Frankreich:
Die Tötung von Pierre Overney vor Renault-Billancourt am 25.2.1972

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin


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Materiallage

Es werden nur einige wenige der einschlägigen Quellen vorgestellt.

Die Organisationen

Der tote Pierre Overney (Quelle: Gauche prolétarienne)Es werden nur einige wenige der einschlägigen Quellen vorgestellt.

Es stehen sich einerseits die Renault-Geschäftsleitung und deren Werkspolizei sowie die Kommunistische Partei Frankreichs (KPF) und deren CGT sowie andererseits die sog. Gauchisten gegenüber, bei denen es sich vermutlich

Wichtige Themen und Ereignisse

Hier wird nur der Tod von Pierre Overney behandelt, wobei wir über die genauen Umstände nichts erfahren.

Von Pierre Overney erfahren wir in dieser Darstellung zunächst als Ikone, als einer der Märtyrer des nach-weltkrieglichen linksradikalen Widerstandes Westeuropas, der in eine Reihe gestellt wird mit Philipp Müller und Benno Ohnesorg.

Im Gegensatz zu diesen aber ist Pierre Overney eindeutig gegen die moskautreue Fraktion des Kommunismus eingestellt, wird von deren französischer Vertretung in Gestalt der KPF scheinbar auch nach Kräften verleumdet, eignet sich also als antirevisionistische Ikone in besonderem Maße. Dies geschieht zu einer Zeit, als sowohl die DKP als auch die Jusos der SPD oder Judos der FDP kräftig an Boden verlieren gegen Propagandisten revolutionärerer Umgestaltungsstrategien vor allem maoistischer Provenienz.

Der Protest gegen die als Mord interpretierte Tötung von Pierre Overney, wird offenbar zum Höhepunkt linksradikaler französischer Bestrebungen nach dem Mai 1968, der einerseits in einer Flut von Repression und Verboten gegen linke Organisationen erstickt wurde sowie andererseits in den nicht zuletzt Moskau-treuen Befriedungsstrategien.

Pierre Overneys Schicksal sowie sein Lebenslauf werden auch öffentlich bekannt, sind offensichtlich gekennzeichnet durch wenig Schule aber viel Arbeit, große Einsicht und Energie, wie seine Kollegen und vor allem auch sein Bruder bekunden.

Fraglich erscheint, wieso Pierre Overneys Genossen - evtl. auch er selbst - bereits Stahlstangen dabei hatten, anstatt lieber mehr Flugblätter oder Zeitungen mit sich zu tragen. Dies deutet doch unbestreitbar auf bereits zu erwartende physische Auseinandersetzungen hin. Ein militärischer Angriff der wenigen Genossen Overneys ist dabei sicherlich kaum geplant gewesen. Dafür dürfte die zahlenmäßig wohl vielfache Überlegenheit des Werkschutzes als Indiz gelten.

Auseinandersetzung bei Renault (Quelle: Gauche prolétarienne)

Der Renault-Werkschutz scheint also zumindest nach der Interpretation von Pierre Overney und seiner Gruppe keineswegs eine Interessenvertretung vor den Toren seiner Fabriken zu dulden, nicht einmal auf bedrucktem Papier, unbeschadet ob rot, schwarz oder gar bunt. Zumindest nicht in Paris-Billancourt, dem Hauptwerk von Renault in Frankreich.

Während sich die Renault-Geschäftsführung der Unterstützung der KPF und ihrer Gewerkschaft CGT sicher zu sein scheint, weisen die Linken auf die mangelnde gewerkschaftliche Organisation der ausländischen Arbeitenden hin sowie auf die bereitwillige Unterstützung des 'Terrors gegen fortschrittliche und revolutionäre Kräfte' seitens der Kommunistischen Parteien Frankreichs und Italiens (vgl. 13.3.1972).

Die Bremer 'Wahrheit', als damals bereits zentrales Organ des späteren KBW, verbreitet Bilder von der Protestdemonstration gegen die Erschießung Overneys (vgl. 3.4.1972), in Bielefeld befassen sich die Studenten der SAO detailliert mit den Geschehnissen (vgl. 15.5.1972). Die KPD/ML-ZK berichtet wiederholt zentral und bei Siemens Berlin (vgl. 3.4.1972) spannt sie den Bogen bis zu den Moskauer Freunden in Westberlin.

In dem Verbandsorgan der IG Druck und Papier (DruPa - vgl. 1.5.1972) erscheint eine, vor allem angesichts des Mediums, ausgesprochen sachlich geprägte Darstellung der Ereignisse und ihrer Hintergründe (vgl. 1.5.1972).

Die KPD berichtet vom waffenstarrenden Werkschutz bei Renault und dem trotzdem stattfindenden Widerstand (vgl. 21.3.1973). Als Rache wird der Personaldirektor entführt (vgl. 27.3.1972, 17.4.1972).

Abschließend für diese Darstellung wird von den Prozessen berichtet (vgl. 25.1.1973, 7.2.1973).

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

11.05.1952:
Der KJVD der KPD/ML-ZB (vgl. Juni 1971) berichtet:"
30 000 JUGENDLICHE MARSCHIEREN GEGEN WIEDERAUFRÜSTUNG

Am 11. Mai 1952 versammeln sich in Essen fast 30 000 Jugendliche. FDJler, junge Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Falken (SJD der SPD,d.Vf.), Pfadfinder und Mitglieder christlicher Jugendorganisationen demonstrieren unter den Parolen:

'Widersteht der Remilitarisierung!
Jugend gegen Generalvertrag!
Wir fordern Viermächteverhandlungen über die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands!
Friedensvertrag statt Generalvertrag!'

Die jungen Leute wehrten sich dagegen, daß sie zu Söldnern der imperialistischen Armeen gemacht werden sollten.

Mehrere Hundert von bewaffneten Polizisten versuchten, die sich friedlich vor der Grugahalle versammelnden Jugendlichen auseinanderzuknüppeln. Polizisten eröffneten das Feuer auf wehrlose Jugendliche.

Der 21jährige FDJler Philipp Müller bricht unter den Kugeln der Polizei tot zusammen.

Zwei weitere Jugendliche werden lebensgefährlich verletzt.

283 Jugendliche werden verhaftet.

Gegen den Überfall auf die jungen Friedenskämpfer und den Mord von Staats wegen erhob sich in allen Teilen Deutschlands ein Sturm der Entrüstung. Noch am gleichen Abend bildeten sich spontane Protestversammlungen und -demonstrationen. In den nächsten Tagen (vgl. 15.5.1952, 16.5.1952,d.Vf.) rissen die Proteste nicht ab. Das Begräbnis Philipp Müllers wird zu einer Demonstration des entschlossenen Willens der deutschen Jugend, den Kampf gegen Militarismus und Krieg weiterzuführen."

Die KPD/ML-ZK (vgl. 23.5.1972) berichtet:"
PHILIPP MÜLLER LEBT!

Am 11.Mai 1952, genau vor zwanzig Jahren, fiel durch Maschinengewehrsalven der Polizei bei einer Massendemonstration der Jugend gegen die Wiederaufrüstungspolitik der Westmächte und gegen den Generalkriegsvertrag, der Westdeutschland an die NATO und den US-Imperialismus kettete, Philipp Müller, junger FDJ (Freie Deutsche Jugend)-ler aus München.

Philipp Müller war mit 30 000 anderen Jugendlichen nach Essen geeilt, um den Willen der westdeutschen Jugend zum Ausdruck zu bringen, sich nicht erneut vor den Karren der Kriegspolitik spannen zu lassen. Sie forderten: Keine Wiederbewaffnung, keine Wiederaufrüstung, gegen die Verschacherung des Volkes in Westdeutschland in die Zangenarme der NATO, wie wir es heute überall auf der Welt erleben. Die Herrschenden haben Angst, wenn sich Menschenmassen zusammentun und gegen Hunger, Krieg, gegen das imperialistische System aufstehen. Ihre Antwort heißt: sofortiges Verbot der Kundgebungen, niedersausende Polizeiknüppel, berittene Polizei und Einsatz von Schußwaffen. Philipp Müller war eins der vielen Opfer des wiedererstehenden Militarismus und Revanchismus nach 1945. 1968 wurde Peter Ohnesorg bei einer großen antiimperialistischen Demonstration gegen das faschistische Schahregime erschossen (Benno Ohnesorg - vgl. Berlin 2.6.1967,d.Vf.). Am 25.2.1972 wurde Pierre Overney, ein französischer Arbeiter, durch die Wachhunde der Renault-eigenen Werkspolizei ermordet. Gab es bei diesen drei Kämpfern auch Unterschiede in den politischen Ansichten, so einte sie doch ihre Abscheu vor diesem verbrecherischen imperialistischen System, das tagtäglich seine Untaten begeht und die Menschen versklavt.

AN DIE JUNGARBEITER IN STADT UND LAND, AN DIE GANZE WESTDEUTSCHE JUGEND, AN DICH ROTGARDIST, AN DIE GANZE PARTEI ERGEHT UNSER RUF: HALTET HOCH DAS BANNER DIESER DREI KÄMPFER GEGEN IMPERIALISMUS UND MILITARISMUS.

VORWÄRTS MIT DER KPD/ML UND DER ROTEN GARDE (RG,d.Vf.), DER JUGENDORGANISATION DER PARTEI!

STOPPT DIE MORDKOMMANDOS DER POLIZEI!

SCHLUSS MIT DEN NOTSTANDSÜBUNGEN, POLIZEITERROR UND ANTIKOMMUNISTISCHER HETZE!

STOPPT DIE GROSSMACHTPLÄNE DER KRUPP, THYSSEN UND KONSORTEN!

WEG MIT HONECKER, WEG MIT BRANDT - ALLE MACHT IN ARBEITERHAND!

FÜR EIN VEREINIGTES, UNABHÄNGIGES, SOZIALISTISCHES DEUTSCHLAND!"
Quellen: Roter Morgen Nr. 10, Hamburg 23.5.1972, S. 6; Der Kampf der Arbeiterjugend Nr. 6, Bochum Juni 1971, S. 7

25.02.1972:
Der Kommunistische Bund Bremen (KBB - vgl. 3.4.1972) berichtet aus Frankreich unter einem Bild des die Pistole auf Pierre Overney richtenden Werkschutzleiters bei Renault:"
ARBEITERMORD BEI RENAULT UND DIE KPF

Am 25.Februar wurde der Arbeiter Rene Pierre Overney von einem Leiter der Werkspolizei vor den Toren der Autofabrik Renault kaltblütig ermordet.

Der Arbeitermord von Renault zeigt in aller Deutlichkeit die Rolle, die der Werkspolizei von der herrschenden Klasse zugedacht ist. Der sogenannte Werkschutz, wie er bei uns in Westdeutschland genannt wird, ist ein Instrument der Kapitalisten zur Unterdrückung der Arbeiterklasse. Seine Methoden sind: Bespitzelung, Drohung, Einschüchterung. Reichen diese Mittel nicht mehr aus, geht er sogar bis zum politischen Mord."

Berichtet wird von der Demonstration (vgl. 29.2.1972) und fortgefahren:"
An den Beerdigungsfeierlichkeiten für den ermordeten Arbeiter beteiligten sich ca. 200 000 Menschen in Paris, Arbeiter, Studenten, Schüler, fortschrittliche Demokraten, Sozialisten, Trotzkisten, Linksradikale und Kommunisten. Aus Solidarität mit dem ermordeten Arbeiter fanden Demonstrationen in Toulouse, Layon, Marseille, Lille und vielen anderen Städten Frankreichs statt.

Paris erlebte die machtvollste Demonstration seit den Maitagen 1968. Eine über sieben Kilometer lange Menschenschlange unter einem Meer von roten Fahnen zog sich durch die Stadt. Die Forderungen auf den Transparenten waren: 'Nieder mit den bewaffneten Banden des Kapitals' und 'Auflösung der Unternehmermilizen', 'Befreiung der gefangenen Renaultarbeiter'. Immer wieder wurde die Parole gerufen: 'Von Barbes bis Renault, die Faschisten werden nicht siegen!'

Auch an dieser Demonstration beteiligte sich weder die KPF noch die von ihr beherrschte Gewerkschaft CGT.

Vielmehr haben die Revisionisten alles getan, um die Ziele der fortschrittlichen Kräfte des französischen Volkes und insbesondere der Arbeiterklasse zu diffamieren. Die Revisionisten spielen sich als Hüter der bürgerlichen Demokratie auf und bezeichnen diejenigen, die für die Sache der Arbeiterklasse kämpfen, als Kumpanen der herrschenden Klasse. Sie gingen aber noch weiter. Sie behaupteten, es handele sich bei dieser Bewegung um eine von der Regierung organisierte Provokation, mit dem Zweck, die Maßnahmen der Unterdrückung gegen die Arbeiterklasse zu verschärfen.

'Es ist das Regime, das an den Fäden einiger Gruppen zieht, um es Pompidou zu ermöglichen, den Retter zu spielen', so ein Mitglied des Politbüros der KPF. Und in der Zeitung der Revisionisten, der Humanite, heißt es: 'Die Herrschenden machen gigantische Anstrengungen, um die Belegschaft zu spalten und ihre Aktionen zu zerschlagen. Die Speerspitze dieser Angriffe bilden zur Zeit die linksradikalen Gruppen'. Es ist geradezu absurd und der Gipfel der Demagogie: eine linke Gruppe verteilt vor Renault Flugblätter und diskutiert mit den Arbeitern, ein Mitglied dieser Gruppe wird von einem Werkschutzmann kaltblütig erschossen. Aber die KPF bezeichnet diese Gruppe als 'Speerspitze der Herrschenden', als von der Regierung eingesetzte 'Provokateure'. Für uns ist so etwas völlig neu. Die Kapitalistenklasse läßt sogar schon auf ihre eigenen Agenten schießen und sie umbringen, damit Unruhe entsteht, 'eine Stimmung der Gewalt', die ihr die Möglichkeit gibt, gewaltsam einzugreifen. So etwas gibt es allerdings nur in den Köpfen der revisionistischen Führer. Alle Erfahrungen der Arbeiterbewegung lehren das Gegenteil. Die Bourgeoisie hat immer ein Interesse, ihr Geschäft der Ausbeutung in Ruhe abzuwickeln. Der ganze Staatsapparat, die Justiz, die Polizei, die politische Polizei, das Militär, Gefängnisse, die bürgerliche Meinungsmache usw., alles das ist dazu da, den Kampf der Arbeiterklasse zu unterdrücken und nicht etwa, wie die KPF den Arbeitern und den anderen Werktätigen weismachen will, um Klassenkämpfe künstlich anzuheizen.

Ein Arbeiter wird umgebracht. Auf einem Kongreß von Polizeikommissaren und hohen Funktionären der Staatspolizei wird Pompidous Innenminister mit den Worten begrüßt: 'Wir glauben nicht, daß irgendein Innenminister vor Ihnen so viel für die Polizei getan hat wie Sie.' (Le Monde)

Derselbe Innenminister sagt in einer Rede auf diesem Kongreß: 'Damit wir uns recht verstehen: wenn die Aktivisten der extremen Linken… auch nur ein bißchen die Institution bedrohen… wir werden wissen, wo wir zuschlagen'. Seit dem 1.Juni 1968 sind 1 035 Linke, die nicht der KPF angehören zu Gefängnisstrafen verurteilt und 354 Ausländer wegen politischer Aktivität ausgewiesen worden. Angesichts dieser mehr als eindeutigen Tatsachen konstatiert Georges Marchais (stellvertretender Vorsitzender der KPF): 'Was für ein gefundenes Fressen für die Herrschenden! Was für ein ungeheures Verbrechen der außerhalb des Betriebes stehenden linksradikalen Gruppen, die sich aufgemacht haben, die Renaultarbeiter vor den Toren zu provozieren'. Mit solchen Argumenten sabotierte die KPF eine noch breitere Bewegung vor allem unter der Arbeiterklasse gegen den Terror der Werkspolizei.

Ein Arbeiter wird erschossen. Hier ist der Zeitpunkt, wo alle Differenzen der Arbeiterorganisationen in den Hintergrund zu treten haben. Hier gilt es, einheitlich und geschlossen aufzutreten. Was aber tun die Revisionisten? Sie spalten den einheitlichen Kampf der Arbeiter. Ein Arbeiter wird erschossen. Was sagen die Revisionisten? Nicht der, der geschossen hat, ist ein gedungener Mörder im Auftrag der Kapitalisten, nein derjenige, der umgebracht wurde und seine Genossen sind die 'Provokateure', die Speerspitze des Kapitals. Damit behauptet die KPF faktisch, daß die Kapitalisten über 1 000 ihrer besten Agenten und Provokateure ins Gefängnis gestoßen haben.

Welches sind nun die Ursachen für die Hetztiraden der KPF gegen die französische Linke? Die französische Linke will den Kampf der Arbeiterklasse bis zur Zerschlagung des kapitalistischen Staats organisieren. Dieses Ziel widerspricht aber den Zielen der KPF. Deren erklärtes Ziel ist die Erhaltung der bürgerlichen Demokratie. Sie gibt sich der für die Arbeiterklasse und ihren Kampf schon immer gefährlichen Illusion hin, man könne den Kapitalismus durch Wahlen im Sinne der Arbeiterklasse grundsätzlich verändern. Weil sie an der Vorstellung von der Veränderung der Gesellschaft auf dem Boden der bürgerlichen Demokratie festhält, bekämpft sie alle diejenigen, die erkannt haben und dafür kämpfen, daß die Staatsmaschinerie von der Arbeiterklasse und durch den Kampf der Arbeiterklasse zerschlagen werden muß. Die Furcht vor solchen für die Arbeiterklasse und ihren Kampf entscheidenden Erkenntnisse wird deutlich, wenn Marchais fragt: 'Soll das wieder so losgehen wie 1968?' und auf diese Frage antwortet: 'Nein, so darf das nicht wieder anfangen.'

1968 standen Pariser Studenten und Arbeiter auf den Barrikaden für eine Welt frei von Ausbeutung und Unterdrückung."

In einem Kasten dokumentiert der KBB:"
'WEDER EIN TAUGENICHTS NOCH EIN TOLLKOPF'

Mehrere Mitarbeiter der Werbeagentur, bei der Overney im letzten Jahr gearbeitet hatte, haben folgenden Brief an die Redaktion der Le Monde geschickt:

'Wir haben soeben durch eine in der Agentur umlaufende Notiz erfahren, daß R.-P. Overney, der am 25.Februar vor den Toren von Renault getötet wurde, als er Flugblätter gegen den Rassismus verteilte, niemand anders ist als der, den wir Pierrot nannten. Wir sind von dieser Nachricht, vor allem aber von dem Bild, das die Presse von Pierrot zeichnet, zutiefst erschüttert. Pierrot war Maoist, das wußten wir alle. Er hat es nicht verheimlicht. Er hat auf seine Weise für Gerechtigkeit und Freiheit gekämpft. Pierrot war weder ein Taugenichts noch ein Tollkopf. Der, den wir gekannt haben, war sensibel und idealistisch.

Wir legen großen Wert darauf, daß dies bekannt wird, damit er nicht zweimal stirbt.'"

In einem zweiten Kasten dokumentiert der KBB:"
INTERVIEW MIT DEM BRUDER OVERNEYS, MICHEL

'Pierrot war 23 Jahre alt; er war der Sohn eines Landarbeiters und ist bis zu seinem 14.Lebensjahr zur Schule gegangen. Er hat dann nach einem Jahr eine Lehre abgebrochen und seitdem hat er immer gearbeitet. Er hat in der Provinz in einer Fabrik gearbeitet, dann in zwei oder drei anderen Fabriken. Schließlich ist er nach Paris zu Citroen gekommen. Er ist dort von 1966 - 1967 geblieben. Nachdem er seinen Militärdienst abgeleistet hat, ist er wieder zu Citroen gegangen. Nach Citroen kam er zu Renault. Bei Renault ist er wegen maoistischer Aktivitäten entlassen worden. Von da an hat er ziemlich viel kleine Arbeiten, mal hier, mal dort, gemacht, bis jetzt. Er hat vier Monate wie ein Pferd gearbeitet. Schließlich hat er bei der Wäscherei in Grenelle gearbeitet: er war dort Auslieferer und gleichzeitig hat er seine politischen Aktivitäten beibehalten. Dann ist das bei Renault passiert, wo er ermordet worden ist. …Das ist ein Verbrechen. Da gibt es gar keine Frage, das ist wirklich ein Verbrechen.

Ich hoffe sehr, daß die Wahrheit deutlich wird und man sieht, daß er wirklich im Kampf gestorben ist. Ehrlich gesagt, nicht allein, weil es mein Bruder war, sondern weil es ein Arbeiter war, der wirklich ein Ideal hatte, der nie ein Intellektueller gewesen ist, der wirklich für seine Freiheit, für die Freiheit des Volkes gekämpft hat.'"

Der Bund Kommunistischer Arbeiter (BKA) Freiburg (vgl. 23.3.1972) berichtet u.a. von heute:"
FRANKREICH: MORD DURCH WERKSCHUTZ

ZUM TOD VON PIERRE OVERNEY

Am 25.Februar gegen 15 Uhr wurde Pierre Overney, ein ehemaliger Renaultarbeiter, vor den Toren des Renaultwerkes Boulogne-Billancourt in Paris von einem Mitglied des Werksschutzes aus kürzester Entfernung erschossen. Die ersten Berichte in der bürgerlichen Presse versuchten den Mord an Pierre Overney als Notwehrakt der Werkspolizei darzustellen.

Angeblich habe eine Kommandotruppe von 'Maoisten' das Werk gestürmt und mit Eisenstangen auf den Werkschutz und auf Arbeiter eingeschlagen.

Was geschah aber wirklich?

Zu Beginn der Nachmittagsschicht organisierte eine Gruppe des Kampfkomitees Boulogne-Billancourt, wie schon seit mehreren Wochen, eine Versammlung vor dem Betrieb. Es wurde über die Entlassung von Arbeitern bei Renault diskutiert, die wegen ihrer politischen Tätigkeit in dem Autowerk rausgeschmissen worden waren.

Um für die Freiheit der politischen Betätigung im Betrieb zu demonstrieren, waren die Flugblattverteiler einige Meter auf das Betriebsgelände vorgedrungen. In diesem Moment tauchten einige zivile Werkschutzleute vor dem Betrieb auf. Bei einer Zeugenaussage gegenüber der Polizei schilderte ein Arbeiter, was dann geschah:

'Ich befand mich in der Nähe von Overney und seinen Genossen, höchstens zwanzig Leute, die sich eben von den Pförtnern abgewandt und den Werkschutzleuten zugewandt hatten. Einer der Männer in zivil löste sich von der Gruppe des Werkschutzes. Es war einer der Angestellten des Überwachungsdienstes. In diesem Moment befand er sich drei oder vier Meter von Overney entfernt. Er schien sehr ruhig zu sein. Plötzlich zog er aus seiner Tasche einen Revolver ziemlich großen Kalibers und eröffnete kaltblütig das Feuer auf Overney. Dieser brach in die Brust getroffen zusammen.'

Empört über diesen brutalen Mord griffen Arbeiter und Mitglieder des Kampfkomitees die Werkschutzleute an und schlugen mit Eisenstangen auf sie ein.

RENAULTARBEITER AN DER SPITZE DES KAMPFES GEGEN DIE FRANZÖSISCHEN
KAPITALISTEN

Seit Jahren gelten die staatlichen Renaultwerke als diejenigen, in denen die Ausbeutungsbedingungen besonders scharf sind, deren Belegschaft aber auch besonders kampfstark ist. Renault ist - wie im Mai 1968 deutlich wurde - ein Betrieb, der als größtes Unternehmen mit den bewußtesten Arbeitern die Entwicklung der gesamten Arbeiterklasse in Frankreich aufzeigt.

Der Generalstreik vom Mai 1968 hatte die französischen Kapitalisten zu einer Reihe von materiellen Zugeständnissen gezwungen. Renault hat wie alle französischen Unternehmen nach dem Mai 1968 eine Menge von Maßnahmen durchgeführt, die zwei Ziele verfolgten: einmal die finanziellen Zugeständnisse, die sie machen mußten, zurückzunehmen, zum andern das Arbeitstempo zu steigern, um die Produktion zu erhöhen.

Betroffen von dieser Entwicklung sind vor allem die angelernten und die ausländischen Arbeiter. In den Jahren anch 1968 waren sie auch die Träger der Streikbewegungen, die ihren vorläufigen Höhepunkt in den Fabrikbesetzungen im Mai 1971 fanden.

Die Kapitalisten haben aus den Streiks und Fabrikbesetzungen ihre Schlüsse gezogen:

Das Überwachungssystem durch den Werkschutz in Zivil und Uniform wurde stark ausgebaut, um die politische Aktivität vor allem der angelernten, d.h. der Mehrheit der jungen und ausländischen Arbeiter zu unterdrücken. …

KP-CHEF: DAS DARF NICHT WIEDER SO ANFANGEN WIE 1968

Nach dem Mord an Pierre Overney demonstrierten 30 000 gegen die Unterdrückung durch Staat und Kapitalisten und für die politischen Freiheiten der Arbeiterklasse. Gewerkschaften, Sozialisten und kommunistische Organisationen mit Ausnahme der KPF und ihrer Gewerkschaft CGT forderten die Auflösung der Werksgestapo.

Eine breite Solidarität aller Renaultarbeiter und der gesamten französischen Arbeiterklasse mit dem Protest gegen den Mord an Pierre Overney sabotierten die Führungen der angeblich kommunistischen KPF und der Gewerkschaftsorganisation CGT. Nach dem Mai 1968 hat die CGT die Renaultwerke wieder fest in den Griff bekommen, wie das französische Unternehmerblatt 'Usine nouvelle' schon 1969 befriedigt feststellte.

'Soll alles noch einmal beginnen wie im Mai 1968? Nein, es darf nicht noch einmal passieren', forderte KPF-Vizegeneralsekretär Georges Marchais. Vor was hat Georges Marchais Angst, was will die KPF um jeden Preis verhindern?

Verhindern will sie die solidarische Einheit der Arbeiterklasse und den bewußten revolutionären Kampf; Angst hat sie davor, daß eine breite Massenbewegung das gesamte System der kapitalistischen Ausbeutung in Frage stellen könnte. Ergattern von Parlamentssitzen, Teilnahme an der Macht, Versöhnung mit den Kapitalisten und ihrem Staat heißt das Programm der KPF.

In der programmatischen Erklärung vom Dezember 1968 formuliert die KPF ihre Strategie von der friedlichen Machteroberung, der Errichtung der erneuerten oder fortschrittlichen Demokratie. Im übrigen die selben Phrasen und Illusionen über den Charakter des Kapitalismus wie sie in den Programmen und Erklärungen der DKP auftauchen. Die KPF führt darin aus, daß es heute darauf ankomme, die Mehrheit des Volkes zu gewinnen 'd.h. in der Aktion ein solches Übergewicht der Kräfte herzustellen, daß es der isolierten Bourgeoisie nicht mehr möglich ist, zum Mittel des Bürgerkrieges zu greifen'.

Sicherlich geht es darum, die Mehrheit des Volkes für den Sozialismus zu gewinnen. Aber man gewinnt nicht die Mehrheit des Volkes für den Sozialismus auf der Grundlage eines bürgerlichen Programms. Niemand wird die Bourgeoisie isolieren, indem er sich bei ihr anbiedert, niemand wird ihr die Macht dadurch entreißen, daß er sich bei ihr einschleicht.

Statt die durch die Kapitalistenklasse systematisch betriebene Spaltung der Arbeiterklasse zu bekämpfen, wird diese Spaltung durch die KPF und ihre Gewerkschaft CGT tatsächlich verschärft.

Es stört die CGT-Führer nicht, daß der Organisationsgrad der 30% ausländischen Arbeiter des Renaultkonzerns (im Pariser Werk Billancourt sogar 80%) gleich Null ist und es häufig vorkommt, daß Funktionäre der CGT von diesen Arbeitern für Angehörige der Unternehmensleitung gehalten werden.

Die ausländischen Arbeiter und die Interessen der ungelernten und angelernten Arbeiter passen nicht in die Wahlstrategie der KPF. Indem die KPF alle Massenaktionen in Wahlschlachten münden läßt, die sie im Bündnis mit den Sozialdemokraten (Mitterand) bestehen will, muß sie sämtliche Forderungen und Aktionsformen der Arbeiterklasse, die die Bürger schrecken könnten, sabotieren. Die Einheit der Arbeiterklasse im Kampf versucht sie zu verhindern zugunsten der angestrebten Einheit mit der Sozialdemokratie in Form einen Wahlbündnisses.

Wer sich der Bourgeoisie als regierungsfähig, als 'Regierungspartei' anbiedern will, muß sich als Ordnungsmacht beweisen.

120 000 DEMONSTRIERTEN - KPF BLIEB ZUHAUSE

120 000 Menschen begleiteten den Sarg von Pierre Overney. Die Beisetzung wurde zur Demonstration. Die KPF hatte ihre Mitglieder aufgefordert der Beisetzung fernzubleiben. Um das zu garantieren verbreitete sie ähnliche Lügen wie die bürgerliche Presse und konstruierte eine große Verschwörung. Die Werksleitung und die 'maoistischen Agitatoren', der Mörder und der Ermordete hätten einem politischen Manöver der herrschenden Klasse gedient.

Pierre Overney als Handlanger der Bourgeoisie, das Opfer als gekaufter Provokateur, zu solchen Lügen, zu solchen Ungeheuerlichkeiten muß jede Politik greifen, die vorgibt im Interesse der Arbeiterklasse zu sein, die aber nicht den Sturz der kapitalistischen Ausbeuterordnung zum Ziel hat, sondern durch Teilnahme an der Macht als Regierungspartei glaubt, den Kapitalisten die Macht aus den Händen mogeln zu können."

Die KPD (vgl. 24.3.1972) berichtet im Zusammenhang mit dem 13.Parteitag der PCI Italien (vgl. 13.3.1972) aus Frankreich (vgl. 29.2.1972):"
IMMER TIEFER IN DEN SUMPF

Die revisionistisch entarteten kommunistischen Parteien Frankreichs und Italiens funktionieren als Gesundbeter und als Büttel ihrer Monopolbourgeoisien. Nichts fürchten sie mehr, als daß der Funke des revolutionären Kampfes auf die arbeitenden Massen überspringt. Ihr Eifer, sich dem Staatsapparat als Ordnungsmacht zu empfehlen, führt sie dahin, die Opfer faschistischer Mordanschläge zu den eigentlichen Tätern zu stempeln. Die 'Maoisten' haben ihrer Meinung nach den Anschlag herausgefordert, oder noch einfacher, die Überfälle und Anschläge der Faschisten sind Komplotte der Konterrevolution, bei denen die 'Maoisten' (also die Kommunisten) bewußt oder unbewußt die Rolle des Provokateurs spielen, dem Staatsapparat Gelegenheit geben, gegen die 'wahren' Kommunisten (die Revisionisten) vorzugehen.

Während die Revisionisten ständig neue Formeln prägen, um ihrer künftigen Regierungsbeteiligung den Schein einer Alternative zum bestehenden System zu geben, praktizieren sie bereits die offene Unterstützung des Terrors gegen fortschrittliche und revolutionäre Kräfte. Die Stellungnahme der französischen Revisionisten zur Ermordung P. Overneys durch ein Mitglied des Werksschutzes von Renault, das Referat von E. Berlinguer, italienischer Revisionistenboß anläßlich des 13. Parteitages seiner Partei haben folgendes gemeinsam:

Alle Illusionen über die demokratische Reformierbarkeit des Staatsapparates werden auf die Spitze getrieben, gleichzeitig werden die Unterdrückungsorgane des kapitalistischen Staatsapparates, seine Funktionen, nachdrücklich
verteidigt und vor den 'Maoisten' in Schutz genommen. …

Für die französischen und italienischen Revisionisten gilt, daß sie heute offen den Klassencharakter des bürgerlichen Staates bejahen, dies im Namen ihrer Parteibourgeoisie und der Arbeiteraristokratie, aus der diese hervorgeht.

DIESE TENDENZ SELBST ZUR VERTEIDIGUNG DES OFFENEN TERRORS GEGENÜBER KOMMUNISTEN, IST EINE QUALITATIV NEUE STUFE DER ENTARTUNG DER REVISIONISTISCHEN PARTEIEN.

Dies zeigt sich in der bewußten Identifizierung mit dem staatlichen Terrorapparat. Sylvain, Chef der revisionistisch beherrschten Gewerkschaft CGT bei Renault-Billancourt äußerte anläßlich der Entführung des Renault-Direktors Negrette: 'das Management besteht aus Lohnabhängigen wie wir es sind. Auch die Werkschutzangestellten sind lohnabhängig, meist Kollegen…'

Das Entlarvende solcher Aussagen liegt darin, daß die revisionistischen Gewerkschaftsfunktionäre sich in eine Klassenfront mit den Agenten und den Werkzeugen der Monopolbourgeoisie stellen.

Es ist diese Klassensolidarität, die sie den erwiesenen Mord an P. Overney als Notwehrmaßnahme darstellen läßt: Ein fabrikfremdes Kommando hat eine Wachmannschaft tätlich angegriffen, die sich einen plötzlichen Überfall mit Eisenstangen gefallen lassen mußte. Es wurden Schüsse von einem Mann in Zivil abgegeben…"

Berichtet wird auch durch die KPD/ML-ZK (vgl. 23.5.1972), u.a. über die Folgen (vgl. 1.4.1972).
Q: Klassenkampf Nr. 19, Freiburg 23.3.1972, S. 8f; Rote Fahne Nr. 39, Dortmund 24.3.1972, S. 7;Roter Morgen Nr. 10, Hamburg 23.5.1972, S. 6f;Wahrheit Nr. 3, Bremen Apr. 1972, S. 8

RM_1972_10_12

RM_1972_10_13


29.02.1972:
Der Kommunistische Bund Bremen (KBB - vgl. 3.4.1972) berichtet aus Frankreich vom 'Mord' an Pierrey Overney (vgl. 25.2.1972):"
Gegen den Mord an Pierre Overney, gegen den Terror von Polizei und 'Werks'gestapo, für die Auflösung dieser bewaffneten Unterdrückungsinstrumente in den Händen der Kapitalistenklasse demonstrierten am 29.Februar 30 000 Menschen.

Über zehn Organisationen der französischen Linken hatten zu dieser Demonstration aufgerufen. Die KPF beteiligte sich nicht an dieser Kampfaktion."

Die KPD (vgl. 24.3.1972) berichtet (vgl. 25.2.1972):"
Aufgeschreckt durch die Protestdemonstration der 50 000 in Paris gegen den Mord manövrieren jetzt die französischen Revisionisten, gestehen den 'Maoisten' subjektive Redlichkeit zu und veranstalten eine Demonstration gegen Polizeiunterdrückung und gegen Provokation (seitens der Linken). Ein durchsichtiges Spiel, das Tausende und Abertausende von proletarischen Kollegen durchschauen, die noch in den Reihen der Revisionisten organisiert sind.

Ihnen gellt der zynische Ausruf von G. Marchais, Generalskretär der französischen Revisionisten in den Ohren, die dieser anläßlich der Ermordung P. Overneys machte:

Welch ein Glück für diese Regierung, welch monströses Verbrechen für die ultralinken Gruppierungen außerhalb der Fabrik, die die Arbeiter bei Renault vor dem Fabriktor provozierten! Ich stelle die Frage: Soll es wieder so losgehen wie 1968? Ich antworte: Nein, das dar nicht wieder passieren."

Laut KPD/ML-ZK (vgl. 13.3.1972) demonstrierten 50 000.
Q: Rote Fahne Nr. 39, Dortmund 24.3.1972, S. 7; Roter Morgen Nr. 6, Hamburg 13.3.1972, S. 1;Wahrheit Nr. 3, Bremen Apr. 1972, S. 8

RM_1972_06_01

Wahrheit_1972_03_15

Wahrheit_1972_03_16

KPD_Rote_Fahne_1972_39_14


03.03.1972:
Es erscheint der Berliner 'Hochschulkampf' Nr. 24/25 (vgl. 26.1.1972) der früher der PL/PI befreundeten Roten Zellen mit dem Artikel "Renault. Genosse von Werkschutz ermordet" zu Pierre Overney.
Q: Hochschulkampf Nr. 24/25, Berlin 3.3.1972, S. 13

Berlin_Hochschulkampf_1971_24_13


06.03.1972:
Der Bund Kommunistischer Arbeiter (BKA) Freiburg berichtet aus Frankreich über den 'Mord' an Pierre Overney durch den Renault-Werkschutz (vgl. 25.2.1972) und fährt fort:"
Eine Woche nach der Erschießung von Pierre Overney veröffentlichte die Kapitalistenzeitung Handelsblatt einen Aufruf zur Verstärkung des Werkschutzes, aus dem wir einen Ausschnitt abdrucken. Unter dem Deckmantel des Schutzes vor Spionage- und Sabotageakten wird auch bei uns in der BRD systematisch der Ausbau des Werkschutzes zur Bespitzelung und Einschüchterung aller Kommunisten und fortschrittlichen Kollegen vorangetrieben."

In dem Ausschnitt heißt es:"
SELBSTHILFE DER WIRTSCHAFT GEGEN VERRAT

Aber Staat und Wirtschaft machen große Anstrengungen, alle Gefahren abzuwenden, soweit das möglich ist. In diesem Zusammenhang ist vor allem auf die Initiative der Wirtschaft selbst hinzuweisen. Die in einzelnen Bundesländern bereits bestehenden Verbände entfalten eine rege Informations- und Betreuungsarbeit, wobei ihnen auf Bundesebene die von BDA, BDI und DIHT gemeinsam getragene Koordinierungsstelle für Sicherheitsfragen in der gewerblichen Wirtschaft zur Seite steht.

Immer mehr Betriebe haben von den angebotenen Lehrgängen für die Praxis des Werkschutzes mit seinen vielfältigen Arbeitsgebieten Gebrauch gemacht. Die eigenen Erfahrungen mit den zunehmenden Beunruhigungen und Störungen in den Betrieben decken sich mit den Feststellungen der zuständigen Behörden. Die wiederholten Tagungen der Sicherheitsbeauftragten machten deutlich, in welchem Umfang radikale Aktionen die Sicherheit der Betriebsangehörigen gefährden. Diese Erkenntnisse sind noch nicht Allgemeingut der betroffenen Kreise, so daß die Bildung von Vereinigungen für Sicherheit in der Wirtschaft in einigen Wirtschaftsregionen nicht dem notwendigen Stand entspricht."
Q: Klassenkampf Nr.19,Freiburg 23.3.1972,S.8

13.03.1972:
Die KPD (vgl. 24.3.1972) berichtet spätestens aus dieser Woche vom 13. Parteitag der PCI im Zusammenhang mit der Haltung der KP Frankreichs zum Mord an Pierre Overney (vgl. 25.2.1972):"
Berlinguer wiederholte auf dem 13.Parteitag der italienischen Revisionisten das hohle Geschwätz, das unter der Bezeichnung 'antikapitalistische Strukturreform' zur demokratischen Planung der monopolkapitalistisch beherrschten Wirtschaft aufruft. Konsequent erklärte Berlinguer:

Der Pluralismus der Ideen und der Politik, der heute in Italien herrscht, soll auch den Aufbau des Sozialismus in Italien bestimmen.

Berlinguer verherrlicht die Ideologie des Pluralismus, er verschweigt die Vorherrschaft der bürgerlichen Machtpositionen im gesellschaftlichen Überbau. Damit verklärt er die Diktatur der Bourgeoisie und verschweigt die Notwendigkeit, diese Diktatur zu stürzen."
Q: Rote Fahne Nr. 39, Dortmund 24.3.1972, S. 7

13.03.1972:
Die Rote Hilfe Westberlin gibt ihre 'Rote Hilfe Nachrichten & Mitteilungen' Nr. 4 (vgl. 25.2.1972, 27.3.1972) heraus. Aus Frankreich wird berichtet über Pierre Overney.
Q: Rote Hilfe Nachrichten & Mitteilungen Nr. 4, Berlin 13.3.1972, S. 4

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21.03.1973:
Die KPD berichtet aus Frankreich von Renault (vgl. Feb. 1973, 27.3.1973):"
EINHEITLICHE KAMPFFRONT FRANZÖSISCHER UND AUSLÄNDISCHER ARBEITER:

RENAULT-ARBEITER KÄMPFEN!

Schon im Februar streikten zwei Abteilungen. Am 21.3. traten 400 mehrheitlich ausländische Hilfsarbeiter des Karosseriebaus in den Streik. Sie forderten einheitliche Anerkennung ihrer besonders harten Arbeitsbedingungen durch die Qualifikation als Facharbeiter. Trotz der Einschüchterungsversuche der Werksleitung, die mehrmals Streikbrechertrupps aus höheren Angestellten schickte, den für die Ermordung des Renault-Arbeiters Pierre Overney (vgl. 25.2.1972,d.Vf.) bekannten Werkschutz ostentativ Waffen tragen ließ, ist die Kampfbereitschaft heute größer als je zuvor."
Q: Rote Fahne Nr. 14, Dortmund 4.4.1973, S. 7

27.03.1972:
Die RKJ der GIM gibt die Nr. 3 ihrer 'Was Tun' (WT - vgl. Feb. 1972, Apr. 1972) heraus mit dem Artikel "Quais Georges, mieux qu'en 68" zu Frankreich, wobei auch auf Pierre Overney eingegangen wird.
Q: Was Tun Nr. 3, Mannheim 27.3.1972, S. 14ff

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27.03.1972:
Die Rote Hilfe Westberlin gibt ihre 'Rote Hilfe Nachrichten & Mitteilungen' Nr. 5 (vgl. 13.3.1972, 17.4.1972) heraus. Aus Frankreich wird berichtet von Renault über Pierre Overney bzw. über die Entführung des Personaldirektors durch das Kommando Pierre Overney der NRP.
Q: Rote Hilfe Nachrichten & Mitteilungen Nr. 5, Berlin 27.3.1972, S. 4

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April 1972:
Der Kommunistische Bund Osnabrück (KBO) gibt vermutlich im April die Nr. 3/4 des ersten Jahrganges seiner 'Roten Fahne' (RF - vgl. Feb. 1972, Mai 1972) als Zentralorgan heraus mit einem Bericht aus Frankreich über Pierre Overney, aus der 'Wahrheit'.
Q: Rote Fahne Nr. 3/4, Osnabrück 1972, S. 9

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01.04.1972:
Für die KPD/ML-ZK (vgl. 23.5.1972) berichtet Fritz K. aus Lich/Oberhessen u.a. von diesem Wochenende aus Frankreich:"
DER MARXISMUS-LENINISMUS WIRD ÜBER DEN REVISIONISMUS SIEGEN!

Ich war mit einigen Genossen und Freunden über Ostern in Paris. Wir wohnten dort bei Sympathisanten der marxistisch-leninistischen Bewegung und bekamen dadurch einen lebendigen Eindruck von der revolutionären Lage Frankreichs und vor allem von Paris. Man spürte geradezu die explosive Stimmung. Die Straßen, besonders in den Arbeitervierteln, sind voll von revolutionären Parolen und Plakaten. Der feige hinterhältige Mord an dem jungen Revolutionär Pierre Overney (vgl. 25.2.1972,d.Vf.) durch blutrünstige Schergen der Bourgeoisie hat die Flammen der Revolution mit elementarer Wucht emporschnellen lassen. Die Unterdrückung und Bekämpfung der Marxisten-Leninisten verschärft sich von Tag zu Tag. Die Bourgeoisie und ihr imperialistischer Staat zeigen immer mehr ihre offen faschistische Fratze. Marxisten-Leninisten, die vor dem Betrieb Agitation und Propaganda machen, werden zusammengeschlagen, dann wieder zur Besinnung gebracht und wiederholt zusammengeschlagen. Dies spielt sich tagtäglich ab, ja, sie schrecken sogar vor Folterungen nicht zurück. Besonders bei Kommunisten, die im Betrieb arbeiten, setzt die Bourgeoisie alle ihr zur Verfügung stehenden Machtmittel ein, um die marxistisch-leninistische Bewegung zu zerschlagen. Aber das wird ihnen nicht gelingen, die französischen Marxisten-Leninisten lassen sich durch all diese Maßnahmen nicht einschüchtern, sie bleiben standhaft, solange bis die räuberische Bourgeoisie ihren Todesstoß versetzt bekommt. Und wie steht die französische Bruderpartei der DKP, die französische KPF zu all diesen Ereignissen? Sie unterstützen die Bourgeoisie und blasen mit ihr ins gleiche Horn. Sie verleumden und verhetzen die Marxisten-Leninisten, bezeichnen sie als Halbwilde, Langhaarige, Rowdys, denen man schon noch das Handwerk legen würde. Und was den Mord an Pierre Overney betrifft, so sagen sie, er wäre selbst daran schuld und so ginge es allen 'Maoisten'.

Die revisionistische KPF befindet sich trotz ihrer vielen Mitglieder in zunehmender Isolierung von der Arbeiterklasse. Ihre fettgefressenen Bonzen, vor allem ihr Generalsekretär George Marchais, sind mittlerweile richtig reich und führen ein Leben wie ein Bourgeois. Sie kommen auf die drolligsten Einfälle, um ihre Haut zu retten. Unlängst bezeichneten sie die Marxisten-Leninisten als gut bezahlte gaullistische Agenten.

Doch die Zukunft ist glänzend, die Marxisten-Leninisten werden von Tag zu Tag stärker, sie sind bereits in den wichtigsten Betrieben fest in der Arbeiterklasse verankert, sie gewinnen immer mehr an Sympathie auch zunehmend unter den älteren Arbeitern. Die Grenzen der Macht der Bourgeoisie zeigen sich ebenfalls von Tag zu Tag mehr. Und es ist genauso wie der Genosse Mao Tse-tung sagt: Die Haupttendenz in der Welt ist Revolution!"
Q: Roter Morgen Nr. 10, Hamburg 23.5.1972, S. 7

03.04.1972:
Bei Siemens Berlin gibt die KPD/ML-ZK vermutlich in dieser Woche ihren auf April datierten 'Roten Lautsprecher' Nr. 3 (vgl. 27.3.1972, 24.4.1972) heraus. Im Leitartikel "Spitzel - Handgranaten - Killer" wird u.a. berichtet von FIAT Italien, Renault Frankreich und der SEW bei Siemens.
Q: Roter Lautsprecher Nr. 3, Berlin Apr. 1972

03.04.1972:
Der KB Bremen gibt vermutlich in dieser Woche die Nr. 3 seiner 'Wahrheit'(vgl. 1.3.1972, 16.5.1972) heraus.
Enthalten ist auch der Aufruf zum 1.Mai (vgl. 3.4.1972) sowie auf den beiden Mittelseiten ein vermutlich für Wandzeitungen geeignetes Foto-Blatt, auf dem unter der großen Überschrift "Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker, vereinigt euch!" Fotos mit folgenden Beschreibungen zu finden sind:

- "Die französischen Arbeiter haben mit Betriebsbesetzungen bei Renault und in anderen Werken auf die Verschärfung der kapitalistischen Widersprüche und die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen geantwortet. Hunderttausende von ihnen solidarisierten sich mit dem Protest gegen die Ermordung des Genossen Overney durch die Werkspolizei."
Q: Wahrheit Nr. 3, Bremen Apr. 1972

17.04.1972:
In Berlin erscheint vermutlich in dieser Woche der 'Berliner Anzünder' Nr. 1 (vgl. 29.5.1972) mit dem Artikel "Werkschutz mordet einen Arbeiter" zu Pierre Overney bei Renault Paris-Billancourt.
Q: Berliner Anzünder Nr. 1, Berlin 1972, S. 6ff

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01.05.1972:
In der Nr. 9 der 'druck und papier' (vgl. 17.4.1972, 15.5.1972) veröffentlicht die DruPa u.a. einen Bericht von Eberhard (Kremer) vom ersten gemeinsamen Jugendseminar mit der französischen Federation Francaise des Travailleurs du Livre (FFTL) in einem Zentrum der CGT bei Paris. Die Confederation Generale du Travail (CGT) sei derzeit mit 2,4 Mio. Mitgliedern die stärkste Gewerkschaft und Mitglied im Weltgewerkschaftsbund. Die Confederation francaise democratique du Travail (CFDT) habe derzeit ca. 1 Mio. Mitglieder und sei im Christlichen Weltarbeiterbund, während die kleinste Gewerkschaft, die Force Ouvriere (FO), mit ihrer halben Million Mitglieder im Internationalen Bund freier Gewerkschaften sei. "Gegenwärtig spürt man förmlich den Willen, die Zersplitterung zu überwinden. Die CGT hat 'Thesen zur Überlegung über: Perspektiven des Sozialismus für Frankreich und die Rolle der Gewerkschaften' vorgelegt. … Im 'christlichen' CFDT bekennt man sich mittlerweile auch zum demokratischen Sozialismus der 'Kollektivbesitz der Produktionsmittel und Banken', eine 'demokratische Verwaltung der Wirtschaft und Unternehmen' durch 'nationale und demokratische Planung' auf der Grundlage 'breiter Rechte für die Arbeiter und ihre Gewerkschaften' vorsieht. … Dieselben Bemühungen um eine Aktionseinheit sind bei den französischen Sozialisten und Kommunisten festzustellen. Auf beiden Ebenen, der der Gewerkschaften und der der Parteien, macht sich jedoch ein alter Störfaktor der Arbeiterbewegung breit: der 'Gauchismus' (zu deutsch: der Linksradikalismus, in Form von Spontaneität, Anarchismus und Gewalt). Seit den Mai-Unruhen 1968 hat sich das Wirken der Gauchisten vom Untergrund immer mehr ans Tageslicht begeben: terroristische Aktionen einer Minderheit zum genannten Heil der Arbeiterklasse! Aus den Mai-Unruhen von 1968 hat die Kommunistische Partei die richtige Lehre gezogen, daß in einem bis in seine tiefsten Wurzeln so konservativen Land wie Frankreich alle wirklich oder auch nur geargwöhnte gewaltsame Unruhe die beharrenden Kräfte stärken werden. Der Sekretär der CGT-Gewerkschaft von Renault/Billancourt, Roger Sylvain, versicherte uns in einem Gespräch, daß die Gauchisten als Organisation keine Kraft darstellen. Dennoch, so führte er weiter aus, gewähre Presse, Funk und Fernsehen jeder ihrer Aktionen breiten Berichterstattungsraum. Das war 1968 nicht anders, als die bürgerliche französische Presse und das Fernsehen täglich von den Pariser Studenten berichteten, die 10 Millionen streikenden Arbeiter, wenn überhaupt, dann nur am Rande erwähnten. Gewerkschafter seien 'Schweine', 'Saukerle', 'Arbeiterverräter', so tönen die Gauchisten; in acht Monaten sind fünf CGT-Funktionäre von ihnen verletzt worden. In den Betrieben planen und führen sie Sabotageaktionen durch. Morddrohungen gehören zu ihrem Geschäft. Dadurch, so Sylvain, arbeiten sie der Reaktion in Frankreich in die Hände. Der Bürger wird nach Ruhe und Ordnung verlangen, wird die Linken als nicht regierungsfähig erachten, obwohl z.B. durch die Gauchistenaktionen, samt der Entführung des Personalchefs Nogrette bei Renault, kein Produktionsausfall eintrat. (…) Die CGT und KPF haben dem Linksradikalismus den Kampf angesagt. Dagegen hat sich z.B. die CFDT in den 'Pilgerzug' des bei Renault erschossenen Maoisten Overney eingereiht. Obwohl bei vielen Gewerkschaftsfunktionären ein sehr distanziertes Verhältnis zu 'radikalen' Studenten feststellbar war, das u.a. auf den Mai 1968 zurückzuführen ist, war man auf die 68er Juni-Ergebnisse für die Gewerkschaften dennoch stolz."
Q: druck und papier Nr. 9, Stuttgart 1.5.1972

15.05.1972:
Die Sozialistische Aufbauorganisation (SAO) Bielefeld gibt ihre 'Revolutionäre Politik' Nr.1 heraus. Berichtet wird auch aus Frankreich, u.a. über Pierre Overney.
Q: Revolutionäre Politik Nr. 1, Bielefeld 15.5.1972, S. 19ff

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25.01.1973:
Frühestens heute gibt der KB Bremen die Nr. 1 seiner 'Wahrheit' (vgl. 7.12.1972, 19.2.1973) heraus. In den Auslandsmeldungen wird berichtet aus Frankreich:"
Milde Strafe für Mord an einem Arbeiter

Am 25. Februar 1972 ermordete der Werkschutz von Renault den Arbeiter Pierre Overney, als er seine Kollegen am Werkstor agitieren wollte. Der Mörder erhielt für die Tat jetzt eine Gefängnisstrafe von vier Jahren."
Q: Wahrheit Nr. 1, Bremen Jan. 1973, S. 4

07.02.1973:
Die Nr. 18 der 'Aachener Studentenzeitung' (vgl. 17.1.1973, 11.4.1973) erscheint mit dem Artikel "Paris: Die Ermordung des Arbeiters Réne-Pierre Overney. Prozeß und Gegenprozeß" zu Renault Billancourt;
Q: Aachener Studentenzeitung Nr. 18, Aachen 7.2.1973, S. 5

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07.05.1973:
Der Kommunistische Jugendbund (KJB) Freiburg / Waldkirch des BKA gibt die Nr. 13 seiner 'Kommunistischen Jugendzeitung' (KJZ - vgl. 2.4.1973, 1.6.1973) heraus mit dem Artikel "Zur Ermordung Pierre Overneys".
Q: Kommunistische Jugendzeitung Nr. 13, Freiburg 7.5.1973, S. 9

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Letzte Änderung: 14.10.2016