Dortmund:
Die bundesweite Demonstration gegen die Berufsverbote am 14. April 1973

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Jürgen Schröder, Berlin, 10.12.2019


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Zeitgleich zu dieser bundesweiten Demonstration, auf der und an deren Rand es offenbar zu massiven Gewalttätigkeiten der Anhänger der DKP gegen die linken Gruppen kam, fand auch eine landesweite Demonstration für Baden-Württemberg in Stuttgart statt, zu der die DKP nicht aufrief.

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

14.04.1973:
In Dortmund findet eine bundesweite Demonstration gegen die Entlassungen bei Hoesch (vgl. 16.2.1973) und die Berufsverbote (BV) unter dem Motto "Freiheit im Beruf - Demokratie im Betrieb" statt, zu der neben der gleichnamigen Dortmunder Initiative (vgl. März 1973) auch die DKP aufrief. Laut DKP beteiligen sich annähernd 20 000 "aus allen gesellschaftlichen Bereichen" an der Kundgebung um 11 Uhr 30 auf dem Mehrzweckplatz Eberstraße / Nähe Fredenbaum , der Demonstration ab 12 Uhr und der Kundgebung um 14 Uhr auf dem Alten Markt.

Laut SDAJ Dortmund der DKP findet "eine zentrale Aktion der demokratischen Kräfte der BRD statt. Mit dieser Demonstration und Kundgebung, an der über 20 000 Menschen teilnahmen, protestierten fortschrittliche Wissenschaftler und Betriebsräte, Lehrlinge, Schüler und Studenten gegen den verfassungswidrigen Ministerpräsidentenerlaß der BRD, mit dem Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Demokraten dieses Landes verfolgt, diffamiert und mit Berufsverbot belegt werden".

Laut KG(NRF) Mannheim/Heidelberg kommen ca. 12 000. Die Aktion wurde wesentlich von der DKP und ihren Jugendorganisationen getragen. Als Mitglieder der Kommunistischen Kollektive Hoesch und Zeche Hansa in der KFR einen Infostand aufbauten und Flugblätter für ein Maikomitee verteilten, habe die DKP Prügeleien angefangen. Laut Kommunistischer Lehrergruppe (KLG) Frankfurt-Offenbach (vgl. 7.5.1973) meldet dpa 12 000 und die DKP 20 000 Teilnehmer. Die KPD/ML (vgl. 21.4.1973) berichtet: "D'K'P-Führer in Dortmund: Mit Schlagringen gegen Antifaschisten".

Die KPD führt, nach eigenen Angaben, eine Kundgebung gegen die Aktion durch, wobei sie von der DKP überfallen wird. An dieser Kundgebung beteiligen sich u.a. die Teilnehmer des heute in Dortmund beginnenden RGO-Kongresses der KPD. Die KPD berichtet zentral:"
DKP - STICHWORTGEBER UND GEHILFE DES POLIZEITERRORS

Die Antiimperialisten, die seit Jahren konsequent den Kampf der Völker Indochinas unterstützen, die auch die Massenaktionen in Bonn (vgl. 10.4.1973, d.Vf.) durchführten, sind in Wirklichkeit - 'Schläger vom Typ der faschistischen SA'. Die Gewerkschafter, die unter Parole 'Hinein in die Gewerkschaften, stärkt die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition!', dem kapitalistischen Lohnraub und dem Verrat der Gewerkschaftsbonzen entgegentreten und die Interessen der Kollegen vertreten, 'rufen offen zur Spaltung der Gewerkschaften auf'. Die Besetzung des Rathauses war natürlich 'mit der Polizei verabredet', um von den Protestdemonstrationen gegen Thieu abzulenken usw., usf.

Keine Lüge ist zu durchsichtig, keine Verleumdung zu schäbig, als daß sich die DKP-Revisionisten ihrer nicht bedienen würden. Mit ihrer Gleichsetzung der Arbeit von Kommunisten mit dem faschistischen Terror, die nichts anderes ist als eine Wiederholung der alten sozialdemokratischen Leier 'Rot gleich Braun', sind sie die Stichwortgeber der reaktionären Presse.

ABER DAS REICHT DEN DKP-REVISIONISTEN NICHT, SIE LEISTEN GANZE DRECKSARBEIT:

Als Spitzel und Denunzianten fortschrittlicher Kollegen bei der reaktionären Gewerkschaftsführung und der politischen Polizei weisen sie ihre Verfassungstreue nach. Der fortschrittliche Lehrer Hannes Heer in Bonn ist ebenso aufgrund ihrer Angaben entlassen worden wie der fortschrittliche Jugendvertreter von Mannesmann-Lierenfeld (IGM-Bereich in Düsseldorf, d.Vf.). Solche Arbeit weiß die SPD-Regierung zu schätzen. Sie wird den 'Extremisten-Erlaß' so interpretieren, daß nur noch die 'chaotischen' Gruppen darunter fallen.

Zur Solidaritätsdemonstration der DKP gegen die Berufsverbote hieß es deshalb im Flugblatt unserer Partei: DKP - Solidarität im Zeichen des Antikommunismus!"

Zu einem Bild, auf dem eine Parteifahne der KPD zu sehen ist, schreibt diese:"
Dortmund, 14.4. auf dem 'Alten Markt':
'DKP - rot wie Schnee, tut dem Kapital nicht weh', mit diesem Sprechchor verspotteten Genossen und Freunde unserer Partei die heuchlerische Solidarität der DKP-Führer mit den Opfern des 'Extremisten-Erlasses'.

Die DKP-Ordnungstrupps setzten Schlagringe, Totschläger und Vierkanthölzer gegen unsere Genossen ein, die Flugblätter verteilten und viele Diskussionen mit DKP-Mitgliedern und -Sympathisanten führten."

Für den Landesvorstand der SMV der allgemeinbildenden Schulen NRW berichtet Uwe Koch:"
SCHÜLERVERTRETUNG IM DEMOKRATISCHEN BÜNDNIS

SELBSTVERSTÄNDLICH BETEILIGTE SICH DIE LANDES-SMV AUCH AN DER BISHER GRÖSSTEN AKTION GEGEN POLITISCHE DISZIPLINIERUNG IN NRW, DER DEMONSTRATION AM 14. APRIL IN DORTMUND 'FREIHEIT IM BERUF - DEMOKRATIE IM BETRIEB - WEG MIT DEM BERUFSVERBOT!'

Die Demonstration, an der sich 20 000 Menschen beteiligten, verband die Forderung nach Aufhebung des Berufsverbots für fortschrittliche Beamte mit der Forderung nach Garantierung der elementaren demokratischen Rechte im Betrieb. Denn immer mehr Betriebe weigern sich, Jugendvertreter, die dei Interessen ihrer Kollegen konsequent vertreten haben, nach der Lehrzeit weiter einzustellen (Bisher über 600 Fälle).

Aktive Betriebsräte und Gewerkschafter werden entlassen. Vor der Dortmunder Demonstration waren bei der Hoesch AG acht fortschrittliche Kollegen entlassen worden. Durch den Druck der Belegschaft und durch eine Kampagne in ganz NRW wurde erreicht, daß die Firmenleitung die Kündigung zurücknehmen mußte. AUS DER ERFAHRUNG BEI HOESCH, DASS SOLIDARITÄT DIE POLITISCHE REPRESSION ÜBERWINDEN KANN, ENTSTAND DIE INITIATIVE ZU DER AKTION AM 14. APRIL. DORT WURDEN DIE FORDERUNGEN NACH POLITISCHEN FREIHEITEN IM BETRIEB UND NACH KÜNDIGUNGSSCHUTZ FÜR JUGENDVERTRETER FOLGERICHTIG ZUSAMMENGEFASST MIT DER FORDERUNG NACH AUFHEBUNG DES VERFASSUNGSWIDRIGEN BERUFSVERBOTS UND NACH POLITISCHEN RECHTEN IN SCHULE UND HOCHSCHULE."

Aufgerufen wurde vom MSB Spartakus Heidelberg (vgl. 11.4.1973).

In Berlin rief die KJO Spartacus auf und möchte einen eigenen Block bilden (vgl. 9.4.1973). Bundesweit berichtet die KJO Spartacus (vgl. Mai 1973), die tausende Flugblätetr verteilt und 280 Zeitungen verkauft, in einem Artikel "Dortmunder Demonstration gegen Berufsverbote: Aktionseinheit von Demokraten und Polizisten!", ihr Block wird von der DKP attackiert, wobei sich angesichts der Zusammenarbeit zwischen DKP und Polizei einige DKP-Ordner bei Spartacus einreihten.

In Hamburg treffen sich die Demonstranten zur gemeinsamen Abfahrt um 6 Uhr früh am DGB-Haus. Karten für 13 DM werden u.a. bei allen ASten der Hochschulen vertrieben.

Aufgerufen wird aus Niedersachsen auch durch die DKP Hochschulgruppe Göttingen sowie die DKP Kreisorganisation Osnabrück-Bramsche (vgl. 9.4.1973). Berichtet wird auch durch die KHG an der Theologischen Fakultät Göttingen (vgl. 25.4.1973).

In NRW wird u.a. aufgerufen durch die DKP bei den Stahlwerken Bochum (SWB - vgl. 9.4.1973), auf der Zeche Holland Wattenscheid (vgl. 9.4.1973) und bei Hoesch Dortmund (IGM-Bereich - vgl. 12.4.1973) sowie in Dortmund (vgl. 9.4.1973), u.a. durch den DKP-Kreisvorstand (vgl. 11.4.1973, 12.4.1973, 13.4.1973) und die DKP-Stadtteilgruppe Westerfilde/Bodelschwingh/Mengede (vgl. 6.4.1973).
Quellen: DKP-Stadtteilgruppe Westerfilde/Bodelschwingh/Mengede: Einladung zur Mitgliederversamlung am Freitag 6.4.73, Dortmund 2.4.1973, S. 1; Fachkollektiv Theol. Fak. Nr. 3, Göttingen 25.4.1973, S. 1;SMV-Ex-Press Nr. 1, Düsseldorf Aug. 1973, S. 1f;SDAJ Dortmund: Stichwort: Aktivitäten 1973, Dortmund 1973, S. 5;Kommunist Extra, Göttingen O. J. (1973);Kommunist Extra Freiheit im Beruf - Demokratie im Betrieb und Internationale Solidarität gegen Berufsverbote, Hamburg O. J. (1973), S. 2 bzw. S. 3;KJO Spartacus: Kampf den Berufsverboten, Berlin o. J. (1973);Maizeitung der kommunistischen Jugendorganisation Spartacus, Berlin O. J. (1973), S. 4;Rote Fahne Nr. 16, Dortmund 18.4.1973, S. 1, 5 und 7;Arbeiter-Zeitung Nr. 5, Mannheim/Heidelberg Mai 1973;Der Föhn Nr. 1, Frankfurt 7.5.1973, S. 10;Initiative 'Freiheit im Beruf - Demokratie im Betrieb': Einladung zur Pressekonferenz am 12.4.1973, Dortmund O. J. (Apr. 1973);Initiative 'Freiheit im Beruf - Demokratie im Betrieb': Presseinformation, Dortmund 4.4.1973;Initiative 'Freiheit im Beruf - Demokratie im Betrieb': Dortmunder Demonstration und Kundgebung 'Freiheit im Beruf - Demokratie im Betrieb' findet vielfältiges Echo, Dortmund O. J. (Apr. 1973);DKP Kreisorganisation Osnabrück-Bramsche: Kampf dem Berufsverbote-Erlass!, Hesepe O. J. (1973);DKP-Kreisvorstand Dortmund: Achtung! Wichtige Information für alle!, Dortmund 11.4.1973, S. 1f;DKP Kreisvorstand Dortmund: Genossen!, o.O. (Dortmund) O. J. (Apr. 1973), S. 1;DKP Kreisvorstand Dortmund: Genossinnen und Genossen, Dortmund 11.4.1973, S. 1;DKP Kreisvorstand Dortmund: Liebe Genossinnen und Genossen!, Dortmund 6.4.1973, S. 1;DKP Kreisvorstand Dortmund: Werte Kollegen, Dortmund 12.4.1973, S. 1;Heisse Eisen Extrablatt Gegen Unternehmerwillkür und Berufsverbot!!!, Dortmund Apr. 1973, S. 1f;N.N.: Weg mit dem Berufsverbot, Dortmund O. J. (1973);Roter Morgen Nr. 15, Dortmund 21.4.1973, S. 7;Kampf der politischen Entrechtung im Öffentlichen Dienst Heraus zum 1. Mai, Heidelberg O. J. (1973), S. 4;Spartacus Nr. 38, Berlin Mai 1973, S. 12f;Stahlhart Demonstration! Samstag, 14. April für: Freiheit im Beruf - Demokratie im Betrieb!, Bochum O. J. (1973), S. 1;Frische Wetter Demonstration! Samstag, 14. April für: Freiheit im Beruf - Demokratie im Betrieb!, Wattenscheid O. J. (1973), S. 1;MSB: Aufruf des Bundesvorstandes MSB SPARTAKUS: Freiheit im Beruf - Demokratie im Betrieb, O. O. (Heidelberg) 11.4.1973

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Letzte Änderung: 10.12.2019