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Der Rote Punkt in Hannover 1969

Von Dietmar Kesten, Gelsenkirchen, September 2004


Der Rote Punkt in Hannover war 1969 vermutlich der Auslöser für alle anderen Aktionen gegen die Erhöhung der Fahrpreise, die sich in den frühen siebziger Jahren herauskristallisierten.

Wenn etwa an die Bewegung in Dortmund im März/April 1971 gedacht wird, dann zeigten sich dort viele Parallelen zu den Ereignissen in Hannover. Es bietet sich nach den Studien zu Gelsenkirchen und Dortmund daher an, sich mit der Geschichte der Roten Punkt Bewegung in Hannover zu beschäftigen.

Grob gesagt waren die Aktionen in Hannover durch die Außerparlamentarische Opposition (APO) bestimmt. Die Proteste erfassten damals breite Teile der Bevölkerung und blieben nicht nur, wie etwa später, auf Studenten, Schüler und Lehrlinge beschränkt. Erreicht werden konnte, dass die Tarife nicht im angekündigten Maße durchgesetzt wurden. Bereits am 1. Juni 1969 wurden in Hannover durch die Üstra die Fahrpreise für Busse und Straßenbahnen auf breiter Front (um ca. ein Drittel) angehoben. Davon ausgenommen waren die Tickets für Schüler und Studenten. Bereits eine Woche später riefen vor allem die Studentenvertretungen der Hochschulen in Hannover sowie ein Teil der APO zu Protesten auf, mit dem erklärten Ziel, die Rücknahme der Fahrpreiserhöhungen durchzusetzen.

Es begann damit, dass die Verkehrsknotenpunkte und andere neuralgischen Punkte bis hin zur Peripherie blockiert wurden. Die Bevölkerung Hannovers blieb davon nicht unberührt. Schon bald waren die Fahrpreiserhöhungen und die Aktionen dagegen ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen. Harte Polizeieinsätze sollten verhindern, dass die Aktionen übergreifend wirken, und dass sich die Bevölkerung mit diesen solidarisiert. Immer häufiger musste die Polizei miterleben, dass sich der Bürgerprotest ausweitete. Die Zahl der Schwarzfahrer stieg, falsche Tickets wurden hergestellt, Fahrkartenautomaten wurden aufgebrochen oder gingen anderweitig zu Bruch.

Nachdem das Innenministerium nach ca. einer Woche Blockade die Polizei zu ihren Standorten zurückbeordert hatte, stellte die Üstra ihren gesamten Bus- und Bahnverkehr ein. Als Ersatz dafür - weil aus der Not geboren - wurde der Rote Punkt ins Leben gerufen. Der Rote Punkt, der in späteren Fahrpreiskampagnen einen festen Platz hatte, war ein etwa handtellergroßer Roter Punkt, der an die Autofahrer verteilt wurde und das Ziel hatte, eine Mitfahrgelegenheit anzubieten.

Der Rote Punkt wurde zum Symbol.

Nach damaligen Schätzungen fuhr auf dem Höhepunkt der Aktionen fast jedes zweite Auto mit diesem Roten Punkt. In dieser Phase versuchte die örtliche SPD, die im DGB und der DAG stark vertreten war, die Bewegung für sich zu vereinnahmen und sich an deren Spitze zu setzen, was im Übrigen auch bei allen Fahrpreiskampagnen zu Anfang der siebziger Jahre ihr erklärtes Ziel war.

Am 18. Juni erklärte die Üstra, deren Aufsichtsrats zu mehr als 1/3 aus örtlichen SPD-Parteigrößen bestand, dass sie die angekündigten Fahrpreiserhöhungen rückgängig machen werde. Doch nicht ganz, weil die Fahrpreise nur gesenkt und auch nur zum Teil verändert wurden; denn das komplette Tarifsystem wurde anders gestaltet und die Überführung der Üstra in städtischen Besitz beschlossen. Nachfolgende kurze Dokumentation gibt Auskunft darüber, wie die Aktionen gegen die Fahrpreiserhöhungen in Hannover abgelaufen waren.

Zum 1. Mai 1969 berichtete die Zeitung „Rebell“ über den 1. Mai 1969 in den Städten Mannheim, Heidelberg, Stuttgart, Darmstadt Hamburg und Hannover. Aus Hannover wurde das Flugblatt „Weg mit der Fahrpreiserhöhung!“ abgedruckt. (Vgl.: Rebell, Nr. 9, Mannheim, Mai 1969.)

Vermutlich handelte es sich hierbei um ein erstes Flugblatt, das im Rahmen der Kampagne gegen die Fahrpreiserhöhungen in Hannover Verbreitung fand.

Zum 1.6.1969 traten laut „Rote Presse Korrespondenz“ die „Fahrpreiserhöhungen in Hannover bei der Üstra in Kraft, wobei zuerst kein Widerstand sichtbar wurde. Der Rat der Stadt hatte zwischen heute und dem 1.Mai auch die Freigabe des Freizeitheims in Ricklingen verweigert, in der eine Gruppe des Club Voltaire mit Parteien und DGB diskutieren wollte“. Weiter hieß es in der „RPK“: „Die herrschenden Bürokraten in Stadt- und Landesregierung kalkulierten nicht ein, dass die Massen, angespornt durch die beispielhaften Aktionen der Schüler, jungen Arbeiter und Studenten von verbalen Unmutsäußerungen zum offenen Widerstand gegen die menschenfeindliche Staatsgewalt übergehen würden." (Vgl.: SC Info, Nr.7, Frankfurt 5.7.1969.)

Der KJVD der KPD/ML-ZB meinte, dass es in Hannover auch „zum Einsatz des BGS gegen die Blockaden“ gekommen sei. (Vgl.: Der Kampf der Arbeiterjugend, Nr. 5, Bochum, November 1970.)

Der Club Voltaire wurde bereits 1968 in Hannover konstituiert. Es ging zunächst um die Schaffung eines kulturellen Ortes für Gesprächs- und Streitkultur. Wie vielerorts war der Club zunächst nicht an feste Organisationsstrukturen gebunden. Er war ein Treffpunkt für Linke, der allerdings später zunehmend von der DKP dominiert wurde. In Hannover war er beheimatet in der Nicolaistraße. Der Clubname orientierte sich an den französischen Philosophen und Schriftsteller, der eigentlich Francois-Marie Arouet (1694-1778) hieß. VOLTAIRE war einer der Hauptvertreter der französischen Aufklärung und Mitarbeiter an der großen „Enzyklopädie“, er war Anhänger des Deismus.

Ab dem 7.6.1969 kam es in Hannover laut RJ/ML zu Straßenbahnblockaden. Der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) rief danach „zu einer ersten Protestversammlung gegen die Fahrpreiserhöhungen und anschließender Straßenbahnblockade auf, woran sich ca. 250 Schüler, Lehrlinge und Studenten beteiligen“. (Vgl.: Rebell, Nr. 10, Mannheim, Juni 1969; SC Info, Nr. 7, Frankfurt, 5.7.1969; UZ- Extrablatt, Juni 1969.)

Von RJ/ML wurde kritisiert, dass „der SDS nicht von Anfang an eine klare sozialistische Zielsetzung verfolgte, so dass heute keine roten Fahnen getragen wurden“. Und weiter hieß es: „Dadurch konnte die Bewegung teilweise von Stadt, DGB und Presse eingemeindet werden. Ein Fehler war dies auch, weil auch die DKP, die über einen guten technischen Apparat und ein relativ ausgebautes Netz von Vertrauensleuten in den Hannoverschen Betrieben verfügt, die Bewusstseinsentwicklung der Arbeiter nicht analysiert hat und deshalb die Rote-Punkt-Aktion ähnlich wie die Bild-Zeitung nicht als antikapitalistischen Kampf auffasste, sondern als solidarische Bürgerhilfe, getragen von einem 'freien demokratischen Bündnis' aus 'Christen, Liberalen, Sozialisten und Kommunisten.“ (Vgl.: Rebell, Nr. 10, Mannheim, Juni 1969.)

Festzuhalten wäre, dass die Kritik von RJ/ML als aufgesetzt erschien; denn der SDS konnte ebenso wenig in dieser Fahrpreiskampagne keine „klare sozialistische Zielsetzung verfolgen“ wie sie selbst. Wie sie hätte aussehen können, erfuhr man von RJ/ML nicht. Wenn das Vorzeigen von „roten Fahnen“ allerdings die „sozialistische Zielsetzung“, die von RJ/ML eingefordert wurde, gewesen wäre, dann war das ein Irrglaube.

Laut „Internationaler Arbeiterkorrespondenz“ (IAK) demonstrierten am 8.6. in Hannover „lediglich ein paar hundert Studenten gegen die Fahrpreiserhöhungen“. (Vgl.: Internationale Arbeiter Korrespondenz, Nr.19, Eschborn, Juni 1969.)

Am 9.6. waren es nach der „IAK“ bereits „1.000 - 1.500 Menschen“. Dabei soll die Polizei „Tränengas eingesetzt haben“. (Vgl.: Internationale Arbeiter Korrespondenz, Nr. 19, Eschborn, Juni 1969.)

Laut „RPK“ nahmen die vom SDS „organisierten Proteste durch Straßenbahnblockaden solche „Ausmaße an, dass 5 Hundertschaften Bereitschaftspolizei und Tränengas eingesetzt“ wurden. Es soll zu „Massenverhaftungen“ gekommen sein. (Vgl.: SC Info, Nr. 7, Frankfurt, 5.7.1969.)

Am 10.6. gingen die Proteste unvermindert weiter. Die „IAK“ meinte, dass heute „2.000 - 3.000 gegen die Fahrpreiserhöhungen“ demonstrierten. Die „IAK“ will weiter ein Flugblatt zu diesen Aktionen verteilt haben. (Vgl.: Internationale Arbeiter Korrespondenz, Nr.19, Eschborn, Juni 1969.)

Vergleicht man diese Aktionen mit den späteren Roter-Punkt-Bewegungen in Bochum, Gelsenkirchen, Dortmund und anderen Städten, dann fällt auf, dass die Teilnehmerzahl am Roten Punkt in Hannover nach diesen Berichten deutlich höher war. Das mag vermutlich daran gelegen haben, dass eine Reihe von Organisationen, die der APO abgehörten, intensiver in diesen Protest eingebunden werden konnten.

Zum 11.6. wurde laut „IAK“ eine Kundgebung gegen die „Fahrpreiserhöhungen vor dem Rathaus in Hannover „von weit mehr als 7.000 Personen besucht“. Laut RJ/ML beteiligen sich ebenfalls „7.000 an den Straßenbahnblockaden“. Laut „Rote Presse Korrespondenz“ wurde in einem Flugblatt des DGB u.a. ausgeführt: „Hannoveraner! Üstra-Fahrpreiserhöhungen - unsozial und ungerecht - stehen im Widerspruch zur Preis- und Geldstabilität und treffen in erster Linie die wirtschaftlich Schwachen, Rentner und Arbeitnehmer!“ (Vgl.: SC Info, Nr. 7, Frankfurt, 5.7.1969; Rebell, Nr.10, Mannheim, Juni 1969; Internationale Arbeiter Korrespondenz, Nr.19, Eschborn, Juni 1969.)

Am 12.6.1969 wurde ein Flugblatt des Club Voltaire zu den Fahrpreiserhöhungen bekannt. Darin wurde u. a. ausgeführt: „Bürger und Demonstranten! Wehrt Euch gegen einzelne Provokateure! Ihre Handlungen richten sich gegen unsere Vorstellungen und Absichten. Wer aus reiner Zerstörungswut handelt, sollte der Polizei übergeben werden! Gewalt ist nicht unsere Methode!“ (Vgl. SC Info, Nr.7, Frankfurt, 5.7.1969.)

Der Club Voltaire dürfte damals ein berechtigtes Interesse daran gehabt haben, die Demonstrationen gegen die Fahrpreiserhöhungen in seichte Fahrwasser umzulenken. Die Nähe zur DKP und damit die unausgesprochene Solidarität mit SPD-Linken und DGB dürfte ein entscheidendes Moment gewesen sein, die Demonstranten zur Mäßigung aufzurufen. Dass der Aufruf einen gewissen Affront gegen SDS-Mitglieder gewesen sein dürfte, ist nach dem bisherigen Kenntnisstand unumstritten. Inwieweit Berliner SDSler diese Kampagne unterstützten, konnte noch nicht nachgeprüft werden. Darauf gibt es jedoch einige Hinweise.

Am 13.6. kam es in der Frage der Fahrpreiserhöhungen laut „RPK“, zu einem Kompromiss von einem Preis von „50 Pfennig“. Dieser „Kompromiss“ wurde weitestgehend dem besonnenen Verhalten der demokratischen Kräfte in diesem Fahrpreiskampf zugeschrieben. (Vgl.: SC Info, Nr. 7, Frankfurt, 5.7.1969.)

Insgesamt war hier der „50. Pfennig Einheitstarif“ geboren worden, der später in allen Fahrpreiskampagnen die übergeordnete Forderung der Demonstranten schlechthin gewesen war.

Am 14.6. erschien zu den Fahrpreiserhöhungen in Hannover laut „RPK“ ein „Extrablatt“ (Nr. 3) der Schüler, Arbeiter und Studenten, das unter der Parole „Radikal ist Realistisch!“ stand. Es soll nach dem erreichten neuen Tarif „gegen einen Unkostenbeitrag höchst erfolgreich“ verteilt worden sein. (Vgl.: SC Info, Nr. 7, Frankfurt, 5.7.1969.)

Laut „RPK“ wurden am 16.6. in Hannover „vom DGB alle Betriebsräte und Vertrauensleute in das Gewerkschaftshaus gerufen“, wo es dem DGB gelungen sein soll, ihnen die Zustimmung zum „Kompromiss zu den Fahrpreiserhöhungen aufzuschwatzen“. Er war jedoch machtlos, als Vertrauensleute und Betriebsräte mehrheitlich darauf bestanden, einen Satz aus einem abwieglerischen DGB-Flugblatt zu streichen, der sich von „revolutionärer Gewalt distanzierte.“ (Vgl.: SC Info, Nr. 7, Frankfurt, 5.7.1969.)

Ob letzter Passus tatsächlich gestrichen worden war, ist nicht bekannt. Es ist aber kaum anzunehmen, dass sich der DGB 1969 darauf einließ.

Zum 19.6.1969 erntete der DGB laut „RPK“ mit einem Flugblatt zu den Fahrpreiserhöhungen, in dem u. a. ausgeführt wurde: „Die Hannoverschen Betriebs- und Personalräte im DGB haben die Interessen der Hannoverschen Bevölkerung erfolgreich vertreten“ nur „den Hohn und Spott“ der Arbeiter. Viele DGB-Flugblätter sollen „zerknüllt unter den Werkbänken“ gelandet sein. Ähnlich soll es der DAG (Deutsche Angestellten Gewerkschaft) ergangen sein. In einem Flugblatt soll sie festgestellt haben: „Damit sind die Forderungen der DAG erfüllt!“ Flugblätter des SDS und „solche der KPD/ML“, sollen „den Verteilern von den Arbeitern ... aus der Hand gerissen“ worden sein.

Weiter hieß es: „Vor dem Conti-Werk Limmer wurden SDS-Verteiler von Arbeitern vor dem anrückenden Werkschutz abgeschirmt. In den Diskussionen vor den Fabriktoren und dem Hauptbahnhof trat die Unzufriedenheit mit den Gewerkschaften, aber auch die Sympathie mit den radikalen Demonstranten deutlich hervor. Arbeiter schlugen neue Kampfobjekte vor ... Außerdem folgten viele Arbeiter und Lehrlinge dem Aufruf des SDS, sich im Club Voltaire zu versammeln, um dort über die Bildung von Betriebsgruppen zu diskutieren.

Wie die Reaktion der Mehrheit der Arbeiter auf die roten Fahnen tatsächlich aussieht, ist noch völlig ungeklärt. Denn als SDS-Genossen vor Hanomag (IGM-Bereich, d. Vf.) mit roten Fahnen erschienen, ließen sie sich leider durch die hysterische Reaktion von Gewerkschafts- und DKP-Funktionären beeinflussen. Sie rollten die roten Fahnen wieder ein, ohne die Reaktion der Arbeiter festzustellen.“ (Vgl.: SC Info, Nr. 7, Frankfurt, 5.7.1969.)

Was hieraus zu entnehmen war, war zum einen die Unzufriedenheit mit dem DGB, den angeschlossenen Einzelgewerkschaften (hier der DAG), die in Fragen der Fahrpreiserhöhungen nur einen „Kompromiss“ erzielen wollten, sich aber sonst für die „Belange der Arbeiter“ kaum interressierten, zum anderen die Weiterführung des Fahrpreiskampfes in einer anderen Form. Der Aufruf des SDS, der „neue Kampfobjekte“ vorschlug, könnte sich in der Diskussion um die „Bildung von Betriebsgruppen“ niedergeschlagen haben, dem „viele Arbeiter und Lehrlinge“ folgten. Darüber wollte man sich „im Club Voltaire versammeln“, um über die „Ausweitung dieses Kampfes“ (u. a. Beratung über weitere Maßnahmen im Lohnkampf, d. Vf.) zu beratschlagen. Die Bildung von Betriebsgruppen bzw. die Diskussion darüber entsprachen im Sommer 1969 dem allgemeinen Trend in der damaligen Linken. In ihnen sollten sich (Jung-)Arbeiter und Lehrlinge versammeln, um ihrem Kampf eine verbindliche Organisationsstruktur zu geben.

Dem entsprach auch die Meldung vom 23.6.1969. Laut „RPK“ sollen die „ersten organisatorischen Schritte zur Bündelung der Sympathien für den Kampf des SDS gegen die Fahrpreiserhöhungen unter den Lehrlingen unternommen“ worden sein. Im Freizeitheim des „Arbeiterviertels Linden“ sollen sich „viele Lehrlinge getroffen“ haben, um die „Bildung eines Sozialistischen Lehrlingszentrums vorzubereiten“. (Vgl.: SC Info, Nr. 7, Frankfurt, 5.7.1969.)

Nach einer Arbeit von Jürgen SCHRÖDER („Ideologischer Kampf versus Hegemonie“) dürfte sich aus dem SDS in Hannover „bis Anfang 1970 ML-Fraktionen u. a. in der Betriebsprojektgruppe, der Basisgruppe Stadtsanierung Linden und der Schülerprojektgruppe“ entwickelt haben.

Auch die genannte KPD/ML, die ja während der Fahrpreiskampagne Flugblätter verteilt haben soll, dürfte bereits am März 1969 in Hannover aufgetreten sein. Zu dieser Zeit dürfte sie auch über eine eigene Ortsgruppe verfügt haben, „die durch den Anschluss des Marxistisch-Leninistischen Ausschusses Hannover entstand“.

Eine Nachbetrachtung zum Roten Punkt in Hannover war dem DKP-Blatt „Unsere Zeit“ (UZ) vom 6.2.1971 zu entnehmen. Dort formulierte Jochen MANDEL:

„NACH 10 TAGEN WAREN DIE ÜSTRA-BOSSE AUSGEPUNKTET. ROTER PUNKT-HANNOVER: IM JULI 1969 SIEGTE EINE GANZE STADT, WEIL SIE EINHEITLICH UND GESCHLOSSEN HANDELTE

Wenn heute erneut viele Nahverkehrsgesellschaften ihre Fahrpreise erhöhen, dann wird häufig von Arbeitern und Angestellten, von Schülern und Studenten die Forderung erhoben, diesen unsozialen Maßnahmen durch eine 'Rote-Punkt-Aktion' zu begegnen. So, wie es im Juli 1969 in Hannover geschah, als eine ganze Stadt 'denen da oben' bewies, dass sie längst nicht machen können, was sie wollen, wenn 'die da unten' damit nicht einverstanden sind.

Denn als die Hannoversche Verkehrsgesellschaft ÜSTRA damals eine Erhöhung ihrer Fahrpreise ankündigte, ahnte sie sicherlich nicht, dass sie damit den Anlass für eine der bedeutsamsten und wirkungsvollsten sozialpolitischen Protestaktionen der Bundesrepublik lieferte: der Roten-Punkt-Aktion.

Die Fahrpreise der ÜSTRA sollten um 33 1/3 Prozent erhöht werden. Zur gleichen Zeit aber wurde eine Gewinnausschüttung von 1,4 Millionen DM oder sechs Prozent für das Jahr 1968 beschlossen. Schon am Tage, als die beabsichtigte Preiserhöhung bekannt wurde, breitete sich Unruhe innerhalb der Bevölkerung aus.

Der Club Voltaire lud zu einem öffentlichen Forum ein, um dort die Vertreter der Stadt zu befragen, warum sie diesen ungerechten und unsozialen Fahrpreiserhöhungen ihre Zustimmung gaben.

Die im Rathaus vertretenen Parteien und die ÜSTRA-Verwaltung lehnten es jedoch ab, sich an dem Forum zu beteiligen. Die Stadt weigerte sich sogar, Räumlichkeiten zur Durchführung des Forums zur Verfügung zu stellen.

Daraufhin setzten sich Vertreter von 21 Organisationen, unter ihnen katholische und evangelische Jugendorganisationen, SHB, SDAJ, Jungdemokraten (Judos der FDP, d. Vf.) und die DKP zusammen, um über gemeinsame Forderungen und Aktionen zu beraten.

Erstes Ergebnis war der Beschluss, eine Protestkundgebung durchzuführen. Einig war man sich aber auch darüber, dass eine bloße Anprangerung der Fahrpreiserhöhungen keinesfalls genügte. Es kam zur Entwicklung eines gemeinsamen Forderungskataloges.

Die Forderungen drückten sich in folgender Losung aus: 'Runter mit den erhöhten Fahrpreisen, neue Tarifgestaltung, Überführung der ÜSTRA in städtisches Eigentum - weg mit den Steuern und Dividenden.'

Schon nach den ersten, nur von etwa 500 Teilnehmern besuchten Kundgebung kam es zur zeitweiligen Stilllegung des Verkehrs am Hauptbahnhof. In Diskussionen mit Passanten zeigten sich erste Anzeichen eines Solidarisierungsprozesses. An der zweiten Kundgebung nahmen bereits 1 500 Personen teil. Ihre Zahl wuchs von Tag zu Tag.

Nach jeder Kundgebung wurde zum Steintor, dem neuralgischen Punkt der ÜSTRA marschiert, um dort die Schienen zu blockieren. Dabei wurde darauf geachtet, nicht den Autoverkehr zu belästigen. An Kreuzungen wurden sogar extra Durchfahrmöglichkeiten für die Autofahrer geschaffen. In den ersten Tagen ging die Polizei mit Tränengas, Knüppeln und Festnahmen gegen die Demonstranten vor. Gegen die immer größer werdende Zahl der Protestierenden und die Welle der Sympathie aus der Bevölkerung war sie jedoch machtlos. 104 Demonstranten konnten festgenommen werden, aber nicht Zehntausende. Die auf einige Hundertschaften verstärkte Polizei rückte nach einigen Tagen ab.

Die eigentliche Rote-Punkt-Aktion begann erst, als die ÜSTRA ihren Verkehr völlig einstellte. Zweifellos in der Hoffnung, durch ein Verkehrschaos den Widerstand und die Welle der Solidarität zu ersticken, die vor allem aus den Betrieben heraus immer stärker wurde. Die Rechnung der ÜSTRA-Oberen ging nicht auf. Eine schon vom ersten Tage der Proteste an von Studenten der Technischen Universität (TU, d. Vf.) organisierte Rote-Punkt-Organisation weitete sich aus und ersetzte innerhalb weniger Tage den ÜSTRA-Verkehr voll und ganz.

An allen großen Straßenbahnhaltestellen, die mit Lautsprecheranlagen versehen waren, hielten Autos auf den Schienen, wo sonst die Straßenbahnen fuhren. Lastwagen, Busse, alles hielt an. Jugendliche riefen aus: 'Wer will nach Ricklingen? Wer will nach Linden? Wer will in die Innenstadt?' usw. Alles ging reibungslos vor sich, denn die jungen Arbeiter und Studenten regelten den Verkehr zügiger als die Polizei. Täglich wurden bis zu 40. 000 Flugblätter verteilt, um die Bevölkerung zu informieren.

In den Betrieben wurden rote Punkte an Autofahrer verteilt und Geld gesammelt. Auch der DGB Hannover stellte sich im Namen seiner 120 000 Mitglieder voll hinter die Aktion, ohne jedoch dem Initiatorenkreis beizutreten. Seine Stellungnahme enthielt jedoch die gleichen Forderungen, die auch das Aktionsbündnis erhob.

Nach zehn Tagen musste der Rat der Stadt in einer außerordentlichen Sitzung den Forderungen der Demonstranten stattgeben.“ (Vgl.: Unsere Zeit, Nr. 6, Düsseldorf, 6.2.1971.)

Natürlich war dieser Bericht aus der Sicht der DKP formuliert. Dass die APO in Gestalt des SDS hier nicht vorkommt, dürfte als Affront gegen ihn zu bezeichnen sein; denn der SDS hatte zumindest einiges zum Fahrpreiskampf in Hannover beigetragen Dennoch gibt es hierbei interessante Einzelheiten, die dem Bericht zu entnehmen sind.

1. Dass es bei dieser Fahrpreiskampagne zu einem Bündnis von „Vertreter(n) von 21 Organisationen“ kam, ist bemerkenswert. Nach dem Bericht befanden sich „unter ihnen katholische und evangelische Jugendorganisationen, SHB, SDAJ, Jungdemokraten (Judos der FDP, d. Vf.) und die DKP zusammen, um über gemeinsame Forderungen und Aktionen zu beraten“.

2. Interessant scheint auch der eigentliche Forderungskatalog gewesen zu sein. Er soll als „Ergebnis den Beschluss, eine Protestkundgebung durchzuführen“ beinhaltet haben. Weiter: „Einig war man sich aber auch darüber, dass eine bloße Anprangerung der Fahrpreiserhöhungen keinesfalls genügte. Es kam zur Entwicklung eines gemeinsamen Forderungskataloges.“ Die Forderungen sollen sich in den Losungen ausgedrückt haben: „Runter mit den erhöhten Fahrpreisen, neue Tarifgestaltung, Überführung der ÜSTRA in städtisches Eigentum - weg mit den Steuern und Dividenden.“

Die Straßenbahnenaktionen in Hannover, die auch hier an den neuralgischen Punkten stattfanden (Hauptbahnhof, Steintor) nahmen viel von den späteren Aktionen vorweg. Angefangen von einem Forderungskatalog bis hin zum Boykott und Mitfahrgelegenheiten (Roter Punkt) waren alle strategischen Elemente enthalten, an die die späteren Aktionen zu Beginn der 70er Jahre anknüpften (Vgl. vor allem Dortmund).

Der Staat lenkte hier schnell ein. Und die neue Tarifgestaltung mit einer Absenkung der Tarife konnte als Erfolg der Demonstranten verbucht werden. Bei der Mobilisierung eines Teils der Bevölkerung, bei der bis zu „40. 000 Flugblätter“ verteilt worden sein sollen, dürfte auch der Einsatz der Polizeikräfte ein Hinweis darauf gewesen sein, wie man gedachte, in den späteren Auseinandersetzungen vorzugehen.

Das Material zu Hannover ist noch dürftig. Es zeigt aber, dass neben Heidelberg oder Völklingen (etwa zur gleichen Zeit) hier erstmalig in einem breiten Rahmen mobilisiert werden konnte. Die übergreifende Forderung mündete in den schon bekannten „50 Pfennig Einheitstarif“ ein. Eine Forderung, die nicht mehr von der Bildoberfläche verschwinden sollte.

Der Widerstand gegen die Fahrpreiserhöhungen war in gewisser Weise auch als Widerstand gegen den Staat zu deuten. Denn dieser sah ja in den Fahrpreiserhöhungen eine Möglichkeit, sich über die Straßenbahngesellschaften Profite auf dem Rücken der Bevölkerung zu verschaffen. Insofern hatte es seine Berechtigung, wenn der SDS in dieser Kampagne die Erhöhungen der Tarife als „verschleierte Lohnkosten“ bezeichnete. Und sicherlich auch aus diesem Grunde trug er die Agitation gegen die Fahrpreise vor die Betriebe und versuchte den „politischen Kampf“ zu vermitteln. Die Auseinandersetzungen über die finanz- und steuertechnische Seite zwischen Gemeinden, Bund und Land mussten dann auch hier für Irritationen sorgen.

In den späteren Fahrpreiskampagnen sprang gerade die DKP und der ihr anhängenden Organisationen auf diesen Zug auf. Immer wieder versuchte man zu vermitteln, dass der Staat (Bund und Land) die Erhöhungen alleine zu tragen hätte. Diese vielleicht „entpolitisierenden Elemente“ könnten dazu beigetragen haben, der dauerhaften Aktion (Besetzung der Schienen, Demonstrationen usw.) den Rücken zu kehren und den Politikern das Feld zu überlassen. Tatsächlich war es dann auch in Hannover so.

Es muss aber festgehalten werden, dass ein relativ harmloser Protest von der Polizei hart bedrängt wurde. Dass die Straßenbahnaktionen antikapitalistisch motiviert waren, darüber sollte es keine Zweifel geben. Sie in die Produktionssphäre zu tragen (Betriebe und der Aufbau von Basis- und Betriebsgruppen), war das erklärte Ziel des SDS. Allerdings muss auch hier zunächst offen bleiben, inwieweit das für Hannover gelang. Im Detail fehlen noch viele Materialien, die den Ablauf der Ereignisse lückenlos beschreiben helfen könnten. Hier werden wir noch Ergänzendes beizutragen haben. Der Mut zur Lücke hilft, die Scharte später auszumerzen.

Abkürzungen


APO........Außerparlamentarische Opposition

DAG........Deutsche Angestelltengewerkschaft

DGB........Deutscher Gewerkschaftsbund

DKP........Deutsche Kommunistische Partei

IAK........Internationale Arbeiterkorrespondenz

KJVD.......Kommunistischer Jugendverband Deutschlands

KPD/ML-ZB..Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten

                  (auch: Zentralbüro oder auch: Rote Fahne)

KPD/ML-ZK..Kommunistische Partei Deutschlands/Marxisten-Leninisten

                  (auch: Zentralkomitee oder auch: Roter Morgen)

RJ/ML......Revolutionäre Jugend/Marxisten-Leninisten

RPK........Rote Presse  Korrespondenz

SC Info....Informationen des Sozialistischen Clubs Frankfurt/M.

                  (auch: Sozialistischer Club - Info)

SDAJ.......Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend

SDS........Sozialistischer Deutscher Studentenbund

SHB........Sozialdemokratischer Hochschulbund

SLZ........Sozialistisches Lehrlingszentrum

SALZ.......Sozialistisches Arbeiter- und- Lehrlingszentrum

SPD........Sozialdemokratische Partei Deutschlands

ÜSTRA.....Hannoversche Verkehrsgesellschaft

Alle Dokumente sind der Datenbank Dietmar Kesten/Jürgen Schröder: „Materialien zur Analyse von Opposition“ (MAO) entnommen.


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