfinden.
Q: Der Kampf geht weiter, Bremen, o. J. (1973), S. 12.

02.03.1973:
Laut der Broschüre der Bremer Hausbesetzer „Der Kampf geht weiter“ findet an diesem Tag oder am 2.3. eine Demonstration von ca. „500 Jugendlichen“ statt, die sich im besetzten Haus treffen und anschließend „durch die Innenstadt zum Konsul-Hackfeld-Haus“ ziehen.

Forderungen sind u. a.:
- Subventionierung
- Keine politischen Kontrollen
- Öffentliche Verhandlungen mit dem Plenum und kompetenten Senatsvertretern
- Das ganze Haus für ein Jugendzentrum
- Völlige Anerkennung unserer Selbstorganisation
- Solidarische Forderung: Dezentrale Unterbringung mit ausreichenden finanziellen Hilfen und Sozialarbeiter für die Bunkerbewohner.
Q: Der Kampf geht weiter, Bremen, o. J. (1973), S. 16.

06.03.1973:
Der Kommunistische Arbeiterjugendbund (KAJB) Bremen gibt vermutlich heute seine 'Kämpfende Jugend' (vgl. 12.2.1973, 26.3.1973) als Extra "Kämpfen wir für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum!" zur drohenden Räumung des besetzten Hauses Auf den Häfen 30/32 heraus.
Q: Kämpfende Jugend Extra Kämpfen wir für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum!, Bremen o. J. (1974)

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07.03.1973:
Laut der Broschüre der Bremer Hausbesetzer „Der Kampf geht weiter“ erscheint vermutlich ein „Jugendzentrums-Info“, in dem u. a. mitgeteilt wird, dass „die Senatsbehörden die Bevölkerung Bremens belogen“ hätten. Danach suchten die Behörden „keine Lösung der Probleme, sondern schieben sie vor sich her nach altbekanntem Muster“.
Q: Der Kampf geht weiter, Bremen, o. J. (1973), S. 18.

09.03.1973:
Vermutlich nach dem 9.3. erscheint die Broschüre der Hausbesetzer „Auf den Häfen 30/32“: „Der Kampf geht weiter.“ Aus dem Inhalt:
- Wie alles losging
- Das Ostertor 1/4 gehört uns
- Dringende Forderungen
- Jugendzentrum in Bremen - Das lassen wir uns nicht nehmen
- Zur Einschätzung des Hausbesetzerkollektivs zur Problematik des Jugendzentrums
- Presseberichte
- Jugendzentrums-Info.
Q: Der Kampf geht weiter, Bremen, o. J. (1973).

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19.03.1973:
In Bremen demonstrieren, laut einer breiten Aktionseinheit, 700 Schüler für das Recht auf Vollversammlungen und Schulstreiks sowie gegen die Schulrausschmisse der Schüler Friedrich und Jeroma (vgl. 16.3.1973, 23.3.1973). Auch laut KPD/ML-ZK demonstrieren 700.

Die Schülergruppe im besetzten Bremer Haus Auf den Häfen (vgl. Apr. 1973) berichtet (vgl. 23.3.1973) ebenfalls, dass 700 demonstrieren. Der KOB Bremen (vgl. 30.3.1973) tut kund, dass die Demonstration spontan erfolgte.
Q: Roter Morgen Nr.13,Hamburg 7.4.1973; Schulkampf Nr. 4 und 5,Bremen 30.3.1973 bzw. 17.5.1973,S.1ff bzw. S.?;Kommunistische Schülerzeitung - Huckelriede Nr.1,Bremen 28.5.1973;Gegen politische Disziplinierung in den Schulen / Gegen das VV-Verbot,Bremen o.J. (1973);Kämpfende Jugend Nr. 3, Bremen März 1973;Wir wollen alles Nr. 3, Gaiganz Apr. 1973;ADL-Info Nr.4,Bremen Apr. 1973,S.12

23.03.1973:
In Bremen demonstrieren heute, laut KAJB und ADL (vgl. Apr. 1973), 2 700 streikende Schüler, Berufsschüler und Studenten vom Marktplatz zum Bildungssenator und zurück (vgl. 19.3.1973, 26.3.1973). Laut KOB geht es gegen die Schulverweise der beiden KOB-Mitglieder sowie von 6 Schülern der Gesamtschule für Sozialarbeit und Sozialökonomie (GfSS – 21.3.1973). Von der Kurt Schuhmacher Allee kommen 50. Am Alten Gymnasium, wo der SSB noch einen relativ großen Einfluß habe, wird nicht gestreikt. Auch die KPD/ML-ZK meldet 2 700 Demonstranten.

Die Schülergruppe im besetzten Bremer Haus Auf den Häfen (vgl. Apr. 1973) berichtet (vgl. 19.3.1973), dass 2 700 der 20 000 Bremer Oberschüler streiken, u.a. an der GfSS. Den Lehrern der Aktionsgruppe Demokratischer Lehrer (ADL), sei die Verteilung eines Flugblatts durch die Schulbürokratie verboten worden. Flugblätter hätten der KOB sowie der SSB vor dem Streik verteilt. Als die Schülergruppe das Büro von Thape besetzen wollte hätten KOB und SSB gemeinsam mit der Polizei Ketten gebildet um dies zu verhindern.

Laut KOB (vgl. 30.3.1973) kommen zu der Schülerdemonstration während der Schulzeit 2 7000 bzw. an anderer Stelle gar 3 000, u.a. vom Gymnasium Parseval, wo während des Streiks die Türen abgeschlossen wurden, nur 80 zur Demonstration.
Q: Schulkampf Nr.4,Frankfurt Mai 1973,S.2; Schulkampf Nr. 6,Göttingen 13.11.1973,S.2;Rote Presse Nr.5,Hamburg 4.4.1973,S.5 und 11;Roter Morgen Nr.13,Hamburg 7.4.1973;Schulkampf Nr.4,Bremen 30.3.1973,S.1ff;Schulkampf Nr.4,Oldenburg Juni 1973;Kommunistische Schülerzeitung - Huckelriede Nr.1,Bremen 28.5.1973;Kämpfende Jugend Nr.3,Bremen März 1973;Unter dem Roten Banner Nr.8/9,Bremen 20.4.1973;Wir wollen alles Nr.3,Gaiganz Apr. 1973;ADL-Info Nr.4,Bremen Apr. 1973,S.13

30.03.1973:
Die 'Wir wollen alles' (vgl. Apr. 1973) berichtet aus Bremen von der Besetzung des Hauses Auf den Häfen (vgl. 2.2.1973), dass sich die zweite Infoveranstaltung, die frühestens dieses Wochenende stattfindet und zu der mit Flugblättern vor Betrieben, in Stadtteilen und Schulen eingeladen wurde, mit der Straßenschlacht in Frankfurt (vgl. 28.3.1973) befaßt. Im Haus gäbe es mittlerweile eine Kindergruppe, eine Schülergruppe, eine Frauengruppe, eine Lehrlingsgruppe und eine Jungarbeitergruppe.
Q: Wir wollen alles Nr.3,Gaiganz Apr. 1973

April 1973:
Es erscheint die Zeitung „Wir wollen alles”. Aus Bremen wird über die Hausbesetzung im Ostertor-Viertel berichtet.
Q: Wir wollen alles, Nr. 3, Gaiganz, April 1973.

März 1974:
Der KJV der KPD gibt sein 'Kämpfende Jugend Agitationsheft' Nr.4 (vgl. Feb. 1974) unter dem Titel "Wir werden kämpfen, wir werden siegen - unabhängige Jugendzentren werden wir kriegen!" heraus. Berichtet wird vom Kampf um Jugendzentren (JZ) u.a. über Bremen vom Haus Auf den Häfen.

Es erscheint auch der Artikel "Zwei Linien im Kampf um unabhängige Jugendzentren", der sich auf den Seiten 13 und 14 mit der Frage 'Freiraum oder Stützpunkt im Klassenkampf' beschäftigt. Diese Frage sei im Anschluß an die Besetzung des Dortmunder Erich-Dobhardt-Hauses in der Oesterholzstraße entstanden: "Wie müssen wir unser Haus verteidigen?"

Der Artikel legt das 'Manifest der Hausbesetzer des Hauses auf den Häfen in Bremen' (März 1973) zugrunde, und folgert, daß die dort propagierte Theorie, "Nieder mit der Arbeit, Nieder mit dem ganzen Reichtum uns nicht weiter hilft". Weiter heißt es:"

So führt dieser Weg nicht zur Verbesserung unserer Lage, sondern in die Sackgasse. Denn Tee trinken, spielen, diskutieren, Musik machen, Filme drehen, Zimmer einrichten, Feste feiern, zusammensein ohne Zwang, Aufsicht und Kontrolle, macht zwar Spaß, aber was wir gegen die Verschlechterung unserer Lage tun können, lernen wir dadurch nicht. Nieder mit der Arbeit - auf den ersten Blick ist der Gedanke, morgen mal blau zu machen, sicher nicht schlecht, aber die Ausbeutung im Betrieb wird dadurch nicht einen Deut abgeschafft. Das erreichen wir nicht durch individuelle Verweigerung, sondern indem die Arbeiterklasse geschlossen und organisiert dagegen kämpft, und zwar im Betrieb, und nicht, indem wir uns in unser Jugendzentrum zurückziehen. Der einzelne, der der Arbeit und Ausbeutung aus dem Weg zu gehen versucht, hilft weder sich noch seinen Kollegen. Der gemeinsame und selbständige Kampf aller Kollegen kann allein die Kapitalisten in die Knie zwingen. Durch individuelles Klauen schaffen wir die Preistreiberei nicht ab, genausowenig wie das Jugendzentrum Wohnungsnot und Mietwucher abschaffen kann. Allein der organisierte Kampf der Mieter, der organisierte Mietboykott kann gegen Wohnungsbaugesellschaften und Spekulanten was ausrichten. Für diese Kämpfe muß das Jugendzentrum ein Stützpunkt sein". Offensichtlich richtet sich der Artikel auch gegen spontaneistische Tendenzen, die wohl auch im Dobhardt-Haus aufgetaucht sind; denn weiter heißt es:"

Die Linie 'Jugendzentrum als freie Insel' hat auch noch eine andere Variante: Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung und individuelle Emanzipation hat ein Teil der Bewegung auf seine Fahnen geschrieben. Befreit von den Zwängen der Umwelt sollen die Jugendlichen im Jugendzentrum ohne Kontrolle ihren eigentlichen Bedürfnissen nachgehen. Eine emanzipative Freizeitgestaltung und Kommunikation soll ihre durch die kapitalistische Umwelt verschütteten Anlagen und Fähigkalten entfalten, soll sie zu 'freien, emanzipierten Menschen machen'. Wird aber gefragt, was wir eigentlich mit einem selbstverwalteten Jugendzentrum wollen: ob es uns nicht noch in anderer Hinsicht helfen kann, z.B. indem wir besprechen, warum wir eigentlich eine so beschissene Ausbildung im Betrieb erhalten, oder gar warum der Kampf der indochinesischen Völker auch von Bedeutung für die Jugendlichen in unserem Lande ist, dann wittern sie Gefahr … Letzten Endes sitzen die Verfechter dieser Linie der Illusion der linken Sozialpädagogik auf, durch emanzipatorische Erziehung freie Menschen (zu) erziehen. Immer mehr emanzipierte Menschen erziehen, das wirkt sich aus, schließlich werden sogar die Kapitalisten durch ihre Agenten im Staatsapparat überzeugt und wenden sich von der Ausbeutung und Unterdrückung ab und der Menschlichkeit zu. Als wäre die Freizeit vor allem vom Charakter und der Erziehung der Menschen abhängig. Daß die Kapitalistenklasse nicht aufgrund ihres schlechten Charakters das Leben der Werktätigen ständig verschlechtert, sondern weil sie weiß, daß es ihnen gut geht, solange wir für sie schuften und daß dies solange so bleibt, wie sie die Macht hat, daß die Erziehung zum großen Teil in den Händen des Staates ist und dieser allein im Interesse der Kapitalisten handelt, daß die Freizeit des Einzelnen nicht möglich ist ohne die Freiheit der ganzen Gesellschaft und daß nur durch den Klassenkampf, durch den Sturz der kapitalistischen Diktatur zu erreichen ist, all das wollen die linken Sozialpädagogen nicht sehen. Daß wir im Jugendzentrum uns gegenseitig helfen, Solidarität untereinander zu üben, das ist wichtig und richtig. Aber Solidarität ist erst dann eine Waffe, wenn man sie benutzt, und zwar zum Kampf gegen die Kapitalistenklasse und ihren Staat und gegen die Verschlechterung unserer Lage in allen gesellschaftlichen Bereichen. Dies wird dann aber als Überfremdung diffamiert. Sowohl die spontaneistische Vorstellung, im Kampf um unabhängige Jugendzentren, als auch die kleinbürgerlich-reformistische haben einen gemeinsamen Kern: Sie dienen objektiv dazu, zu verhindern, daß immer mehr Jugendliche den umfassenden und kompromißlosen Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus aufnehmen. Sie führen stattdessen dazu, daß man in dem scheinbaren Freiraum alles Elend des kapitalistischen Alltags vergißt. Letzten Endes dienen sie auf ihre Weise der Integration der Jugendlichen in die Ausbeuterordnung, anstatt sie zum Widerstand zusammenzuschließen. Sie laufen auf eine 'linke' Form der bürgerlichen Jugendpflege hinaus, deren Vorzug darin besteht, daß sie für viele Jugendliche noch anziehender ist, als die öde und offen disziplinierende staatliche Jugendpflege, weil sie sich mit dem Schein der Freiheit umgibt".
Q: Kämpfende Jugend Agitationsheft Nr.4,Dortmund März 1974

Letzte Änderungen: 5.4.2013

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