Drei Dokumentationen der Dortmunder Selbsthilfe e. V. (1976-1978)

Materialien zur Analyse von Opposition

Von Dietmar Kesten, Gelsenkirchen, 2.2.2020


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Die "Dortmunder Selbsthilfe e. V." gibt von 1976-1978 drei Dokumentationen heraus.

Dokumentation 1: "Wir packen aus"

In der ersten Dokumentation geht es u. a. um die "Auseinandersetzungen zwischen der DSH und der Stadt Dortmund", um den "Kampf um die Wohnungen am Dorstfelder Hellweg" und um das "Vincenzheim".

Dokumentation 2: "Raffinierter als andere: Elendskonzern Sozialwerk St. Georg".

In der zweiten Dokumentation geht es um das "Sozialwerk St. Georg" in Welver (Kreis Soest). Hinzuweisen wäre darauf, dass die Gelsenkirchener "Selbsthilfe gegen Unterdrückung e. V." sich in ihrem "Selbsthilfe-Blatt 2" und "Selbsthilfe-Extrablatt" ebenfalls mit "St. Georg" beschäftigt hatte. Möglicherweise bestand zwischen beiden Gruppen ein Informationsaustausch (vgl. Gelsenkirchen: Selbsthilfe gegen Unterdrückung e. V.).

Dokumentation 3: "Protest gegen Häuserabriss"

In der dritten Dokumentation geht es um Anklagen wegen "mehrfachem Hausfriedensbruch". Hintergrund sind die Mitbesetzung der Häuser in der Düppelstraße und der "Hausfriedensbruch" im Rathaus der Stadt Dortmund (vgl. Hausbesetzungen in Dortmund).

Zum Selbstverständnis der "Dortmunder Selbsthilfe e. V." (gegr. Am 30. Dezember 1975) heißt es: Sie hat sich um Ziel gesetzt, "der Verelendung der Betroffenen entgegenzuwirken, ihnen zu einer selbständigen Lebensführung zu verhelfen und sie materiell und organisatorisch zu unterstützen. Der Vereinszweck soll erreicht werden durch den Zusammenschluss der Betroffenen im Verein, durch die Beschaffung der notwendigen Mittel und Aufklärung der Bevölkerung über die Problematik Arbeits- und Obdachloser". (Dokumentation, Nr. 3, S. 3f.)

Wir danken der Geschichtswerkstatt Dortmund für die freundliche Unterstützung.

Auszug aus der Datenbank "Materialien zur Analyse von Opposition" (MAO)

Juli 1976:
Die erste Dokumentation der "Dortmunder Selbsthilfe e. V." (DSH) erscheint unter dem Titel: "Wir packen aus". Darin geht es u. a. um die "Auseinandersetzungen zwischen der DSH und der Stadt Dortmund", um den "Kampf um die Wohnungen am Dorstener Hellweg" und um das "Vincenzheim".

Artikel der Dokumentation sind:
- "Die Auseinandersetzung zwischen dem DSH und der Stadt Dortmund"
- "Die Arbeitslosigkeit und ihre Konsequenzen für den DSH"
- "Ein Tag im DSH"
- "Der Kampf um die Wohnungen am Dorstfelder Hellweg"
- "Warum es richtig ist, bei der größten Scheiße anzufangen"
- "Vincenz-Heim: Fürsorgeknast mitten in Dortmund"
- "Beladen unserer Fahrzeuge vor unserem Laden in der Kesselstraße und ein Blick in den Laden"
- "Das Haus am Dorstfelder Hellweg"
- "DSH in Aktion. Wer eine Last trägt …"
- "Das Vincenzheim mit Glassplittermauer. Polizeiaufgebot bei einer DSH-Aktion"

Berichtet wird über die Auseinandersetzungen mit der Stadt Dortmund. Dazu heißt es u. a.: "Dass wir die bekämpfen, die hier in Dortmund auf den gesicherten Verwaltungsposten sitzen und nichts gegen das Elend tun. Denn wir wollen nicht nur da sein für die kleine Zahl derer, die bei uns Schutz und Aufnahme gefunden haben, sondern auch für die Tausende anderer, die im Elend leben. Im folgenden Teil dieser Dokumentation soll dargestellt werden, mit welchen Mitteln die Mächtigen dieser Stadt versuchen, uns den einmal erkämpften Platz wieder zu entreißen". Weiter wird berichtet über die Auseinandersetzungen um den "Dorstfelder Hellweg 13", Kündigungen und Räumungsklage, über das "Vincenzheim" und das "Elend der Heimerziehung", über Aktionen ab dem März 1976 (Flugblätter verteilen, weitere Öffentlichkeitsarbeit).
Quelle: Wir packen aus, Dokumentation der Dortmunder Selbsthilfe, Nr. 1, Dortmund, o. J. (Juli 1976).

Dezember 1977:
Die Dokumentation Nr. 2 der Dortmunder Selbsthilfe erscheint mit dem Titel: "Raffinierter als Andere: Elendskonzern Sozialwerk St. Georg". Darin geht es um das "Sozialwerk St. Georg" in Welver (Kreis Soest).

Artikel der Ausgabe sind:
- "Erste Begegnung mit St. Georg und einzelnen Patienten"
- "Wie sieht das Leben der Patienten im Sozialwerk aus?"
- "Letzte Station: Gedicht von Wolfgang Weinert"
- "Die Geschichte des Sozialwerks und seiner Freunde"
- "Der seltsame Reichtum des Herrn Hennemeyer"
- "Unser Kampf gegen das Sozialwerk"
- "Wir werden St. Georg keine Ruhe lassen"
- "Selbstbestimmung statt Verwahrung"
- "Aufruf"

Berichtet wird u. a. auch über den Konzernleiter Johannes Hennemeyer, der später zu einer Gefängnisstrafe wegen Veruntreuung verurteilt wurde (September 1985). Im Artikel "Der seltsame Reichtum des Johannes Hennemeyer" heißt es u.a.: "Am Anfang stand Johannes Hennemeyer als ein kleiner kaufmännischer Angestellter ohne jedes eigene Vermögen da. Und etwas anderes ist auch klar: heute ist er ein Millionär, der zudem luxuriösen Hobbies nachgeht. Dazwischen breitet sich eine Zone aus, die von Hennemeyer mit Unterstützung des Sozialwerks und anderer Bundesgenossen möglichst nebelhaft gehalten wird. In diesem Nebel soll die Tatsache verschwinden, dass durch Veruntreuung und Unterschlagung, begangen an den Ärmsten und den Wehrlosesten in unserem Staat, ein Vermögen ergaunert wurde".

Im Artikel "Unser Kampf gegen St. Georg" wird darüber berichtet, dass die Selbsthilfe erstmals am 13.1.1977 die Zustände über das Sozialwerk ins Rollen brachte. Dazu erschien ein Flugblatt: "Un-Sozialwerk St. Georg". Der Termin mit einem Fernsehteam in Gelsenkirchen, sei von der Polizei beendet worden. Dazu erschienen auch Artikel in der Gelsenkirchener "WAZ". Im "Aufruf" heißt es: "Seit über einem Jahrzehnt werden im Sozialwerk St. Georg unter der Leitung seines Direktors J. Hennemeyer Straftaten begangen. Seit fast einem Jahr versucht der DSH, den Entrechteten von über 2500 Menschen ein Ende zu setzen. Wir haben uns bei allen zuständigen Behörden beschwert. Wir haben Anzeige erstattet. Wir haben in der Öffentlichkeit, in der Presse und im Fernsehen protestiert. Das hat alles nichts genützt. Unter der Hand haben uns Pfleger über immer neue Skandale im Sozialwerk informiert. (…) Alle, die diese Dokumentation gelesen haben, alle, die auch meinen. Dass unser Rechtsstaat vor den Toren des Sozialwerks nicht aufhören darf, fordern wir auf, ihren Protest zu richten an. (…)
Geworben wird für die "Dokumentation 1": "Wir packen aus".
Q: Raffinierter als andere: Elendskonzern Sozialwerk St. Georg, Dokumentation der Dortmunder Selbsthilfe, Nr. 2, Dortmund, o. J. (Dezember 1977).

März 1978:
Vermutlich im Frühjahr erscheint die Dokumentation Nr. 3 der Dortmunder Selbsthilfe mit dem Titel: "Protest gegen Häuserabriss" und den Untertiteln: "'Hausfriedensbruch' im Rathaus - 'Hausfriedensbruch' in der Düppelstraße - Weil wir uns gewehrt haben, stehen wir vor Gericht".

Die Dokumentation beschäftigt sich u. a. mit den Anklagen gegen die Gruppe wegen "Hausfriedensbruch" im Rathaus und "Hausfriedensbruch". Dazu heißt es im Artikel "Zur Anklage": "28 Bürger dieser Stadt, darunter Mitglieder der Dortmunder Selbsthilfe, stehen vor Gericht. Wir sind angeklagt, mehrfach den Hausfrieden gebrochen zu haben. Zum einen den Hausfrieden im Rathaus der Stadt Dortmund, zum anderen den 'Frieden' in den Häusern der Düppelstraße, die im Auftrag der Stadt vorsätzlich zerstört worden waren und für den Abriß bereit standen. Allen Strafanträgen gemeinsam ist das Interesse der Stadt-Gewaltigen, die vor Gericht zu zerren und ins Gefängnis zu bringen, die sich voller Verzweiflung und Not dagegen auflehnen, dass der Lebensraum der kleinen Leute in Dortmund systematisch vernichtet wird.

Verzweifelt waren wir, als wir uns nach monatelangen Schikanen von Seiten der Stadt entschlossen, zum Rathaus zu ziehen, um den Oberstadtdirektor, den Drahtzieher aller Intrigen gegen den DSH, u. a. dafür zur Rede zu stellen, dass uns das Haus über dem Kopf abgerissen werden sollte. Verzweifelt sind Tausende in Dortmund, die aus ihren billigen Wohnungen rausgeschmissen worden sind oder, wie wir, noch rausgeschmissen werden sollen; ob in Dorstfeld, im Norden oder anderswo: die sich dann am Rande der Stadt in teuren, unmenschlichen Neubausilos, in Obdachlosensiedlungen, im Altersheim oder ganz einfach auf der Straße wiederfinden.

Die 'Schuld der Armen': Sie passen nun mal nicht in das Bild, das sich die SPD-Obergenossen vom zukünftigen Dortmund machen und müssen deshalb verschwinden. Bei ihrem Tanz ums goldene Kalb, um Dortmund als 'bedeutendstem Oberzentrum im östlichen Westfalen', opfern sie gnadenlos die Armen dieser Stadt.

Wir haben in langer Zeit die Erfahrung gemacht, dass unsere Sorgen und die Not vieler anderer armer Menschen die hohen Herren nicht interessieren, dass sie nur bereit sind, auf Druck zu reagieren. Dafür, dass wir ihnen unsere Not in ihren gepflegten Büros auf ihren Schreibtischen präsentiert haben, dafür, dass wir durch die Hausbesetzungen ihre Verbrechen öffentlich gemacht und versucht haben, etwas dagegen zu unternehmen, sollen wir jetzt verurteilt werden."

Artikel der Dokumentation sind:
"I. Zum Hausfriedensbruch im Stadthaus
II. Die Hausbesetzungen in Nord II
Geständnis
Wir packen an. DSH".

Berichtet wird von den Sanierungen und Abrissen in folgenden Straßen: Düppelstraße, Kielstraße, Alsenstraße, Heroldstraße, Dorstfelderstraße, Westerbleichstraße, von der Besetzung und Räumung der Düppelstraße Nr. 33 (Besetzung: 7.5.1977, Räumung 9./10.5.1977). Dazu werden Flugblätter veröffentlicht, die fordern: "Schluss mit den Abrissen".

Berichtet wird weiter von einer Demo am 16.5.1977, die vom "Mieterrat Nord II", von der "Interessengemeinschaft Düppelstraße" und der "Dortmunder Selbsthilfe" organisiert wurde (von der Düppelstraße bis zum Stadthaus). "An dieser Demonstration beteiligten sich Bürgerinitiativen aus ganz Dortmund und dem Ruhrgebiet".

Geworben wird für die Broschüren der DSH: "Dokumentation 1: Wir packen aus" aus dem Juli 1976, "Dokumentation 2: Elendskonzern St. Georg" aus dem Dezember 1977, "Was keiner wissen soll. Informationsbroschüre für Selbsthilfeempfänger" aus dem Dezember 1977.
Q: Protest gegen Häuserabriss, Dokumentation der Dortmunder Selbsthilfe, Nr. 3, Dortmund, o. J. (März 1978).

Letzte Änderung: 02.02.2020