Niedersachsen: Wehrkundeerlass

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin


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Für diese wie immer unvollständige Darstellung konnten nur einige der zahlreichen vorliegenden lokalen Materialien berücksichtigt werden.

Separate Darstellungen liegen bisher vor für den Protest gegen den Wehrkundeerlass in Braunschweig, Göttingen, der Region Hannover und in Hildesheim, Oldenburg sowie in Form der Broschüren Kampf der militaristischen Verhetzung. Dokumentation und Kommentar zum Wehrkundeunterricht aus Göttingen, die landesweit vertrieben wurde, der Broschüre "Gegen den Militarismus - Weg mit der Wehrkunde!" aus Hannover und der Broschüre "Was kostet ein Schulleiter? Oder wie sich die Bundeswehr ihre Propagandisten hält. Bericht einiger Lehrer über die Gesellschaft für Wehrkunde" aus Osnabrück.

Der alte Wehrkundeerlass (WKE - 11.2.1966) spielte in Niedersachsen zunächst offenbar keine allzu bedeutende Rolle (vgl. 9.9.1968, 5.12.1968), wird aber dann durch die Anweisung Willy Brandts aktualisiert, was offenbar zu frühen Protesten u.a. in Bad Gandersheim (vgl. 14.9.1971, 16.11.1971) führt, aber auch im Raum Hannover (vgl. 1.12.1971, Apr. 1972, Nov. 1972), in Hildesheim, Walsrode (vgl. Apr. 1972) und Wilhelmshaven (vgl. Juni 1972, Juli 1972), bald schon wird eine Novellierung angekündigt (vgl. März 1972) und auf den Weg gebracht (vgl. 2.6.1972). Von der DKP bzw. ihren Freunden konnte bisher nur eine Bezugnahme auf den Wehrkundeerlass gefunden werden (vgl. 6.6.1973).

Die radikale Linke dagegen greift den Wehrkundeerlass als wichtiges Thema auf. Die RJ/ML Hannover des KABD ist zwar durch ihre Verbandszugehörigkeit vermutlich aus Baden-Württemberg gut mit Argumentationsvorlagen versorgt (vgl. Okt. 1972) und wohl auch innerhalb einer Aktionseinheit aktiv (vgl. Dez. 1972), und die RJ/ML vermag gar die Wolfenbütteler Schülergruppe, die sonst der KPD befreundet beeinflussen (vgl. 1.10.1972), sonst aber steht die RJ/ML Hannover doch recht allein auf weiter Flur als nördlichster Vorposten dieser Strömung.

Anders steht es um die Zirkel des späteren KBW, diese befassen sich gemeinsam mit anderen linken Gruppen u.a. in Braunschweig und in Göttingen, aber auch in Delmenhorst (vgl. Feb. 1972, Juli 1972), Hameln (vgl. Nov. 1973), im Raum Hannover, in Hildesheim, Oldenburg und Osnabrück (vgl. 9.3.1973) sowie landesweit (vgl. Apr. 1972, 5.3.1973) intensiv mit dem Kampf gegen den Wehrkundeerlass, können dabei vermutlich nicht nur ihre örtliche Verankerung stärken, sondern sich auch selbst auf Landesebene effektiver koordinieren und so im Bereich der Oberschüler die Gründung des "KBW" voranzutreiben. Die ausführliche Debatte um die Plattform gegen den Wehrkundeerlass trug dabei vermutlich nicht unwesentlich zur Schulung der Beteiligten bei. Der Protest gegen die Jugendoffiziere der Bundeswehr wird auch später fortgeführt (vgl. 14.10.1974).

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

11.02.1966:
Der Marxistische Schülerbund (MSB) Lübeck (vgl. März 1972) berichtet vom heutigen Wehrkundeerlass (WKE) in Niedersachsen.
Quelle: Marxistischer Schülerbund-Info Nr. 5, Lübeck März 1972, S. 2

09.09.1968:
In Bückeburg beginnt, laut Hans Mohrmann, ein dreitägiges Zivilverteidigungsseminar für Schulleiter und Schulaufsichtsbeamte statt, welches gemeinsam vom niedersächsischen Kultusministerium und dem Bundesluftschutzverband (BLSV) organisiert wurde.
Q: AUSS-Info Nr. 3, Frankfurt 1969, S. 61

05.12.1968:
Den niedersächsischen Lehrerverbänden geht, laut Hans Mohrmann, ein "Erlaßentwurf zur 'Unterrichtung über Aufgaben der militärischen und zivilen Verteidigung'" zu.
Q: AUSS-Info Nr. 3, Frankfurt 1969, S. 58ff

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14.09.1971:
In Bad Gandersheim bzw. Kreiensen erscheint die 'Alternative' - Schülerzeitung - Nr.6 (vgl. 21.7.1971, 16.11.1971). Eingegangen wird auch auf den Wehrkundeerlaß (WKE).
Q: Alternative Nr. 6, Kreiensen 14.9.1971

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16.11.1971:
In Bad Gandersheim bzw. Kreiensen erscheint die 'Alternative' - Schülerzeitung - Nr.7/8 (vgl. 14.9.1971, 21.1.1972). Berichtet wird über den Wehrkundeerlaß (WKE), gegen den auch die GEW Fachgruppe Gymnasien Niedersachen protestierte.
Q: Alternative Nr.7/8, Kreiensen 16.11.1971, S. 11ff

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Februar 1972:
In Delmenhorst geben Ersatzdienstleistende (EDL) am Wichernstift vermutlich im Februar die Nr. 8 von 'Der antimilitaristische Kampf' (vgl. Okt. 1971, Juli 1972) für Februar / März heraus mit dem Leitartikel "Kampf dem Abbau demokratischer Rechte!" zum Berufsverbot, zur Wehrkunde und den Maßnahmen gegen die EDL und dem Artikel "Militarisierung in der BRD! Wehrkundeunterricht und Mobilmachung".
Q: Der antimilitaristische Kampf Nr. 8, Delmenhorst Feb. / März 1972, S. 1f und 8ff

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März 1972:
Der Marxistische Schülerbund (MSB) Lübeck (vgl. März 1972) berichtet von Wehrkundeerlass (WKE) aus Niedersachsen, dass "ein neuer Erlaß von Prof. Oertzen angekündigt" sei (vgl. 16.2.1966).
Q: Marxistischer Schülerbund-Info Nr. 5, Lübeck März 1972, S. 2

April 1972:
Vermutlich im April erscheint die 'Kommunistische Arbeiterjugend Korrespondenz' (KAJK - vgl. Feb. 1972) Nr. 5 als Organ für Theorie und Praxis des Kommunistischen Arbeiterjugend-Bundes (KAJB) wobei neben dem KAJB Göttingen auch der KAJB Wolfsburg und der KAJB Kreis Holzminden beteiligt sind. Enthalten sind auch die Beiträge:
- "Antimilitarismus und gewerkschaftlicher Kampf";
- "DGB und Remilitarisierung";
- "Diskussion zum 'Offenen Brief'" zum WKE an SDAJ und AGL (vgl. Feb. 1972), auf den am 27.2.1972 der KAJB Osnabrück antwortete; sowie
- "Wehrkundeerlaß in Niedersachsen".
Q: Kommunistische Arbeiterjugend Korrespondenz Nr. 5, Göttingen 1972, S. 9ff

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April 1972:
Die Interessengemeinschaft der Jugend (IDJ) Walsrode gibt im April die Nr. 6 ihres 'Landbote Ulifus' (vgl. Okt. 1971) heraus. Man äußert sich auch "Zum Wehrkundeunterricht" (WKE).
Q: Landbote Ulifus Nr. 6, Walsrode Apr. 1972, S. 11f

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Juni 1972:
Es erscheint das 'Rote Signal' der MLSG des KAB/ML Nr. 5 (vgl. Mai 1972, Juli 1972). Berichtet wird auch aus Wilhelmshaven von der Marine bzw. ihr angehörige Aushilfslehrer über "Niedersachsen: Lehrer im Waffenrock".
Q: Rotes Signal Nr. 5, Erlangen Juni 1972, S. 16

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02.06.1972:
Die RJ/ML Hannover des KABD (vgl. Okt. 1972) berichtet vom heutigen Entwurf zum Wehrkundeerlaß (WKE) der Landesregierung Niedersachsen bzw. des Kultusministers (KuMi) Oertzen (SPD).

Damit befasst sich auch in Göttingen die Kommunistische Schülerfront (KSF - vgl. 12.6.1972).
Q: Schulkampf Extra Aktionsprogramm der KSF gegen den Wehrkundeerlass, Göttingen <1972>, S. 2; Roter Berufsschüler Nr. 1, Hannover Okt. 1972, S. 2

Juli 1972:
Vermutlich im Juli erscheint die 'Befreiung' - anarchistische Zeitung (vgl. Juni 1972, Nov. 1972) für Juli / August mit dem Artikel "Konstruktiv? Bundeswehr stellt Lehrer für Oberschulen" zur Wehrkunde in Wilhelmshaven, nach dem 'Berliner Extradienst'.
Q: Befreiung, Mülheim Juli / Aug. 1972, S. 19

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Juli 1972:
In Delmenhorst geben Ersatzdienstleistende (EDL) am Wichernstift vermutlich im Juli die Nr. 9 von 'Der antimilitaristische Kampf' (vgl. Feb. 1972) für Juni / Juli heraus mit dem Artikel "Wehrkundeunterricht in Westdeutschland" zum WKE.
Q: Der antimilitaristische Kampf Nr. 9, Delmenhorst Juni / Juli 1972, S. 8f

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August 1972:
Im August bringt der KJVD der KPD/ML-ZB die Nr. 7 seines 'Der Kampf der Arbeiterjugend' (KDAJ) (vgl. Aug. 1972, Sept. 1972) heraus. Der KJVD Münster aus NRW berichtet über den Wehrkundeerlaß (WKE) (vgl. Juli 1972), mit dem sich auch der Niedersächsische KJVD beschäftigt. Eine Veranstaltung in Langendamm (vermutlich das Langendamm im Kreis Nienburg,d.Vf.) soll außer von Lehrlingen und Schülern auch von Soldaten besucht worden sein.
Q: Der Kampf der Arbeiterjugend Nr. 7, Bochum Aug. 1972, S. 3

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September 1972:
Im September erscheint das 'Rote Signal' der MLSG des KABD Nr.7/8 (vgl. Juli 1972, Okt. 1972) für August und September. Der Leitartikel ruft auf: "Die SMV nutzen - unseren Kampf stärken!" wobei auf Baden-Württemberg, Bayern und das Saarland, aber auch auf Ulm Bezug genommen wird, aber auch auf die Wehrkundeerlässe (WKE) in Niedersachsen und NRW.
Q: Rotes Signal Nr.7/8,Erlangen Aug./Sept. 1972,S.1ff

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01.10.1972:
In Wolfenbüttel gibt der örtliche Initiativkreis Sozialistische Schülerarbeit (ISS) erstmals seine 'Wolfenbütteler Schülerpresse' (vgl. 14.12.1972) heraus. Bekanntgegeben wird, daß es schon seit einiger Zeit sozialistische Schüler in Wolfenbüttel gibt, zumindest schon vor den Sommerferien (vgl. Juni 1972), wo man gegen den Wehrkundeerlaß (WKE) kämpfte. Zu diesem Thema wird auch aus dem 'Roten Signal' der MLSG des KABD ein Interview mit einem Soldaten übernommen.
Q: Wolfenbütteler Schülerpresse Nr. 1, Wolfenbüttel 1.10.1972

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November 1972:
Es erscheint der 'Rote Pfeil' Nr. 7 (vgl. Okt. 1972, Dez. 1972) der KSG(ML) des KABD mit dem Artikel "Schafspelz für den Wehrkundeerlass" zum WKE in Niedersachsen bzw. zu den Jugendoffizieren der Bundeswehr.
Q: Roter Pfeil Nr. 7, Tübingen Nov. 1972, S. 3ff

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11.12.1972:
Im Rahmen des Manövers 'Wilde Hatz' der 1. Panzerdivision der Bundeswehr findet heute, laut MLSG (vgl. Jan. 1973), ein Panzergefecht in der Schulstraße in Mandelsloh, Kreis Neustadt am Rübenberge unweit der Volksschule statt, wobei die Bundeswehr es befürwortet die Unterrichtsstörungen durch praktischen Wehrkundeunterricht auszugleichen.
Q: Rotes Signal Nr. 1, Erlangen Jan. 1973, S. 18f

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06.06.1973:
Der Bezirksvorstand Niedersachsen der DKP gibt seine 'DKP Informationen' Nr. 4 (vgl. 16.5.1973, 15.6.1973) heraus, in der er sich u.a. mit dem neuen Wehrkundeerlaß (WKE) befaßt.
Q: DKP Informationen Nr. 4, Hannover 6.6.1973

November 1973:
Vermutlich im November gibt die Kommunistische Schülerfront (KSF) Hameln erstmals ihren 'Schulkampf' (vgl. März 1974) heraus. Eingetreten wird gegen den Wehrkundeerlaß (WKE).
Q: Schulkampf Nr. 1, Hameln o. J. (1973),S. 12ff

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Letzte Änderung: 05.03.2016