Rote Garde Kiel/Marxisten-Leninisten:
Stellungnahme zu den jüngsten Entwicklungen im Thälmann Kampfbund/ML Kiel, 23. Juni 1972

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Dietmar Kesten, Gelsenkirchen


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Die hier vorgestellte Schrift der Roten Garde Kiel/Marxisten-Leninisten zur Unterordnung des Thälmann Kampfbund/ML Kiel (ex-MLHO) unter die KPD/ML-ZK behandelt nicht allein die jüngsten Entwicklungen, sondern auch die Gründungsgeschichte derKPD/ML in Kiel.

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

23.06.1972:
Die RG Kiel/ML veröffentlicht in einer Auflage von 1 000 Stück ihre "Stellungnahme zu den jüngsten Entwicklungen im Thälmann Kampfbund/ML Kiel" (TKB/ML), dessen Delegiertenversammlung Anfang Juni die alte Zentralgruppe absetzte und Kritik übte "an der bisher betriebenen liquidatorischen und spalterischen Politik. Als Wortführer dieser Kritik setzte sich dann auf der Delegiertenversammlung eine Gruppe von Genossen durch, die als richtige Konsequenz aus dieser Kritik die sofortige und vorbehaltlose Unterordnung unter die KPD/ML (Roter Morgen) propagierte." Aufgenommen worden sei der Verkauf des 'Roten Morgen' (RM).

Die Stellungnahme selbst ist eine Rede auf der Veranstaltung des TKB/ML und der KPD/ML-ZK mit Ernst Aust am 13.6.1972, für die als Grundlage nur das TKB-Flugblatt "Die deutsche Arbeiterklasse braucht ihre starke Waffe, die KPD/ML" vom 12.6.1972 und ein Gespräch mit dessen Leitung zur Verfügung stand. Kritisiert wird die von MLHO und dann TKB angestrebte Hegemonie der kleinbürgerlichen Intellektuellen über das Proletariat. Begrüßt wird die Absetzung und Entmachtung der alten Zentralgruppe.

Der Plan des TKB, nun eine Ortsgruppe der KPD/ML und einen KSB/ML aufzubauen, da es ja bereits die Rote Garde Kiel und die Roten Zellen gibt. Die bekundete "vorbehaltlose Unterordnung" unter die KPD/ML wird als Gefahr gesehen, einem Prozeß von Kritik und Selbstkritik auszuweichen, die alten Fehler nicht aufzuarbeiten und den alten Opportunismus fortzusetzen.

"Dies würde in der Konsequenz auf nichts anderes hinauslaufen, als auf eine Fortsetzung der Politik des sklavischen Gehorsams und der willigen Werkzeuge, wie sie ja gerade die alte Zentralgruppe betrieben hat."

Nicht überzeugend begründet worden sei bisher, auch nicht auf der Veranstaltung, "wieso 1) ausgerechnet die Spaltung der KPD/ML der Hauptfehler des TKB gewesen sein soll und warum die ganze falsche Politik von der fehlenden Unterordnung unter die KPD/ML (RM) herrühren soll, warum 2) die KPD/ML (RM) die sichere Vorhut des westdeutschen Proletariats ist und die Unterordnung unter sie die einzig richtige Lösung der gegenwärtigen Widersprüche. … Der Hinweis auf die angebliche Anerkennung durch die Partei der Arbeit Albaniens ist so alt wie der TKB."

Die Gründung der KPD/ML habe nicht zur Einheit der ML geführt. "Bereits damals schlossen sich verschiedene kommunistische Gruppen der KPD/ML nicht an, da sie die Gründung für zu früh und das Vorgehen der Gründer als spalterisch ansahen. Es gelang nicht, nennenswerte Teile von Kadern der alten revisionistisch entarteten KPD zu gewinnen, und es gab auch keine feste ideologische Einheit von Anfang an in der KPD/ML. … Tatsächlich erwies sich die KPD/ML zum damaligen Zeitpunkt nicht als wirklich in der Lage, die Bewegung anzuleiten, ja, nicht einmal die eigenen Ortsgruppen. In Kiel z. B. wurde die damalige Ortsgruppe einfach aufgelöst, als starke kleinbürgerliche Tendenzen innerhalb der Führungsgruppe auftraten, ohne sich weiter darum zu kümmern. Die eigenständige Entwicklung der RG als lokaler marxistisch-leninistischer Zirkel erklärt sich gerade auch aus der Tatsache, einmal der Unfähigkeit der KPD/ML zur Anleitung der Bewegung und andererseits der Tatsache, daß es natürlich nach wie vor Marxisten-Leninisten in Kiel gab, die revolutionäre Arbeit leisten wollten."

Festgestellt wird: "Gegenwärtig gibt es keine kommunistische Partei auf nationaler Ebene, die die Vorherrschaft des Zirkelwesens entscheidend zurückgedrängt und die fortgeschrittensten Arbeiter in den wichtigsten Zentren des Landes unter der Fahne des Marxismus-Leninismus ideologisch und organisatorisch geeint hätte."

Von der KPD/ML-ZK hätten die Arbeiter "bislang in Kiel weder etwas gehört, geschweige denn eine praktische Tat gesehen."

Ein Nachtrag widmet sich der Veranstaltung, die von über 800 Menschen besucht worden sei:"
Wer jedoch in der Hoffnung gekommen war, daß Ernst Aust in seiner Rede sich bemühen würde, inhaltlich-politisch zu den gegenwärtigen Widersprüchen in der kommunistischen Bewegung, zu den Ursachen des Zirkelwesens und zur Frage der Herstellung der Einheit der Marxisten-Leninisten genauer Stellung zu beziehen, und auch auf die jüngste Spaltung innerhalb der KPD/ML (RM) einmal selbstkritisch einzugehen (wozu gerade er allen Grund hätte), sah sich getäuscht. Anstelle einer konkreten Untersuchung und Selbstkritik wurden leere Sprüche gedroschen … Uns scheint, daß es der KPD/ML (RM) auf der Veranstaltung weniger um die Einheit der Marxisten-Leninisten als darum ging, möglichst viele TKB-Mitglieder prinzipienlos einzusammeln, um ihre eigene Organisation zu 'stärken'.

Die allerjüngste Entwicklung im TKB (Ausschluß aller Genossen als 'Parteifeinde', die Bedenken gegen die neue Linie haben, Aufforderung an alle TKB-Mitglieder, in die Betriebe zu gehen, auch in anderen Großstädten, um die Partei zu 'unterstützen') bestätigt dies noch."

Gefragt wird, "was für eine Politik eine 'Partei' betreibt, die Intellektuellengenossen - die noch bis vor kurzem liquidatorische Positionen vertraten - nun auf einmal ohne vorherige Selbstkritik als Kader in die betriebe schickt, um Parteibetriebsgruppen aufzubauen?!"

Kritisiert wird abschließend:"
Wir halten es für einen Fehler, die Auseinandersetzung um die Einheit der Marxisten-Leninisten unsererseits gerade in der letzten Zeit nicht energisch genug vorangetrieben zu haben, und werden uns bemühen, in Zukunft an dieser zentralen Frage wirklich festzuhalten."
Quelle: RGK/ML: Stellungnahme zu den jüngsten Entwicklungen im Thälmann Kampfbund/ML Kiel, Kiel 23.6.1972

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Letzte Änderung: 13.02.2019