Edda Lechner: Jesus - Marx und ich, Wege im Wandel
Eine Achtundsechzigerin in der Kirche, LIT-Verlag Münster 2020

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 27.9.2020

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Das massive Buch von 419 Seiten mit zahlreichen Dokumenten und Fotos erzählt in Form einer Autobiographie den Werdelauf einer anfänglich frommen jungen Frau aus Dithmarschen, die sich zum Studium der Theologie entschließt, um Pastorin zu werden, wobei Frauen damals in diesem Beruf noch um ihre offizielle Ordinierung kämpfen mußten, nachdem einige in der Kriegszeit Gemeinden geführt hatte. Edda wurde so im April 1967 eine der beiden ersten Pastorinnen der Nachkriegszeit in der Nordelbischen Kirche, die auch für Hamburg zuständig war, wo sie eine der vier Pfarrstellen der St. Simeon-Gemeinde in Bramfeld übernahm und dort eine offene Jugendarbeit praktizierte, die unter dem Einfluß der damaligen Jugendbewegung stand, so daß etwa über die antiautoritäre Erziehung diskutiert wurde. Diskutiert wurde auch im Kindergottesdienst, den Edda ebenso wie den Mütterkreis übernahm.

Die Gottesdienste wurden öfter einmal in neuer Form durchgeführt, bei der die Gemeindemitglieder den Pastor tendenziell ersetzten, wobei zur Begleitung eine eigene Band spielte.

Ein einschneidendes Erlebnis für Edda war der Kirchentag in Stuttgart vom 16. bis 20. Juli 1969, auf dem sich die kirchliche Opposition bzw. Reformbewegung massiv zu Wort meldete. Eine Gruppe der Simeon-Gemeinde war mit roter Fahne angereist.

Daheim in Bramfeld existierte 1969/1970 die Kommune 'S' mit rund 20 Mitgliedern, wobei das S, wie Edda schildert, sowohl für Simeon als auch für Sex stehen konnte. Die Jugendlichen gaben eine eigene kirchenkritische Zeitung heraus. Eine Jugend-Vollversammlung am 29. Okt. 1969 wurde vom Kirchenvorstand untersagt, was diese aber nicht zu verhindern vermochte.

Mit den Jugendlichen wurde eine Schulung aufgenommen und es wurde ihnen die Mitarbeit in Gruppen wie der SDAJ, dem Ring Bündischer Jugend (RBJ) oder dem Sozialistischen- Arbeiter- und Lehrlingszentrum (SALZ), auf den Gemeindeversammlungen des Jahres 1970 wurde vor allem über Mitbestimmung bzw. die Demokratisierung der Kirche debattiert. In ihren Predigten sprach Edda mehrmals den Vietnamkrieg an, übte aber auch Konsumkritik.

Ein Versuch des Kirchenältesten, sie versetzen zu lassen, scheiterte 1970 trotz der Unterstützung durch 147 Gemeindemitglieder und einer äußerst knappen Befürwortung des Vorhabens im Kirchenvorstand. Es kam dagegen Ende 1970 zu massiven Protesten in der Gemeinde, vor allem unter den Jugendlichen und einer außerordentlich gut besuchten Gemeindeversammlung, zu der die Gegner allerdings nicht erschienen. Edda erfreute sich längst lokaler Berühmtheit, drehte doch auch der Norddeutsche Rundfunk an einem Film über sie, ihre Versetzung konnte abgewehrt werden. Ende 1971 wurde dann der Kirchenvorstand neu gewählt, ohne daß eine Änderung der Machtverhältnisse gelang. Trotzdem pflegte Edda weiter ihre politische Gemeindearbeit, etwa mit Gottesdiensten zu Angela Davis und Angola, baute auch eine Schüler-Lehrlingsgruppe auf. Gemeinsam mit dem Indochina-Komitee wurde eine Veranstaltung organisiert.

Dargestellt wird von Edda auch die Entwicklung der kirchlichen Opposition über die 'Celler Konferenzen' und anhand mehrerer Pastoren, die sie auch in die Simeon-Gemeinde zu Veranstaltungen einlud. Ein Kapitel widmet sich daher auch dem Thema "Christen werden Sozialisten", Edda schildert darin ihr Studium der Werke von Marx und Engels und stellt ihre 1974 herausgegebene Broschüre "Offener Brief zur Zusammenarbeit mit Kommunisten in der Kirche" aus dem Jahr 1974 vor sowie den Nordelbischen Arbeitskreis Kirche (NAK). Sie organisiert die Solidarität gegen das Berufsverbot der Referendare Peter Altenburg und Marita Hindemith, eine Veranstaltung wird durchgeführt. Auch Ulrich Hentschel, der später als Linker suspendiert wurde, arbeitet damals ab und an in der Gemeinde mit. Dargestellt werden aber auch die Rolle des Wandsbeker Pastors Wolfgang Grell in der kirchlichen Opposition und der kirchliche Protest gegen die Isolationshaft, der politische Gefangene unterworfen wurden.

Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Dreiergespann von Edda mit Eckhardt Gallmeier aus Ellerau und Helmut Lechner aus Norderstedt, die damals alle drei dem KBW nahestanden. Gallmeier bewarb sich zunächst um eine Stelle in der Simeon-Gemeinde, was aber durch den Propsteivorstand abgelehnt wurde. Auch seine Ellerauer Gemeinde, die ihn behalten wollte, protestierte gegen seinen Weggang, so dass er seine Bewerbung zurückzog. Geschildert wird nun auch die Kirchenarbeit Lechners in Norderstedt, bei der er sich auf zwei alte Kommunisten und eine Gruppe "Proletarische Jugend" aus den Reihen der Konfirmanden stützen konnte. Zur Tötung von Neset Danis wurde ein Tribunal organisiert, einer derjenigen, die dabei auf dem Podium saßen, Borvin Wulf, wurde wenig später wegen Verdacht auf Zugehörigkeit zur Roten Armee Fraktion (RAF) inhaftíert, die Pastoren besuchten ihn im Gefängnis.

In Ellerau organisierte Pastor Gallmeier den Protest gegen den Textilfabrikanten Erle, der das Dorf beherrschte. Der Kirchenvorstand setzte sich für seine Entlassung ein, die Gemeinde aber protestierte dagegen und es gründete sich eine Initiativgruppe für eine Gemeindearbeit im Interesse der Bevölkerung. Auch in der Simeon-Gemeinde wurde Solidarität mit E. Gallmeier organisiert.

Im Dez. 1973 führten dann die drei Pastoren Gallmeier, Groth und Lechner den Kongreß für eine parteiliche Gemeindearbeit durch, in dessen Folge E. Gallmeier als erster suspendiert und aber auch gegen Edda vorgegangen wurde. Sie antwortete offensiv mit einer Konfirmandentagung, die im Feb. 1974 die antiautoritäre Erziehung thematisierte, wobei sie auch bei den Eltern Unterstützung gefunden hatte. Nun aber gelte es, diese durch eine antikapitalistische Erziehung zu ersetzen. Sie ging auf die Volksrepublik China. Anstoß erregte vor allem ihre Aussage:

"In Gottes Augen sind letztenendes nur die auf seiner Seite, die diese Welt zum Guten ändern. Die sie wieder menschenwürdig machen und für Gerechtigkeit sorgen. In diesem Sinne - so wage ich nun provokativ zu behaupten - steht Mao mit allem, was er für und mit dem chinesischen Volk getan hat, Gott näher als alle Bischöfe der letzten tausend Jahre zusammen".

Schnell war das Schlagwort von der "Mao-Predigt" geprägt und ging durch die Presse. Edda bleib weiterhin offensiv, organisierte zum 1. Mai 1974 gemeinsam mit Eckard Gallmeier und Jugendlichen aus Ellerau, mit Karl-Helmut Lechner und seiner Proletarischen Jugend aus Norderstedt sowie der Eimsbütteler Schulgruppe mit den vom Berufsverbot betroffenen Lehrerinnen Marita Hindemith und Christiane Huth eine Veranstaltung, zu der sie auch die Jugendkommission des KBW und die SDAJ einlud.

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Im Juni folgte eine 'wissenschaftliche' Veranstaltung zum Thema "Was ist Sozialismus?". Ein anderer Pastor aus ihrer Gemeinde, den dies alles empörte, fragte beim Propst nach, wieso der Antrag auf Versetzung Eddas aus dem Jahr 1970 unbeantwortet geblieben sei. Gegenüber den Kirchenältesten erhob er verschiedene Beschwerden gegen Edda, der Kirchenvorstand aber blieb geteilter Ansicht. Edda und ihre Gruppe engagierten sich derweil in zwei Bürgerinitiativen für einen Abenteuerspielplatz und einen Kindergarten. Am 15. Juni 1974 veröffentlichte Edda einen Offenen Brief zur Frage der Zusammenarbeit mit Kommunisten in der Kirche, wobei sie ab 1973 mit dem KBW sympathisierte.

Durch das Landeskirchenamt wurde der Kirchenvorstand am 21. Juni 1974 suspendiert und durch einen Ausschuß ersetzt. Zunächst die kirchliche, bald aber auch die allgemeine Presse veröffentlichten nun zahlreiche Artikel gegen Edda und ihre 'Mao-Predigt'. Am 15. August 1974 war Edda zu einer mündlichen Anhörung beim Landeskirchenamt eingeladen, sie antwortet darauf mit einem Go-in und fordert, dass ihr schriftlich präzise Fragen vorgelegt werden sollten. Nachdem ihr dies verweigert und doch ein Gespräch durchgeführt wurde, veröffentlichte sie am 14. Sept. 1974 ihre Antwort auf die im Gespräch erhobenen Vorwürfe, am 9. September 1974 wurde sie dann suspendiert. Edda reagierte, indem sie am 29. September 1974 eine Broschüre "Warum ich aus der Kirche austreten werde" veröffentlicht. Die offiziellen Kirchenvertreter verweigerten sich danach fast durchweg der Diskussion mit ihr. Auch der Jugendrat der Simeon-Gemeinde erklärte seinen Rücktritt.

Edda, die sich mittlerweile zur Atheistin gewandelt hatte, teilte dies im Januar 1975 ihre früheren Gemeindemitgliedern, einigen Kollegen und Freunden in einem Brief mit, baute dann die Stadtteilzelle Bramfeld des KBW auf. Zusammen mit Karl-Helmut Lechner verfaßte sie die Broschüre "Religion - Opium des Volkes, die im Oktober 1975 in einer Auflage von 10 000 Stück im Sendlerverlag des KBW, für den beide in den folgenden Jahren tätig waren, erschien.

Bei der Spaltung des KBW wandten sie sich dem Bund Westdeutscher Kommunisten (BWK) und später zusammen mit dessen Mitgliedern der PDS zu.

Das Buch schildert spannend Eddas eigenen Werdegang und auch die kirchliche Opposition sowie die politische Entwicklung, es ist äußerst empfehlenswert.

Letzte Änderung: 27.09.2020