Arbeitskreis Wolfsburger Lehrlinge / Kommunistischer Arbeiterjugendbund Wolfsburg:
'Solidarischer Kampf'

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 15.8.2012

Der hier bisher nur lückenhaft dokumentierte 'Solidarische Kampf', wir bitten um Ergänzungen, war zunächst eine der typischen örtlichen Zeitungen der Lehrlingsbewegung, wie sie sich in Wolfsburg in Gestalt des Arbeitskreis Wolfsburger Lehrlinge (AWL) herausgebildet hatte.

Der 'Solidarische Kampf' wird auch nach der Gründung des Kommunistischen Arbeiterjugendbundes (KAJB) Wolfsburg von diesem fortgeführt (vgl. 14.10.1971) und war eine der frühesten Arbeiterjugendzeitungen aus dem Spektrum der Vorläufergruppen des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW). Ergänzt wurde der 'Solidarische Kampf' durch die theoretische Zeitschrift 'Kommunistische Arbeiterjugend Korrespondenz', die der KAJB Wolfsburg gemeinsam mit dem KAJB Göttingen und dem KAJB Holzminden herausgab.

Liste der als Scans vorhandenen Zeitungen

Auszug aus der Datenbank „Materialien zur Analyse von Opposition“ (MAO)

März 1971:
Der Arbeitskreis Wolfsburger Lehrlinge (AWL) gibt vermutlich im März erstmals seine Lehrlings- und Jungarbeiterzeitung 'Solidarischer Kampf' (vgl. 5.4.1971) heraus, für die Sieghart Wilhelm verantwortlich zeichnet. Sie erscheint mit 8 Seiten DIN A 4 auf Brennmatrize, das Titelblatt ist von einer Faust in Rotdruck geprägt.
Berichtet wird von der Fragebogenaktion des AWL (vgl. 8.2.1971, 5.7.1971). Diese war ein großer Erfolg. Während in Uelzen bei einer Lehrlingsbefragung von 400 Bögen nur 5 zurück kamen, seien in Wolfsburg bereits in der ersten Woche 200 Bögen abgegeben worden, bis zum Erscheinen der Zeitung insgesamt 336.
Die Arbeitsgruppe VW des AWL freut sich, nun mit Hilfe der Fragebögen die VW-Ausbildung analysieren zu können.
Von VW wird die Abschaffung der Werkberichte ab 1.4.1971 angekündigt (vgl. 28.1.1971).
In "Warum eine ZEITUNG?" wird deren Notwendigkeit u.a. mit der Unregelmäßigkeit der Information durch Flugblätter begründet. Beim heutigen ersten Erscheinen sei es noch möglich gewesen die Zeitung kostenlos zu verteilen, habe den AWL aber insgesamt 53,70 DM gekostet. Die Auflage der Nr.1 des 'Solidarischen Kampfes' beträgt ca. 1 000.

In "Was ist der AWL?" heißt es u.a., daß der AWL vor zwei Jahren aus Handwerkslehrlingen entstanden sei, deren Situation sich von den VW-Lehrlingen dadurch unterscheide, daß sie direkt während der Lehrzeit ausgebeutet werden, während die Lehrzeit bei VW wesentlich Ausbildung d.h. Vorbereitung auf kommende Ausbeutung sei. Deswegen habe sich der AWL in eine Arbeitsgruppe VW mit Lehrlingen aus verschiedenen Berufen und Ausbildungsjahren (die sich gerade mit der Fragebogenauswertung befaßt) sowie eine Arbeitsgruppe Handwerk mit Lehrlingen aus verschiedenen Kleinbetrieben, die dort Mißstände bekämpfen aufgeteilt. Die Redaktion des 'Solidarischen Kampfes' werde aus beiden Gruppen gebildet. "Ferner haben wir Schulungskreise, in denen Einblicke in wirtschaftliche und politische Zusammenhänge vermittelt werden. … Um die Verbindung der einzelnen Gruppen aufrechtzuerhalten, treffen sich Vertreter dieser Gruppen regelmäßig." Weiterhin gibt es Plena des AWL.
Quelle: Solidarischer Kampf Nr. 1, Wolfsburg o.J.

05.04.1971:
Vermutlich in dieser Woche gibt der Arbeitskreis Wolfsburger Lehrlinge (AWL) die Nr. 2 seines 'Solidarischen Kampfes' (vgl. März 1971, 19.4.1971) heraus, auf deren 14 Seiten u.a. von der Demonstration der Lehrlinge in Bremen (vgl. 6.2.1971), den VW-Berichtsheften (vgl. 28.1.1971), den Facharbeiterprüfungen (vgl. 25.2.1971) und der DKP in Wolfsburg (vgl. 3.4.1971) berichtet wird.
Die Arbeitsgruppe Handwerk befaßt sich mit der dortigen Lage der Lehrlinge, wobei u.a. auf die Essener Lehrlinge (vgl. 19.11.1969, 6.12.1969) verwiesen wird. An deren Kampf könne man sehen, "daß uns der Staat in unseren Bemühungen um Ausbildung statt Ausbeutung nicht unterstützt. WIR MÜSSEN UNSERE SACHE SELBST IN DIE HAND NEHMEN!"
Gefordert wird u.a. die Gleichstellung der Lehrlinge mit den Schülern (d.h. u.a. 6-Stunden-Tag), Streikrecht für Lehrlinge, 12 Stunden Berufsschule an 2 Tagen, Berichtshefte während der Arbeitszeit, Lehrwerkstätten frei von privatwirtschaftlichen Interessen unter Kontrolle der Gewerkschaften, Lehrlingsstipendium, daß sich nach den Lebenshaltungskosten richtet, um aus der Abhängigkeit des Elternhauses zu kommen. "Allein kann man die Durchsetzung dieser Forderungen nicht erreichen. Ein erster Schritt ist die Organisierung im AWL. Tretet in die Gewerkschaften ein, um gegen grobe Mißstände in euren Betrieben nicht machtlos zu sein. Macht die Gewerkschaften wieder zu einem Kampfinstrument aller Lohnabhängigen!"

Angekündigt wird eine eigene Veranstaltung am 26.5.1971.
Q: Solidarischer Kampf Nr. 2, Wolfsburg o.J. (1971)

19.04.1971:
Vermutlich in dieser Woche gibt der Arbeitskreis Wolfsburger Lehrlinge mit der Nr. 3 seines 'Solidarischen Kampfes' (vgl. 4.4.1971, 4.5.1971) eine Sondernummer mit 6 Seiten heraus, in der man zum 1.Mai und zu den eigenen Veranstaltungen am 10.5.1971 und 26.5.1971 aufruft und sich mit den Jugendvertreterwahlen bei VW (IGM-Bereich - vgl. 26.3.1971, 3.5.1971) befaßt. Zu den JV-Wahlen bei VW heißt es:"
Inzwischen sind es nur noch 14 Kandidaten, da ein Kollege nach den beiden Jugendversammlungen zurückgetreten ist. Um zu den Kandidaten etwas mehr zu sagen, muß man sich zunächst den Jugendvertrauenskörper der IGM genauer betrachten. … Die Kandidaten kommen aus einem Vertrauenskörper, der seit seiner Existenz noch keinen Arbeitsrhythmus gefunden hat.
Man hat versucht, den Jugendvertreter zu stürzen, hat Briefe an Helberg (?,d.Vf.), den Berufsbildungsausschuß und die Ortsverwaltung geschrieben, doch Briefe können sicher nicht einmal den Ansatz einer praxisnahen Arbeit liefern." Zur eventuellen Stufenausbildung habe der JVK noch nichts getan. "Bis vor kurzem war es noch möglich, die Arbeit an Konflikten hochzuhalten. Doch die Ausbildungsabteilung ist selbst bemüht, grobe Konflikte zu vermeiden und ein FRIEDE, FREUDE EIERKUCHEN Gefühl zu vermitteln. Der Jugendvertrauenskörper kann seine Arbeit nicht konsolidieren, wenn er immer noch auf Konflikte wartet. Man lernt dabei höchstens sich selbst zu verwalten, wie es der Jugendvertrauenskörper im Moment praktiziert."

In "1.Mai 1971 Kampftag für die Einheit der Arbeiterklasse" heißt es u.a.:"
Die Parole des DGB für den 1.Mai 1971 lautet 'Mitbestimmung: der Mensch im Mittelpunkt.' Durch diese Parole werden jedoch die tatsächlichen Verhältnisse verschleiert. Der Gesetzesentwurf der SPD-FDP Regierung zum Betriebsverfassungsgesetz beweist, wessen Interessen diese Regierung mit dem Entwurf vertritt. Weiterhin bleibt jede politische Betätigung, die Interessen des Unternehmers nicht genehm ist strengstens verboten. Außerdem wird die Versammlungsfreiheit durch die Verringerung der Betriebsversammlungen von bisher 4 auf 2 im Jahr eingeschränkt. Weiterhin ist es die Aufgabe der Betriebsräte 'partnerschaftlich' mit den Unternehmern zusammenzuarbeiten. Weiterhin bleibt die Einhaltung der Friedenspflicht oberstes Gebot. Deshalb müssen wir unsere Stärke angesichts der verschärften Angriffe des Kapitals am 1.Mai beweisen. Unsere Parolen für den 1.Mai lauten:
1000 DM NETTOMINDESTLOHN FÜR ARBEITER!
3 WOCHEN BEZAHLEN BILDUNGSURLAUB FÜR ALLE!
STREIKRECHT FÜR LEHRLINGE!
12 STUNDEN BERUFSSCHULE AN 2 TAGEN!
FÜR EIN LEHRLINGSSTIPENDIUM, DASS DEN LEBENSHALTUNGSKOSTEN ANGEMESSEN IST!
KAMPF DEM REAKTIONÄREN GESETZESENTWURF ZUM BETRIEBSVERFASSUNGSGESETZ!

Eine abgewandelte Neuauflage des Kruppschen Stufenplanes wird wahrscheinlich auch im VW-Werk in geraumer Zeit eingeführt werden. Deshalb am 1.Mai
KAMPF DER ENTQUALIFIZIERUNG DER ARBEITERKLASSE

LASST DEN 1. MAI NICHT ZU EINER KAFFEESTUNDE DER FUNKTIONÄRE WERDEN, wie in Berlin, … . Geht deshalb zur 1.Mai Veranstaltung des DGB!
Kritisiert die Aussagen der Funktionäre!
Macht den 1.Mai wieder zu unserem Kampftag!
Nehmt an der anschließenden Demonstration und Kundgebung teil!"
Q: Solidarischer Kampf Nr. 3, Wolfsburg o.J. (1971)

04.05.1971:
Frühestens heute gibt der Arbeitskreis Wolfsburger Lehrlinge (AWL) seinen 'Solidarischen Kampf' Nr. 4 (vgl. 1.5.1971, 5.7.1971) heraus, in dem vom 1.Mai berichtet wird und man sich gegen den Zwang zum Tragen des VW-Ausbildungsabzeichens wendet. Berichtet wird auch von der Jugendvertreterwahl bei VW (vgl. 3.5.1971).

In "Zum Entwurf des Betriebsverfassungsgesetzes" heißt es:
"Noch in der Regierungserklärung der SPD/FDP war die Rede von einer fortschrittlichen Gesetzesinitiative. Nun liegt es auf dem Tisch: EIN BEISPIEL ARBEITERFEINDLICHER POLITIK! …
Die jetzige Fassung des BVG stellt einen Kompromiß zwischen FDP und SPD dar, wobei die SPD immer versucht diesen Gesetzesentwurf mit seiner Arbeiterfeindlichkeit der FDP zuzuschieben, … . Das das eine offensichtliche Lüge ist und das der Gesetzesentwurf von einer Fraktion des Kapitals verkörpert in der SPD getragen wird, verschweigt die SPD." Kritisiert wird:
- die Friedenspflicht des Betriebsrates,
- das Verbot jeglicher politischer Betätigung im Betrieb statt wie bisher nur der parteipolitischen,
- Erhöhung des nötigen Stimmenanteils für die Teilnahme der Gewerkschaft an den Betriebsratssitzungen von einem Viertel auf zwei Drittel und die Verringerung der Betriebsversammlungen von 4 auf 2 im Jahr.
Q: Solidarischer Kampf Nr. 4, Wolfsburg o.J. (1971)

05.07.1971:
Der Arbeitskreis Wolfsburger Lehrlinge (AWL) gibt seinen 'Solidarischen Kampf' Nr. 5 (vgl. 4.5.1971, 19.7.1971) für die heutige DGB Jugendversammlung als Sondernummer zur Berufsausbildung und den Ergebnissen der Fragebogenaktion bei VW (vgl. März 1971) heraus. Analysiert wird die Berufsausbildung im Handwerk, in Handel, Verteilung und Dienstleistung und in der Industrie. Während in der Industrie durchschnittlich 4 Lehrlinge auf 100 Beschäftigte kommen, seien bei VW Wolfsburg bei 60 000 Beschäftigten nur knapp 1 000 Lehrlinge, was 1,6 Lehrlinge auf 100 Beschäftigte ergäbe. Den eigenen Fragebogen haben von den ca. 800 gewerblichen Lehrlingen bei VW Wolfsburg 306 (37%) beantwortet.
Q: Solidarischer Kampf Nr. 5, Wolfsburg o.J. (1971)

19.07.1971:
Vermutlich noch in dieser Woche gibt der Arbeitskreis Wolfsburger Lehrlinge (AWL) seinen 'Solidarischen Kampf' Nr. 6 (vgl. 5.7.1971, 14.10.1971) heraus, in dem man sich u.a. mit der eigenen Musikveranstaltung (vgl. 26.5.1971) und der berufskundlichen Ausstellung, die zur Gründung des DGB KJA Wolfsburg führte (vgl. 5.7.1971) befaßt.

Zur Berufsberatung wird u.a. festgestellt:"
Da die Berufsberater als sichere Informationsquelle nur die Nachfrage bestimmter Branchen nach Lehrlingen besitzen, ist hier nicht von Beratung, sondern von Vermittlung billiger Arbeitskraft zu sprechen. … Da sich die Industrie die besten Schulabgänger heraussucht, bleibt für den größten Teil der Schulabgänger nur der Ausweg in das Handwerk oder in den Handel zu gehen. … Die Berufswahl der Schüler ist also nicht abhängig von den Fähigkeiten, sondern von der Lage auf dem Arbeitsmarkt. Die Berufsberatung kann die Schüler nur auf die angebotenen Lehrstellen verweisen, wobei die vielen angebotenen Lehrstellen nur die Nachfrage nach billiger Arbeitskraft darstellen.

Außer auf die VW 'Mitarbeiterzeitung', wird auch auf Vorfälle in den VW Lehrwerkstätten in den Hallen 13 und 17 eingegangen, wobei festgestellt wird, daß die Ausbildungsabteilung sich bemühe sich an die Empfehlungen Verbandes für Sicherheit in der Wirtschaft zu halten (vgl. Jan. 1971):
"Diese Richtlinien werden in der Handhabung der beiden Fälle eingehalten, mit dem Ziel den Betriebsfrieden zu wahren und die entstehende kritische Position der Lehrlinge in Bezug auf die Ausbildung abzuschwächen. Die Probleme, die für die Auszubildenden entstehen, werden größtenteils abgeschafft, um ihnen eine schöne, heile und konfliktlose Ausbildungswelt vorzuspiegeln. Doch wir müssen uns darüber im Klaren sein, daß die Änderungen nicht in unserem Interesse vorgenommen wurden, sondern nur dazu Angriffsflächen gegen den Betrieb zu beseitigen und die Unruhe der Lehrlinge abzuwiegeln. Diese Methoden treten immer öfter in Erscheinung und wir dürfen uns nicht davon einnebeln lassen, daß jetzt ein paar berufsfremde Arbeiten abgeschafft werden, sondern müssen immer entschiedener gegen diese Ausbildungsverhältnisse auftreten, denn DIESE AUSBILDUNG DIENT NICHT UNSEREN INTERESSEN sondern nur denen DER KAPITALISTEN!!!!!!"

Zur Entlassung eines Lehrers der Berufsschule wegen angeblich fehlender pädagogischer Qualifikation wird vermutet, daß der wahre Grund in dem guten Kontakt dieses Lehrers zu den Schülern gelegen habe. Gefordert wird die sofortige Wiedereinstellung.
Q: Solidarischer Kampf Nr. 6, Wolfsburg o.J. (1971)

14.10.1971:
Vermutlich frühestens heute, aber noch in dieser Woche erscheint in Wolfsburg die Nr. 7 des 'Solidarischen Kampfes' (vgl. 19.7.1971, 25.11.1971), die nun nicht mehr vom Arbeitskreis Wolfsburger Lehrlinge (AWL) sondern vom aus diesem hervorgegangenen Kommunistischen Arbeiterjugendbund (KAJB) Wolfsburg herausgegeben wird, weswegen diese Nummer kostenlos verteilt wird. Der KAJB ist die Arbeiterjugendorganisation des KB Wolfsburg, der ebenfalls jüngst aus dem AWL entstand (vgl. Sept. 1971). Der AWL habe bereits mehrere Jahre lang Lehrlingsarbeit, u.a. auch in den Gewerkschaften, betrieben. Berichtet wird unter Verantwortung von Fritz Ebeling auf 14 Seiten DIN A 4 Brennmatrize u.a. auch über VW (vgl. 12.10.1971), im Elektro- und Installateurshandwerk und in Limburg (vgl. 16.9.1971).

In dem Artikel über Limburg heißt es nach der Schilderung der dortigen Lage weiter:"
KOLLEGEN, diese minimalen Rechte übertreten die Kapitalisten täglich. In allen Klein- oder Großbetrieben werden jeden Tag Verstöße gegen unsere Gesetze festgestellt. Wir erinnern hier nur an die Entlassung von zwei Lehrlingen, 14 Tage vor ihrer Gesellenprüfung, in dem Wolfsburger Installateurbetrieb Braco.
MIT DIESEN MITTELN WOLLEN DIE KAPITALISTEN DIE LEHRLINGE EINSCHÜCHTERN!

In diesem Zusammenhang stellt sich ganz klar die Forderung nach überbetrieblichen Ausbildungswerkstätten unter Kontrolle der Gewerkschaften. Ausbildungsstätten, in denen wir ausgebildet und nicht von profitgierigen Kapitalisten ausgebeutet werden. Wir wollen uns nicht länger von diesen Kapitalisten wie der letzte DRECK behandeln lassen, nicht als billige Arbeitskräfte in unserer Ausbildungszeit für sie malochen. DIE POLIZEIAKTION IN LIMBURG STELLT EINEN ANGRIFF GEGEN DIE ARBEITERORGANISATIONEN DAR. Die Lehrlinge in Limburg wollten ihre (Wie wir gesehen haben) berechtigten Forderungen in der Öffentlichkeit vertreten. Jedoch haben sich die Kapitalisten wieder einmal des Staatsapparates bedient, um ihre AUSBEUTERORDNUNG aufrecht zu erhalten. Es fällt auf, daß dies in der letzten Zeit sehr oft geschieht. Zum Beispiel wurden in der Chemie-Tarifrunde von der POLIZEI IG-CHEMIE STREIKPOSTEN ZUSAMMENGESCHLAGEN! Es können Parallelen zu der bürgerkriegsähnlichen Polizeiaktion am 15. Juli in Norddeutschland, die mit dem Mord an PETRA SCHELM endete, gezogen werden. Doch auch diese Polizeiaktion steht nicht allein."

Es folgt ein Bericht über die Münchner Geiselerschiessung (vgl. 4.8.1971):"
In Hamburg und München ging es darum, Machtdemonstrationen der Staatsgewalt durchzuführen, den Notstand zu proben. Es ist klar: die Kapitalisten haben Angst davor, daß die Arbeiterklasse unter Führung ihrer kommunistischen Vorhut eine selbständige Klassenpolitik verfolgt und sich aus dem Schlepptau der Bourgeoisie befreit.

Diese Furcht drückt die Kapitalisten umso mehr, seit die Krise 196/67 und noch stärker seit den Septemberstreiks 1969 der Kampf der Arbeiterklasse einen neuen Aufschwung bekommen hat. Nach der Überwindung der 'links'-sektiererischen Tendenz sind überall in der BRD lokale kommunistische Zirkel entstanden, die aufgrund ihrer verstärkten Zusammenarbeit und Übereinstimmung in Grundfragen des Kommunismus und aufgrund ihrer fortschreitenden Verankerung im Proletariat eine Gefahr für die Herrschaft des Kapitals sind. Gerade jetzt, wo die Wirtschaftskrise vor der Tür steht, deren Ausmaß und Endpunkt noch nicht abzusehen ist, ist die Gefahr für das Kapital besonders groß, denn die Arbeiterklasse wird die Auswirkungen der Krise: Massenarbeitslosigkeit, Kurzarbeit, steigende Preise, sinkender Lohn nicht passiv hinnehmen wie während der Krise 1966/67. Die Kapitalisten erwarten im Gegenteil eine wachsende 'Radikalisierung' der Arbeiter. Darauf haben sie sich langfristig vorbereitet."

Im Artikel:"
SPD POLITIK SETZT SICH DURCH: SOZIALPARTNERSCHAFT VERHINDERT KLASSENBEWUSSTE GEWERKSCHAFTSPOLITIK" heißt es neben u.a. einer Karikatur, wo ein DGB-Führer an der Seite eines Kapitalisten sagt: 'Wir brauchen doch Gewerkschaften' und die Belegschaft ruft: 'Ja, aber nicht solche':"
Unmittelbar vor der diesjährigen Metalltarifrunde fand letzte Woche in Wiesbaden der 10. ordentliche Gewerkschaftstag der IG-Metall statt. Er fiel in eine Zeit, in der sich Metallarbeiter schärfsten Angriffen der Kapitalisten auf ihr Lebensniveau ausgesetzt sehen. Aus diesen Gründen machen wir hier einige Bemerkungen zur Gewerkschaftspolitik.

a) ZUR TARIFRUNDE

Für 4,2 Millionen Beschäftigte der Metallindustrie lag die Lohnforderung der Gewerkschaftsführung von 9 - 11% auf dem Tisch. Wie man aber anhand von Diskussionsbeiträgen während des Gewerkschaftstages feststellen konnte, wurden in den meisten Großbetrieben 12 - 15% angemeldet. Warum wurde diese Forderung nicht angesetzt, denn ein neuer Tarifvertrag, auf Grundlage der angemeldeten Forderungen(9 - 11%) bringt dem Arbeiter einen Kaufkraftverlust gegenüber dem vergangenen Jahr. Denn zu den allgemeinen Preissteigerungen müssen die Höheren Sozialbeiträge und die Steuerprogression hinzugerechnet werden. Mit der jetzigen Forderung (9 - 11%) unterstützt die sozialdemokratische Gewerkschaftsführung die Profitinteressen der Kapitalisten.

b) RAUS AUS DER KONZERTIERTEN AKTION!
WEG MIT DEM ARBEITERFEINDLICHEN BVG DER SPD/FDP REGIERUNG!

Den gleichen Zweck, nämlich die Lebensbedingungen der Arbeiterklasse zu drücken, haben die KONZERTIERTE AKTION und das neue BVG der SPD/FDP Regierung. Lohnleitlinien und Konzertierte Aktion sollen 'flankierende Maßnahmen' für die Lohndrückerei der Kapitalisten sein. Vor drei Wochen, nach der letzten Sitzung der Konzertierten Aktion fand es Schiller 'großartig', daß keiner der Gewerkschafter gegen die Verbrauchssteuer (Zigaretten, Alkohol) sprach und auch nicht gegen die Fahrpreiserhöhung bei der Bundesbahn. So offen glauben sich die Gewerkschaftsführer heute auf die Seite der Kapitalisten stellen zu können. Im letzten Jahr sah sich die IG-Metallspitze immerhin unter dem Druck der Kollegen noch gezwungen, eine Teilnahme an der KONZERTIERTEN AKTION vor Abschluß der Tarifverhandlungen abzulehnen. Dieses Jahr noch versprach IG-Metall-Boß Brenner vor kurzem erst wieder auf einer Sitzung der Konzertierten Aktion den Kapitalisten 'Lohndisziplin'. Um die Kampfkraft der Arbeiterklasse zu lähmen, drängt die SPD/FDP-Regierung auf schnelle Verabschiedung des neuen Betriebsverfassungsgesetzes. Durch das BVG sollen unseren gewählten Vertretern, den Betriebsräten, die Hände noch mehr gebunden werden. Sie sollen durch vertrauensvolle Zusammenarbeit an die Kapitalisten gekettet werden. Sie sind an die Friedenspflicht gebunden. Wie dieser Friede aussieht, haben wir zur Genüge zu spüren bekommen, z.B. wenn sich die Kapitalisten auf dem Rücken der Arbeiter schadlos halten: in der Hochkonjunktur jagen sie die Arbeiterklasse durch Akkordhetze und Überstundenschinderei. Fordern wir dann höhere Löhne, so antworten sie mit verstärkter Preistreiberei und dem Gejammere: höhere Löhne gefährden die 'Stabilität'. Und mit dem Rückgang der Konjunktur sind es wieder andere Gründe, mit denen die Kapitalisten höhere Löhne verhindern wollen. Dann jammern sie über Kostenauftrieb, sinkende Gewinnspannen und Auftragsrückgang.

In vielen Städten der BRD haben Arbeiter und Angestellte ihren Widerstand deutlich gemacht, um der Kapitalistenklasse und ihren Handlangern in der Regierung klar zu machen, daß wir solche Beschränkungen auf unsere Kampfbedingungen nicht hinnehmen werden. Darum muß es auch weiterhin heißen:
KAMPF DEN LOHNLEITLINIEN

RAUS AUS DER KONZERTIERTEN AKTION

KAMPF DEM ARBEITERFEINDLICHEN BVG

c) BRENNER SETZT SPD-POLITIK DURCH!

Die Gewerkschaftsführung aber zeigt gute Miene zum bösen Spiel. Wie sagte noch Otto Brenner in der 'METALL': 'Lohnleitlinien dürfen auch bei der Tarifbewegung in diesem Jahr keine Orientierung sein, so wenig wie die Konzertierte Aktion'. Und auf dem Gewerkschaftstag hieß es dann schon von dem gleichen Herrn: 'Wir sind uns klar darüber und bedürfen keinerlei volkswirtschaftlicher Anleitung, daß die wirtschaftliche Lage eine Wiederholung des Ergebnisse des Vorjahres nicht zuläßt. 'Brenner und die IG-Metall-Führung sind also fest entschlossen, die Tarifbereiche, die sich nicht an seinen Appell halten, zurückzupfeifen. Brenners Berater Thönnessen meint: 'Schiller wird sich freuen.' Diese arbeiterverräterische Politik der Gewerkschaftsführung ist aber nichts neues. Das zeigte sich gerade erst in der Chemie-Tarifrunde, wo die Gewerkschaftsführung die 'Nadelstichtaktik' (kleine kurzfristige Aktionen im Betrieb) empfahl, um größere Kämpfe der Arbeiterklasse zu verhindern und freie Hand zu haben. Nach dem betrügerischen Abschluß von 7,8% der IG-Chemie (CPK,d.Vf.) hat sich die IG-Metall-Führung in der Metalltarifrunde alle Mühe gegeben, um die zu 'hohen Forderungen' zu verhindern. Gerade in den Tarifgebieten, wo die Gewerkschaft relativ stark ist, wie in Nordrhein-Westfalen und Hamburg, ist die sozialdemokratische Führung der IG-Metall Hand in Hand mit den SPD-Betriebsgruppen (mit,d.Vf.) niedrigen Forderungen vorangen (soll wohl heißen: vorangegangen,d.Vf.). Das kommt den von (der) SPD (Schiller) verordneten Lohnleitlinien beträchtlich nahe.

d) OPPOSITION GEGEN GEWERKSCHAFTSFÜHRUNG!

Um auf den allgemeinen Angriff der Kapitalisten und ihres Staates antworten zu können, um stark in den Tarifkampf gehen zu können, brauchen wir starke Gewerkschaften. Gegen die Verräterpolitik der sozialdemokratischen Gewerkschaftsführung müssen wir den Kampf um die Gewerkschaften führen; müssen wir die Gewerkschaften wieder zur Kampforganisation der Arbeiterklasse machen.

Deshalb ist ein Teil der Aufgabe der Kommunisten, in den Gewerkschaften tätig zu sein, den Einfluß der sozialdemokratischen Gewerkschaftsführung zu brechen und zu isolieren. Nur so können die Interessen der Arbeiterklasse durchgesetzt werden und eine einheitliche Kampffront geschaffen werden. Dieses Ziel: die Verräterpolitik der Gewerkschaftsführung zu bekämpfen, haben auch einige Vertrauensleute auf dem Gewerkschaftstag am 28. September gezeigt. Sie machten durch zunehmende politische Aktivitäten Vorstandsmitgliedern der IG-Metall und Arbeitsdirektoren zu schaffen, die nach der Montanmitbestimmung durch die Arbeiter Mitglieder von Konzernvorständen wurden.

Diese Vertrauensleute bringen den Kampfwillen der Kollegen klar zum Ausdruck.

DESHALB BEDEUTEN SIE EINEN SCHRITT VORWÄRTS ZUM EINHEITLICHEN KAMPF GEGEN DIE ANGRIFFSFRONT DER KAPITALISTEN, FÜR DEN KAMPF UM DIE GEWERKSCHAFTEN ALS UNSERE KLASSENORGANISATION, FÜR EINE SELBSTSTÄNDIGE KLASSENPOLITIK DER ARBEITERKLASSE!"

In "OB LOTZ ODER LEIDING - FÜR UNS ÄNDERT SICH NICHTS!" heißt es:"
Es wird Lotz vom VW-Konzern vorgeworfen, daß er das Unternehmen nicht richtig geführt habe. Durch die vielen verschiedenen Typen, die produziert wurden, soll der Gewinn des VW-Werkes stark gesunken sein. Doch es wurde den Großaktionären noch im Januar dieses Jahres 18% DIVIDENDE ausgezahlt. Auch in der Mitarbeiterzeitung, die im VW-Werk verteilt wurde, erwähnte man nichts vom Rücktritt Lotz's, im Gegenteil, Lotz wurde gelobt. Man wollte uns erst später über diesen Fall informieren. Aber warum? Wollte man uns zu den Tarifverhandlungen einschüchtern? Genau auf die selbe Art wollte man es mit der Dollarkrise versuchen. Wenn wir mehr Lohn fordern, sagen sie: 'Lotz wird gefeuert, weil er für den VW-Konzern zu wenig Gewinn einbrachte und ihr stellt Lohnforderungen auf.'Aber haben wir nicht genauso gearbeitet wie in anderen Zeiten auch und sollen wir nicht letzten Endes die Karre aus dem Dreck ziehen? Leiding, der schon sechsundzwanzig Jahre im Bereich des VW-Werkes tätig ist, ist nun Chef des VW-Unternehmens geworden. Daß wir Arbeiter wieder den Gewinn einbringen sollen, sieht man schon an dem Zitat aus der Bildzeitung, in dem Leiding sagt: 'VW-ARBEITER KREMPELT DIE ÄRMEL HOCH!'
Es ist für uns auch völlig egal, ob nun Lotz oder Leiding auf dem höchsten Sessel der VW-AG sitzt. Es wird sich dadurch nichts zum Positiven, eher zum Negativen ändern. Leiding will natürlich, daß die Gewinnkurve wieder steigt, um den Ruhm, der aus der bürgerlichen Presse kommen wird, zu genießen. Es werden Zeilen in der Zeitung zu finden sein, wie z.B.: 'Leiding hat geschafft, was er versprochen hat'. Aber das diesen Gewinn nicht Leiding schaffen kann, steht sicher nicht in der bürgerlichen Presse.
DENN DAZU BRAUCHT MAN DIE ARBEITERSCHAFT, DA NUR DURCH DIE ERHÖHUNG DER PRODUKTION DIE GEWINNKURVE DES VW-KONZERNS WIEDER IN DIE HÖHE STEIGT!"

In "GESELLENPRÜFUNG IM HANDWERK - 50% DURCHGEFALLEN" heißt es:"
Vor einigen Wochen fanden wieder Prüfungen der Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer statt. Hierbei trat die Ausbildungsmisere ein weiteres mal schroff ans Tageslicht!

Bei den Installateuren FIELEN VON 12 KOLLEGEN 8 DURCH.

Bei den Elektrikern FIELEN VON 54 KOLLEGEN 30 DURCH.

In beiden Fällen, die jedoch keine Einzelfälle sind, sondern her Repräsentativergebnisse, liegt die DURCHFALLQUOTE WEIT ÜBER 50%!!! Das bedeutet für uns, daß wir drei Jahre für den Kapitalisten malocht haben, um dann durch die Prüfung zu fallen und nicht daß wir Lehrlinge zu faul oder zu blöd sind, wie sich der Chef der Elektroinnung Lenters im letzten Jahr noch frech in aller Öffentlichkeit ausdrückte.
Kollegen, wenn in den Wolfsburger Zeitungen Artikel erscheinen, in denen runde 20 von uns für ein gutes bis sehr gutes Abschneiden bei den Prüfungen gelobt werden, so soll so etwas doch allen Leuten Sand in die Augen streuen und die schlechten Prüfungsergebnisse vertuschen, was nichts anderes heißt, als die Ausbildungsmisere leugnen. Sollen wir warten bis in den nächsten Jahren nur noch 15% die Prüfung bestehen, weil der Hilfsarbeiterbedarf der Großindustrie Hand in Hand mit dem kurzfristigen Kapitalinteresse der Chefs der Klitschen geht??? Im nächsten Jahr werden die gleichen Firmen wieder neue Lehrlinge einstellen und dann zu den Prüfungen wieder ihr Gelabere über die Faulheit der Lehrlinge loslassen.

Eine Vorbereitung auf die Prüfung findet in den meisten Betrieben nicht statt oder man legt die Vorbereitung auf arbeitsfreie Tage (bei einigen der Sonnabend) mit dem Argument, daß WIR ja schließlich die Prüfung bestehen wollen und nicht der Chef. Das ist richtig, der Chef will nur, daß wir in den drei Jahren Lehre möglichst produktiv sind, das heißt, daß wir vom ersten Tage an Arbeiten verrichten, deren Handhabung nur eine kurze Anlernzeit benötigt. Wir Lehrlinge stellen für die Kapitalisten ein Riesenpotential für die Produktion von Extraprofiten dar, was es dem Handwerk erst ermöglicht trotz veralteter Produktionsmittel und Methoden gegenüber Klein- und Mittelbetrieben konkurrenzfähig zu sein.

Wenn wir dann nach dreijähriger Lehre die Prüfung nicht bestehen, weil wir den Großteil der Lehre mit einfachen Produktionsarbeiten verbracht haben (Strippen ziehen) und nie etwas mit technisch und theoretisch anspruchsvolleren Arbeiten zu tun hatten, dann bringt das dem Kapitalisten eine weitere Frucht, denn dann stehen wir ihm noch ein weiteres halbes Jahr als billige Arbeitskraft zur Verfügung. Um uns nicht gleich als Hilfsarbeiter an die Industrie zu verlieren, zahlen uns einige Kapitalisten ein wenig mehr trotz nicht bestandener Prüfung. Viele Kollegen müssen aber ein weiteres halbes Jahr mit der spärlichen Ausbildungsvergütung leben und somit weiter auf Kosten ihrer Eltern wohnen und essen etc. Eins ist in beiden Fällen jedoch identisch; wir werden als vollwertige Facharbeiter eingesetzt, was folgendes Zitat eines Wolfsburger Lehrherren zu seinem durch die Prüfung gefallenen Lehrling nur noch einmal unterstreicht. 'WENN DU AUCH DURCHGEFALLEN BIST, AUF DEN BAU GEHST DU JETZT ALLEINE!!!' Dies alles zeigt: Wir sind weder zu DUMM noch zu FAUL, sondern die Ausbildung ist das Übel was wir ändern müssen.

Um eine Ausbildung im Interesse der Arbeiterklasse, das heißt nach unseren Bedürfnissen zu erreichen und somit VON ALLEN kurz- oder langfristigen Kapitalinteressen zu befreien, muß die Ausbildung den Händen der Kapitalisten entrissen werden! Eine Ausbildung nach unseren Bedürfnissen wird es aber im kapitalistischen System nicht geben und nicht geben können, was heißt, daß wir erst mit der grundlegenden Veränderung des Systems auch eine grundlegende Veränderung der Berufsausbildung erreichen werden. Für unsere Arbeit müssen wir deshalb für die nächste Zeit Schritte angeben, die das was wir perspektivisch anstreben, erleichtern. Für die nächste Zeit muß das die Forderung nach dem 2. BERUFSSCHULTAG und die Forderung nach LEHRWERKSTÄTTEN UNTER KONTROLLE DER GEWERKSCHAFTEN SEIN.

DESHALB:
GEGEN EINE AUSBILDUNG IM INTERESSE DER KAPITALISTEN!

FÜR EINE AUSBILDUNG IM INTERESSE UND NACH DEN BEDÜRFNISSEN DER ARBEITERKLASSE!"
Q: Solidarischer Kampf Nr. 7, Wolfsburg o.J. (1971)

25.11.1971:
Der KAJB Wolfsburg gibt seinen 'Solidarischen Kampf' Nr. 8 (vgl. 14.10.1971, Jan. 1972) mit 10 Seiten DIN A 4 auf Brennmatrize unter Verantwortung von Dieter Bock heraus.
Im Leitartikel "Wie fängt man Lehrlinge?" heißt es:"
Die Firma coop (Konsumgesellschaft) versucht, mit sogenannter zeitgemäßer Lehrlingswerbung (d.h. der alte Mist wird mit einem poppig aufgemachten Informationsblatt gepriesen), Lehrlinge für den Beruf des Einzelhandelskaufmanns zu interessieren.
Wenn man sich das Informationsblatt durchgelesen hat, scheint es so, als ob bei coop eine wirklich ideale Ausbildung herrsche und sogar gute Aufstiegschancen vorhanden sind. Doch es scheint nur so. Wenn man das Berufsbild des Einzelhandelskaufmanns mit der Praxis vergleicht, erkennt man, daß hier von einer Ausbildung nicht mehr gesprochen werden kann. Einzelhandelsläden haben sich zu Superläden, Handelsketten und Selbstbedienungsläden zusammengeschlossen. Büroarbeiten werden von einer Zentrale übernommen. Hier arbeiten aber keine Einzelhandelskaufleute und auch keine Lehrlinge des Einzelhandels, sondern Großhandels- und Industriekaufleute. Die Lehrlinge sind also fast ausschließlich in den Verkaufsräumen beschäftigt. Sie werden kurz angelernt und arbeiten dann als vollwertige Arbeitskraft. Hier findet also eine besonders starke Ausbeutung statt. Für den Kapitalisten bedeutet die dreijährige Lehrzeit 3 Jahre lang hohe Extraprofite, was auch folgendes Rundschreiben von coop (16. Nov. 1970) an ihre Ladenleitung beweist. Hier steht u.a.:
"NUR MIT LEHRLINGEN UND TEILZEITBESCHÄFTIGTEN - RICHTIG, SINNVOLL, PLANMÄßIG EINGESETZT - KÖNNEN WIR DIE PERSONALKOSTEN IM GRIFF BEHALTEN.'
Das die Situation der Lehrlinge nicht nur im Einzelhandel so miserabel aussieht, weiß jeder, der im Handel, Verteilung, Dienstleistung und Handwerk lernt oder gelernt hat. Eine Ausbildung kann in diesen Bereichen nicht mehr stattfinden, da es auch an Ausbildungsmitteln (Lehrwerkstätten, moderne Geräte, Ausbilder) fehlt. Kleine Betriebe können nur noch durch eine hohe Zahl an Lehrlingen existieren und konkurrenzfähig bleiben. Nach Beendigung der Lehrzeit ist ein Großteil der Lehrlinge gezwungen, als billige Arbeitskraft in der Industrie zu arbeiten, denn die Zahl der Ausgebildeten im Handwerk entspricht nicht dem Nachwuchsbedarf. Die Großindustrie läßt also zwecks Kostenersparnis ein Großteil ihrer Arbeitskräfte weiterhin im Handwerk ausbilden. DAS ALLES ZEIGT:
HEUTE AUSBILDUNG IM HANDWERK -
MORGEN HILFSARBEITER IN DER INDUSTRIE

Welche Konsequenzen leiten sich für uns, Betriebsgruppe Handwerk des KAJB, daraus ab?

Die gegenwärtige Ausbildung verläuft ungeplant und anarchisch. Über die Hälfte der deutschen Jugendlichen wird in Lehrberufen ausgebildet, die in absehbarer Zeit zum Untergang verurteilt sind. Vor allem die Ausbildung im Handel und Handwerk fördert diese Tendenz und ist daher besonders reaktionär. Gerade diese Kleinkapitalisten werden sich jeder fortschrittlichen Berufsausbildung widersetzen. DARUM MUSS DIESEN BETRIEBEN DAS RECHT ZUR AUSBILDUNG ENTRISSEN WERDEN.

Für Handwerk und Handel muß also die Forderung gelten:
AUSBILDUNG IN LEHRWERKSTÄTTEN, FREI VON PRIVATWIRTSCHAFTLICHEN INTERESSEN

Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, daß wir nur gemeinsam (Lehrlinge und Arbeiter) diese Forderung erkämpfen können. Ein ERSTER SCHRITT ist darum die ORGANISIERUNG in GEWERKSCHAFTEN. Nur wenn der größte Teil in Gewerkschaften eingetreten ist, kann die Gewerkschaft wieder zu einem KAMPFINSTRUMENT ALLER LOHNABHÄNGIGEN GEMACHT WERDEN.

Neben den Gewerkschaften muß es aber eine politische Organisation geben, die über die Tagesinteressen der Arbeiter und Lehrlinge hinaus, langfristige Forderungen aufstellt und den Kampf der arbeitenden Klasse für eine Veränderung der Gesellschaft vorantreibt und führt. DIESE ORGANISATION IST IN WOLFSBURG DER KB UND DER KAJB.
Die Betriebsgruppe Handwerk des KAJB deckt Mißstände in Betrieben auf und bekämpft sie.
Wir sind dabei die Betriebsgruppe Handwerk nach Branchen aufzuteilen, da es in kleinen Betrieben mit zwei - drei Lehrlingen nicht möglich ist Betriebsjugendgruppen aufzubauen.
Außerdem haben wir Sympathisanten-Schulungen eingerichtet, an denen alle Interessierte teilnehmen können."

Im Artikel "'BÜRGER SOLLEN MIT 18 VOLLJÄHRIG WERDEN' - SO KLINGT ES AUS DER BÜRGERLICHEN PRESSE" heißt es:"
Alle im Bundestag vertretenen Parteien (SPD, FDP, CDU/CSU) sind sich darüber einig, daß sobald als möglich die Volljährigkeitsgrenze von 21 auf 18 Jahre herabgesetzt werden muß. Dies soll 1972 geschehen.

WAS HEISST DAS FÜR UNS?
Durch eine ganze Reihe bürgerlicher Einrichtungen (Kirche, Presse, Kino, Rundfunk, fernsehen, Popkultur) versuchen die Kapitalisten für uns ein Wunderland aufzubauen, das uns die Flucht aus dem 'grauen Alltag' ermöglichen soll. Das heißt konkret, von unserer wahren Situation (z.B. Misere in der Berufsausbildung) soll abgelenkt werden.

Aber wir, die Arbeiterjugend, lassen uns die Beeinflußung durch die Kapitalisten nicht mehr länger gefallen.
Immer mehr von uns arbeiten aktiv in politischen Lehrlingsgruppen und in den Gewerkschaften.

Dies ist den Herren da oben aber nicht entgangen und nun versuchen sie uns mit kleinen GESCHENKEN zu beschwichtigen. Eines dieser GESCHENKE ist die Herabsetzung der Volljährigkeitsgrenze von 21 auf 18 Jahre.

Alle Bundestagsparteien sind darauf erpicht, zu den nächsten Bundestagswahlen (BTW,d.Vf.) 1973 die Stimmen der Arbeiterjugend zu gewinnen.
Man versucht uns vorzugaukeln, durch die Teilnahme an den Wahlen würden wir aktiv am politischen Geschehen in der BRD teilnehmen.

Es soll verhindert werden, daß die Arbeiterjugend sich außerhalb der bürgerlichen Parteien organisiert. Man erhofft sich durch dieses GESCHENK unsere Stimmen bei den Wahlen und daran anschließend eine größere Beteiligung von uns an der Arbeit der bürgerlichen Parteien.

DAS WÜRDE FÜR UNS BEDEUTEN, daß sie uns ihre bürgerlichen Ideologien noch besser verbraten können.

ABER WIR WERDEN IHNEN EINEN STRICH DURCH IHRE RECHNUGN MACHEN!

Wir werden also in Kürze mit 18 geschäftsfähig.
Da wir einen sehr großen Teil der Käufer darstellen, scheint dies GESCHENK mehr ein GESCHENK an die Banken und an die Konsumtionsindustrie zu sein.

WELCHEN NUTZEN HABEN WIR DAVON?
Wir haben zwar bald hier und da etwas mehr Freiraum, aber solange zur Volljährigkeit mit 18 die materielle Basis in keinem Verhältnis steht, nutzt sie uns garnichts, denn wir sind immer noch gezwungen auf Kosten unserer Eltern zu leben.

UND NOCH EINS:
Die Ausbeutung, die bei uns besonders stark zu Tage tritt, wird durch dieses GESCHENK nicht aufgehoben.

Um die Volljährigkeit mit 18 überhaupt zu einem Vorteil für die Arbeiterjugend werden zu lassen, ist es erforderlich, den Kampf um bessere materielle Lebensbedingungen zu führen.

Dies können wir nur erreichen durch die Forderung nach einer
AUSBILDUNGSVERGÜTUNG GEMESSEN AN DEN LEBENSHALTUNGSKOSTEN!
Diese Forderung hat der KAJB schon immer proklamiert."

Eingegangen wird auch die Tätigkeit der SDAJ der DKP bei VW (vgl. Sept. 1971).

in dem von der Fahrpreiskampagne (vgl. 19.11.1971) berichtet wird. Der Verbund von DKP, SDAJ und Marxistischer Schüler-Assoziation, der in Wolfsburg hauptsächlich von Oberschülern getragen werde, habe im Initiativkomitee gegen die Fahrpreiserhöhungen einen Antrag auf Ausschluß von KB, KAJB und RKJ gestellt, woraufhin diese die Sitzung verlassen hätten.
Q: Solidarischer Kampf Nr. 8, Wolfsburg 25.11.1971

Januar 1972:
Der KAJB Wolfsburg beschäftigt sich in der Nr. 1 seines 'Solidarisches Kampfes' (vgl. 25.11.1971, Feb. 1972) u.a. mit VW.
Q: Solidarischer Kampf Nr. 1, Wolfsburg Jan. 1972

Februar 1972:
Vermutlich im Februar 1972 gibt der KAJB Wolfsburg seinen 'Solidarischen Kampf' Nr. 2 (vgl. Jan. 1972, März 1972) heraus, den wir leider bisher nicht einsehen konnten.
Q: Solidarischer Kampf Nr. 1, Wolfsburg Jan. 1972

März 1972:
Vermutlich im März gibt der KAJB Wolfsburg die Nr.3 seines 'Solidarischen Kampfes' (vgl. Feb. 1972, Okt. 1972) heraus, in der u.a. über die Göttinger Gewerbeschuldemonstrationen (vgl. 18.1.1972, 24.1.1972) berichtet wird.
Q: Solidarischer Kampf Nr. 3, Wolfsburg 1972

17.10.1972:
Der KAJB Wolfsburg lässt heute seinen 'Solidarischen Kampf' Nr. 5 (vgl. März 1972, 28.11.1972) mit dem Leitartikel "Der Kampf der Arbeiterjugend und unsere Aufgaben" drucken, in dem u.a. ein Vorstand des KAJB erwähnt wird. KAJBs gebe es mittlerweile in Wolfsburg, Göttingen, Holzminden, Osnabrück, Bremen und Hildesheim, dazu komme noch der KJB Freiburg und diverse Aufbaukomitees. Mit dem Sozialistischen Aktionskreis (SAK) Helmstedt arbeite man zusammen. Veröffentlicht wird das 'Bremer Kommunique' (BK – vgl. 28.5.1972).

Zu den Bundestagswahlen (BTW – vgl. 19.11.1972) wird aufgefordert ungültig zu stimmen und die Aufhebung des KPD-Verbots zu verlangen. Aus Bremen wird berichtet "CDU stellt Verbotsantrag gegen den Kommunistischen Bund Bremen" (KBB), aus Dortmund von der bundesweiten Demonstration "Kampf den reaktionären Ausländergesetzen" (vgl. 8.10.1972).
Q: Solidarischer Kampf Nr. 5, Wolfsburg Okt. 1972

28.11.1972:
Der KAJB Wolfsburg druckt seinen 'Solidarischen Kampf' Nr. 6 (vgl. 17.10.1972, 20.1.1973). Der Leitartikel "Tarifkampf vorbereiten!" befasst sich mit der VW-Tarifrunde. Der Artikel "'Frei'Zeit im Kapitalismus" behandelt die Pop- und Freizeitindustrie. Der KAJB äußert sich auch Zu den Bundestagswahlen" (BTW – vgl. 19.11.1972). Arbeiterjugendkorrespondenten berichten aus Göttingen: "Kapitalisten verweigern Ausbildung - Lehrstellen gestrichen!".
Q: Solidarischer Kampf Nr. 6, Wolfsburg Dez. 1972

20.01.1973:
Der KAJB Wolfsburg lässt seinen 'Solidarischen Kampf' Nr. 1 (vgl. 28.11.1972, 3.3.1973) drucken, mit den Leitartikeln "Für den Sieg der Völker Indochinas" zu Vietnam, wobei auch von der Demonstration in Bonn (vgl. 14.1.1973) berichtet wird, und "Kampf dem Militarismus" zum Wehrkundeerlass (WKE) bzw. zu Bundeswehr und Kriegsdienstverweigerung (KDV).

Der Artikel "'Frei'zeit im Kapitalismus" wird fortgeführt zum Thema Jugendbewegungen wie den Jesus People.

Es wird mit Hilfe der 'Zündkerze' bei VW (vgl. Jan. 1973) von der dortigen Jugendversammlung berichtet und vom KJB Freiburg ein Artikel über die Jugendvertretung von Kaiser Radio (260 Beschäftigte) in Kenzingen übernommen.
Q: Solidarischer Kampf Nr. 1, Wolfsburg Jan. 1973

03.03.1973:
Der KAJB Wolfsburg gibt seinen 'Solidarischen Kampf' Nr. 2 (vgl. 20.1.1973, Apr. 1973) unter Verantwortung von Axel Bosse heraus, in dem erstmals ein Kommunistischer Schülerbund (KSB) erwähnt wird. Angestrebt wird der Aufbau einer nationalen kommunistischen Jugendorganisation.

Berichtet wird u.a. von der eigenen Mitgliederversammlung (vgl. 18.2.1973), dem Wolfsburger Buchladen (vgl. 15.2.1973) und dem Fachoberschulstreik (vgl. 1.3.1973), aber auch von VW über "Ein Sieg der Arbeiterjugend: Ausbildungsabzeichen abgeschafft", aus "China: Hirten und Bauern neuen Typs", vom Friedensabkommen in Vietnam, aus Berlin vom Mahlerprozess (vgl. 27.2.1973), aus Nürtingen vom FHS-Dozenten Kosiek (NPD) aus Göttingen vom Ausschlussverfahren der IGM gegen Thomas Klingeberg und aus Dortmund von den Entlassungen bei Hoesch Westfalenhütte.
Q: Solidarischer Kampf Nr. 2, Wolfsburg März 1973

April 1973:
Der KAJB Wolfsburg gibt ein Extrablatt "Vorwärts zum 1. Mai" seines 'Solidarischen Kampfes' (vgl. März 1973) heraus, in dem es u.a. heißt:"
Der Kommunistische Arbeiterjugend Bund ruft alle klassenbewußten Kollegen und Kolleginnen, alle sozialistischen und demokratischen Organisationen auf, sich an der vom KB, KAJB und KSB organisierten Demonstration am 1.Mai zu beteiligen. Vorwärts im Kampf für die Rechte der Arbeiterklasse und des Volkes. Vorwärts im Kampf für den Sieg des Sozialismus."
Q: Solidarischer Kampf Extrablatt Vorwärts zum 1. Mai, Wolfsburg Apr. 1973

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