Kreis Schleswig-Flensburg: Schülerbewegung

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 23.12.2019


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Es können hier nur wenige Dokumente und Hinweise zur Schülerbewegung im Kreis Schleswig-Flensburg vorgestellt werden. Wir bitten um Ergänzungen.

Die erste uns bekannt gewordene Schülergruppe ist das Schülerkollektiv an der Domschule Schleswig. Ein Mitglied berichtet über dessen Geschichte:

"Das Schülerkollektiv der Domschule Schleswig bildete sich 1968. Die Anregung dazu kam über den PAS (…), in dem Klaus Bichel als Vorstandsmitglied aktiv war. Der Name "Info" für das Organ des Schülerkollektivs lehnte sich -auch im Design- an das "Info" des PAS an.

Die erste (oder eine der ersten) gemeinsame allgemeinpolitische Aktion war die Beteiligung an einer Demonstration gegen die Zerschlagung des "Prager Frühlings" durch die Warschauer-Pakt-Staaten am 20. August 1968. Es folgten Aktionen gegen die NPD im Wahlkampf und gegen den Vietnamkrieg (u. a. Blockade der Friedrichsberger Lichtspiele zur Premiere des Vietnam-Films "Die grünen Teufel" mit John Wayne. Die Polizei kam aber nicht von außen, sondern wartete bereits im Kino auf uns.)

Irgendwann kamen aus Kiel auch "bewusstseinserweiternde Drogen" in die Schleswiger Provinz, d.h. Cannabis. Deren Konsum wurde von den meisten Kollektivmitgliedern aber bald wieder eingestellt, nachdem das nüchterne Anhören auf Tonband aufgenommener bekiffter Gespräche deutlich zeigte, dass die Bewusstseinsveränderung beileibe nicht als Erweiterung eingestuft werden konnte.

Der anfangs im Mittelpunkt stehende Kampf gegen die äußerst rückständigen Schulverhältnisse (in Schleswig-Holstein wohl besonders ausgeprägt) trug zunächst stark antiautoritäre, aus heutiger Sicht pubertäre, Züge. Er wurde aber bald durch eine ernsthafte Beschäftigung mit Texten der Klassiker des Marxismus-Leninismus und das Studium linker Veröffentlichungen der 68er-Bewegung begleitet. Quelle für den Grundbedarf an revolutionären Schriften war die BücherBörseBergstraße in Kiel. Infolge dieser Studien wurde die Arbeiterklasse als "revolutionäres Subjekt" identifiziert und es fand eine Umorientierung vom Schülerkampf zum Klassenkampf statt, die ihren Ausdruck in der an der Schleswiger Berufsschule verteilten Zeitung "Die Faust" fand (nur 1 Ausgabe).

Ein Teil der Kollektivmitglieder ging nach dem Abitur 1970 zum Studium nach Kiel. Im Rahmen der MLHO (Marxistisch-Leninistische Hochschulorganisation), die sich bald Thälmann-Kampfbund (TKB) nannte, konnten sie sich auf der materiellen Grundlage des Honnefer Modells als Berufsrevolutionäre betätigen.

Der TKB war eine sehr theorielastige Organisation. Anfang 1972 gab es eine kleine interne Rebellion, die zu einer starken Praxisorientierung führte. Die Parole hieß jetzt: Hinein in die Betriebe! Der TKB wollte sich der KPD/ML (Roter Morgen) anschließen. Diese fand aber, dass dieser geballte Zuwachs an Kleinbürgern auf die Regionen verteilt werden müsse, in denen sich das Industrieproletariat konzentriere. So ist zu erklären, dass zig "proletarische" Revolutionäre aus Kiel in den nächsten Jahren Parteiredner, RGO-Mitglieder, Rote Betriebsräte und Rotgardisten in allen Teilen der BRD wurden.

Etliche Mitglieder der Schleswiger Schülerbewegung machten jetzt gar nicht mehr den "Umweg" über eine Universität, sondern gingen nach dem Abitur direkt in einen Großbetrieb."

Später erschien dann am Klaus-Harms Gymnasium in Kappeln die 'Zeitung' und ab 1976 war dort, aber vermutlich auch an der Realschule Kappeln, der KB aktiv.

Im Jahr 1979 agitierte dann der Kommunistische Jugendbund (KJB) des KBW die Schüler in Schleswig.

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

September 1967:
Der Politische Arbeitskreis Schulen (PAS) Schleswig-Holstein gibt sein 'Info' heraus mit dem Artikel "PAS Landessprecher" die aus Kiel, Rendsburg und Schleswig kommen.
Quelle: PAS: Info, Plön Sept. 1967, S. 4

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Juni 1969:
Das Schülerkollektiv der Domschule Schleswig gibt sein 'Info' Nr. 1 (vgl. Aug. 1969) heraus mit dem Inhalt:
- "Zur Lage" bzw. der Herausgabe des 'Infos', da die geplante Ausgabe der Schülerzeitung 'Wir' durch die Schulleitung nicht erlaubt wurde, von der Projektgruppe Info;
- "Warum löste sich die SMV an unserer Schule auf?";
- "Mauerparolen und Kollektive", worüber die 'Schleswiger Nachrichten' am 9.6.1969 berichteten;
- "Genossen!", ein Aufruf zum Kampf;
- "Gedanken während einer Klassenreise nach Berlin";
- "Jubiläum des Terrors" zu einem Artikel in der 'Wir';
- "Danke Genosse Schubert oder eine unsachliche Entgegnung auf Argumente von gestern & vorgestern", die in der letzten 'Wir' erschienen;
- "Culture against nature oder: wo kommen die kleinen Polypen her?" zur Polizei;
- "Schuldsprechung", ein Gedicht;
- "Der finstere März", ein Gedicht;
- "Vermittlung der Anti-Baby-Pille", ein Beitrag der Projektgruppe Sex-pol.
Q: Schülerkollektiv der Domschule Schleswig: Info Nr. 1, Rendsburg Juni 1969

August 1969:
Das Schülerkollektiv der Domschule Schleswig gibt sein 'Info' Nr. 2 (vgl. Juni 1969, 15.9.1969) heraus mit dem Inhalt:
- "Hausmitteilung" des Herausgebers;
- "Aufruf an die Genossen" gegen eine Neugründung der SMV, vom Schülerkollektiv;
- "Offener Brief an den Direktor der Domschule" vom Aktionsausschuß Schwarzes Brett;
- "Sportunterricht als Repression" von der Projektgruppe Sex-Pol;
- "'Selbstbezichtigung'";
- ein Leserbrief eines ehemaligen Abiturienten aus Berlin;
- "Nachrichten aus dem Kollektiv";
- - "1. Unser Ziel?";
- - "2. Arbeit der Projektgruppen", von denen es bisher die PG Info und die PG Sex-Pol gibt, eine PG Unterrichtsanalyse solle gegründet werden, als Grundlage für ein Hausgabenkollektiv;
- "Zensuren als Gesellschaftszwang" von der PG Unterrichtsanalyse.
Q: Schülerkollektiv der Domschule Schleswig: Info Nr. 2, Rendsburg Aug. 1969

15.09.1969:
Das Schülerkollektiv der Domschule Schleswig gibt sein 'Info' Nr. 3 (vgl. Aug. 1969, Dez. 1969) für September vermutlich in dieser Woche heraus mit dem Inhalt:
- "Hausmitteilung" zur NPD-Wahlveranstaltung am 18.9.1969, vor der die Projektgruppe Rechtsextremismus um 17 Uhr 30 auf dem Jahnplatz ein Teach-In durchführt;
- "Offener Brief an den Direktor der Domschule" zum Verbot der Schülerzeitung 'Wir' und der Verweigerung eines Schwarzen Bretts, aber auch der Unterschlagung der Post an die Schülerschaft bzw. des Briefes der Bürgerinitiative gegen Rechtsextremismus vom 5.9.1969, vom Schülerkollektiv;
- "Die Notwendigkeit der Verfolgung und Ermordung des deutschen Schulsystems paradigmatisch dargestellt an hand einiger Äußerungen des 'Pädagogen' und 'Naturwissenschaftlers' G. G. Paysen-Petersen";
- "Genossen!", ein Aufruf zur Solidarität, vom Schülerkollektiv;
- "Studienrat Stüber oder Sorge um die Gebärmutter";
- "NPD", ein Auszug aus den 'Informationen der ADF' Nr. 4;
- "Warum wir Widerstand leisten";
- "Literaturhinweise" zur NPD.
Q: Schülerkollektiv der Domschule Schleswig: Info Nr. 3, Rendsburg Sept. 1969

Dezember 1969:
Das Schülerkollektiv der Domschule Schleswig gibt sein 'Info' Nr. 4 (vgl. 15.9.1969, Apr. 1970) heraus mit dem Inhalt:
- "Schleswiger Untergrundorganisation schlägt zu!" zum Klassenbuchklau des Zentralrats der Schleswiger Rebellen, der sich laut einem telefonischen Interview als marxistisch-leninistische Kampforganisation versteht;
- "Kontaktausschuss";
- "Betriebsgemeinschaft Schwarzes Brett - Schubert und Lehmann bleiben am Ball!!";
- eine Information zum vom Schülerkollektiv geplanten Schülerkongreß;
- "Sexualität und Gesellschaft";
- - "NPD - ein Papiertiger" zur Veranstaltung am 18.9.1969;
- - "Die neue Scheisse" zu den Toiletten;
- "Hader um Haschisch";
- "Polizei - Vorkämpfer für Recht und Ordnung" zur Polizeischule.
Q: Schülerkollektiv der Domschule Schleswig: Info Nr. 4, Kiel Dez. 1969

April 1970:
Das Schülerkollektiv der Domschule Schleswig gibt sein 'Info' Nr. 5 (vgl. Dez. 1969) heraus mit dem Inhalt:
- "Z. B. Bebensee", Lehrer für Griechisch und Latein;
- "Dr. Martens!" zum Direktor;
- "Ab morgen wird zurückgeschlagen!?" zum gewalttätigen Vorgehen des Lehrers Schubert gegen die Störung einer Klassenarbeit und anderen Lehrern;
- "Vollversammlungsbeschluß: 'Rauchen'" zum Raucherplatz;
- "Repressionen gegen progressive Schüler und das Info" wegen dem Artikel "NPD - ein Papiertiger" zur Veranstaltung am 18.9.1969, mit dem Briefwechsel zwischen Herausgeber und Rechtsanwälten der NPD;
- "Bußgeldverfahren gegen das Info" weil im Impressum nur ein Herausgeber, aber kein Drucker und verantwortlicher Redakteur genannt wurden;
- "Kripoverhör wegen Klassenbücherklau";
- "Repressive Lehrertaktik - der neueste Trick";
- ein Schreiben an die Eltern der Klasse UIm zu einer Hausaufgabe mit einer Erklärung der Klassenkonferenz;
- ein Brief der Lehrer an die Eltern zum Schülerkollektiv bzw. dem 'Info'.
Q: Schülerkollektiv der Domschule Schleswig: Info Nr. 5, Kiel Apr. 1970

Mai 1970:
Das Schülerkollektiv der Domschule Schleswig gibt vermutlich im Mai die Broschüre "Schluß mit der Spaltung der Schülerschaft! Information! Unterstufenaktion auf dem Innenhof - Dokumentation und Analyse" heraus mit dem Inhalt:
- "I. Dokumentation";
- - "Darstellung der Geschehnisse" über den Zugang der Fünft- und Sechstklässler zum Innenhof der Oberstufe am 27.4.1970 und ihrer Versammlung in größerer Zahl eben dort am 28.4.1970, der Flugblattverteilung am 29.4.1970;
- - "Übersicht über Fragen und Antworten bei Verhören";
- - "Anhang: Flugblatt-Dokument", ein 'Info-Extradienst';
- "II. Analysen";
- - "1. Schluß mit der Spaltung der Schülerschaft";
- - "2. Lehrerboykott gegen Vollversammlungsbeschluß";
- - "3. Kopflosigkeit auf Seiten der Lehrer";
- - "4. Überraschungstaktik der Lehrer";
- - "5. der Vorwand der Lehrer: Das Rauchen";
- - "6. Die Notwendigkeit der Anonymität der Publikationen".
Q: Schülerkollektiv der Domschule Schleswig: Schluß mit der Spaltung der Schülerschaft! Information! Unterstufenaktion auf dem Innenhof - Dokumentation und Analyse, Kiel o. J. (1970)

Februar 1973:
Am Gymnasium Klaus-Harms-Schule Kappeln erscheint die 'Zeitung' Nr. 1 zum Preis von 30 Pfennig in einer Auflage von 250 Stück. Enthalten sind die Artikel:
- "Einleitung" zur Herausgabe der 'Zeitung' mit dem Abschnitt "Warum wir leider nicht für Unterstufenschüler schrieben können", da es an Kontakt mangele;
- "Der Kotten ist schöööön" zur Gaststätte 'Oller Koten', in der viele Schüler die Freistunden verbringen;
- "Der nächste Artikel" zum Berufsverbot gegen Peter Schneider und Helmut Lethen" in Berlin;
- "NPD-Funktionär berufen" zu Rolf Kosiek an der FHS Nürtingen;
- "Streiks an den westdeutschen Hochschulen", wobei auch auf das LHG Schleswig-Holstein eingegangen wird;
- "PH-Studenten protestieren gegen Bespitzelung durch Landesschulamt. Neuer Fall eines Berufsverbots in Flensburg gewährt Einblick in die Machenschaften des Landesschulamts von Schleswig-Holstein" zum LSA bzw. zu Reinhard Winkler (DKP);
- "Raum 16" zum Aufenthaltsraum bzw. Raucherraum der Studienstufe;
- "Tip" zur Lektüre;
- "Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit" von Bertolt Brecht;
- "Vietnam - Der Kampf geht weiter";
- "G'schichten von Klaus-Harms";
- "Auch der Kaffee bei Frau Moche ist nicht schlecht", ein Auszug zu Griechenland aus einem Wahlöö-Krimi;
- "Grundgesetzliches";
- "1 Jahr Berufsverbot für Demokraten und Kommunisten";
- "'Die Schweine! Die Schweine!' zum Attentat bei der Olympiade in München;
- "Information zur Präsenzpflicht";
- "Schlag auf Schlag in Kiel. Der Rektor sah rot" zur Universität;
- "Kurswahl und Schülerarbeit"; sowie
- "Direkte materielle Kosten der Zeitung".
Q: Zeitung Nr. 1, Gangerschild Feb. 1973

Februar 1976:
Der KB gibt seine Zeitung für Schleswig-Holstein, 'Blinkfüer' (vgl. Nov. 1975, März 1976) für Februar heraus. Die Jugendkommission des KB/Gruppe Flensburg berichtet über den "Vormarsch der JU in Schleswig-Holstein" u.a. in den Kreisen Rendsburg-Eckernförde und Schleswig-Flensburg, in Kappeln, Kiel, Kronshagen und Plön, aber auch den Schulen, wie am Alten Gymnasium in Flensburg und an der Realschule Kappeln.
Q: Blinkfüer Nr. 2, Kiel Feb. 1976, S. 15 und 18

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Mai 1976:
Der KB gibt seine Zeitung für Schleswig-Holstein, 'Blinkfüer' (vgl. Apr. 1976, Juni 1976) Nr. 5 für Mai heraus. Die Frauengruppe Kappeln berichtet in "Kappeln. Frauenfeinde schlagen zu" vom verbotenen Protest gegen den § 218 an der Klaus Harms Schule.
Q: Blinkfüer Nr. 5, Kiel Mai 1976, S. 3

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10.12.1979:
In Schleswig gibt der KJB des KBW seine 'Kommunistische Volkszeitung für die Schüler in Schleswig' in einer Auflage von 250 Stück heraus mit dem Leitartikel "Bendixen wird keine Ruhe bekommen - Landesweite Demonstration gegen den Studienstufenerlaß am 15.12. in Kiel!".

Weitere Artikel sind:
- "Hohe Durchfallquote bei Fachkundearbeit" in Klasse Metall 02b der Berufsschule Meldorf;
- "Kreisschülervertretungen Lübeck und Lauenburg im Aufbau";
- "Die Psychologiestudenten an der Universität Hamburg streiken die 8. Woche";
- "Sicherheitsrat der UNO verurteilt rhodesische Angriffe auf Sambia", ein Bildbericht;
- "Zimbabwe-Verhandlungen: Einigung über Prinzipien des Waffenstillstandes";
- "Imperialisten rüsten 'vor Südafrika' auf";
- "Die Bildungsreform der bürgerlichen Parteien (VI) - Auslese am Beispiel eines Bundeslandes" zu Hamburg;
- "Landesschulrat Nebel's Reibekäse" ein Comic zu Landesschulrat Neckel;
- "'Wem soll Kampuchea gehören? Auf keinen Fall dem Volk von Kampuchea!' - ein Puppenspiel", das an mehreren Orten im Bezirk Hamburg-Unterelbe aufgeführt wurde;
- "Die Schülervertretungen organisieren den Kampf gegen den geplanten Studienstufenerlaß";
- "Oberstufenreform - Die Bourgeoisie will die Sortierung der Schüler auf dem Arbeitsmarkt verfeinern".
Q: Kommunistische Volkszeitung für die Schüler in Schleswig, Hamburg 10.12.1979

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Letzte Änderung: 23.12.2019